Kapitel 25 Die Quelle

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 25

 

Die Quelle

»Wir haben unser Ziel erreicht, nun werde ich den Herrschern dienen und meinen Auftrag erfüllen.«

(Protektorin von Edderas)

 

​Die Protektor von Muantur näherte sich ihrem Ziel. Kapitänin Yyehal stand auf ihrer Brücke. Sie hatte Aaghyl und seine Begleiter an Deck gebeten. Der Sanguenritter stand nun neben Yyehal und blickte angestrengt in den dichten Nebel.

​»Warst du schon einmal an der Quelle?«, fragte er die Kapitänin.

​»Ja, schon einige Male.«

​»Wie ist es dort?«

​»Sehr furchteinflößend. Kurz vor der Quelle lichtet sich der Nebel. Das Meer ist dort sehr aufgewühlt und es ist ein riesiger Strudel zu sehen. Ein blaues Licht umgibt diesen Ort. Kein Schiff, das zu nahekommt, kann diese Naturgewalt überstehen.«

​Aaghyl sah Yyehal ungläubig an. »Aber du sagtest, du warst schon einige Male dort. Wie hast du es überstanden?«

​»Einem Schiff der Herrscher passiert dort nichts. Ich weiß nicht genau, wie das möglich ist. Wenn wir nahe genug an dem blauen Licht sind, verschwindet der riesige Strudel scheinbar. Das Meer ist ruhig und wir werden eine große Insel sehen. Auf ihr befindet sich die magische Materie, die dann geerntet werden kann.«

​»Und Schiffe der westlichen Königreiche können diese Insel nicht erreichen?«

​»Nein, sie werden in den Strudel gesogen und werden nie wieder gesehen.«

​»Ich verstehe. Die Herrscher haben die Quelle gut geschützt.«

​Aaghyls Gefährten standen an der Reling der Protektor von Muantur. Yyehal hatte angekündigt, dass das Schiff den Nebel bald verlassen würde.

​Plötzlich, von einem Augenblick zum anderen, war der dichte Nebel verschwunden. Starker Seegang ließ das Schiff auf den Wellen tanzen. Gicht spritzte auf das Deck. Von all dem schienen sie nichts zu bemerken. Wie gebannt starrten sie auf das Schauspiel, das sich ihnen bot. Ein riesiger Strudel bewegte das Meer; mit donnerndem Getöse stürzte das Wasser in den Trichter in der Mitte. Ein strahlendes, hellblaues Licht leuchtete aus dem Trichter.

​»Bei den Herrschern, so habe ich mir das nicht vorgestellt«, rief Rresyna laut. Ihre Stimme war bei diesem Lärm kaum zu hören.

​»Wir fahren genau darauf zu«, schrie Se´lira entsetzt.

​Aasaly und Eefral umklammerten sich hilflos. Ta´elga sah zur Brücke hinauf. Aaghyl zeigte mit einer beruhigenden Geste an, dass keine Gefahr bestand.

​Alle starrten wie gebannt auf dieses gewaltige Naturschauspiel, während das Schiff sich dem Strudel schnell näherte.

​Die Nebelbrecher hatte das feindliche Schiff schon einige Zeit verfolgt. Kapitän Benger war überzeugt, dass es zur Quelle der magischen Materie unterwegs war. Der Nebel ließ keinen Blick auf den Feind zu, aber die Horchposten registrierten jede Kursänderung. Das Schiff des Magistrats konnte nicht entkommen.

​Plötzlich lichtete sich der Nebel und gab den Blick auf die große Galeere frei. Sie hatte alle Segel gesetzt, und die Ruder bewegten sich.

​Der Kapitän war überwältigt. Nicht von dem feindlichen Schiff, sondern von dem Naturschauspiel, welches sich ihm jetzt bot.

​Ein riesiger Strudel, der blau strahlte, tat sich vor seinen Augen auf. Er konnte das Erschrecken in den Gesichtern seiner Besatzung erkennen.

​Nach wenigen Sekunden hatte Benger sich wieder gefasst. Er sah, dass die Galeere schnurstracks auf den Strudel zufuhr.

​»Was machen die denn da?«, rief sein erster Offizier ungläubig.

​Der Kapitän reagierte. »Maschine, volle Fahrt voraus. Geschütze, Feuer, wenn bereit.«

​Die Nebelbrecher holte schnell auf; mit einem donnernden Geräusch entluden sich die Buggeschütze. Gespannt beobachtete die Besatzung das feindliche Schiff. Als die Geschosse dort in das Heck einschlugen und ein riesiges Loch hinterließen, brach auf der Nebelbrecher Jubel aus.

​»Treffer! Wir haben sie getroffen!«, schrie der erste Offizier voller Freude.

​Benger beobachtete die Galeere weiter. Sie setzte ihre Fahrt scheinbar ungerührt fort, und plötzlich war sie seinen Blicken entschwunden.

​Auch der erste Offizier bemerkte das. »Was… wohin sind sie verschwunden?«

​Die Nebelbrecher fuhr immer noch mit voller Kraft auf den Strudel zu.

​»Steuer, hart backbord«, befahl der Kapitän schnell.

​Es war zu spät, die Nebelbrecher hatte den Strudel erreicht.

​Die Protektor von Muantur fuhr schnell auf den gewaltigen Strudel zu. Aaghyl hatte gerade die Brücke verlassen, als hinter dem Schiff ein lautes Donnern zu hören war. Kurz darauf waren das Bersten von Holz und Schreie zu vernehmen. Irgendjemand rief voller Entsetzen: »Wir wurden getroffen.«

​Instinktiv hatten die Sanguenritter ihre Schutzzauber aktiviert. Alle sahen zur Brücke hinauf. Sie war völlig zerstört. Yyehal und die Steinelfen, die sich auf der Brücke befunden hatten, lagen blutend vor ihnen auf dem Deck. Sofort eilten By´wala und Se´lira zu ihnen. Die beiden Elfenfrauen waren Heilerinnen und kümmerten sich um die Verwundeten.

​»Was war das?«, fragte Rresyna aufgebracht.

