Kapitel 12 Pläne

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 12  Pläne

 

​Die Herrscher – Der Plan

»Taelga ist das Kind zweier Welten. Sie entscheidet über Sieg oder Niederlage.«

(Die Herrscher des Magistrats)

​Die drei Herrscher des Magistrats besaßen keine körperliche Gestalt und keine Namen. Ihre reine Existenz war für lebende Wesen unbegreiflich. Meist sprachen sie nur durch die Protektoren zu ihren Untertanen; sich direkt an jemanden zu wenden, war eine absolute Seltenheit. Das letzte Mal war dies geschehen, als sie Aaghyl kontaktierten – den ehemaligen Lord des Magistrats und Oberbefehlshaber ihrer Armeen.

​Die Stimme von Herrscher Eins hallte durch die Leere: »Wir sind gescheitert. Unser Plan ist gescheitert.«

​»Nein, das ist nicht wahr«, protestierte Herrscher Drei.

​»Warum sagst du das? Taelga ist fort. Sie wurde von der Sternengöttin der Waldelfen befreit«, warf Herrscher Zwei ein.

​»Ja, das weiß ich. Aber unser Plan kann immer noch Erfolg haben.«

​»Wie? Ohne Taelga ist das Fundament verloren. Wir gaben Aaghyl den Befehl, sie zu töten«, entgegneten Herrscher Eins und Zwei wie aus einem Mund.

​»Er wird sie nicht töten. Er kann es nicht. Seine Gefühle für sie sind zu stark.«

​»Dann hat er erneut versagt. Wir müssen ihn bestrafen«, forderte Herrscher Eins, und die Schwärze des Raumes erzitterte.

​»Nein, das dürfen wir nicht. Wir brauchen sie noch«, lehnte Drei besonnen ab.

​»Hast du etwa einen neuen Plan?«, verlangten Eins und Zwei zu wissen.

​»Ja. Wir können die Verbindung zwischen Aaghyl und Taelga für unser Ziel nutzen.«

​»Dann sprich«, forderten die beiden anderen ihn auf.

​»Ihr wisst um die Magie von Aaghyls Tochter.«

​Ein tiefes, bebendes Summen bedeutete die Zustimmung der beiden Herrscher.

​»Wir müssen dafür sorgen, dass Eefral und Taelga gemeinsam zur Quelle reisen. Dort wird Aaghyls Tochter ihre Magie und die Macht der Sternengöttin für sich nutzen, um uns den endgültigen Sieg zu sichern.«

​»Besteht nicht die Gefahr, dass Taelga stärker ist als Eefral und wir alles verlieren?«, gab Herrscher Zwei zu bedenken.

​»Ja, der Plan birgt ein gewisses Risiko. Wir müssen sicherstellen, dass Aaghyls Tochter stark genug ist, um Taelga zu bezwingen. Das wird kein leichtes Unterfangen, aber wir müssen das Wagnis eingehen. Wir müssen endlich siegen.«

​»Ich stimme Drei zu«, tönte es von Herrscher Eins.

​»Ich schließe mich an«, verkündete auch Zwei.

​»Dann ist es beschlossen«, erklangen die Stimmen der drei Herrscher gleichzeitig und verloren sich im Nichts.

​Die Göttinnen – Der Plan

​»Ta´elga ist der Schlüssel zum Frieden.«

(Ahlunah, Sternengöttin)

​Der natürliche Tod bedeutete keineswegs das Ende für eine Waldelfe oder einen Waldelfen. Ihr Bewusstsein stieg nach dem Ableben auf eine höhere Existenzebene auf. Dieses Geheimnis des Aufstiegs war jedoch streng behütet und nur wenigen, ausgewählten Elfen bekannt. Denn nur ein natürlicher Tod führte in diese Sphäre, wurde das Leben einer Waldelfe durch Gewalt beendet, war ihr Bewusstsein für immer im Nichts verloren. Viele Waldelfen würden wohl kaum noch in den Kampf ziehen, wäre ihnen diese bittere Wahrheit bewusst.

​Die Göttinnen waren alle eines natürlichen Todes gestorben. Doch anstatt aufzusteigen, verweilten sie körperlos in der sogenannten Gleichzeitigkeit. Grund dafür war ein seltenes Genom gepaart mit spezifischen magischen Fähigkeiten, die bisher ausschließlich bei ausgewählten Waldelfenmädchen aufgetreten waren. Starb ein Mädchen, das dieses Genom in sich trug, wurde sie zur Nachfolgerin einer Göttin und nahm deren Namen an. Auf diese Weise blieb der Glaube an die Unsterblichkeit der Göttinnen im Volk unerschüttert, während die Amtsvorgängerin endlich ihren endgültigen Aufstieg antreten konnte.

