Der Nachtmäher

Der Nachtmäher

Eine kurze Karriere

Dieser Sommer war heiß. Ungewöhnlich heiß. Nachts sanken die Temperaturen nicht unter fünfundzwanzig Grad. Seit Tagen war es windstill. In dem kleinen Haus stand die Luft. Trotz geöffneter Fenster blieb es warm und stickig.

Wie viele Nächte schlief er jetzt nicht mehr richtig? Heinz wusste es nicht.

Er schaute in den Himmel. Kein Wölkchen in Sichtweite. Immer noch nicht. Es war wieder eine sternenklare Nacht.

»Die wievielte schon?«

Tagsüber war es heiß, über vierzig Grad.

»Das hält kein Schwein aus«, dachte Heinz resigniert.

Was würde er darum geben, wenn es jetzt regnete.

Der Wettermann im Fernsehen hatte gesagt, dass in den nächsten Tagen keine Aussicht darauf bestand, auch nur die kleinste Wolke zu sehen.

Tagsüber lag er auf seiner Gartenliege auf der Terrasse und döste. Nachts war er dann hellwach und erledigte die Hausarbeiten: putzen, waschen und alles, was sonst noch anfiel. So war es auch vor ein paar Nächten gewesen. Es war ungefähr ein Uhr. Er nahm gerade einen großen Schluck von dem billigen Tafelwasser, das er aus dem nahegelegenen Getränkemarkt holte. Sonderangebot: ein Kasten für zwölfneunundneunzig. Wasser war in diesen Tagen zum Luxusgut geworden. Für Markenmineralwasser verlangte man bis zu dreißig Euro pro Kasten.

Zu viel für Heinz, der nur eine kleine Rente bezog.

Es konnte auch nicht mehr lange dauern, bis der örtliche Wasserversorger das Leitungswasser rationieren musste. Als Heinz die Flasche absetzte, das Wasser hatte seinen Durst nicht wirklich gelöscht, fiel sein Blick auf den Rasen.

Die Fläche war nicht groß, vielleicht fünfundzwanzig Quadratmeter, aber sein ganzer Stolz. Er hatte sich seinerzeit bewusst für eine englische Rasenmischung entschieden: dicht gewachsene Halme, gleichmäßig geschnitten, nicht höher als drei bis vier Zentimeter, durchgängig sattgrün. Angeblich ein Geheimtipp des Gärtners ihrer Majestät. Der Samen hatte ihn damals eine schöne Stange Geld gekostet.

Heinz gönnte seinem Gras jeden Tag das nun so kostbare Wasser. Es hatte die ansprechende grüne Färbung behalten. Jetzt bemerkte er jedoch, dass die Halme die vorgeschriebene Höhe längst überschritten hatten. Das Schlimmste war, dass sich die Spitzen mehrerer Halme bereits braun verfärbten.

Es wurde Zeit für einen neuen Schnitt.

Tagsüber mähen ging gar nicht: zu heiß.

Nachts mit seinem Männerbenzinmotormäher mähen ging auch nicht: zu laut.

Ein altmodischer Handmäher musste her. Mit so einem Gerät konnte er fast geräuschlos auch nachts sein geliebtes Grün mähen.

Am nächsten Tag fuhr Heinz zum Baumarkt. So gut wie keine Fahrzeuge waren unterwegs. Nur wer unbedingt musste, setzte sich in diesen Tagen ins Auto. Die Klimaanlage seines alten Gefährts kämpfte verzweifelt gegen die Hitze, ohne Erfolg.

Schweißgebadet betrat er das halbwegs gekühlte Heimwerkerparadies. Er blieb im Eingangsbereich stehen und atmete ein paar Mal tief durch. Die kühle Luft tat ihm gut. Er sah sich um. Ein Hinweisschild wies ihm den Weg. Heinz ging an den hohen Regalen vorbei, die rechts und links an den Wänden standen. Ein großes Plakat über einem Regal fiel ihm ins Auge: »KLIMAGERÄTE / VENTILATOREN!«

Ja, das wäre die Rettung. Im gut klimatisierten Schlafzimmer endlich mal wieder eine Nacht durchschlafen. Nur eine einzige Nacht.

Doch das Regal war leer. Kein Klimagerät, nicht einmal ein mickriger Ventilator war übrig geblieben. Heinz hatte nie daran gedacht, so etwas zu kaufen.

Wofür auch? Die letzten Sommer waren kühl und nass gewesen. Ein Klimagerät war teuer und verbrauchte viel Strom. Er musste jeden Cent dreimal umdrehen.