​Ta´elga benutzte ihre Magie der Gleichzeitigkeit, um zu sehen, was die Protektor von Muantur getroffen hatte. Sie sah leblose Körper im Wasser treiben und erhaschte für einen kurzen Augenblick ein fremdartiges Schiff. In diesem Moment hatte die Protektor das blaue Licht erreicht. Der Strudel und das aufgewühlte Meer waren plötzlich verschwunden.

​»Dort, seht«, rief Eefral, »die Insel!«

​Trotz der starken Beschädigung des Schiffes fuhr es mit unverminderter Fahrt auf die Insel zu.

​»Wir müssen die Protektor verlassen!«, rief Aasaly.

​Die Protektor war dem Strand schon recht nahegekommen, als sie auf Grund lief. Es gab einen gewaltigen Ruck und sie wurden über das Deck geschleudert. Die Protektor ächzte und legte sich dann langsam zur Seite.

​»Los, runter vom Schiff. Nehmt die Verwundeten mit«, befahl Aaghyl.

​By´wala und Se´lira packten Yyehal und sprangen in das flache Wasser. Aaghyl und die anderen kamen hinterher. Sie hatten keine weiteren Überlebenden gefunden.

​Schnell erreichten alle erschöpft den breiten Strand und ließen sich in den feinen, weißen Sand fallen.

​Der Steinelfenmann wandte sich an die beiden Waldelfenfrauen, die sich um die Kapitänin der Protektor von Muantur kümmerten.

​»Wie geht es Yyehal?«

​»Wir konnten ihre Verletzungen heilen«, antwortete By´wala.

​»Sie ist noch bewusstlos, aber sie wird wieder vollständig gesund«, fügte Se´lira hinzu.

​Aaghyl atmete erleichtert auf.

​Sinan Eldar richtete sich plötzlich auf und zeigte auf das Meer hinaus. »Was ist das da?«, fragte er erregt.

​Alle Blicke richteten sich auf die See hinaus.

​»Kurz bevor wir in die Quelle fuhren, habe ich es kurz gesehen«, erklärte Ta´elga.

​»Ist das ein Schiff?«, fragte Da´ral.

​»Ja, aber ein seltsames Schiff«, äußerte Burh’an.

​Obwohl die Nebelbrecher mit voller Kraft hart backbord fuhr, gelang es nicht zu verhindern, dass sie unaufhörlich auf den Strudel zufuhr.

​Kapitän Benger war in diesem Moment klar, dass das Schiff und die Besatzung verloren waren. Er war genauso gescheitert, wie alle Schiffe der Union schon vor ihm, dachte er noch.

​Dann erreichte die Nebelbrecher das blaue Licht. Das Donnern des Strudels war jetzt ohrenbetäubend laut.

​Doch wider Erwarten wurde das Schiff nicht in diese Naturgewalt gesogen. Der Kapitän erfasste schnell, dass sie gerettet waren. Die See war plötzlich ruhig und sein Blick fiel auf die Insel.

​»Wo kommt denn die Insel plötzlich her?«, fragte sein erster Offizier staunend und erleichtert zugleich.

​Auf dem Eiland erhob sich ein hoher Tafelberg, davor befand sich ein breiter Strand. Strahlend blau leuchtete es über dem Gipfel.

​»Maschine, voller Stopp«, befahl Benger.

​Die Nebelbrecher kam zum Stehen.

​»Dort am Strand liegt das feindliche Schiff. Sollen wir angreifen, Kapitän?«, fragte der erste Offizier. Das feindliche Schiff hatte schwere Schäden davongetragen. Der gesamte Heckaufbau war zerstört. Die Masten waren zerbrochen und es hatte sich zur Seite geneigt.

​Kapitän Benger zögerte einen Moment. »Nein, es ist schwer getroffen. Ich glaube nicht, dass es noch eine Gefahr für uns ist. Wir beobachten erst einmal.«

​Ta´elga sah sich dieses fremdartige Schiff mit ihrer Gleichzeitigkeitsmagie an. Sie sah jede Einzelheit und hörte den Menschen einige Zeit zu.

​»Es ist ein Schiff der westlichen Königreiche, genauer gesagt, es kommt aus Minae. Soweit ich feststellen konnte, sind dort nur Menschen an Bord. Dieses Schiff ist nicht aus Holz gebaut, es gibt keine Ruder und auch keine Segel. Wie es fortbewegt wird, konnte ich nicht sehen. Die Menschen sind unschlüssig, wie sie jetzt vorgehen werden. Sie beobachten uns. Dieses Schiff hat uns beschossen. Die Menschen haben neuartige Waffen gebaut, sie nennen sie Kanonen«, berichtete Ta´elga erstaunt.

​»Können wir sie angreifen?«, fragte Rresyna.

​»Nein, unsere Magie reicht nicht so weit«, antwortete die Botschafterin.

​»Was sollen wir jetzt machen?«, fragte Eefral.

​»Uns bleibt nichts anderes übrig als zu warten«, sagte Aaghyl.

​»Wieder einmal warten. Das habe ich auf unserer Reise schon oft gemacht«, äußerte die Steinelfenjägerin ihren Unmut.

​»Was schlägst du vor?« Ta´elga sah Rresyna auffordernd an.

​»Du bist eine Generalin der Union. Der Kapitän muss deinen Befehlen gehorchen. Sag ihm, dass du hier bist.«

​»Wir müssen ihm irgendwie ein Zeichen geben«, schlug Burh´an vor.

​»Ihr habt recht. Ich weiß nur nicht wie«, sagte Ta´elga nachdenklich.

​Inzwischen war Yyehal aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht. Sie richtete sich auf und sah sich um. »Was ist passiert?« Dann fiel ihr Blick auf die havarierte Protektor von Muantur. »Mein Schiff, es ist zerstört«, rief sie erschüttert.

​Se´lira und By´wala berichteten ihr, was bisher geschehen war. Inzwischen hatte auch Aaghyl bemerkt, dass Yyehal erwacht war.

​»Ich bin froh, dass es dir wieder gut geht.«

​»Wie geht es meiner Besatzung?«

​»Viele Untote und Dämonen sind verloren. Einige von ihnen sind noch unter Deck. Leider sind die lebenden Wesen entweder tot oder verschollen. Wir konnten keine Überlebenden mehr finden«, erklärte der Steinelfenmann.

