
Heinz, der Drachentöter und Klara, die Ballerina
Wie das Leben so spielt
Kapitel 1 - Klara und Heinz zu Hause
Heinz
Heinz lebte in einem kleinen Haus am Rande der Großstadt. Er war vor Kurzem in seinen wohlverdienten Ruhestand eingetreten. Er hatte Schlosser gelernt und die ganze Zeit in derselben Firma gearbeitet. Eine goldene Armbanduhr mit einem schwarzen Lederarmband hatte ihm sein Chef zum Abschied gegeben.
Von wegen.
Die Uhr bestand gar nicht aus Gold, sondern nur aus vergoldetem Stahl. Das Armband war mittlerweile verschlissen.
Er hatte geheiratet und Kinder bekommen. Sie waren lange aus dem Haus und lebten ihr eigenes Leben. Seine Frau war noch da. Meistens lag sie auf der Couch vor dem Fernseher. Manchmal schaute er nach, ob sie noch unter den Lebenden weilte. Hin und wieder bewegte sie einen Finger über die Fernbedienung, um die nächste Dokusoap einzuschalten, oftmals das einzige Zeichen für Leben.
Heinz las gerne die Hochzeitsinserate in seiner Tageszeitung. Oft waren Fotos von den Brautleuten dabei. Er fragte sich dann immer, ob seine Frau und er früher auch so ausgesehen hatten: jung und glücklich.
»Wo ist die junge, schlanke Frau geblieben, die ich einst ehelichte? Wo kommt Jabba her, der mit einer blonden Perücke auf seiner Couch liegt? Was ist nur aus meinem Leben geworden?«, dachte Heinz bedauernd.
Er betrachtete mal wieder Fotos von jungen, vor Glück strahlenden Pärchen. Er war auch mal so gewesen. Jung und voller Tatendrang, im Herzen ein Drachentöter.
Heinz schrak zusammen. Ein Geräusch kam von der Couch.
»Heinz, du musst noch einkaufen!«, rief seine Frau herrisch.
Längst hatte er ihren Namen vergessen.
»Warum geht sie nicht mal selbst?«
Heinz hatte keine Lust, in diesen Laden zu gehen. Dort fühlte er sich nicht wohl, er hatte Angst vor der Frau an der Kasse. Sie behandelte die Kunden wie ihre Untertanen.
»Ich möchte woanders einkaufen«, sagte er zaghaft.
»Papperlapapp. Du weißt genau, dass es nur dort meine Lieblingssorten gibt. Reiß dich endlich mal zusammen. Geh jetzt gefälligst!«, befahl Jabba.
»Ja, ja, ich bin schon weg.«
Im Moment fühlte er sich so, als würde er gleich einem Drachen begegnen. Nur war er nicht der Drachentöter von einst, sondern nur ein Hasenfuß.
Klara
Klara hatte es sich auf ihrer Couch bequem gemacht, die Fernbedienung hielt sie in ihrer Hand. Gleich begann ihre Lieblingssendung. Ihr Mann saß in der Küche, Heinz hieß er oder so ähnlich. Sie hatten drei wundervolle Kinder. Klara dachte an ihre Hochzeit zurück. Gut hatte er in seinem Anzug ausgesehen. Mit seinen dunklen, schulterlangen Locken und seinem gewinnenden Lachen hatte Heinz sie damals erobert. Sie hatte sich unsterblich in ihn verliebt.
»Wo ist dieser schöne junge Mann nur hin? Wer ist dieser runzelige kleine Gnom, der jetzt hier wohnt?«, dachte Klara bedauernd. »Hätte er eine grüne Haut, könnte er glatt als Yoda durchgehen.«
Klara lächelte.
Heinz war kein schlechter Mann, schließlich sorgte er für sie. Nur war er nicht der Prinz in der glänzenden Rüstung, der für sie Drachen tötete. Das war er nie gewesen. Früher hatten sie viel unternommen, mal zum Tanzen oder ins Kino. Jetzt saß Heinz meistens vor seinen Kreuzworträtseln oder blätterte stundenlang in der Tageszeitung. Er nannte sie nicht mal mehr bei ihrem Namen.
An warmen, trockenen Tagen saß er draußen auf seinem Plastikstuhl und grinste die Pflanzen blöd an.
»Heinz, du musst noch einkaufen!«, rief sie in Richtung Küchentisch, an dem Heinz die meiste Zeit verbrachte. Sie wusste, dass er wieder Ausreden suchen würde, um nicht gehen zu müssen. Doch sie duldete keinen Widerspruch, sonst würde er sich gar nicht bewegen.
Kapitel 2 - Heinz und das Lied der Kassiererin
Heinz stand noch eine Weile vor dem Laden.
»Vielleicht hat sie ja heute frei«, dachte er hoffnungsvoll.
Dann nahm er seinen ganzen Mut zusammen und betrat die Höhle des Drachen. Seine Hoffnung platzte wie eine Seifenblase, als er den fürchterlichen Singsang vernahm.
Der Drache war hier.
Langsam schlich Heinz durch die Regalreihen. Er zitterte am ganzen Leib. Er sah sich jedes Teil lange an, bevor er es in den Einkaufswagen legte. Es schien, als ob er die Ware genau prüfte, doch er wollte seinen Gang zur Kasse lediglich hinauszögern.
»Vielleicht macht der Drache gleich eine Pause.«
Runde um Runde drehte Heinz durch die Gänge. Er seufzte. Die Kassiererin blieb auf ihrem Thron an der Kasse. Er hörte ihren schaurigen Gesang, als er sich der Kasse näherte.
Eine alte Dame packte gerade ihre Waren auf das Band.
»Alle Waren auf das Band, bitte.«
Es klang schaurig, wie die Kassiererin diesen Satz im krächzenden Tonfall sang. Die Kundin wurde eingeschüchtert durch diesen Singsang. Es fiel ihr schwer, die zwölf großen Gläser, gefüllt mit weißen Bohnen, aus ihrem Einkaufswagen zu heben. Widerspruch regte sich in ihr. Mit ihrer leisen, vom Alter gezeichneten Stimme bat sie um eine Ausnahme. Fast schon flehend schlug die Frau der Herrscherin der Kasse vor, nur ein Glas zu scannen und den Preis einfach zu vervielfachen.
