Kapitel 14 Die Suche

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 14  Die Suche

Ta'elga – Der Sternenbrunnen

»Ich wache über Euch. Ich beschütze Euch. Ich leite Euch. Durch meine Sternenbrunnen spreche ich zu Euch. Kommt zu mir.«

(Aus dem Buch der Sternengöttin.)

​Nach einem langen Marsch durch das unwirtliche Gebirge erreichten die acht Waldelfen schließlich das Lager am großen Pass, von dem sie vor kurzem aufgebrochen waren. Major Darkhorse, der dunkelhaarige menschliche Kommandant der Paladinsoldaten, trat ihnen prüfend entgegen.

​»Willkommen zurück. Ich habe nicht damit gerechnet, euch so schnell wiederzusehen. Was ist geschehen?«

​Ta´elga deutete mit ernster Miene in Richtung der schneebedeckten Berggipfel. »Ich habe dort oben meinen ehemaligen Lehrer Aaghyl getroffen. Er ist … nein, er war der Oberbefehlshaber der Armeen des Magistrats. Die Herrscher haben ihm sein Kommando entzogen. In ihren Augen habe ich sie verraten und sie haben Aaghyl dafür bestraft.«

​»Hast du gegen ihn gekämpft?«

​»Nein, dazu ist es nicht gekommen. Ich weiß aber, wo der Zugang zur Festung dort oben zu finden ist. Ich muss zurück nach Miad´rhor und General Tehryn Bericht erstatten.«

​»Dann solltest du keine Zeit verlieren.«

​Ta´elga blickte zu ihrer Familie und By´wala. »Wir werden uns noch stärken. Dann brechen wir auf. Leutnant Dar´al und seine Krieger bleiben hier und verstärken deine kleine Truppe.«

​»Befürchtest du einen Angriff?«

​»Es ist möglich. Ich möchte nicht, dass unsere Feinde ungehindert das Unionsgebiet betreten können. Ich werde General Tehryn bitten, mehr Truppen hierhin zu entsenden.«

​»Gut, ich bin einverstanden.«

​Später, während einer kurzen Rast beim Essen, blickte Mig’lan betrübt in die Runde. »Müssen wir wirklich schon zurück?«

​»Ja, das müssen wir. Ich muss unbedingt einen Sternenbrunnen aufsuchen und mir ist lieber, dich in Sicherheit zu wissen«, antwortete Ta´elga sanft, aber bestimmt.

​Sein Vater legte ihm handfest eine Hand auf die Schulter. »Mig´lan, du weißt doch noch, wie knapp es gewesen ist, als uns die Soldaten des Magistrats angegriffen haben.«

​Der Junge nickte widerwillig. »Ja, das weiß ich, aber…«

​»Kein aber. Ta´elga hat recht«, bekräftigte Vy’dega die Entscheidung und nahm ihren Sohn tröstend in den Arm. »Du hast noch ein langes Leben vor dir. Du wirst noch viele Abenteuer erleben.«

​»Na gut«, schmollte Mig´lan und fügte sich in sein Schicksal.

​Ta´elga wandte sich mit einer Frage an den Kartenmaler der Gruppe. »Burh’an, ich habe in Miad´rhor keinen Sternenbrunnen gesehen. Gibt es irgendwo in der Nähe der Stadt einen?« Sie wusste, dass eine solche heilige Stätte das Herzstück jeder Waldelfensiedlung bildete.

​»Nordöstlich der Stadt gibt es einen verlassenen Wohnbaum. Dort findest du einen. Ich gebe dir noch eine Karte für Tehryn mit. Während du unterwegs warst, habe ich die Gegend im Gebirge gezeichnet.« Burh´an reichte ihr das Pergament. Dank seiner feinen Magie waren seine Werke nicht nur naturgetreu, sondern spiegelten fast lebendig wider, was an den gezeichneten Orten im selben Moment geschah.

​»Danke, Burh´an. Sie wird sehr nützlich sein.«

​By´wala hatte die kleine Runde kurzzeitig verlassen, um die Reittiere zu überprüfen. Als sie mit festem Schritt zurückkehrte, verbeugte sie sich leicht vor Ta´elga. »Die Pferde sind bereit, Generalin. Wir können aufbrechen.«

​Bereits am folgenden Tag erreichten die fünf Waldelfen die schützenden Mauern von Miad´rhor. Erleichtert verabschiedete sich Ta´elga von ihrer Familie, die Gewissheit, sie in Sicherheit zu wissen, nahm ihr eine schwere Last von den Schultern. Sie hätte es sich nie verziehen, wenn ihren Liebsten seinetwegen etwas zugestoßen wäre.

​Gemeinsam mit ihrer Ordonnanzoffizierin steuerte sie direkt das Rathaus an, das als gemeinsames Hauptquartier für sie und den Oberbefehlshaber der Unionstruppen diente.

​»Ich werde den General unverzüglich aufsuchen und ihm berichten. Danach gehe ich zum Sternenbrunnen«, kündigte Ta’elga an.

​»Das Licht umarme dich«, verabschiedete sich die Ordonnanzoffizierin mit einem rituellen Gruß und bog in den Flügel ab, der für die Unterbringung der Waldelfen reserviert war.

​Vor der schweren Holztür zum Arbeitszimmer des Generals hielt Ta´elga inne. Sie holte tief Atem, straffte die Schultern und klopfte energisch an.