​Die Kapitänin blickte auf das Meer hinaus. »Was ist das für ein Schiff?«

​»Das ist ein neuartiges Schiff der Union«, sagte Ta´elga.

​»Hast du es hierher geführt? Hast du uns abermals verraten, Waldelfe?« Yyehal sah Ta´elga zornig an.

​»Nein, das habe ich nicht. Ich habe mit dem Schiff nichts zu tun«, entgegnete sie genauso zornig.

​»Wir werden sehen, wir werden sehen«, flüsterte die Kapitänin erschöpft.

​»Wir sollten uns nicht streiten. Unsere Aufgabe ist noch nicht beendet. Wir sollten uns darauf konzentrieren«, gab Eefral zu bedenken.

​»Ich stimme der Protektorin zu. Alles andere können wir später regeln«, sagte die Kapitänin und bedachte die Sanguenritterin mit einem wütenden Blick.

​Yyehal zeigte auf eine Stelle am Fuß des Tafelberges. »Wir müssen dorthin, da beginnt der Aufstieg zur Quelle.«

​»Bist du schon in der Lage, dorthin aufzusteigen?«, fragte Aaghyl die Steinelfenfrau besorgt.

​»Ja, ich bin zwar noch ein wenig erschöpft, aber ich werde es schaffen.«

​Kapitän Benger beobachtete den Strand durch sein Fernrohr. »Es haben wohl nur wenige Wesen unseren Angriff überlebt. Ich kann Elfen und einen Menschen erkennen. Es scheint so, dass Waldelfen unter ihnen sind.«

​»Wieso sind die Waldelfen dort?«, fragte der erste Offizier erstaunt.

​»Hm… keine Ahnung. Vielleicht sind sie Gefangene.«

​Benger setzte das Fernrohr ab. »Wir werden zur Insel übersetzen. Wir nehmen einen Trupp Soldaten mit.«

​Die Elfen und der Mensch standen am Fuß des Tafelberges. Hier begann eine in den Fels gehauene Treppe.

​»Die Stufen führen um den Berg herum. Es wird ein langer Aufstieg«, erklärte Yyehal.

​Rresyna betrachtete die Treppe skeptisch. Dann zuckte sie mit den Schultern. »Wenigstens geht es wieder aufwärts.«

​»Komm, Jägerin, gehen wir. Ich bin gespannt, wie es dort oben aussieht«, forderte Sinan Eldar die Steinelfenfrau auf. Rresyna nickte zustimmend. Die beiden betraten als Erste die Felsentreppe.

​Von der Nebelbrecher startete ein Beiboot. An Bord waren der Kapitän und eine Handvoll Soldaten. Bewaffnet waren sie nur mit Schwertern. Als das Boot den Strand erreichte, war dort kein Wesen zu sehen. Benger sah sich um und entdeckte die feindliche Gruppe, die hoch im Felsen aufstieg. Er zeigte auf die Elfen und den Menschen. »Da sind sie. Wir folgen ihnen«, befahl er.

​Ta´elga entdeckte die Menschen, die über den Strand zum Berg liefen, zuerst. »Die Unionskrieger folgen uns«, rief sie.

​»Hier können wir nicht kämpfen. Wir müssen uns beeilen. Wenn wir oben sind, werden Sinan und ich sie aufhalten«, sagte Aaghyl.

​»Ich werde mit euch kämpfen. Meine Pfeile brauchen dringend Feinde, in die sie sich bohren können«, äußerte Rresyna entschlossen.

​»Wir werden dich davon nicht abhalten können.«

​»Nein, Sinan, das könnt ihr nicht.«

​Die kleine Gruppe erhöhte ihr Tempo. Sie wollte so schnell wie möglich den Gipfel erreichen.

​Kapitän Benger und seine Soldaten standen am Fuß der Treppe. Von den feindlichen Wesen war von hier unten nichts mehr zu sehen.

​»Das wird ein beschwerlicher Aufstieg«, merkte einer der Soldaten an.

​»Unsere Feinde haben einen großen Vorsprung. Wir müssen uns beeilen«, sagte Benger.

​»Die Elfen werden uns mit ihrer Magie bekämpfen«, sprach ein Soldat.

​Der Kapitän nickte zustimmend. »Wir werden vorsichtig sein müssen und auf den Abstand zu ihnen achten. Wir wollen nur beobachten. Machen wir uns auf den Weg.«

​Die Felsentreppe war schmal. Die Stufen waren schon sehr ausgetreten und etwas schlüpfrig. Der Aufstieg war beschwerlich, und sie kamen nur langsam voran. Dar´al, der am Ende ging, drehte sich immer wieder um. Doch die Unionssoldaten waren nicht zu sehen.

​Die Stufen führten spiralförmig um den Tafelberg herum und endeten auf einem großen Plateau. Hier wuchs nichts, der Felsenboden war von mehreren großen Rissen durchzogen. In der Mitte befand sich ein riesiger Steinkreis, aus dem sich ein greller, blauer Lichtstrahl in den Himmel ausbreitete.

​Sie hatten den schweren Aufstieg geschafft. Yyehal ließ sich erschöpft zu Boden sinken. Aaghyl, Sinan Eldar und Rresyna postierten sich am Ende der Stufen. Alle schauten staunend auf den Steinkreis.

​»Wir haben es endlich geschafft. Wir sind an der Quelle«, sagte Eefral ehrfürchtig.

​»Das erinnert mich an unsere Sternenbrunnen.« Ta´elga zeigte auf den Steinkreis.

​»Was ist ein Sternenbrunnen?«, fragte die Protektorin.

​»An den Sternenbrunnen sprechen wir mit unseren Göttinnen. Die Quelle hat eine gewisse Ähnlichkeit mit ihnen«, erklärte die Botschafterin Ahlunahs.

​»Was passiert jetzt?«, fragte Dar´al.

​»Ich weiß es nicht. Vielleicht sollten wir näher rangehen«, schlug Aaghyls Tochter vor.

​Burh’an hatte sich etwas abseits auf den Boden gesetzt. Er nahm sein Malwerkzeug und begann eine Karte zu zeichnen.