Doch wieder hallte das schreckliche Lied durch den Laden:
»Alle Waren auf das Band, bitte.«
Mit Tränen in den Augen sah die alte Dame Heinz an, der hinter ihr stand. Ihre Blicke schrien um Hilfe. In einem Anfall von Mut stand er ihr bei und legte die weißen Bohnen auf das Band. Die Frau an der Kasse bedachte ihn mit einem zornigen Blick. Es schien, als hätte Heinz einen geheimen Plan zur Bestrafung vereitelt. Jede Geste der Kassiererin drückte aus, dass sie diesen Akt der Hilfsbereitschaft als Blasphemie empfand. Sie ließ ihn das sofort spüren.
Seine Waren, die er sämtlich auf das Band gelegt hatte, flogen an ihm vorbei. Der Drache hatte sich in eine Krake verwandelt. Ihre Arme zogen acht Artikel gleichzeitig über den Scanner und warfen diese in Richtung Einkaufswagen. Heinz verzweifelte, bereitete es ihm doch große Mühe, seine Waren unbeschadet zu ergreifen, die vom Band zu fallen drohten. Er flehte die Kassierkrake um Gnade an, doch sie schenkte ihm kein Gehör. Es erscholl wieder der schaurige Gesang, jedoch klangen die Worte nun anders:
»Das Band ist groß genug.«
Noch einmal begehrte Heinz auf, doch das Lied wurde wiederholt.
Es gelang ihm, seinen Einkauf sicher einzuladen. Triumphierend sah er die Königin der Kasse an. Sie würdigte ihn keines Blickes mehr. Voller Verachtung nahm sie sein Geld.
Draußen vergewisserte er sich, dass die Kassiererin ihm nicht nachblickte. Dann äffte er die Stimme der Kassenherrscherin nach und sang in dem gleichen schaurigen Tonfall:
»Eines Tages werde ich dich besiegen.«
Kapitel 3 - Der wackelige Küchentisch und die Dokusoap
Heinz und der wackelige Küchentisch
Heinz saß am alten, wackeligen Küchentisch. Vor ihm lag ein Kreuzworträtsel.
»Eine durch ein Erdbeben erzeugte Welle.«
Er grübelte.
»Heinz, bring mir eine Flasche Wasser, ich habe Durst«, quengelte es aus dem Wohnzimmer.
»Tsunami«, fiel ihm ein.
Heinz schrieb das Wort in die kleinen Kästchen. Er wünschte sich, ein Tsunami würde jetzt durch sein Wohnzimmer spülen und seine Frau mit sich nehmen. Weit, weit weg. So weit wie möglich. Die Vorstellung erheiterte ihn.
»Jabba on the wave. Sie will schließlich Wasser haben«, dachte er und lächelte.
Er brachte seiner Frau die verlangte Flasche. Sie hatte keine Augen für ihn, es lief die übliche Dokusoap im Fernsehen, die ihre volle Aufmerksamkeit forderte.
Heinz saß wieder in der Küche und schaute aus dem Fenster. Es regnete. In der Wettervorhersage sagten sie, dass es einen heißen Sommer geben würde.
»Wird auch mal wieder Zeit. Die letzten Sommer waren immer kühl und nass.«
Heinz war gerne draußen in seinem kleinen Garten. Er liebte seine Pflanzen und seinen Rasen.
Klara und die Dokusoap
In den Wetternachrichten sagten sie, dass es einen heißen Sommer geben würde.
»Schöne Aussichten«, dachte Klara resignierend.
Sie mochte die Hitze nicht. Sie würde sich nicht bewegen können, denn jede Regung würde sie zum Schwitzen bringen und ihre Ledercouch würde an ihr kleben. Heinz war dann den ganzen Tag draußen und kümmerte sich nicht um sie.
Früher hatte Klara den Sommer geliebt. Früher, als sie noch schlank gewesen war. Klaras Wunschtraum war immer gewesen, Balletttänzerin zu werden. Im Laufe der Jahre hatte sie ihre gertenschlanke Figur und damit auch ihren Traum verloren.
»Wie gerne würde ich mal wieder tanzen«, dachte sie sehnsüchtig.
Die Dokusoaps, die sie leidenschaftlich gerne ansah, waren für Klara so eine Art Ersatzrealität. Sie stellte sich oft vor, dass sie eine der jungen Frauen war, die in den Sendungen Glück und Liebe erfuhren. Das Fernsehen würde ihr helfen, die heißen Tage zu überstehen.
»Soll doch Yoda den ganzen Tag in seinem Gras sitzen.«
Kapitel 4 - Heinz, der Nachtmäher
Dieser Sommer war heiß. Ungewöhnlich heiß. Nachts sanken die Temperaturen nicht unter 25 Grad. Seit Tagen war es windstill. In dem kleinen Haus stand die Luft. Trotz geöffneter Fenster blieb es warm und stickig.
Wie viele Nächte schlief er jetzt nicht mehr richtig? Heinz wusste es nicht. Er schaute in den Himmel. Kein Wölkchen in Sichtweite. Immer noch nicht. Es war wieder eine sternenklare Nacht.
»Die wievielte schon?«
Tagsüber war es heiß, über 40 Grad.
»Das hält kein Schwein aus«, dachte Heinz resignierend.
Was würde er darum geben, wenn es jetzt regnete. Der Wettermann im Fernsehen hatte gesagt, dass in den nächsten Tagen keine Aussicht darauf bestand, auch nur die kleinste Wolke zu sehen.
Tagsüber lag er auf seiner Gartenliege, die auf der Terrasse stand, und döste. Nachts war er dann hellwach und erledigte die Hausarbeiten, Putzen, waschen und was sonst noch so anfiel. So war es auch vor ein paar Nächten gewesen. Es war so um eins. Er nahm gerade einen großen Schluck von dem billigen Tafelwasser, welches er aus dem nahe gelegenen Getränkemarkt holte. Sonderangebot, ein Kasten für 12,99 €. Wasser war in diesen Tagen zum Luxusgut geworden. Für Markenmineralwasser verlangte man zurzeit bis zu 30 Euro pro Kasten. Zu viel für Heinz, der nur eine kleine Rente bezog. Es konnte auch nicht mehr lange dauern, bis der örtliche Wasserversorger das Leitungswasser rationieren musste.