​»Herein«, schallte es prompt und reichlich unwirsch von drinnen. Doch als die stahlgrauen Augen Tehryns die Waldelfenfrau erkannten, glätteten sich die tiefen Furchen in seinem Gesicht. Ein warmes Lächeln stieg in ihm auf, und seine Augen begannen zu strahlen.

​Der weißhaarige Veteran erhob sich schwerfällig hinter seinem massiven Schreibtisch und winkte sie einladend herbei. »Ah, Generalin. Komme herein, setze dich.« Er deutete einladend auf einen  Ledersessel direkt vor sich.

​Als die beiden Befehlshaber einander gegenübersaßen, musterte Tehryn sie mit forschendem Blick. »Ich habe dich nicht so schnell zurückerwartet. Gibt es Neuigkeiten?«

​»Ja, die gibt es.«

​Ausführlich schilderte Ta´elga die schicksalhafte Begegnung mit Aaghyl im Eis, doch das gegenseitige, schmerzhafte Liebesgeständnis sparte sie eisern aus. General Tehryn hörte schweigend zu und lehnte sich tief in seinen Stuhl zurück. »Hm… dann war deine Erkundung nicht sehr erfolgreich«, stellte er sichtlich enttäuscht fest.

​»Eigentlich doch«, entgegnete sie entschlossen. »Burh´an hat eine Karte gezeichnet und ich weiß ungefähr, wo ein Zugang zu der Festung im Gebirge zu finden ist.«

​Sie entrollte Burh´ans magisches Pergament auf der Tischplatte und tippte mit dem Finger zielsicher auf eine markierte Koordinate.

​»Hier beginnt das Gebiet der Herrscher. Du weißt, dass ihre Magie verhindert, weitere Einzelheiten zu zeichnen. Hier ist Aaghyl aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich glaube, hier beginnt der Weg zur Festung.«

​Fasziniert beugte sich der alte Mensch vor und studierte die lebendige Zeichnung mit schmalen Augen.

​»Die Ebene, auf der ihr euch getroffen habt, eignet sich ausgezeichnet für ein Heerlager.« Sein Zeigefinger verfolgte die feinen Linien zurück bis zum großen Pass. »Die Krieger können nur leichte Waffen mitnehmen, aber das muss reichen. Ich werde alles Notwendige veranlassen. Unser Hauptlager wird am großen Pass sein.« Er blickte auf und fixierte sie mit festem Blick. »Du wirst die Truppen anführen.«

​»Ja, das werde ich. Vorher muss ich einen Sternenbrunnen aufsuchen.«

​Tehryns Miene verdunkelte sich augenblicklich. »Hast du noch Zeit für Gebete?«, fragte er ungehalten.

​Ta´elga erinnerte sich gut daran, wie respektlos und schroff ihr der General bei ihrer ersten Begegnung erschienen war. Früher hätte sie diese barsche Art verletzt, doch inzwischen wusste sie, dass unter der rauen Soldatenkruste ein loyaler, weicher Kern steckte. Sie überging seinen Tonfall daher gelassen. »General, du weißt, dass ich die Hohepriesterin Ahlunahs und die Botschafterin des Rats der Neun bin. Es ist wichtig, dass ich den Sternenbrunnen aufsuche.«

​Tehryn winkte müde ab. »Ja, ja. Ich bitte dich nur, dich zu eilen. Ich fürchte, dass der Magistrat bald angreifen wird.«

​»Ich werde bald zurück sein«, versprach sie und verabschiedete sich von dem Menschen.

​Sie verließ das Stadttor in nordöstlicher Richtung und ritt im schwindenden Tageslicht, bis sie den verlassenen Wohnbaum erreichte, den Burh´an beschrieben hatte. Ein melancholischer Gedanke streifte sie, hier musste Se´liras Heimat sein.

​Se´lira war eine Waldelfe in Mog´ils Diensten, der sie einst im Tempel der Schriften begegnet war. Sehnsüchtig erinnerte sich Ta´elga an die leidenschaftliche, wundervolle Nacht, die sie damals miteinander geteilt hatten.

​Sie schüttelte die Gedanken ab, trat an den kleinen, verborgenen Sternenbrunnen und ließ sich auf die Knie sinken. Die Oberfläche waberte in einem tiefen Blau, als blicke sie direkt in ein lebendiges, wirbelndes Sternenmeer. Sie faltete die Hände. »Ahlunah, ich brauche deinen Rat.«

​Im nächsten Wimpernschlag wich die Kälte des verfallenen Wohnbaumes. Wie bei ihrer ersten Vision fand sich Ta´elga auf einer sonnendurchfluteten, warmen Waldlichtung wieder. Sie saß auf einem niedrigen, bemoosten Baumstumpf. Direkt gegenüber ruhte die Sternengöttin selbst und blickte sie mit unendlicher Güte an. »Sei gegrüßt, meine Tochter.«

​»Das Licht umarme dich«, erwiderte Ta´elga ehrfürchtig. »Ich brauche deinen Rat.«

​»Ja, das weiß ich. Du hast Aaghyl getroffen und nun bist du unsicher, wie du dich weiter verhalten sollst.«

​»Ich liebe ihn und er liebt mich. Er hat sich verändert und ich mich auch.«

​Die Augen der Göttin verengten sich leicht. »Hat diese Begegnung deine Entschlossenheit verändert, gegen die Herrscher zu kämpfen, um sie zu besiegen?«

​»Nein! Sie verkörpern das Böse! Sie müssen vernichtet werden!« Ta´elga stockte und eine Welle von innerem Zwiespalt überkam sie. »Vielleicht sind aber nicht alle Wesen, die für die Herrscher kämpfen, böse. Aaghyl ist nicht böse, obwohl er auf ihrer Seite steht.«

​»Vielleicht ist das so. Auch ich spüre, dass es im Magistrat Veränderungen gibt. Das gibt mir die Hoffnung, diesen Krieg endlich für uns entscheiden zu können.«

​»Wie?«, fragte Ta´elga ratlos.