​»Wir müssen näher an die Quelle heran. Dort werden wir erwartet«, äußerte By´wala plötzlich.

​»Von wem werden wir erwartet? Woher weißt du das?«, fragte Ta´elga erstaunt.

​Die Ordonnanzoffizierin zuckte nur mit den Schultern und zeigte auf die Quelle. »Gehen wir.«

​»Ja, gehen wir«, sagte Aasaly.

​»Nein. Eefral, Ta´elga und ich müssen allein dorthin. Ich spüre, dass wir drei für die Erfüllung wichtig sind. Nur wir drei. Ich kann es nicht weiter erklären.«

​Ta´elga kannte By´wala gut und vertraute ihr. Sie wusste, dass ihre Ordonnanzoffizierin hin und wieder Visionen hatte, die ihr einen kurzen Blick auf künftige Ereignisse erlaubten.

​Eefral sah ihre Mutter fragend an. »Was meinst du?«

​»Ich würde dich gerne begleiten, aber es scheint vorbestimmt, dass du allein mit den Waldelfen dorthin gehen musst. Die Herrscher werden dich schützen.«

​Die Protektorin blickte die Waldelfenfrauen nachdenklich an. »Na gut, gehen wir.«

​Rresyna, die das Gespräch mitbekommen hatte, nahm ihren Bogen und legte einen Pfeil auf. Dann zielte sie auf die ehemalige Sanguenritterin.

​»Was machst du da?«, fragte Sinan Eldar bestürzt.

​»Ich werde Eefral beschützen. Wenn die zwei Waldelfen ihr etwas antun, dann bekommen sie meine Pfeile zu spüren«, antwortete sie entschlossen.

​»Rresyna…«, setzte Aaghyl an.

​»Versuch nicht, mich davon abzuhalten.«

​Der Steinelfenmann spürte die Entschlossenheit der Jägerin. »Ich bitte dich nur, handle nicht voreilig.« Rresyna nickte zustimmend.

​Langsam gingen Eefral, By´wala und Ta´elga auf den Steinkreis zu. Die drei Frauen waren angespannt. Keine von ihnen wusste, was dort passieren würde.

​Die anderen beobachteten die drei Elfenfrauen aufmerksam. Rresynas Pfeil folgte jeder Bewegung Ta´elgas.

​By´wala ging zwischen den beiden Frauen auf den Steinkreis zu. Sie spürte, dass sich etwas Unbekanntes in ihr Bewusstsein drängen wollte. Noch konnte sie sich dagegen wehren, es wurde aber immer schwerer, je näher sie der Quelle kam.

​Ta´elga spürte das leichte Zögern ihrer Ordonnanzoffizierin. »By´wala, ist alles in Ordnung?«, fragte sie besorgt.

​»Ja… ich kann die Quelle spüren. Irgendetwas passiert mit mir.«

​Eefral sah die Waldelfenfrau ungeduldig an. »Möchtest du umkehren? Taelga und ich können allein weitergehen.«

​»Nein. Ich muss bei euch bleiben. Ich fühle, dass ich dabei sein muss, damit ihr eure Aufgabe erfüllen könnt.«

​»Gut. Dann lasst uns nicht mehr zögern«, sprach die Protektorin und beschleunigte ihren Schritt.

​Die beiden Waldelfenfrauen schlossen zu der Steinelfe auf, und bald hatten sie das Steinrund erreicht.

​Das aus der Quelle aufsteigende Licht war sehr hell, und die drei Frauen mussten sich anstrengen, etwas zu erkennen. Innerhalb des Kreises waberte die magische Materie, von ihr ging das hellblaue Licht aus.

​Eefral und Ta´elga schauten ratlos in die brodelnde Masse. In dem Moment, in dem By´wala auf die magische Materie blickte, kamen ihre Erinnerungen wieder. Jetzt wusste sie wieder, wer sie war und warum sie hier war.

​»Reicht mir eure Hände, ich weiß jetzt, was zu tun ist«, forderte sie ihre Begleiterinnen auf.

​»Woher weißt du denn, was zu tun ist?«, fragte die Protektorin aufgebracht, »du bist nur eine Waldelfe.«

​»Ich erkläre das später. Nun lasst uns einfach beginnen.«

​Die ehemalige Sanguenritterin nickte der Protektorin auffordernd zu. Die junge Steinelfenfrau war skeptisch, doch dann ergriff sie gemeinsam mit Ta´elga die Hände der Ordonnanzoffizierin. Sie spürten ihren festen Händedruck.

​Plötzlich hörte Eefral die Stimmen der Herrscher. »Du hast deinen Auftrag fast erfüllt, Protektorin. Taelga ist hier und sie trägt die Macht der Sternengöttin in sich. Wir geben dir nun unsere Macht, damit du deinen Auftrag erfolgreich beenden kannst. Nun töte die Waldelfe, dann gehört die Magie der Sternengöttin uns und wir beenden den Krieg.«

​Im selben Moment konnte Ta´elga die sanfte Stimme Ahlunahs hören. »Ta´elga, meine Tochter, du hast es erreicht. Wir können diesen Krieg nun beenden. Leider musst du Eefral töten. Dieser Gedanke betrübt mich. Es tut mir leid um die Steinelfenfrau und es tut mir leid, dass ich dir das zumuten muss. Die Herrscher haben Eefral ihre Magie gegeben, um dich besiegen zu können. Stirbt sie, dann sterben die Herrscher mit ihr. Zögere nicht, nutze jetzt meine Macht. Es ist leider notwendig. Es gibt keinen anderen Weg.«

​»Doch, es gibt einen anderen Weg«, rief By´wala dazwischen. Sie hatte die Stimmen der Herrscher und der Sternengöttin auch gehört. »Niemand von uns muss hier und jetzt sterben. Ich bin hier, um unseren Plan zu erfüllen.«

​Eefral und Ta´elga ließen By´walas Hände los und sahen die Waldelfenfrau überrascht an.

​Sie hatte sich verändert. Ein strahlend weißes Licht umschloss sie, undeutlich waren ihre Umrisse zu sehen. Die Stimmen der Herrscher und der Sternengöttin waren verstummt.