Als Heinz die Flasche absetzte, das Wasser hatte seinen Durst nicht wirklich gelöscht, fiel sein Blick auf den Rasen. Die Fläche war nicht groß, alles in allem vielleicht fünfundzwanzig Quadratmeter, aber sein ganzer Stolz. Er hatte sich seinerzeit bewusst für eine englische Rasenmischung entschieden, dicht gewachsene Halme, gleichmäßig geschnitten, nicht höher als drei bis vier Zentimeter, durchgängig gleiche, sattgrüne Farbe. Angeblich ein Geheimtipp des Gärtners Ihrer Majestät. Der Samen hatte ihn damals eine schöne Stange Geld gekostet.
Heinz gönnte seinem Gras jeden Tag das nun so kostbare Wasser. Es hatte die ansprechende grüne Färbung behalten. Jetzt bemerkte er, dass die Halme die vorgeschriebene Höhe von maximal vier Zentimetern längst überschritten hatten. Das Schlimmste war aber, dass sich die Spitzen mehrerer Halme schon braun verfärbten.
Es wurde Zeit für einen neuen Schnitt.
Tagsüber mähen ging gar nicht: zu heiß.
Nachts mit seinem Fünf-PS-Männerbenzinmotormäher mähen ging auch nicht: zu laut.
Einer dieser altmodischen Handmäher musste her. Mit so einem Gerät konnte er fast geräuschlos auch nachts sein geliebtes Grün mähen.
Am nächsten Tag fuhr Heinz zum Baumarkt. So gut wie keine Fahrzeuge waren unterwegs. Nur wer unbedingt musste, setzte sich in diesen Tagen ins Auto. Die Klimaanlage in seinem alten Gefährt kämpfte verzweifelt gegen die Hitze an. Ohne Erfolg.
Schweißgebadet betrat er das Heimwerkerparadies, welches halbwegs gekühlt war. Er blieb im Eingangsbereich stehen und atmete ein paar Mal tief durch. Die kühle Luft hier tat ihm gut. Er sah sich um. Ein Hinweisschild wies ihm den Weg. Heinz ging vorbei an den hohen Regalen, die rechts und links an den Wänden standen. Er wurde auf ein großes Plakat aufmerksam, das über einem Regal hing und mit grellroten Buchstaben rief:
KLIMAGERÄTE / VENTILATOREN
Ja, das wäre die Rettung. Im gut klimatisierten Schlafzimmer endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen. Nur eine einzige Nacht.
Das Regal war leer. Weit und breit kein Klimagerät zu sehen, nicht einmal ein mickriger Ventilator war übrig gelassen worden. Heinz hatte in der Vergangenheit niemals daran gedacht, solch ein Gerät zu erwerben. Wofür auch? Die letzten Sommer waren immer kühl und nass gewesen. Ein Klimagerät war in der Anschaffung sehr teuer und verbrauchte viel Strom. Er musste jeden Cent dreimal umdrehen, bevor er ihn ausgab.
Aber Zeiten änderten sich und das Klima vermutlich auch. Er war bereit, auf andere Dinge zu verzichten, wenn er dafür mal wieder im gekühlten Schlafzimmer im Bett liegen durfte.
Voller Hoffnung sprach Heinz einen Baumarktmitarbeiter an, ob Aussicht bestand, dass in der nächsten Zeit Ersatz für die verkauften Geräte kam. Der Mann zog achselzuckend von dannen. Er glaubte, ein leises Schluchzen gehört zu haben.
Angekommen in der Gartenabteilung sah Heinz ihn, präsentiert auf einer Bühne. Er drehte sich unter einem hellen Scheinwerfer, um sich in seiner vollen Schönheit zu zeigen: Leuchtend rot, mit großen Vollgummireifen auf gelben Felgen, die Handgriffe mit hautsympathischem Naturgummi ummantelt.
»Handrasenmäher. Schnittbreite achtzig Zentimeter. Für neununddreißig Euro neunundneunzig«, stand auf dem liebevoll gestalteten Poster.
Heinz verliebte sich schlagartig.
»Den oder keinen.«
Was war schon sein Fünf-PS-Männerbenzinmotorrasenmäher gegen dieses Prachtexemplar? Hitze, Schlaflosigkeit und Klimageräte waren auf einmal vergessen. Heinz griff zu. Er stöhnte, fluchte und schwitzte, als er den Karton mit dem Rasenmäher in seinem kleinen Auto verstaute.
Rot glänzend schmückte der neue Mäher nun seinen kleinen Rasen. Heinz setzte sich auf den Plastikstuhl, ein Glas kaltes Wasser in der Hand. Er fühlte Stolz und große Freude. Er konnte kaum die Nacht erwarten, wenn es endlich kühler wurde. In seinen Gedanken ging er durch, wie er mit dem Rasenmäher das edle Grün bearbeiten würde.
Stunden vergingen, in denen Heinz nichts anderes machen konnte als warten, schwitzen und trinken. Immer wieder streiften seine Blicke bewundernd den Mäher, ganz so, als ob dieser eine Frau wäre, schön und begehrenswert. Er hielt es kaum noch aus.
Dann war es so weit: Die Sonne ging unter. Langsam näherte er sich dem Handmäher. Seine Hände schlossen sich um die Gummigriffe.
»Welch wundervolles Gefühl«, schoss es ihm durch den Kopf.
Er schob den Mäher vorwärts. Die spiralförmig angeordneten Messer begannen das Gras zu schneiden, fast geräuschlos. Bahn für Bahn fuhr er über den Rasen. Immer wieder hielt Heinz an und strich liebevoll über die frisch geschnittenen Halme.
Doch wie so oft im Leben geht alles Schöne einmal zu Ende. Nach zehn Minuten hatte Heinz sein Werk vollendet. Er setzte sich auf seinen Plastikstuhl und zündete sich eine Zigarette an. Sein Glücksgefühl schwand langsam und machte einer traurigen Leere Platz.
»Was mache ich nun?«
Sein Rasen war geschnitten. In den nächsten Nächten blieb ihm nichts weiter, als in der Langeweile zu schwitzen und dem Gras beim Wachsen zuzusehen.
»Schöne Aussichten. Wenn ich doch nur mehr Wiese hätte.«
Während Heinz dem ausgestoßenen Qualm seiner Zigarette nachschaute, der langsam in den Nachthimmel aufstieg, hatte er die Idee:
»Warum mähe ich nachts nicht einfach fremde Rasen? Hier in der Gegend gibt es doch genug davon.«
In seiner Garage stand noch ein kleiner Anhänger für sein Auto. Er schaute auf seine Uhr.