​»Ich habe euch auf der Ebene im Gebirge beobachtet. Ich weiß, dass er dir von Lit’ara erzählt hat.«

​Bei der Erwähnung des Namens flammte nackter Zorn in der Hohepriesterin auf. »Wenn ich sie treffe, werde ich sie töten. Sie hat dich verraten und sie hat mich verraten. Sie hat alles verraten, woran ich glaube. Lit´ara muss sterben«, stieß sie hasserfüllt hervor.

​Die Sternengöttin schüttelte traurig das Haupt. »Ta´elga, ich verstehe dich, aber du musst deinen Hass überwinden. Hass hat unsere Welt ins Chaos gestürzt. Wenn du ihn nicht überwinden kannst, dann ist dieser Krieg verloren, dann ist unsere Welt verloren und die Herrscher des Magistrats werden siegen.«

​»Aber Lit´ara ist eine Kriegerin, die den Herrschern hörig ist. Sie verkörpert das Böse. Es fällt mir schwer, sie nicht für ihren Verrat zur Verantwortung zu ziehen.«

​»Aber bedenke, wenn Aaghyl sich ändern konnte, dann kann sie das vielleicht auch. Du darfst sie nicht töten. Wir brauchen Aaghyl und wir brauchen Lit´ara. Mit ihrer Hilfe können wir die Herrscher besiegen.«

​»Wie meinst du das?«

​»Aaghyl ist der Beweis dafür, dass die Liebe stärker ist als das Böse. Lit´ara liebt dich auch, da bin ich mir sicher. Aaghyl und Lit´ara sind der Schlüssel zum Sieg. Eure Liebe kann den Krieg beenden.«

​»Ich hoffe, du behältst recht. Ich wünsche es mir so sehr«, flüsterte Ta´elga, von der Intensität der Worte überwältigt.

​Ein sanftes Lächeln legte sich auf das Antlitz der Gottheit. »Ich weiß. Wir könnten dann alle in Frieden leben. Deiner Liebe würde nichts mehr im Wege stehen.«

​»Was soll ich machen?«

​»Du musst zur Festung im Blausteingebirge. Von dort beginnt für dich eine Reise, die für uns alle entscheidend ist.«

​»Was passiert auf dieser Reise?«

​»In Miad´rhor wartet Mog´il auf dich. Der Buchmeister wird dir alles berichten«, verkündete die Göttin geheimnisvoll.

​»Mog´il ist dort? Willst du mir nicht sagen, was passiert?« Vor Neugier hielt es Ta´elga kaum noch auf dem Sitz.

​»Er wird dir alles berichten. Gehe nun. Das Licht beschütze dich.«

​Der Wald verschwamm. Im nächsten Moment kniete die Hohepriesterin wieder auf dem harten Boden vor dem  Sternenbrunnen. Sie erhob sich langsam, um den Rückweg nach Miad´rhor anzutreten. Düstere, angstvolle Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Sie war den Fängen der Herrscher erst vor kurzem entronnen und nun verlangte Ahlunah, dass sie mitten in das Herz des Magistrats zurückkehren sollte. Mit eisernem Willen verdrängte sie die aufkeimende Panik.

​Gleichzeitig keimte Vorfreude in ihr auf, den alten Elfenmann Mog'il wiederzusehen. Und tief im Herzen hoffte sie, dass Se´lira an seiner Seite sein würde.

Aaghyl – Im Palastturm von Muantur

»Gefühle schwächen den Krieger. Wer schwach ist, kann nicht dienen. Sei stark.«

(Aus der Lehre der Herrscher.)

​Der Rückweg zur Festung Edderas gestaltete sich als absolute Hölle. Ein unbarmherziger Schneesturm peitschte durch die gähnenden Schluchten des Gebirges und nahm der kleinen Gruppe jegliche Sicht. Umso größer war die Erleichterung, als sie endlich den getarnten Tunneleingang erreichten, der ins Innere der Festung führte.

​»Tretet ein, in unser trautes Heim«, bemerkte Rresyna mit einer heftigen Prise Ironie. Sie streifte ihre schwere Kapuze zurück, beugte sich vor und schüttelte ihr blaugrünes, in unzählige feine Zöpfe geflochtenes Haar aus, um Gesicht und Zöpfe von den gefrorenen Eiskristallen zu befreien.

​Eefral und Aasaly taten es ihr gleich, während Aaghyl und Sinan dank ihrer mächtigen Schutzzauber völlig unberührt von Kälte und Schnee geblieben waren.

​»So, Erhabener, was nun?«, wandte sich Rresyna mit forderndem Blick an Aaghyl. »Meine Waffen sind nun ungebraucht zurück, was die Waffenmeister wohl freuen wird«, fügte sie spöttisch hinzu.