Währenddessen, verborgen auf einer völlig anderen, kosmischen Ebene des Daseins, vollzog sich das unaufhaltsame, endgültige Ende der Herrscher. Die Luft war schwer von schwindender Magie.

​»Es war ein Fehler. Unser Plan ist gescheitert«, rief Herrscher eins entsetzt, während das Fundament ihrer Macht in sich zusammenbrach.

​»Wir müssen Eefral und Taelga töten, dann bekommen wir unsere Macht zurück«, schrie Herrscher drei verzweifelt, die Angst kaum verbergend.

​»Das werden wir verhindern.« 

Ein eisiger Schauer durchfuhr die Herrscher, als eine neue, unbekannte Stimme die endlose Leere durchschnitt.

​»Wer wagt es, sich uns entgegenzustellen?«, fragte Herrscher drei zornig, unfähig, die aufkeimende Panik in seiner Stimme zu verbergen.

​Aus dem Nichts manifestierte sich ein blendendes Licht. »Ich bin Aluhna, die Sternengöttin der Waldelfen. Wir Göttinnen werden euch aufhalten.«

​»Halt«, donnerte eine weitere Stimme durch die Zwischenebene, so gewaltig, dass die Realität selbst Risse bekam. »Genug der Kämpfe.«

​Die ohnehin schon schwindende Energie der Herrscher verpuffte im Bruchteil einer Sekunde zu nichts.

​»Ihr habt nun keine Macht mehr. Es wird Zeit für euch, sich mit uns zu vereinigen«, sprach die neue Stimme weiter, kühl, unerbittlich und absolut.

Die Worte hallten wider wie das Echo einer sterbenden Epoche, getragen von einer uralten, überwältigenden Präsenz, die den Raum vollkommen ausfüllte.

​»Wir sind das aufgestiegene Urvolk. Die Göttinnen der Waldelfen und ihr seid Teile von uns. Mit Hilfe von By’wala, Ta’elga und Eefral konnten wir den Kreis der Gewalt durchbrechen. Nun kehrt ihr zurück.«

​»Nein, wir weigern uns«, riefen die Herrscher aufbegehrend. Sie bäumten sich ein letztes Mal gegen ihr Schicksal auf, doch ihr Widerstand war nicht mehr als ein letztes Flackern im Sturm.

​»Ihr habt keine Wahl«, erwiderte die unerbittliche Stimme des Urvolks, und das Urteil schnitt scharf durch die Dimensionen. »Eure Macht besitzt nun Eefral, ohne eure dunkle Seite.«

​Ein plötzlicher, goldener Glanz legte sich um die Gestalten der Göttinnen. Aluhna spürte, wie sich die Fesseln ihrer bisherigen Existenz zu lösen begannen.

​»Was geschieht mit uns?«, fragte Aluhna.

​»Eure Aufgabe ist erfüllt. Eure Macht gehört nun Ta’elga. Ihr Göttinnen dürft nun aufsteigen.«

​Die Welt um sie herum begann zu verblassen, und die Unendlichkeit öffnete sich. Doch bevor sie ganz verschwand, warf Aluhna einen letzten, brennenden Blick hinab ins Ungewisse.

​»Wie geht es auf der Welt weiter?«

​»By’wala bleibt bei Eefral und Ta’elga«, klang die Antwort wie ein feierlicher Schwur durch die schwindende Ebene. »Sie hat unsere Magie und wird die beiden Elfenfrauen unterstützen. Es obliegt nun ihnen, eine neue, friedliche Welt zu schaffen.«

»Wartet noch. Ich werde noch mit Ta’elga sprechen.«

Die drei Elfenfrauen bemerkten nicht, was mit den Herrschern und den Göttinnen geschehen war.

»By´wala, was passiert mit dir?«, rief Ta´elga erschrocken.

»Es ist alles in Ordnung. Ich bin nicht mehr By´wala und doch bin ich es immer noch.«

​»Was ist mit dir geschehen? Wer bist du?«, fragte Eefral ebenso erschrocken wie Ta´elga.

​»Ich bin eine Ganlie, ein aufgestiegenes Wesen aus dem Urvolk, das einst auf dieser Welt lebte.«

​»Wie ist das möglich?«, fragte die ehemalige Ritterin staunend.

​»Ta´elga, du kennst unsere Geschichte. Mog’il hat sie dir erzählt…«

​»Was ist eine Ganlie? Wer ist dieses Urvolk?«, unterbrach Eefral.

​»Hört mich an, dann werdet ihr meine Geschichte erfahren. Die Ganlies bevölkerten diese Welt lange vor euch. Unter uns fanden zerstörerische Kriege statt, die uns fast die Existenz kosteten. Eines Tages entdeckten unsere Forscher, dass wir mithilfe unserer Magie eine andere Existenzebene erreichen konnten. Doch bevor wir aufstiegen, haben wir unsere dunkle Magie hier zurückgelassen. Sie hatte uns fast vernichtet. Daher beschlossen wir, sie tief in unserer Welt einzuschließen. So konnten wir als reine Wesen aufsteigen.

​Doch diese Welt zerbrach, die Quelle entstand und die Herrscher wurden geboren. All unsere dunkle Magie manifestierte sich in der magischen Materie und den Herrschern. Die Welt, die wir kannten, gab es nicht mehr.

​Wir waren entsetzt. Das hatten wir nicht beabsichtigt. Wir konnten es nicht mehr rückgängig machen. Wir suchten einen Weg, um zu verhindern, dass das Böse unsere alte Welt für immer beherrscht und unsere Nachkommen versklaven würde. Die Herrscher wollten uns folgen und brauchten dafür die Magie der Elfen und der anderen Völker, die mittlerweile auf unserer Welt entstanden waren. Wir haben mit unserem Aufstieg große Schuld auf uns geladen.