»Zweiundzwanzig Uhr.«
Heinz fuhr planlos durch die Straßen, immer Ausschau haltend nach einer Gelegenheit. Im Rückspiegel konnte er seinen roten Rasenmäher sehen, der auf dem Hänger im Rhythmus der Fahrbahn schaukelte.
Dann sah er sie. Die Wiese lag direkt an der Straße. Er schätzte sie auf gut 500 Quadratmeter. Das Rasengrundstück war nicht eingezäunt, kein Haus stand darauf. Das Gras war hochgewachsen und die Halme von der Sonne verbrannt. Er nahm den Mäher vom Anhänger und begann seine selbst auferlegte Arbeit. Im Licht der Straßenlaternen zog er wieder Bahn für Bahn. Drei Stunden lang, ohne innezuhalten.
Als Heinz fertig war, betrachtete er die Wiese. Sie war zwar kurz geschnitten, aber trotzdem nicht schön anzusehen. Eine riesige braune Fläche mit ein paar grünen Flecken zwischendrin.
Ein Zug an der Zigarette, ein Blick auf die Uhr.
»Einuhrdreißig.«
Er fühlte sich erschöpft, aber auch irgendwie befriedigt.
»Zeit nach Hause zu fahren. Für heute ist es genug. Es gibt noch mehr Wiesen in der Stadt und noch mehr heiße, trockene Nächte.«
In den kommenden Nächten fuhr Heinz durch die Gegend und mähte jeden Rasen, den er fand. Selbst Zäune hielten ihn nicht auf. Doch bei aller Vorsicht blieben seine nächtlichen Exkursionen nicht unbemerkt. Eines Morgens las er im Lokalteil seiner Tageszeitung die Schlagzeile:
Geheimnisvoller Nachtmäher unterwegs
Heinz war zu einer regionalen Berühmtheit geworden. Die Leute fragten sich, wer der unbekannte Gärtner war. Es wurde sogar über die Rückkehr der Heinzelmännchen spekuliert.
»Ich muss vorsichtiger sein.«
Für heute Nacht plante er, eine Siedlung mit großen Mehrfamilienhäusern aufzusuchen. Dort, in den Innenhöfen, gab es viele Rasenflächen, die nur auf ihn und seinen Mäher warteten. Viertel vor drei erreichte er sein Ziel, das im Norden der Stadt lag. Vorsichtig betrat er den ersten Innenhof. Er beobachtete die Fenster.
»Alles dunkel«, dachte er erleichtert.
Dieser Rasen lag im satten Grün vor ihm. Es würde Spaß machen, seinen roten Mäher darüberzufahren. Heinz begann, die Halme zu schneiden. Ungefähr nach der Hälfte geschah es. Irgendwo in den oberen Stockwerken rief jemand in die Nacht:
»Du Vollpfosten. Hör sofort auf damit!«, hallte es zwischen den Häusern.
Rumms! Ein Fenster wurde zugeschlagen. Heinz hielt inne. Er kramte aus der rechten Tasche seiner abgewetzten, ehemals hellbraunen Cordhose eine zerknitterte Schachtel Zigaretten hervor. Langsam zog er eine Kippe raus und steckte sie sich in den Mund.
»Wo ist mein Feuerzeug?«
Während er mit beiden Händen von außen an die Hosentaschen tastete, biss er leicht auf den Filter.
»Mist, nicht da.«
Er überlegte. Ihm fiel ein, dass es in der Brusttasche seines Hemdes steckte. Richtig, da war es. Das Feuerzeug war knallorange mit einem gelben Schriftzug. Eins dieser Werbegeschenke, welche in zig Läden den Kunden hinterhergeworfen wurden. Heinz zündete den Glimmstängel an und nahm einen tiefen Zug. Er blickte dem Qualm nach, den er ausblies. Im schwachen Schein der Glut der Zigarette schaute er auf seine alte Armbanduhr.
»Erst drei Uhr.«
Von einem Balkon rief plötzlich eine helle Stimme:
»Thomas, ruf die Zeitung an. Der Nachtmäher ist auf unserer Wiese. Schnell!«
Er musste hier weg, bevor noch mehr Bewohner ihn bemerkten. Der Rasen war erst zur Hälfte gemäht.
»Egal. Ich will nicht gesehen werden.«
Am nächsten Morgen las Heinz die Schlagzeile:
Wer ist der geheimnisvolle Nachtmäher?
In den kommenden Nächten fuhr er wieder raus. Es war fast zu einem Zwang geworden, mit seinem Mäher die Wiesen zu kürzen. Es wurde schwieriger für ihn, es unentdeckt zu tun. Durch die Zeitung waren die Menschen informiert und passten auf. Auf Facebook wurde über ihn geredet. Jeder wollte wissen, wer der Nachtmäher war.
In dieser Nacht war es besonders knapp. Schnell entfernte er sich vom Ort des Geschehens. Nur mit Mühe entkam Heinz einer Entdeckung.
»Wo soll ich jetzt noch mähen? Die Menschen wissen jetzt, dass ein Nachtmäher unterwegs ist.«
Ihn erfüllte es auch mit Stolz, dass die Leute ihn so nannten. Er hatte schon überlegt, sich ein Kostüm zu nähen, so wie Superman. Seins würde grün werden, mit Rot und Gelb, wie sein Rasenmäher. Ein großes N würde auf der Brust prangen. Dann könnten die Menschen ihn zwar sehen, jedoch nicht erkennen. Er würde als Held gefeiert werden, der sich um die Wiesen der Stadt kümmerte. Sein Drachentöterherz würde endlich die Würdigung bekommen, die es verdiente.
Heinz hatte noch keinen Superheldenanzug. Er überlegte, wie es bis dahin weitergehen sollte. Im Süden gab es eine ausgedehnte Parkanlage. Dort gab es keine Häuser, keine Menschen, die ihn bei seinem nächtlichen Tun bemerken würden.
»Ja, dort fahre ich morgen Nacht hin.«
Er schlug sich mit der rechten Hand auf die Stirn. Etwas hatte ihn berührt. Eine Mücke vielleicht, die ihn als Opfer ausgesucht hatte. Er betrachtete seine Handfläche, in der Erwartung, dort das tote Insekt zu finden.