​»Rresyna!«, tadelte Aasaly ihre Freundin scharf.

​Aaghyl blieb von dem Spott völlig ungerührt. »Ihr kehrt in eure Unterkunft zurück und Sinan und ich gehen zur Kommandantin.«

​Eefrals Patenmutter schulterte seufzend ihren Rucksack und grummelte vor sich hin: »Na gut. Warten beherrsche ich jetzt schon recht vorzüglich.«

​Nur Aasaly fing das leise Murren ab. »Du musst geduldiger sein«, raunte sie ihr im Gehen zu. Rresyna nickte bloß stumpf und stapfte voran.

​Sinan Eldar blickte der stolzen Steinelfe schmunzelnd hinterher. Obwohl ihm die raue Mentalität dieser Frau manchmal Rätsel aufgab, faszinierte sie ihn von Tag zu Tag mehr. 

»Sie ist wirklich eine ungewöhnliche Frau«, dachte der Mensch amüsiert.

​Wenig später standen die beiden Sanguenritter vor der massiven Tür zur Arbeitszelle der Festungskommandantin. Aaghyl hielt inne und blockierte den Weg. »Verzeih mir, Sinan. Ich möchte mit Litara zuerst allein sprechen.«

​Sinan Eldars Miene verfinsterte sich augenblicklich vor Misstrauen. »Warum möchtest du allein mit ihr sprechen? Was verbirgst du vor mir?«

​»Ich kann es dir noch nicht sagen. Du musst mir einfach vertrauen«, bat Aaghyl mit beschwörender Stimme.

​Der Mensch fixierte ihn eine gefühlte Ewigkeit lang mit einem forschenden Blick. Er fuhr sich mit der Hand über seine nackte Glatze, ehe er schwer atmete. »Aaghyl, mein Freund. Wir haben viele Schlachten gemeinsam geschlagen. Ich kenne dich und ich vertraue dir. Ich muss aber sagen, im Moment fällt es mir schwer. Ich werde jetzt in meine Zelle gehen und einige Verse aus der Lehre rezitieren.«

​»Danke, mein Freund.« Aaghyl wartete, bis Sinan um die Ecke gebogen war, dann klopfte er fest an Litaras Tür.

​Die Festungskommandantin war sichtlich erleichtert, den Sanguenritter unversehrt zu sehen. »Komm, Aaghyl, wir gehen in meine Wohnzelle, dort kannst du mir berichten.«

​Im krassen Gegensatz zu den sonst so kargen, sterilen Zellen des Magistrats war dieser Raum fast schon üppig eingerichtet. Farbenfrohe Landschaftsbilder schmückten die Steinwände, und auf dem Boden lag ein dicker, weicher Teppich, der optisch einer blühenden Sommerwiese glich. Zwei einladende Sessel standen bereit. Litara trat an einen kleinen Beistelltisch, auf dem ein Tonkrug und zwei Becher bereitstanden, und goss ein. »Ich habe noch von dem Fahrnapfelsaft, den du so gerne magst. Setz dich und erzähle. Ich bin neugierig.«

​Aaghyl ließ sich erschöpft in den Sessel sinken und nahm einen tiefen Schluck des süßherben Safts. Litara setzte sich ihm gegenüber, die Augen voller Erwartung. Er verschwendete keine Zeit mit Floskeln. »Ich habe Taelga getroffen.«

​Litara fuhr hoch. »Wo ist sie? Hast du meine Tochter nach Edderas gebracht?«

​»Nein. Ich habe sie im Gebirge getroffen und mit ihr gesprochen. Sie ist wieder in das Gebiet der Union zurückgekehrt.«

​»Was ist im Gebirge passiert? Warum hast du sie nicht mitgebracht?« Litaras Blick fror schlagartig ein. In ihren Augen spiegelte sich bittere Enttäuschung über sein vermeintliches Versagen.

​Schonungslos und ohne Details auszulassen, berichtete er von der emotionalen Konfrontation mit der Waldelfe. Litara hörte stumm zu, die Arme fest vor der Brust verschränkt.

​»Das sind gute und schlechte Neuigkeiten«, resümierte sie nach einer langen Pause der Stille. Sie erhob sich und trat an das große Panoramafenster, um auf die schroffen, verschneiten Zacken des Blausteingebirges zu blicken. »Was passiert dort draußen, Aaghyl?« Sie drehte sich langsam um. »Verstehe mich richtig. Ich freue mich, dass es meiner Patentochter gut geht. Gleichzeitig bin ich darüber erschüttert, dass sie uns verraten hat.«

​»Mir erging es nicht anders. Doch dann habe ich begriffen, dass meine Liebe größer ist als mein Hass.«

​»Ist dir klar, dass dieses Gefühl gefährlich ist? Nicht nur für dich, sondern für uns alle. Wenn wir beginnen, die Lehre in Frage zu stellen, können wir nicht mehr siegen.« Litara trat dicht an ihn heran und fixierte ihn mit brennendem Ernst. »Wir müssen dagegen ankämpfen. Wir dürfen dem Bösen nicht nachgeben. Niemals!«

​»Aber du liebst deine Tochter auch. Das hast du mir selbst gesagt«, entgegnete er mit bebender Stimme.