Aber Zeiten änderten sich und das Klima vermutlich auch.

Er war bereit, auf andere Dinge zu verzichten, wenn er dafür mal wieder im gekühlten Schlafzimmer schlafen konnte.

Voller Hoffnung sprach Heinz einen Baumarktmitarbeiter an, ob in nächster Zeit Ersatz für die verkauften Geräte käme. Der Mann zuckte nur mit den Schultern und ging weiter. Heinz glaubte, ein leises Schluchzen gehört zu haben.

In der Gartenabteilung sah Heinz ihn dann: präsentiert auf einer Bühne, unter einem hellen Scheinwerfer, der ihn in voller Schönheit erstrahlen ließ.

Leuchtend rot, mit großen Vollgummireifen auf gelben Felgen, die Handgriffe mit hautsympathischem Naturgummi ummantelt.

»Handrasenmäher. Schnittbreite achtzig Zentimeter. Für neununddreißig Euro neunundneunzig«, stand auf dem liebevoll gestalteten Poster.

Heinz verliebte sich schlagartig.

»Den oder keinen.«

Was war schon sein Fünf-PS-Männerbenzinmotorrasenmäher gegen dieses Prachtexemplar?

Hitze, Schlaflosigkeit und Klimageräte waren vergessen. Heinz griff zu.

Er stöhnte, fluchte und schwitzte, als er den Karton ins Auto wuchtete.

Rot glänzend schmückte der neue Mäher nun seinen kleinen Rasen. Heinz setzte sich auf den Plastikstuhl, ein Glas kaltes Wasser in der Hand. Er fühlte Stolz und große Freude. Er konnte die Nacht kaum erwarten.

Stunden vergingen. Heinz tat nichts außer warten, schwitzen und trinken. Immer wieder glitten seine Blicke bewundernd über den Mäher, als wäre er eine Frau, schön und begehrenswert.

Er hielt es kaum noch aus.

Dann war es so weit: Die Sonne ging unter. Langsam näherte er sich dem Handmäher. Seine Hände schlossen sich um die Gummigriffe.

»Welch wundervolles Gefühl«, dachte er.

Er schob den Mäher vorwärts. Die spiralförmig angeordneten Messer begannen das Gras zu schneiden, fast geräuschlos.

Bahn für Bahn fuhr er über den Rasen. Immer wieder hielt Heinz an und strich liebevoll über die frisch geschnittenen Halme.

Doch wie so oft im Leben ging alles Schöne einmal zu Ende. Nach zehn Minuten war er fertig. Er setzte sich auf seinen Plastikstuhl und zündete sich eine Zigarette an. Sein Glücksgefühl schwand und machte einer traurigen Leere Platz.

»Was mache ich nun?«

Der Rasen war geschnitten. In den nächsten Nächten blieb ihm nichts weiter, als in der Langeweile zu schwitzen und dem Gras beim Wachsen zuzusehen.

»Schöne Aussichten. Wenn ich doch nur mehr Wiese hätte.«

Während er dem Rauch nachsah, kam ihm die Idee.

»Warum mähe ich nachts nicht einfach fremde Rasen? Hier in der Gegend gibt es doch genug davon.«

In seiner Garage stand noch ein kleiner Anhänger. Er schaute auf die Uhr.

»Zweiundzwanzig Uhr.«

Heinz fuhr planlos durch die Straßen, immer Ausschau haltend nach einer Gelegenheit. Im Rückspiegel sah er seinen roten Rasenmäher auf dem Hänger schaukeln.

Dann sah er sie: eine Wiese direkt an der Straße, gut fünfhundert Quadratmeter groß, nicht eingezäunt, kein Haus darauf.

Das Gras war hochgewachsen, die Halme verbrannt. Er nahm den Mäher vom Anhänger und begann seine selbst auferlegte Arbeit.

Im Licht der Straßenlaternen zog er Bahn für Bahn. Drei Stunden lang.

Als er fertig war, betrachtete er die Wiese. Kurz geschnitten, aber trotzdem nicht schön. Eine riesige braune Fläche mit ein paar grünen Flecken.

Ein Zug an der Zigarette, ein Blick auf die Uhr.

»Einuhrdreißig

Er fühlte sich erschöpft, aber auch befriedigt.

»Zeit nach Hause zu fahren. Für heute ist es genug. Es gibt noch mehr Wiesen in der Stadt und noch mehr heiße, trockene Nächte.«

In den kommenden Nächten mähte Heinz jeden Rasen, den er fand. Selbst Zäune hielten ihn nicht auf. Doch seine nächtlichen Exkursionen blieben nicht unbemerkt.