Nein, keine tote Mücke. Es war Wasser. Schlagartig wurde ihm bewusst: Es regnete. Heinz sah nach oben. Die Sterne waren verschwunden, dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Ein Blitz erhellte die Nacht und der erste Donner war zu hören. Er hatte in den letzten Tagen den Wetterbericht nicht mehr verfolgt.
Endlich Regen.
Eine kühlende Windböe wehte über die Terrasse. Er blieb sitzen und genoss die Regentropfen, die durch seine Kleidung den Weg auf die Haut fanden. Er hob den Kopf, öffnete den Mund und ließ die Tropfen auf die Zunge prallen.
»Herrlich, einfach nur herrlich.«
Er würde wieder schlafen können. Nachts, so wie es üblich war.
Plötzlich wurde Heinz traurig. Ihm fiel ein, dass seine Karriere als Nachtmäher vorerst vorbei sein würde. Sein Blick fiel auf den roten Rasenmäher, der auf seinen Vollgummirädern mit den gelben Felgen immer noch auf dem Anhänger stand. Der Regen perlte auf dem glanzroten Lack. Wassertropfen fielen von den Handgriffen herunter.
Es schien, als würde der Mäher weinen.
Kapitel 5 - Jabba und Yoda
Yoda
Die heißen Tage waren vorbei. Heinz konnte sich nicht mehr richtig daran erinnern, wie er die brütende Hitze überstanden hatte. Seiner Frau konnte die Sommerglut scheinbar nichts anhaben. Unbeirrt und sich kaum bewegend hatte sie weiter auf ihrer Couch gelegen, kein Schweißtröpfchen war ihrem Körper entwichen.
»Vielleicht ist sie gar kein Mensch. Wahrscheinlich ist sie nur eine Maschine, die Leben vortäuscht. Wann ist sie wohl gegen meine richtige Frau ausgetauscht worden?«, dachte er.
Er stellte sich vor, wie der riesige Körper mit einem Sattelschlepper transportiert und ausgetauscht wurde. Ganz heimlich in der Nacht, wenn alle schlafen. Heinz grinste.
»Vielleicht besitzt sie ja einen Schalter: Jabba on / off.«
Es ging jetzt auf den Herbst zu. Langsam wurde es Zeit, sein Auto winterfest zu machen. Er kümmerte sich jedes Jahr schon sehr früh darum, denn Kälte, Schnee und Glatteis kommen oft früher als geplant.
Jabba
Klara war froh. Sie konnte jetzt wieder auf ihrer Couch liegen, ohne festzukleben. Die letzten Wochen waren anstrengend gewesen. In der brüllenden Tageshitze hatte sie sich kaum bewegt. Nur wenn es gar nicht mehr auszuhalten war, hatte sie sich in die mit kaltem Wasser gefüllte Badewanne gelegt. Oft stundenlang. Manchmal hatte sie auch kiloweise Eiswürfel in die Wanne geschüttet.
„Herrlich, diese eisige Kälte zu spüren“, erinnerte Klara sich.
Sie hatte sich in diesen Tagen oft gewünscht, eine Bewohnerin Grönlands zu sein.
„Die Gefahr wäre groß gewesen, dass die Grönländer mich mit einem Wal verwechselt hätten“, dachte sie in einem Anflug von Sarkasmus.
Heinz war meistens draußen gewesen. In den ersten Nächten hatte er noch die notwendigen Hausarbeiten erledigt. Sie hatte durch das Fenster beobachtet, wie er einen dieser altmodischen Handrasenmäher zusammengebaut hatte.
„Was will er mit diesem komischen Ding?“, dachte sie damals.
Dann war er Nacht für Nacht weg gewesen. Sie war neugierig geworden. Auf dem Küchentisch hatten von ihm gezeichnete Skizzen gelegen, auf denen grüne Strampelanzüge zu sehen waren, mit roten und gelben Streifen und einem N auf der Brust. Klara konnte sich bis heute keinen Reim darauf machen.
„Yoda in einem Strampelanzug? Müsste dann nicht ein Y auf der Brust stehen?“
Nun ja, die Hitze war endgültig weg. Der Herbst war im Anzug und Klara gewahr, dass Heinz wieder stundenlang an seinem Küchentisch sitzen würde.
Kapitel 6: Heinz und der Räderwechsel
Es war mal wieder so weit. Die Zeit der Winterreifen stand vor der Tür. Für viele Menschen kam der Winter immer so überraschend.
»Ist denn schon wieder Winter?«, dachten die dann. »Damit habe ich jetzt aber gar nicht gerechnet«, behaupteten sie. Sie waren total überrascht darüber, dass eine zwei Meter dicke Schneedecke vor ihrem Haus lag. Meistens war es dann schon Mitte Dezember. Der Ansturm auf die Werkstätten, Tankstellen und Reifenhändler begann, um mal schnell die Winterräder aufziehen zu lassen. Die meisten Autofahrer wirkten irritiert, wenn ihnen der Werkstattmeister sagte:
»Dat wird dieses Jahr nix mehr. Kommse mal so Mitte April näxtes Jahr vorbei.«
Heinz passierte das nicht.
Früher hatte er die Räder selbst gewechselt. Dafür hatte er sich einen Hydraulikwagenheber angeschafft. Tragkraft bis zu zwei Tonnen. So ein richtiges Männerding. Es war immer ein Erlebnis für ihn gewesen, wenn der Räderwechsel anstand. Eine willkommene Abwechslung von Tageszeitung und Kreuzworträtsel. Das war lange vorbei. Heute erledigte das seine Werkstatt für ihn. Er hatte schon im vorigen Monat den Termin vereinbart. Heute, elf Uhr, war es so weit.
»Heinz, du musst für mich noch zum Arzt, die haben bis zwölf Uhr geöffnet.«
»Ich habe um elf Uhr einen Termin in der Werkstatt.«
»Du kannst vorher bei der Praxis vorbeifahren.«
»Aber ich wollte vorher noch das Auto waschen.«
»Heinz«, sagte seine Frau drohend, dabei zog sie seinen Namen in die Länge.
»Ja, ist schon gut«, lenkte er ein.
Heinz fuhr nicht zum Arzt; das wollte er nach dem Werkstattbesuch erledigen. Dieses Mal wollte er gegen Jabba rebellieren, er fuhr stattdessen zur Waschanlage.