​»Ja. Ich hatte gehofft, sie würde mit dir kommen, um wieder an unserer Seite zu kämpfen. Das war wohl nur ein Wunschtraum von mir. Die Herrscher würden sie bestrafen, wenn sie jemals zurückkehrt.«

»Wie wird es nun weitergehen? Was soll ich tun? Ich kann Taelga nicht töten und ich kann die Herrscher nicht verraten«, stieß er resigniert hervor.

​Litaras Stimme wurde schneidend kalt. »Du hättest die Verräterin töten müssen. Auch wenn der Gedanke mir sehr schwerfällt, es wäre das Richtige gewesen.«

​»Verstehe doch, Litara. Ich konnte es nicht.«

​»Du hast versagt, Aaghyl. Mal wieder. Wir müssen immer daran denken, dass das Wohl vieler über dem Wohl einzelner steht. Wir dürfen nicht darauf hoffen, dass wir Taelga wieder in die Arme schließen dürfen. Auch mir wird es schwerfallen, sie nicht wiederzusehen.«

​Der einstmals stolze Sanguenritter sackte in sich zusammen. Jede Hoffnung, in der Kommandantin eine heimliche Verbündete für seine Gefühle zu finden, war zerstoben. »Was wirst du jetzt tun?«, fragte er leise.

​»Du musst mir die Gegend beschreiben, in der du Taelga getroffen hast. Ich werde Krieger dorthin schicken. Ich fürchte, deine Begegnung hat die Unionstruppen alarmiert. Ich muss diese Festung schützen«, erwiderte sie unbarmherzig.

​»Welche Pläne hast du für mich?«

​»Ich habe keine Pläne für dich. Nur eine Nachricht aus Muantur. Die Herrscher wünschen Sinan Eldar und dich zu sehen.« Sie bemerkte die bodenlose Verzweiflung, die Aaghyl ausstrahlte, und fügte streng hinzu: »Du musst an die Weisheit der Herrscher glauben.«

​Nachdem er ihr emotionslos die genauen Koordinaten des Treffpunkts diktiert hatte, verließ Aaghyl wortlos den Raum. Litara blieb allein zurück. Erst jetzt, als niemand sie sah, brach die kühle Fassade ein. Tränen der Trauer stiegen ihr in die Augen über den Verlust ihrer Tochter und über das düstere Schicksal, das Aaghyl in den Händen der unerbittlichen Herrscher erwartete. Sie wusste, dass Versagen mit dem Tod oder Schlimmerem bestraft wurde. Ein gefährlicher Gedanke schlich sich in ihren Geist: »Ist unser Weg der richtige?« Sie holte zittrig Luft und wischte sich über das Gesicht. »Es kommen schwere Zeiten auf mich zu. Ich werde so bald wie möglich einen Gefühlsweber aufsuchen müssen.«

​Als Aaghyl Sinans Zelle betrat, sprang der Mensch sofort von seiner Pritsche auf. Schonungslos offen berichtete der Steinelf seinem Waffenbruder von Taelga und Litaras harter Reaktion.

​Sinan Eldar hielt es nicht mehr auf einer Stelle. Er tigerte wie ein eingesperrtes Raubtier auf und ab. »Was hast du getan?«, brüllte er Aaghyl plötzlich an, während ihm der Zorn das Blut ins Gesicht trieb. »Du hast uns verraten. Du hast unsere Freundschaft verraten. Du hättest Taelga töten müssen. Sie ist die Verräterin.«

​Der Elfenmann ertrug den Ausbruch in reglosem Schweigen. Jedes Wort der Rechtfertigung wäre ohnehin an der felsenfesten Überzeugung seines Freundes abgeprallt.

​Nachdem der erste Zorn verraucht war, ließ sich Sinan schwer auf sein Lager fallen, die Brust hob und senkte sich schwer. »Und jetzt?«, fragte er mit bitterem Unterton. »Du hast alles zunichte gemacht. Alles.«

​»Ja, das habe ich«, gestand Aaghyl leise. »Aber ich konnte nicht anders.«

​Sinan vergrub das Gesicht in den Händen und stöhnte auf. »Ach, Aaghyl. Nun werden wir bestraft werden.«

​Ein bleiernes Schweigen legte sich zwischen die beiden Krieger. »Wir müssen uns noch von deiner Familie verabschieden«, brach der Mensch schließlich mit hohler Stimme das Schweigen. »Du hast auch ihr Leben zerstört. Hast du nicht darüber nachgedacht?« Er wusste genau, im Magistrat bedeutete Hochverrat Sippenhaft. Die Strafe traf ausnahmslos jeden Blutsverwandten.

​»Jetzt ist es zu spät«, entgegnete Aaghyl dumpf.

​»Das ist alles, was du zu sagen hast? Es ist zu spät?« Sinans Wut flammte erneut auf, er sprang auf und ballte die Fäuste. »Ich würde dich hier und jetzt sofort töten, wenn das nicht gegen den Willen der Herrscher verstoßen würde. Ihr Wille ist, uns zu Untoten zu machen.« Mit einem hasserfüllten Blick stürmte er aus der Zelle.

​Aaghyl blieb noch lange reglos sitzen. Er hatte Sinans Reaktion vorausgesehen. Sein Freund hatte recht, er hatte eine Lawine losgetreten, die alle mitreißen würde. Er war bereit, das Urteil zu akzeptieren. Schließlich erhob er sich, um sich dem schwersten Gang zu stellen, dem Abschied von seiner Familie.