Eines Morgens las er im Lokalteil seiner Zeitung:

»Geheimnisvoller Nachtmäher unterwegs.«

Heinz war zu einer regionalen Berühmtheit geworden. Die Leute fragten sich, wer der unbekannte Gärtner war. Manche spekulierten sogar über die Rückkehr der Heinzelmännchen.

»Ich muss vorsichtiger sein.«

Für diese Nacht plante er, eine Siedlung mit großen Mehrfamilienhäusern aufzusuchen. Dort gab es viele Innenhöfe mit Rasenflächen.

Viertel vor drei erreichte er sein Ziel. Vorsichtig betrat er den ersten Innenhof. Er beobachtete die Fenster.

»Alles dunkel«, dachte er erleichtert.

Der Rasen lag sattgrün vor ihm. Es würde Spaß machen, den Mäher darüber zu schieben. Heinz begann zu schneiden. Ungefähr nach der Hälfte geschah es.

»Du Vollpfosten! Hör sofort auf damit!«, hallte es aus einem oberen Stockwerk.

Rumms! Ein Fenster wurde zugeschlagen.

Heinz hielt inne. Er kramte in seiner abgewetzten Cordhose nach einer Zigarette. Dann suchte er sein Feuerzeug.

»Mist, nicht da.«

Er tastete die Taschen ab. Schließlich fiel ihm ein, dass es in der Brusttasche seines Hemdes steckte. Richtig. Ein knalloranges Werbegeschenk mit gelbem Schriftzug.

Er zündete die Zigarette an und blickte auf seine alte Armbanduhr.

»Erst drei Uhr.«

Plötzlich rief eine helle Stimme von einem Balkon:

»Thomas, ruf die Zeitung an! Der Nachtmäher ist auf unserer Wiese! Schnell!«

Heinz musste weg. Der Rasen war erst zur Hälfte gemäht.

»Egal. Ich will nicht gesehen werden.«

Am nächsten Morgen las er:

»Wer ist der geheimnisvolle Nachtmäher?«

Es war knapp gewesen. Nur mit Mühe war er entkommen.

In den folgenden Nächten fuhr er wieder los. Es war fast ein Zwang geworden. Doch es wurde schwieriger, unentdeckt zu bleiben. Die Zeitung berichtete, Facebook diskutierte. Jeder wollte wissen, wer der Nachtmäher war.

»Wo soll ich jetzt noch mähen?«

Gleichzeitig erfüllte es ihn mit Stolz, so genannt zu werden.

Er überlegte sogar, sich ein Kostüm zu nähen, wie Superman. Grün, Rot und Gelb wie sein Mäher. Ein großes N auf der Brust. Dann könnten die Menschen ihn sehen, aber nicht erkennen. Ein Held, der sich um die Wiesen der Stadt kümmerte. Sein Drachentöterherz würde endlich gewürdigt werden.

Doch noch hatte er keinen Superheldenanzug. Wie sollte es weitergehen?

Im Süden gab es eine große Parkanlage. Keine Häuser, keine Menschen, die ihn bemerken würden.

»Ja, dort fahre ich morgen Nacht hin.«

Er schlug sich mit der Hand auf die Stirn. Etwas hatte ihn berührt. Eine Mücke vielleicht. Er betrachtete seine Handfläche.

Kein Insekt. Es war Wasser.

Es regnete.

Heinz sah nach oben. Die Sterne waren verschwunden, dunkle Wolken bedeckten den Himmel. Ein Blitz erhellte die Nacht, Donner folgte. Er hatte den Wetterbericht nicht mehr verfolgt.

Endlich Regen.

Eine kühlende Windböe wehte über die Terrasse. Er blieb sitzen und genoss die Tropfen, die durch seine Kleidung auf die Haut drangen.

Er hob den Kopf, öffnete den Mund und ließ die Tropfen auf die Zunge prallen.

»Herrlich, einfach nur herrlich.«

Er würde wieder schlafen können. Nachts, so wie es üblich war.

Plötzlich wurde Heinz traurig. Seine Karriere als Nachtmäher war vorerst vorbei.

Sein Blick fiel auf den roten Rasenmäher auf dem Anhänger. Der Regen perlte über den glanzroten Lack. Wassertropfen liefen von den Handgriffen.

Es schien, als würde der Mäher weinen.

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.vorbehalten.4

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.