​Eines Tages entschlossen wir uns, die Göttinnen der Waldelfen zu erschaffen, um ein Gleichgewicht zu den Herrschern entstehen zu lassen. So sollte das Schlimmste verhindert werden. Das war möglich, weil die Waldelfen starke Magie beherrschen konnten und in ihnen bestimmte Merkmale vorhanden waren, die sie zu mächtigen Wesen machen würden.«

​Erschüttert von dem Gehörten ließ sich die Protektorin auf den Boden sinken und unterbrach die Ganlie abermals. »Du sagst, die Herrscher und die Quelle sind aus eurer dunklen Magie entstanden?«

​»Ja, Eefral, so ist es.«

​»Aber wir sind nicht böse. Wir Steinelfen wollten keinen Krieg. Die westlichen Königreiche lassen uns keine Wahl.«

​»Ich weiß, Eefral. Ihr seid nicht böse, aber die Herrscher sind es. Sie brauchten die Magie der Elfen, um uns eines Tages folgen zu können.«

​Eefral war den Tränen nahe; das Entsetzen über By´walas Erzählung war ihr deutlich anzusehen. »Das kann nicht sein«, flüsterte sie, »das kann nicht sein.«

​Aaghyls Tochter tat Ta´elga leid. »Was passiert jetzt, By´wala?«

​»Mein Auftrag war es, euch eines Tages hierher zu führen. Nur ihr beide seid in der Lage, die Magie der Herrscher und der Göttinnen in euch aufzunehmen. Diesen Plan haben wir schon lange vor eurer Geburt beschlossen. Ich wurde auf diese Welt geschickt, um eure Welt zu retten. Ich wurde als Waldelfe geboren, ohne Erinnerung an meine Existenz als Ganlie. Erst hier und jetzt wusste ich plötzlich wieder, wer ich bin.«

​Ta´elgas Gesicht versteinerte sich. »Das Gefühl kenne ich.«

​»Ja, ich weiß. Jetzt werden wir die dunkle Magie wieder in uns aufnehmen. Es war ein großer Fehler, sie hier zu lassen. Jetzt können wir diesen Fehler wiedergutmachen. Die Herrscher wird es nicht mehr geben und auch die Göttinnen nicht mehr.«

​»Was wird aus uns? Die Herrscher leiten uns, wir brauchen sie. Wie sollen wir künftig ohne sie leben?«, fragte Eefral mit tränenerstickter Stimme.

​»Ohne unsere Göttinnen wird es auch für uns schwer werden«, befürchtete Ta´elga.

​»Ja, das wird es. Die Steinelfen und die Waldelfen müssen eine neue Zukunft schaffen, eine neue Welt aufbauen. Es liegt an euch beiden, den Elfen dabei zu helfen.«

​»Wie das?«, fragte Eefral, immer noch erschüttert.

​»Die Ganlies geben dir reine Magie, die so stark sein wird wie die der Herrscher, aber ohne ihre dunkle Macht. Und du, Ta´elga, hast immer noch die Macht der Sternengöttin. Es wird sich alles ändern, diese Welt wird sich verändern. Ich werde euch dabei unterstützen. Ich habe mich entschlossen, bei euch zu bleiben. Ich sollte nach Erfüllung unseres Plans wieder zurückkehren. Aber mir gefällt das Leben hier, und mit meinen Fähigkeiten, die ich als Ganlie besitze, bin ich sicher eine große Hilfe.«

​Ta´elga sah die Ganlie nachdenklich an. »Kann ich noch einmal mit Ahlunah sprechen?«

​By´wala nickte bejahend, und plötzlich befand sich Ta´elga auf der Lichtung, auf der sie die Sternengöttin das erste Mal getroffen hatte.

​»Ich grüße dich, meine Tochter«, wurde sie von Ahlunah lächelnd begrüßt.

​»Du und die anderen Göttinnen müssen gehen?«

​»Ja, unsere Aufgabe ist beendet.«

​»Das ist dann wohl unser Abschied?«

​»Ja, Ta´elga. Vorerst. Wir werden uns nach deinem Aufstieg wiedersehen. Ich hoffe, das liegt noch in weiter Ferne.«

​»Das hoffe ich auch. Ich bin aber traurig, dass ihr Göttinnen nicht mehr bei uns sein werdet.«

​»Sei nicht traurig, meine Tochter. Wir freuen uns auf unseren Aufstieg. Wir haben lange darauf gewartet.«

​»Aber die Zukunft wird schwer für uns werden. Ohne euch wird sie ungleich schwerer.«

​»Ja, das wird sie, aber Eefral, By´wala und du werden unserer Welt den lang ersehnten Frieden bringen, da bin ich mir ganz sicher.«

​»Ich weiß nicht, wie mir das gelingen soll.«

​»Du wirst es wissen. Meine Magie, die jetzt in dir ist, wird dir dabei helfen. Du bist eine starke Frau geworden, ich bin stolz auf dich. Vertraue dir.«

​»Dann ist alles gesagt?«

​»Ja, meine Tochter.« Ahlunah trat lächelnd nah an Ta´elga heran und umarmte sie. »Das Licht beschütze dich.«

​Sie konnte gerade noch »Das Licht beschütze dich« flüstern, dann stand sie wieder auf dem Felsenplateau.

​Während Ta´elga, By´wala und Eefral auf den Steinkreis zugingen, ließen die anderen sie nicht aus den Augen. Plötzlich waren die drei Elfenfrauen verschwunden. Nur noch die Quelle war zu sehen, die scheinbar unbeirrt ihr grelles, hellblaues Licht verbreitete.

​»Sie sind weg!«, rief die Jägerin. Ihr Pfeil zielte ins Leere.

​»Wo sind sie hin?«, fragte Se´lira.

​Burh´an, der an seiner Karte arbeitete, sah auf. Etwas irritiert blickte er die anderen an.

​»Kannst du etwas erkennen, Burh´an?«, sprach die Assistentin des Buchmeisters ihn an.

​Er schüttelte den Kopf. »Nein, die Stelle auf meiner Karte ist undeutlich.«

​»Wir müssen etwas unternehmen«, sagte Aasaly erregt.

​»Dar´al, du musst die Stufen weiter im Auge behalten. Sinan und ich gehen zur Quelle«, befahl Aaghyl.

​Die beiden Sanguenritter zogen ihre Elementumschwerter.

​»Ich komme mit«, entschloss sich Rresyna.