​Aasaly, Rresyna und Eefral blickten wie gebannt zur Tür, als Aaghyl ihre Unterkunft betrat. Sinan war nicht bei ihm. Sein hohler Blick verriet den Frauen sofort, dass etwas von großer Tragweite geschehen war.

​»Was ist passiert?«, fragte Aasaly mit angstvoll geweiteten Augen.

​»Was ich zu sagen habe, wird euch nicht gefallen«, kündigte er mit schwerer Stimme an. »Lasst uns noch auf Sinan warten. Er wird bald eintreffen.«

​Kaum dass er die Worte ausgesprochen hatte, trat der Mensch über die Schwelle. Er blieb wortkarg im Eingangsbereich stehen und starrte hasserfüllt an Aaghyl vorbei an die Wand.

​Der Steinelf stieß einen tiefen Seufzer aus. »Die Herrscher haben Sinan und mich zu sich gerufen. Wir müssen nach Muantur.«

​Aasaly schlug die Hand vor den Mund. »Warum wollen die Herrscher euch sehen?«

​»Aaghyl hat versagt. Er hat die Verräterin nicht getötet. Er hat den Willen der Herrscher nicht erfüllt. Die Herrscher werden uns dafür bestrafen«, grollte Sinan voller Bitterkeit von der Tür her.

​»Nein… Vater… das kann nicht sein«, schluchzte Eefral auf, und dicke Tränen schossen der jungen Elfe in die Augen.

​Rresyna trat mit drohenden Schritten auf Aaghyl zu, die Augen zu Schlitzen verengt. »Ich habe es geahnt«, zischte sie ihm voller Verachtung ins Gesicht, »es ist dir auch schon als junger Mann schwergefallen, Regeln zu befolgen.«

​Aasaly trat zitternd dazwischen. »Was passiert mit Rresyna, Eefral und mir? Du weißt, dass die Herrscher uns auch bestrafen werden, Aaghyl«, flüsterte sie mit schierer Todesangst.

​Aaghyl blickte die drei Frauen voller Reue an. »Euch wird nichts geschehen.«

​»Das ist Unsinn«, fuhren Rresyna und Sinan zeitgleich dazwischen.

​»Nein, ist es nicht.« Er fixierte seine Tochter Eefral mit brennendem Ernst. »Du musst Litara von deiner Magie der Protektoren erzählen, wenn sie euch abholen lässt.«

​Ein Raunen ging durch den Raum. Diese spezifische Magie war im Magistrat eine absolute Rarität. Sie allein erlaubte es, magische Urmaterie zu formen, aus der Dämonen und willenlose Untote erschaffen wurden. Protektoren rangierten in der Hierarchie direkt unter den Herrschern.

​Sinan vergaß für einen Moment seinen Zorn und starrte das Mädchen fassungslos an. »Du beherrschst die Magie der Protektoren?«

​Eefral blickte hilfesuchend zu ihren Müttern, die ihr mit einem ernsten Nicken den Rücken stärkten. »Ja. Aber die Herrscher wissen nichts davon. Ich habe es nur meinen Müttern erzählt«, sie schluckte und sah zu Aaghyl, »und meinem Vater.«

​Alle Farbe wich aus Sinans Gesicht. »Damit hätte ich niemals gerechnet«, flüsterte er fassungslos.

​Aaghyl nickte. »Die Herrscher werden euch nicht bestrafen. Sie brauchen dringend Wesen mit diesem Zauber. Sie brauchen dich, Eefral. Sie werden darauf eingehen, wenn du sie bittest, euch zu verschonen. Du wirst dann von ihnen zu einer Protektorin ausgebildet.«

​Das junge Mädchen straffte trotz der Tränen ihre Uniform. »Ja, das weiß ich. Ich werde die Herrscher bitten, dich und Sinan nicht zu bestrafen.«

​»Nein. Davon werden die Herrscher nicht ablassen, dafür ist meine Schuld zu groß. Ich bedaure nur, dass Sinan Eldar für mein Versagen auch bestraft wird. Gleichzeitig bin ich froh, dass deine Mütter und du verschont werden.«

​»Ich werde nicht zulassen, dass ihr bestraft werdet. Niemals.«

​Aaghyl trat an sie heran, Schmerz in den Augen. »Du musst, Eefral. Es gibt keinen anderen Weg«, flehte ihr Vater.

​Aasaly strich sich über das bleiche Gesicht, von tiefer Resignation gezeichnet. »Wie sollen wir uns jetzt verhalten, Aaghyl?«

​»Euch wird noch nichts geschehen. Die Festungskommandantin wird erst nach unserer Bestrafung handeln. Bis es soweit ist, unternehmt nichts.«

​Rresyna ballte die Fäuste, die Untätigkeit fraß sie auf. »Ich kann hier nicht einfach so tatenlos rumsitzen«, stieß sie gereizt aus.

​»Aaghyl hat recht. Ihr müsst abwarten«, ertönte plötzlich Sinans Stimme ungewohnt heiser und gebrochen.

​Rresyna suchte seinen Blick. Sekundenlang sahen sie sich an, ehe die stolze Kriegerin langsam, fast unmerklich nickte.

​»Wir müssen aufbrechen«, drängte Aaghyl sanft. Ein letztes Mal schlossen die Frauen ihn weinend in die Arme, als könnten sie ihn vor seinem Schicksal bewahren. Mit einem abrupten Ruck riss er sich los und schritt ohne Blick zurück hinaus.