»Der Räderwechsel wird nicht lange dauern. Wofür habe ich einen Termin ausgemacht?«
Er stellte sein nun blitzblankes Auto auf dem Parkplatz vor der Werkstatt ab. Seine Armbanduhr zeigte 10:45 Uhr. Vor ihm wollten zwei Damen den Verkaufsraum betreten. Die eine war schon alt, viel älter als Heinz.
»Braucht die Winterreifen für ihren Rollator?«, dachte er gut gelaunt.
Die andere war jung, eine hübsche Brünette. Ganz nach alter Schule hielt er den beiden Frauen die Tür auf.
Der Verkaufsraum wurde von einer riesigen, ringförmigen Theke beherrscht. Zwei Mitarbeiter hielten sich in diesem Kreis auf. Heinz fühlte sich an eine Zirkusmanege erinnert. Er stellte sich neben zwei Kunden, die vor ihm hier waren. Die beiden Frauen blieben in seiner Nähe. Nach und nach betraten immer mehr Männer den Raum und stellten sich rund um die Manege auf.
»Was wollen all die alten Kerle hier?«
Er wurde nervös. Vielleicht wollten die ihm seinen Platz streitig machen, die Reihenfolge verändern. Seine bevorzugte Körperhaltung in ähnlichen Situationen war die, dass Heinz seine Arme vor der Brust verschränkte und leicht auf seinen Füßen hin und her wippte. Dieses leichte Schaukeln beruhigte ihn irgendwie. Mütter machten das bei ihren Kindern ja auch oft. Aber es war niemand da, der bereit gewesen wäre, Heinz auf seinen Armen zu wiegen, also machte er das auf diese Art bei sich selbst.
»Vielleicht sollte ich die hübsche Brünette fragen«, dachte er belustigt.
An der Wand hing eine Uhr:
10:50 Uhr.
Es war noch eine Menge Zeit. Heinz beobachtete die emsigen Mitarbeiter, die von einer Seite des Rings auf die andere Seite huschten, um irgendwelche Papiere abzulegen, aufzunehmen, zu kopieren oder aus einem Drucker zu nehmen. Der jüngere von den beiden Angestellten sah Harry Potter ähnlich, fand er. Der andere sah mit seiner blonden Lockenpracht aus wie ein Späthippie. Heinz hatte in den Siebzigern auch so eine Frisur getragen: lange, dunkle Locken, die bis auf seine Schultern fielen. Unwillkürlich strich er sich über seine Halbglatze.
»Na ja, weg ist weg.«
Der Hippie war mit dem Kunden vor ihm beschäftigt. Dieser versuchte gerade verzweifelt, sich an sein Autokennzeichen zu erinnern. Mittlerweile war Harry bereit für den nächsten Kunden und fragte in die Runde:
»Wer ist der Nächste?«
Es kam Bewegung in die Männermenge. Bevor irgendjemand etwas sagen konnte, zeigte Heinz auf die beiden Frauen rechts neben ihm.
»Eine von den Damen hier.«
Die dankbaren Blicke bewiesen ihm, dass es sich lohnte, ein Gentleman zu sein. Wieder ein Blick auf die Uhr:
10:55 Uhr.
Der Mitarbeiter wandte sich der jüngeren der beiden zu. Sie äußerte den Wunsch, einen Motorroller kaufen zu wollen.
»War klar, dass er sich mit der Hübschen beschäftigt. Würde ich genauso machen«, dachte Heinz sehnsüchtig.
Er nahm wieder seine bevorzugte Körperhaltung ein. Vor ihm lag ein Stapel Papier. Er erkannte, dass das erste Blatt sein Auftrag war. Er war erleichtert. Das ersparte ihm langes Reden, denn er brauchte nur auf das Blatt zu zeigen.
Ein Blick auf die Wanduhr:
11:00 Uhr.
Es war noch Zeit. Die hübsche Brünette und Harry nahmen die Motorrollerparade ab, die draußen Aufstellung genommen hatte. Es folgte ein intensives Beratungsgespräch und ein schnelles Ende war nicht in Sicht. Dafür hatte die Ermittlung des Kennzeichens Erfolg gehabt, die Winterreifen waren bestellt und der Montagetermin vereinbart. Der Mann mit der Gedächtnislücke bestieg seinen schwarzen BMW, der unmittelbar vor dem Fenster geparkt war. Heinz runzelte seine Stirn und schaute nachdenklich auf das vollständig sichtbare Kennzeichen des Autos. Der Späthippie ordnete irgendwelche Unterlagen.
Aus dem Nichts erschien plötzlich eine Mitarbeiterin. Sie machte mit ihrem schwarzen Pagenschnitt und mit ihrem Lächeln einen netten Eindruck. Sie beriet sich kurz mit dem älteren Kollegen und fragte dann in die Runde:
»Wer ist der Nächste?«
Heinz konnte nicht anders und zeigte auf die alte Dame. Diese hielt einen zerknitterten Zettel in der Hand, auf dem Reifenhersteller, Reifengröße und der Preis notiert waren. Die alte Frau erläuterte, dass ihr Sohn im Internet recherchiert hatte und sie genau diesen Reifen zu diesem Preis haben wollte. Obwohl die Angestellte versuchte, ihr klarzumachen, dass es genau diesen Reifen hier nicht gab, blieb die alte Dame bei ihrem Wunsch.
»Das können noch zähe Verhandlungen werden.«
Er hoffte, dass die beiden fertig würden, bevor die alte Dame ihr Lebensende erreichte. Heinz sah zu dem älteren Mitarbeiter hinüber. Der Hippie nahm einen Stapel Papiere und verließ fröhlich pfeifend die Manege. Heinz war enttäuscht, er wippte wieder. Der Blick zur Uhr zeigte ihm, dass er im Zeitrahmen lag.
11:05 Uhr.
Er konnte die Spannung fühlen, die hier herrschte. Alle warteten darauf, dass der nächste Aufruf kam. Er bereitete sich darauf vor, seinen Platz zu verteidigen, wenn es wieder hieß:
»Wer ist der Nächste?«
Heinz wippte immer noch. Er beugte sich etwas vor. Weit und breit war keine Siebziger-Jahre-Frisur zu sehen. Wieder ein Blick auf die Uhr:
11:10 Uhr.