​»Nein, du bleibst hier und unterstützt Dar´al. Die Menschen müssten bald hier sein«, lehnte Aaghyl ihr Ansinnen ab.

​Die beiden Ritter hatten sich der Quelle gerade etwas genähert, als mehrere Dinge gleichzeitig geschahen.

​Ta´elga, By´wala und Eefral wurden wieder sichtbar, das Licht der Quelle erlosch und Aaghyls und Sinan Eldars Elementumschwerter sowie ihre Rüstungen lösten sich auf. Die Männer trugen nur noch ihre Lederkleidung.

​Der Mensch sah überrascht an sich runter und auf seine leere Hand. »Bei den Herrschern, was ist passiert, Aaghyl?!«, rief er mit seiner heiseren Stimme.

​»Ich weiß es auch nicht, mein Freund. Es muss etwas mit Taelga, Bywala und meiner Tochter zu tun haben.« Verunsichert zeigte er auf die drei Frauen.

​»Ich habe versucht, meine Sanguenmagie anzuwenden. Sie ist fort, Aaghyl. Sie ist fort«, sprach der Menschenmann außer sich.

​Der ehemalige Oberbefehlshaber des Magistrats versuchte erfolglos einen Zauber.

​»Du hast recht, Sinan. Auch ich kann die Magie nicht mehr anwenden. Wie ist das möglich?« Aaghyl war in diesem Moment genauso verzweifelt wie sein Freund.

​Seine Tochter und die beiden Waldelfenfrauen hatten die Männer inzwischen erreicht. Aaghyl sah Eefral an, dass sie Schreckliches durchgemacht haben musste. Ihre Augen waren tränenerfüllt.

​»Was ist passiert, Eefral?«

​»Die… Herrscher… sie sind weg«, schluchzte sie.

​»Ich verstehe nicht. Weg? Wie können sie weg sein?«, flüsterte Sinan Eldar entgeistert.

​Dar´al und Rresyna hatten sich an beiden Seiten der Treppe postiert. Beide hatten Pfeile aufgelegt und zielten in Richtung der Stufen. Plötzlich hörten sie Yyehal, die rief: »Die Quelle… schaut… die Quelle ist erloschen.«

​Rresyna drehte sich um und blickte fassungslos auf den Steinkreis. »Das ist unmöglich.«

​»Rresyna, die Unionskrieger. Sie sind hier«, rief Dar´al plötzlich.

​Blitzschnell wandte sich die Jägerin wieder den Stufen zu. Sie sah, dass ein Soldat gerade das Felsenplateau erklimmen wollte. Ohne zu zögern zielte sie auf den Menschen. Ihr Pfeil traf ihn inmitten seiner Brust. Mit einem kurzen Schrei fiel der Unionskrieger rückwärts auf die Treppe. »Das war der Erste. Ich habe noch genug Pfeile für die anderen«, sprach sie zufrieden.

​»Halte ein, Rresyna«, bat Dar´al, »ich bin auch ein Unionssoldat, ich werde versuchen, mit den Kriegern zu reden.«

​»Warum reden? Sie sind unsere Feinde. Sie müssen sterben.«

​»Rresyna, bitte. Lass es mich versuchen.«

​Die Jägerin zögerte einen Augenblick, dann senkte sie ihren Bogen. »Na gut, versuche es. Sei aber auf der Hut. Ich werde es sein. Solltest du versuchen, mich zu hintergehen, werde ich nicht zögern, dich zu töten.«

​»Sei unbesorgt. Ich bin auf deiner Seite.«

​Er näherte sich vorsichtig den Stufen, dann rief er laut: »Ich bin Leutnant Dar´al. Ich gehöre zur Armee von General Tehryn. Zurzeit stehe ich unter dem Kommando von Generalin Ta´elga, der Botschafterin des Rates der Neun und Hohepriesterin der Sternengöttin. Sie ist hier. Kommt in Frieden hinauf.«

​Kapitän Benger und seine Männer hatten fast das Ende der Treppe erreicht. Er befahl einem Soldaten, sich vorsichtig dem Ende der Stufen zu nähern. Benger wollte wissen, was dort oben geschah.

​Der Menschensoldat erklomm langsam die Treppe. Der Kapitän beobachtete ihn genau. Er sah, dass der Mann sich erhob, um eine bessere Sicht auf das Plateau zu haben.

​Plötzlich richtete der Soldat sich ganz auf, und mit einem Schrei fiel er rückwärts auf die Stufen. Ein Pfeil hatte seine Brust durchbohrt. Der Soldat hielt den Pfeil mit seinen Händen umschlossen, dann rutschte er von den Stufen und fiel in die Tiefe.

​Benger wurde zornig. Er bedauerte den Tod seines Soldaten. Er griff sein Schwert fester. »Männer, haltet eure Waffen bereit. Wir gehen weiter«, befahl der Kapitän beherrscht.

​Plötzlich hörten sie eine laute Stimme, die von oben kam. Die Stimme gab sich als Unionssoldat aus und forderte sie auf, hinaufzukommen.

​»Das ist eine Falle«, flüsterte ein Soldat.

​Kapitän Benger dachte nach. »Wir haben gesehen, dass die Magistratskrieger von Waldelfen begleitet werden. Ich hielt sie für Gefangene. Wenn aber Generalin Ta´elga dort oben ist, dann haben wir keine Wahl.«

​»Vielleicht ist sie auch eine Gefangene«, gab der Soldat zu bedenken.

​Benger nickte zustimmend. »Wir gehen trotzdem. Also los, Männer.«

​Nach und nach betraten die Soldaten der westlichen Königreiche das Felsenplateau. Die Jägerin hatte ihren Bogen erhoben und zielte auf die Menschen.

​Dar´al empfing die Soldaten. »Senkt eure Schwerter. Ihr seid nicht in Gefahr.«

​Kapitän Benger sah sich kurz um; sein Blick fiel auf Rresyna, die ihren Pfeil auf ihn gerichtet hatte. »Habt ihr meinen Soldaten getötet?«, fragte er sie, immer noch zornig.

​»Nicht wir, ich habe ihn getötet. Daral hat nichts damit zu tun. Du und deine Krieger seid meine Feinde. Ihr solltet tot sein. Ihr habt unser Schiff zerstört und viele von uns dabei getötet. Allein dafür müsst ihr sterben.«

​»Wir sind im Krieg«, presste Benger hervor.