​Sinan Eldar blieb zurück und blickte Aasaly und Eefral mit flehendem Blick an. »Wenn ihr es erlaubt, dann würde ich gerne mit Rresyna noch allein sprechen.«

​»Ja, selbstverständlich«, antworteten die beiden Frauen leise und überließen ihnen den Raum.

​Der menschliche Sanguenritter räusperte sich mühsam, trat vor Rresyna und versuchte sich an einem schwachen, schmerzhaften Lächeln. »Ich muss dir noch ein paar Worte sagen. Als Untoter werde ich das wohl nicht mehr können.«

​»Ja?« Rresyna blickte tief in seine pechschwarzen Augen, in denen sich unendliche Trauer spiegelte.

​»Ja. Ich empfinde mehr für dich, als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Ich möchte nur, dass du das weißt.«

​Die Steinelfe vergaß jede kühle Distanz. Sie trat ganz dicht an ihn heran und legte behutsam eine Hand an seine Wange. »Ja, das weiß ich, Sinan. Auch ich fühle so. Ich werde dich nie vergessen«, hauchte sie.

​Ein kurzes, bittersüßes Aufblitzen von purem Glück durchfuhr dem Tode Geweihten. »Leider werden wir nie erfahren, wie unser Leben weitergegangen wäre.«

​»Wir wären ein schönes Paar geworden, Menschenmann.« Ihre Stimme brach, sie schluckte mühsam die Tränen hinunter und drückte ihre Lippen in einem langen, verzweifelten Kuss auf die seinen. »Du musst gehen.« Noch einmal strich ihre Hand über seine Haut. »Ich weiß nicht, was uns das Schicksal noch bescheren wird.« Sie zögerte kurz, ehe sie den rituellen Glaubenssatz flüsterte. »Doch glaube an die Weisheit der Herrscher.«

​Sinan nickte stumm, riss sich los und stürmte hinaus in den Gang, um den Tränen zu entgehen, die ihm in die Augen schossen. »Krieger weinen nicht«, schalt er sich im Stillen bitterlich.

​Rresyna warf sich auf ihr Lager, zog die Knie an die Brust und starrte weinend die Wand an. »Warum müssen sie Sinan so hart bestrafen?«, fragte sie sich immer und immer wieder.

​Wenig später passierte Aaghyl auf dem Rücken seines furchterregenden Reitdämons die Tore von Edderas. Sinan holte ihn bald ein, und nebeneinander ritten die beiden Sanguenritter in eisigem Schweigen ihrer endgültigen Exekution entgegen.

​Nach einer tagelangen, qualvollen Reise erreichten sie schließlich den gigantischen Palastturm von Muantur. Sie legten ihre Prunkrüstungen an und überquerten den monumentalen Vorplatz bewusst zu Fuß. Ein letztes Mal sollten die Wesen auf dem Platz sehen, dass zwei der größten Krieger des Magistrats erhobenen Hauptes abtraten.

​Doch als sie sich dem riesigen Portal näherten, stutzte Sinan. Eine Ehrenwache aus Ritternovizen hatte in voller Montur Aufstellung genommen, ein Zeremoniell, das ausschließlich für die glorreichsten Triumphe reserviert war.

​Er packte Aaghyls Arm und hielt ihn zurück. »Was ist hier los? Unsere Bestrafung kann doch unmöglich der Anlass dafür sein«, stellte er völlig irritiert fest und deutete auf die glänzenden Klingen der Wachen.

​»Nein, in der Tat«, erwiderte der Elf ebenso irritiert.

​Mit klopfenden Herzen schritten sie voran. Zu ihrem völligen Erstaunen rissen die Ritternovizen synchron ihre Schwerter zum Salut empor. Und es kam noch unbegreiflicher, der Portalwächter, der sie beim letzten Mal noch voller Abneigung empfangen hatte, verbeugte sich nun tief. »Seid willkommen, Erhabene. Ich habe alles für euren Empfang veranlasst.«

​Ehe sie das Gesehene verarbeiten konnten, schwebte eine massive Transportscheibe herab, flankiert von vier knienden Novizen. Sie betraten die Plattform und schossen empor in die schwindelerregenden Höhen der Halle der Herrscher an der Spitze des Turms.

​Beim Passieren der magischen Barriere geschah das Unvermeidliche. Ein vertrauter Schutzzauber löste ihre Waffen und schweren Rüstungen auf und kleidete sie stattdessen in schlichte, weiße Roben. Gemeinsam ließen sie sich vor dem Protektor von Muantur auf die Knie fallen. »Die Herrscher mögen dich leiten, Erhabener«, sprachen sie den Gruß.

​»Die Herrscher mögen euch leiten. Seid willkommen. Die Herrscher möchten euch sprechen.« Der Protektor wies mit einer feierlichen Geste auf die gewaltige, gewölbte Wand.

​Der wohlwollende Tonfall ließ Aaghyls Herz höherschlagen. »Werden wir doch nicht bestraft?« , keimte ein winziger Funke Hoffnung in ihm auf.

​Plötzlich schoss dichter, undurchdringlicher Nebel aus dem Boden und hüllte die beiden Sanguenritter komplett ein. Die Halle und der Protektor verschwanden. Aus dem weißen Nebel  ertönten zunächst flüsternd, dann machtvoll anschwellend die Stimmen der Herrscher, die ihre Namen widerhallen ließen.