»Ich schaffe es ganz sicher, bis zwölf Uhr beim Arzt zu sein.«
Die alte Dame verhandelte immer noch. Bei Heinz machte sich Hoffnung breit. Harry Potter erschien mit der Brünetten im Schlepptau. Und tatsächlich, nach ein paar letzten Worten, die er mit ihr austauschte, kam die von ihm so sehnlichst erwartete Frage:
»Wer ist der Nächste?«
Keiner wagte es, ihm seinen Platz streitig zu machen. So konnte er das machen, was er in den vergangenen dreißig Minuten immer wieder im Kopf durchgespielt hatte. Heinz zeigte lässig auf den Stapel Papiere und sagte:
»Bei mir ist es ganz einfach. Das da ist mein Auftrag.«
Nun war es so weit. Der Räderwechsel konnte vollzogen werden. Er schaute noch einmal auf die Uhr vor ihm:
11:15 Uhr.
Alles im grünen Bereich. Er gab dem Angestellten seinen Fahrzeugschlüssel.
Erleichtert verließ Heinz den Verkaufsraum und stellte sich vor dem Rolltor zur Werkstatt auf. Jetzt ging es Schlag auf Schlag. Ein Monteur erschien, und am Klang des Schlüsselbundes, den dieser in der Hand hielt, erkannte Heinz, dass sein Auto jetzt an der Reihe war. Der Monteur fuhr es auf die Bühne. Er holte die Winterreifen aus dem Kofferraum, dann: Auto hoch, Schrauben losdrehen, Sommerreifen runter, Winterreifen drauf, Schrauben festdrehen, Auto runter, mit dem Drehmomentschlüssel Schrauben nachziehen, Luft prüfen, Sommerreifen in den Kofferraum legen, Auto rausfahren. Fertig. Heinz musste gar nicht wippen.
Mittlerweile war die Menschentraube kleiner geworden, die das Thekenrund belagert hatte. Der schnelle Monteur legte den Autoschlüssel und das Papier mit dem Auftrag in ein spezielles Fach dafür und wünschte ihm noch eine gute Fahrt. Kurz darauf fuhr er das nächste Fahrzeug in die Werkstatt.
Heinz stand vor der Kasse und wippte.
11:35 Uhr.
Die nette Mitarbeiterin mit dem Pagenschnitt beschäftigte sich mit einem älteren Herrn. Dieser hatte seine Räder im vorigen Jahr von der Werkstatt einlagern lassen. Er hatte den Wechsel auf die Sommerräder irgendwie verpasst und war dann die ganze Zeit mit den Winterrädern gefahren. Aufgefallen war ihm das aber nicht. Heinz schmunzelte, wartete und wippte. Niemand kümmerte sich um ihn.
»Wenn ich jetzt zahlen könnte, dann komme ich rechtzeitig zum Arzt. Jabba würde nichts merken.«
Fast bereute er den Ungehorsam gegen seine Frau. Der nächste Blick auf die Uhr zeigte:
11:45 Uhr.
Hoffnung kam bei ihm auf, als der ältere Mitarbeiter die Manege wieder betrat. Nur kurz. Der Mann war schnell wieder weg.
»Na ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.«
11:50 Uhr.
Langsam wurde es knapp. Endlich hatte der Potterähnliche Zeit für Heinz und stellte die ersehnte Frage:
»Sie möchten zahlen?«
Er nickte heftig. Der Angestellte gab ihm seinen Autoschlüssel zurück. Er umklammerte ihn wie einen Rettungsring.
»Ich kann es noch schaffen.«
Harry tippte auf seiner Computertastatur, der Drucker druckte und druckte und druckte. Heinz blickte zur Uhr:
11:52 Uhr.
»Ich kann es noch schaffen.«
Der ältere Mitarbeiter betrat die Manege wieder und fragte, ob er zahlen möchte. Nein, der Kollege hat alles im Griff. Heinz hielt seinen Zwanzig-Euro-Schein in der Hand, bereit, ihn zu übergeben.
11:54 Uhr.
Endlich. Er hastete zu seinem Auto und fuhr mit quietschenden Reifen vom Platz.
12:02 Uhr.
Er stand vor der verschlossenen Praxistür. Heinz fiel in sich zusammen.
»Meine Bestrafung wird schrecklich sein.«
Kapitel 7 - Alles wird gut
»Du musst mich zum Arzt fahren.«
Heinz sah von seinem Kreuzworträtsel auf. Seine Frau stand in der Küchentür, sie hielt sich den Bauch und atmete schwer.
»Warum?«
»Mir geht es nicht gut. Ich habe Schmerzen und mir ist übel.«
»Ich kann den Notarzt rufen.«
»Nein, ich möchte lieber zu meinem Hausarzt. Der kennt mich.«
»Wie du meinst«, sagte Heinz und erhob sich.
In der Arztpraxis angekommen, sprach er mit der Praxishelferin, einer jungen Blondine.
»Meine Frau muss zum Doktor.«
»Hat ihre Frau einen Termin?“, fragte die junge Frau gelangweilt.
„Nein, sie hat Schmerzen im Bauchbereich.«
»Ich brauche die Karte ihrer Frau.«
Klara setzte sich in das Wartezimmer, während Heinz die Formalitäten erledigte.
»Wie lange wird es dauern?«
»Keine Ahnung. Ohne Termin müssen sie mit Wartezeit rechnen.«
Sie sah Heinz dabei nicht an, sondern machte Eintragungen auf einer Karteikarte.
»Meiner Frau geht es schlecht.«
»Hören sie, sie hätten einen Termin machen sollen. Es sind noch viele Patienten vor ihrer Frau dran. Es dauert eben so lange wie es dauert.«
Heinz ergab sich in sein Schicksal und setzte sich neben Klara.
»Wie lange dauert es?«, fragte Klara mit schmerzverzerrter Stimme.
»Keine Ahnung, der Doktor hat viel zu tun.«
»Mir geht es schlechter. Ich habe starke Schmerzen.«
Heinz sah seine Frau an. Sie war blass und saß verkrümmt auf dem Stuhl. So krank hatte er sie noch nie gesehen. Heinz bekam Angst. Er ging zur Theke und sprach mit der Helferin.
»Meiner Frau geht es schlechter. Der Doktor muss sie sich ansehen.«
Die Blondine zuckte mit den Schultern.