​»Ja, das sind wir…«

​»Rresyna, bitte senke deinen Bogen«, unterbrach Dar´al die Jägerin.

​Zögernd kam sie der Bitte des Waldelfenmanns nach. Sie sah dem Anführer der Menschen fest in die Augen. »Schade«, zischte sie leise.

​Die Menschensoldaten steckten ihre Schwerter ein. Kapitän Benger wandte sich an Dar´al. »Soldat, was geht hier vor? Ich erwarte eine Erklärung.«

​»Kommt, Generalin Ta´elga wird euch alles erklären.«

​Steinelfen, Waldelfen und Menschen hatten sich vor dem Steinkreis versammelt. Yyehal schaute bestürzt in das Rund.

​»Die magische Materie ist weg. Was ist passiert, Erhabene?«

​»Die Herrscher sind fort. Sie und die magische Materie sind jetzt bei den Ganlies.«

​»Was bedeutet das?«, fragten Aasaly und Se´lira gleichzeitig.

​Eefral zeigte auf By´wala. »Sie kann alles erklären.«

​»Ja, das kann und werde ich.« By´wala begann ihre Geschichte und die Geschehnisse an der ehemaligen Quelle zu erzählen. Gespannt hörten alle zu; niemand unterbrach sie. Als sie endete, war bei den Menschen heimliche Freude zu sehen, bei den Waldelfen herrschte leichte Zuversicht, und die Steinelfen sowie Sinan Eldar konnten ihr Entsetzen kaum verbergen.

​»Was wird nun? Unsere Herrscher sind fort und eure Göttinnen gibt es auch nicht mehr«, fragte Aasaly die Waldelfenfrauen.

​»Es wird schwierig werden für uns. Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie die Zukunft unserer Völker aussehen könnte«, antwortete Ta´elga grüblerisch.

​»Wir werden uns den westlichen Königreichen niemals ergeben. Niemals«, sagte Eefral energisch. Ihr Blick richtete sich auf die Unionskrieger.

​»Nein, das werdet ihr nicht. Wir wollen den Krieg aber beenden. Wir müssen einen Weg finden, damit wir alle in Frieden leben können«, äußerte Ta´elga.

​Kapitän Benger sah die ehemalige Sanguenritterin eindringlich an. »Frieden mit dem Magistrat? Nein, das ist nicht möglich.«

​»Du hast hier gar nichts zu sagen!«, herrschte Rresyna den Menschen an.

​Benger ließ sich von der Steinelfenfrau nicht einschüchtern. »Ihr seid ein gutes Beispiel dafür, warum es keinen Frieden geben wird. Ihr seht nur Feinde in uns«, sagte er zu Rresyna.

​»Ach ja? Du suchst im Magistrat sicherlich keine Freunde.«

​»Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass die Union Frieden möchte«, sprach die Protektorin.

​»Dann müssen wir eben das Unvorstellbare möglich machen. Wir werden einen Weg finden«, sprach By´wala hoffnungsvoll.

​Ta´elga nickte zustimmend. »Ja, ich werde nach Minae reisen. Ich muss mit dem König sprechen.«

​»Und ich muss dringend nach Muantur. Die Herrscher sind nun fort und ich kann mir denken, dass im Reich Chaos herrscht«, sagte Eefral entschlossen.

​Aasaly sah ihre Tochter mit einer Mischung aus Angst und Stolz an. »Sieh nur, Eefral, was aus dir geworden ist. Du besitzt jetzt die starke Magie der Herrscher. Wahrscheinlich bist du nun die mächtigste Steinelfe im Magistrat. Einerseits bin ich stolz auf dich, andererseits wünsche ich mir meine unschuldige Tochter zurück.«

​»Ich werde nie mehr diese Eefral sein und das schmerzt mich. Aber jetzt ist es so, wie es ist. Ich fühle, dass große Aufgaben auf mich warten. Deshalb muss ich nach Muantur. Die Herrscher sind fort, aber ich kann die anderen Protektoren immer noch spüren. Sie sind verwirrt und haben sich auf den Weg zum Palastturm gemacht. Wenn wir den Frieden wirklich wollen, muss ich mit ihnen sprechen.«

​»Dann ist es beschlossen«, verkündete Aaghyl. »Ich werde Eefral begleiten«, fügte er hinzu.

​»Aasaly, Sinan und ich kommen auch mit. Wir können dich unmöglich allein lassen, Eefral«, entschied die Jägerin. Der Menschenmann und Eefrals Mutter nickten zustimmend.

​»Wie kommen wir nach Noslahr? Mein Schiff ist zerstört«, gab Yyehal zu bedenken.

​»Das ist kein Problem. Wir werden mit dem Schiff der Union fahren«, schlug Ta´elga vor.

​»Nein, das werdet ihr nicht. Ihr dürft nicht mit meinem Schiff reisen. Fremde dürfen die Nebelbrecher nicht betreten. Das ist ein Befehl des Königs«, lehnte der Kapitän diesen Vorschlag schroff ab.

​Rresyna ergriff ihren Bogen und zielte auf den Menschen. »Oh doch, du wirst uns mitnehmen. Wir werden dich zwingen oder auch töten.«

​Die Unionskrieger griffen zu ihren Schwertern.

​»Haltet ein!«, rief Ta´elga. Dann sprach sie zu dem Kapitän. »Ich verstehe deine Ablehnung. Wir haben keine Wahl, du hast keine Wahl. Ich muss mit dem König sprechen und die Protektorin muss nach Muantur. Es ist wichtig, dass du das verstehst. Dir muss klar sein, wenn ich nicht dorthin gelange, dann wird unsere Welt im Chaos versinken. Verstehst du das?«

​Kapitän Benger musste über das Gesagte einige Zeit nachdenken. Schließlich willigte er ein. »Ich bin einverstanden, aber ihr müsst während der ganzen Fahrt in der Messe meines Schiffes bleiben.«

​»So soll es dann sein«, bestätigte die Generalin und Botschafterin.

 

 

 

 

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