​»Aaghyl, Sinan.«

​Die beiden Männer erstarrten in nackter Ehrfurcht. Während Aaghyl die Stimmen bereits einmal vernommen hatte, war es für Sinan das erste Mal. Der mentale Druck lähmte jeden klaren Gedanken in seinem Kopf.

​»Seid willkommen, Krieger. Wir haben neue Aufgaben für euch.«

​Sinan schluckte mühsam, ehe er mit zitternder, demütiger Stimme sprach: »Wir… wir werden nicht bestraft, Erhabene?«

​»Nein, wir haben euch eure Strafe erlassen, denn es gibt Wichtiges für euch zu erledigen.«

​Aaghyl spürte, wie eine schwere Last von ihm abfiel. Seine Familie war sicher, Sinan war gerettet. »Wir sind bereit, was immer ihr auch befiehlt, Erhabene.«

​»Nun hört, Sanguenritter. Wir sind dem Sieg über die westlichen Königreiche ganz nahe. Taelga ist wichtig für unseren Kampf und auch ihr, Aaghyl und Sinan Eldar. Ebenso wichtig ist deine Tochter Eefral, Aaghyl.«

​Fassungslos lauschten die beiden Freunde den körperlosen Stimmen.

​»Ja, Aaghyl, wir wissen von der Magie der Protektoren deiner Tochter. Das macht sie unverzichtbar für den Kampf. Mit ihr und der Macht Taelgas, die sie von der Sternengöttin der Waldelfen erhalten hat, werden wir siegreich sein.«

​Aaghyl hob verwirrt den Kopf. »Verzeiht, Erhabene. Ich verstehe nicht, wie die Macht der Sternengöttin uns hilfreich sein könnte?«

​»Du musst Eefral und Taelga zur Quelle der magischen Materie bringen. Mit Eefrals Hilfe wird es uns gelingen, die Magie der Quelle Taelga zu geben. Dann können wir die Sternengöttin bezwingen und der Sieg wird unser sein.«

​»Taelga wird uns nicht freiwillig folgen, Erhabene«, gab Aaghyl zu bedenken, da er um den unbändigen Willen der Waldelfe wusste.

​»Wir wissen, dass es nicht einfach sein wird. Die Sternengöttin wacht über sie. Aber ihr Gefühl für dich wird hilfreich sein. Das ist der Grund, warum wir deine Liebe zu ihr zugelassen haben.«

​Sinan Eldar stand der Mund offen. Die Herrscher hatten alles im Voraus geplant. Selbst Aaghyls vermeintlicher Fehltritt war Teil ihres monumentalen Plans gewesen. Er war unendlich erleichtert, dem Schicksal eines Untoten entronnen zu sein.

​»Sinan Eldar, du wirst Aaghyl beistehen.«

​»Das werde ich, Erhabene«, gelobte er demütig.

​»Nun geht. Es ist alles gesagt.«

​Der Nebel riss so abrupt auf, wie er gekommen war. Die Sanguenritter knieten blinzelnd wieder auf dem kalten Marmorboden vor dem Protektor von Muantur.

​Dieser blickte mit einem feinen Lächeln auf sie herab. »Ihr habt nun wieder alle Ehren, die euch als Sanguenritter der Festung Edderas zustehen. Der Oberbefehl über die Truppen der Herrscher bleibt dir aber weiterhin versagt, Aaghyl. Geht nun. Seid erfolgreich. Die Herrscher mögen euch leiten.«

​Wenige Stunden später ritten die begnadigten Sanguenritter schweigend den Weg zurück zur Festung Edderas. An einer uralten Steinbrücke, die einen reißenden, breiten Fluss überspannte, hielten sie an.

​Aaghyl trat an das Brückengeländer und musterte seinen Kameraden von der Seite. »Was geht in dir vor, Sinan?«

​Der Mensch starrte lange in die Fluten. »Das ist schwer zu sagen. Ich bin einerseits erleichtert und andererseits verwirrt. Ich bin erleichtert darüber, dass ich weiterhin für die Herrscher kämpfen darf. Aber ich bin auch verwirrt über diese überraschende Wendung.«

​»Ja, ich stimme dir zu, mir ergeht es nicht anders.«

​Sinan drehte sich um und sah ihm fest in die Augen. »Ich habe geglaubt, du hast mich verraten. Du hast unsere Freundschaft missbraucht. Doch die Herrscher haben mir gezeigt, dass ich ihre Weisheit nicht verstanden habe.«

​»Ich hätte dich einweihen müssen«, gab der Steinelf zerknirscht zu.

​»Das hättest du. Aber ich verzeihe dir. Es wird aber einige Zeit dauern, bis ich dir wieder so vertrauen werde, wie ich es in der Vergangenheit getan habe.«

​Aaghyl atmete auf und streckte ihm die Hand entgegen. Sinan Eldar schlug mit einem festen Griff ein. »Sinan, ich verspreche dir, alles zu tun, um dein Vertrauen wieder zu erlangen. Ich werde unsere Freundschaft nie wieder gefährden.«

​Der Mensch drückte die Hand des Elfen fest und ein echtes Lächeln stieg in ihm auf, als er an die Festung dachte. »Dann lass uns jetzt nach Edderas reiten, Aaghyl.« Denn dort wartete Rresyna auf ihn und diesmal gab es eine Zukunft für sie.

 

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