Opa, was ist Taschengeld?

Opa, was ist Taschengeld?

Ein kleiner Nachruf auf das Bargeld

 

 

Ich hatte gerade die Zeitung durchgeblättert und in den Werbebeilagen gestöbert. Das Sanitätshaus bot günstige Toilettensitze für Senioren an, die Apotheke um die Ecke warb für Kürbiskerne und Plastikhöschen für ältere Menschen. Ich legte die Broschüren beiseite und sah meinen Enkelsohn an. Zehn Jahre war er inzwischen geworden, ein hübscher, schlanker Junge. 

»Opa, was ist Taschengeld?«

Ich legte meine Lesebrille zur Seite.

»Bitte?«, fragte ich Fabian, so hieß mein Enkel. 

»Was ist Taschengeld, Opa?« 

»Wie kommst du denn jetzt darauf?« 

»Das haben wir gerade in der Schule durchgenommen. Früher bekamen die meisten Kinder Taschengeld.« 

Ich musste kurz überlegen. Richtig, Fabian hatte recht. Früher gab es echtes Geld. Scheine und Münzen. Das war schon lange her. Ich glaube, so um zweitausendachtzehn herum schaffte die Regierung dieses Zahlungsmittel ab. Lang, lang ist es her.

»Ja, das stimmt. Früher bekamen die Kinder Taschengeld. Meine Mutter gab mir damals immer sonntags eine Mark.« 

»Was ist eine Mark?«, fragte Fabian.

Ich versuchte mich zu erinnern. Wie sah die Ein-Mark-Münze noch gleich aus?

»Mark nannte man damals das Geld, so wie heute Euro. In meiner Kindheit gab es runde Metallstücke, die nannte man Münzen. Die Ein-Mark-Münze war aus Silber – glaube ich jedenfalls«, erklärte ich unsicher.

»Und was hast du mit dieser Münze gemacht, Opa?« 

»Immer wenn ich mein Taschengeld bekam, bin ich zuerst zur Trinkhalle gelaufen und habe mir für fünfzig Pfennig eine Tüte gemischte Bonbons gekauft.«

»Gab es denn früher keine Smartphones? Du warst aber altmodisch.« 

Ich musste lächeln. 

»Nein, früher gab es keine Smartphones.«

Heute gab es ja nur noch digitale Zahlung. An der Kasse hielt man sein Handy hin, und schon war die Rechnung beglichen. Wehmut überkam mich. Früher war doch vieles besser. Mir fiel ein, dass ich irgendwo noch eine kleine Schachtel mit alten Münzen hatte.

»Warte mal, ich habe da etwas«, sagte ich zu Fabian.

Ich stand auf und ging zum Schrank. Ich öffnete nacheinander alle Türen und Schubladen. Diese Dose musste hier irgendwo sein. Endlich fand ich sie und nahm sie mit zum Tisch. Die Box war aus roter Pappe und nicht sehr groß. Ich setzte mich wieder auf meinen bequemen Stuhl und stellte die Schachtel vor mich hin. Langsam und vorsichtig hob ich den Deckel ab.

»Schau her, Fabian. Ich habe hier noch echtes Geld.«

Mein Enkel trat näher an den Tisch heran und blickte neugierig in die kleine rote Schachtel. 

»Sind das Münzen?«, fragte er fast ehrfürchtig.

»Ja, das sind Münzen. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Komm, trau dich – nimm eine heraus.«

Seine kleine Hand griff in die Schachtel und kam mit einer silbernen Münze hervor, auf der eine große Eins zu sehen war. Ich lachte.

»Siehst du, jetzt hast du eine Mark erwischt.«

Fabian hielt die Münze hoch und betrachtete sie von allen Seiten. 

»Auf dem Rand steht etwas geschrieben«, sagte er. 

»Einigkeit, Recht und Freiheit«, las er langsam vor. 

»Ja, das wurde damals auf die Silbermünzen geprägt«, erklärte ich. 

»Warum?« 

»Die Menschen sollten immer an das Motto erinnert werden, das für unser Land so wichtig war.«

»Ihr hattet aber komische Sitten früher.« Fabian schüttelte den Kopf und sah mich fast mitleidig an. 

»Warum gibt es heute keine Münzen mehr?« 

»Ja, das ist eine gute Frage. Genau kann ich dir das eigentlich auch nicht erklären. Die Menschen damals wollten sie behalten, aber die Regierung sagte, das Leben würde sicherer, wenn wir keine Münzen und Scheine mehr besitzen.«

»Scheine?« 

»Ja, es gab nicht nur Münzen aus Metall, sondern auch bunte Scheine aus Papier. Darauf standen Zahlen, die den Wert angaben.« 

»Hast du die selber gemalt?« 

Wieder musste ich lächeln. 

»Nein, die wurden damals von der Regierung gedruckt. Die Scheine konnten die Menschen dann von der Bank abholen.«

»Ach so.« Fabian überlegte einen Moment. 

»Warum wurde das Leben dann sicherer?« 

»Na ja, zum Beispiel wurden diese Scheine in der Bank in einem großen Tresor aufbewahrt. Hin und wieder kamen böse Menschen vorbei und haben das Geld gestohlen. Bankräuber gibt es heute nicht mehr, wie du weißt.«

»Ja, natürlich weiß ich das«, antwortete Fabian altklug.

»Dann waren da noch all die anderen Verbrecher, die Münzen und Scheine für ihre dunklen Geschäfte brauchten. Die Regierung behauptete damals, dass es diese Verbrecher dann nicht mehr geben würde.«

»Das stimmt doch gar nicht. Die gibt es doch immer noch. Das sagen die doch immer im Fernsehen«, rief mein Enkel entrüstet.

»Ja, leider hast du recht«, sagte ich resigniert.

»Dann hat die Regierung euch wohl früher angelogen.«

Ich legte meine Hand auf Fabians Kopf und strich sanft über seine Haare. Ich überlegte. 

»Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht wussten sie es auch nicht besser.«

»Aber die Leute wollten doch das Geld behalten. Warum haben sie nicht auf euch gehört?« 

Ich seufzte. 

»Leider war das früher oft so. Die Regierung hat nicht auf das gehört, was das Volk wollte.«

Ein kurzer Ton ertönte. Fabian griff nach seinem Smartphone und schaute auf das Display. Sein Blick verriet Enttäuschung.

»Was ist los?«, fragte ich neugierig.

Er drehte das Display zu mir. Ich sah seine Konto-App. In großen roten Buchstaben stand dort: Zahlung nicht möglich, Konto verfügt nicht über Guthaben.

Ich griff zu meinem Handy und aktivierte meine Zahlungsfunktion. Wieder ertönte ein kurzer Piep. Ein Lächeln huschte über Fabians Gesicht. Ich hatte ihm gerade zehn Euro Taschengeld überwiesen.

»Danke, Opa«, sagte er und drückte mich.

Schöne, neue Welt.

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