»Ich kann es nicht beschleunigen.«
In Heinz fing es an zu brodeln. Er machte sich Sorgen um seine Frau, und zudem ärgerte ihn die Gleichgültigkeit der Sprechstundenhilfe. Seine Hände fingen an zu zittern.
»Können sie meine Frau nicht vorziehen?«, fragte Heinz, vorsichtig aufbegehrend.
»Ich habe es ihnen doch erklärt. Setzen sie sich oder gehen sie einfach«, herrschte ihn die Arzthelferin an.
Ein Damm brach in Heinz, Zorn füllte ihn aus.
»Was denkt sich dieses dumme Stück, so mit mir zu reden?«
Er schlug mit seiner Faust auf die Theke, dass es nur so donnerte. Ein Ständer voller Prospekte flog durch den Empfangsbereich. Klara und die anderen Patienten blickten zu Heinz.
»Sie holen jetzt den Doktor! Sofort! Sie sehen, dass es meiner Frau nicht gut geht! Los, gehen sie!«
Die junge Blondine errötete und erhob sich. Sie sah Heinz an, der jetzt keinen Widerspruch duldete. Es war sehr still geworden in der Praxis. Erstaunt sah Klara zu Heinz. Für einen Augenblick vergaß sie ihre Schmerzen. Sie traute ihren Augen und Ohren nicht. Was war da eben geschehen?
Heinz stand noch immer mit geballter Faust vor der Theke. Er war aber nicht mehr der grüne, faltige Gnom, mit dem sie in den letzten Jahren zusammengelebt hatte. Yoda war weg, dort stand ihr Drachentöter.
Der Lärm hatte die Aufmerksamkeit des Arztes erregt. Die Tür zum Behandlungszimmer öffnete sich. Er erblickte Heinz, wie er mit erhobener Faust dastand.
»Was ist hier los?«
Nachdem Heinz dem Doktor alles erklärt hatte, ging alles sehr schnell. Eine kurze Untersuchung von Klara genügte. Verdacht auf Herzinfarkt. Klara musste sofort ins Krankenhaus.
Jetzt saß Heinz schon seit Stunden vor dem OP. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen. Er traute sich nicht, auch nur kurz nach draußen zu gehen an die frische Luft, um klar zu werden.
»Ich möchte sie nicht verlieren.«
Die ganze Zeit gab es nur diesen einen Gedanken. Er wusste nicht, wie spät es war, als sich die Tür des Operationssaales öffnete. Ein Arzt kam langsam auf ihn zu. Heinz war dem Zusammenbruch nahe.
»Nein, bitte nicht. Lass sie nicht tot sein.«
Langsam erhob er sich, seine Knie zitterten. Der Doktor sah erschöpft aus. Er sah Heinz an und ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
»Es ist alles gut gegangen. Sie wird wieder gesund«, hörte Heinz die erlösenden Worte.
Er umarmte den Arzt und flüsterte erleichtert:
»Danke.«
»Sie können gleich zu ihr. Ihre Frau wird gerade auf die Intensivstation gebracht.«
Auf dem Weg dorthin weinte Heinz. Er ließ seinen Tränen der Erleichterung freien Lauf.
Die Station war ein großer, halbdunkler Raum, in dem viele Betten standen, nur abgetrennt durch schwere Vorhänge. Heinz hörte das Piepsen der Geräte und das Stöhnen der Beatmungsmaschinen. Es klang bedrohlich in seinen Ohren.
Eine Schwester zeigte ihm Klaras Bett. Langsam näherte sich Heinz seiner Frau. Sie schien kleiner zu sein, als er sie in Erinnerung hatte. Mehrere Kabel waren an ihr befestigt. Auf dem Monitor erkannte Heinz viele Kurven und Zahlen. Er rückte sich einen Stuhl zurecht und umschloss die Hand seiner Frau mit seinen beiden Händen. Heinz konnte nichts tun, nur warten.
Stunden schienen vergangen, als Klara ihre Augen öffnete und ihn ansah. Sie lächelte ihn müde an.
»Klara«, flüsterte sie schwach.
»Wie bitte?«, fragte Heinz ebenso leise.
»Mein Name ist Klara.«
Heinz schaute in ihre Augen. Er erinnerte sich, in diese Augen hatte er sich damals verliebt. Dunkelbraun, fast schwarz waren sie gewesen. Ein Feuer hatte in ihnen gelodert.
»Heinz, mein Name ist Heinz.«
Klaras Lächeln wurde stärker.
»Ja, ich erinnere mich.«
In den nächsten Tagen erholte sich Klara. Heinz und sie hatten lange Gespräche geführt. Irgendwann erzählte sie ihm, dass es immer ihr Traum gewesen war, Balletttänzerin zu werden. Sie schaute wehmütig an sich herunter.
»Ich wollte für dich die Sterne vom Himmel holen und Drachen für dich töten«, sagte Heinz und blickte verschämt zu Boden.
»Du hast immer für mich gesorgt. Nur das zählt für mich.«
Heinz schaute Klara tief in ihre Augen. Das Feuer war wieder zu sehen.
»Ich habe dich heimlich Jabba genannt. Du weißt, der aus Krieg der Sterne«, gestand er.
Klara schaute ihn an, sie schluckte.
»Ich habe dich die letzten Jahre immer als grünhäutigen Gnom angesehen. Der aus Krieg…«
»Yoda«, unterbrach Heinz sie.
Klara nickte. Nach ein paar Minuten des Schweigens, sie trauten sich nicht, sich in die Augen zu sehen, prusteten sie gleichzeitig los. Es wurde ein lautes, herzerfrischendes Lachen daraus, bis ihnen der Atem ausging. Dann sahen sie sich an. Tränen liefen ihnen die Wangen herunter.
Aus Jabba und Yoda waren wieder Klara und Heinz geworden.
»Wenn du wieder zu Hause bist, werden wir uns von Jabba und Yoda angemessen verabschieden.«
»Wie meinst du das?«
»Wir werden uns Krieg der Sterne ansehen und danach den Fernseher nie wieder einschalten.«
Bevor Klara protestieren konnte, fuhr Heinz fort:
»Und ich werde nie wieder ein Kreuzworträtsel anrühren.«
»Und was dann?«
»Dann wirst du meine Ballerina sein.«
»Und du bist mein Drachentöter.«