​Nur im Abstand von Jahrhunderten wurde ein Mädchen mit diesem besonderen Genom geboren. Ta´elga war eines von ihnen. Schon früh nach der Geburt begannen die Göttinnen im Verborgenen damit, ihre Nachfolgerinnen auf die spätere Bürde vorzubereiten.

​Bei Ta´elga war es nicht anders gewesen. Doch als sie in den Magistrat entführt wurde, hatte die Sternengöttin ihr gerade noch rechtzeitig dieses Wissen entziehen können, um es vor dem Feind zu schützen. Nach ihrer Rettung gab die Sternengöttin ihr die Erinnerungen zurück – und noch mehr: Sie offenbarte ihr, dass sie eines Tages ihren Platz einnehmen würde.

​Es gab seit Anbeginn der Zeit immer exakt neun Göttinnen. Die Sternengöttin Ahlunah war ihre Anführerin.

​»Du hast es vollbracht, Ahlunah. Ta´elga ist wieder in unserer Mitte«, begann Areyneah, die Kriegsgöttin, das Wort zu erheben.

​»Ja, meine Nachfolge ist vorerst gesichert.«

​»War es jedoch klug, ihr bereits jetzt zu offenbaren, dass sie deine Nachfolgerin wird?«, meldete sich Wilneah, die Göttin der Schriften, zweifelnd zu Wort.

​»Ein solches Vorgehen ist absolut unüblich«, kritisierte auch Forneah, die Göttin des Wissens.

​»Ich war es ihr schuldig«, entgegnete Ahlunah sanft. »Sie musste unvorstellbares Leid ertragen.«

​»Ich teile Forneahs Bedenken«, warf Haneah, die Göttin der Heimstatt, ein. »Wir bereiten die Mädchen zwar auf ihre Aufgaben vor, aber wir enthüllen ihnen niemals vorab ihre exakte Identität. Es ist gefährlich.«

​»Das ist mir bewusst. Doch Ta´elga ist inzwischen mächtiger, als ihr ahnt. Der Feind kann ihr nichts mehr anhaben.«

​»Weil du ihr deine eigene Magie übertragen hast. Auch das bricht mit all unseren Traditionen«, bemerkte Leneah, die Göttin des Lernens, mit ernstem Unterton.

​»Bist du dir denn absolut sicher, dass sie dem Magistrat abgeschworen hat?«, erkundigte sich Guneah, die Göttin des Handels, misstrauisch.

​»Ja, das bin ich. Ich habe ihre Seele zutiefst geprüft.«

​»Und doch hat sie sich mit Aaghyl getroffen«, warf Resineah, die Göttin des Reisens, ein. »Er ist noch immer ein Vasall der Herrscher.«

​»Schlimmer noch: Sie liebt ihn«, fügte Kuneah, die Göttin der Kunst, leise hinzu.

​»All das ist mir bekannt«, erwiderte Ahlunah ruhig. »Und genau auf dieser Verbindung baut mein Plan auf.«

​»Wie meinst du das, Ahlunah?«, fragte Wilneah neugierig.

​»Ihr wisst, dass dieser Krieg nun schon unzählige Generationen andauert. Ta´elga ist unsere einzige Chance, ihn endgültig zu beenden und das Böse zu zerschmettern. Wir werden die Gefühle, die Ta´elga und Aaghyl füreinander hegen, zu unseren Gunsten nutzen.«

​»Weihst du uns in deinen Plan ein?«, bat Areyneah.

​»Ja. Wilneah, du kennst doch die alten Schriften des Urvolks?«

​Die Göttin der Schriften nickte bedächtig.

​»In einer dieser alten Rollen steht geschrieben, dass eine junge Waldelfenfrau und eine junge Steinelfenfrau gemeinsam zur Quelle der magischen Materie reisen müssen. Ich bin davon überzeugt, dass Ta´elga diese Waldelfenfrau ist. Und ich glaube, dass Aaghyls Tochter die Steinelfenfrau ist. Unsere Gelehrten teilen diese Ansicht nach reiflicher Prüfung«, erläuterte die Sternengöttin.

​»Und was wird an der Quelle geschehen?«, wollte Areyneah wissen.

​»Ich bin gewiss, dass Ta´elga dort, gestärkt durch unsere vereinte Macht, die Herrscher des Magistrats für immer vernichten wird«, antwortete Ahlunah voller Zuversicht.

​»Besteht nicht dennoch das Risiko, dass die Herrscher an diesem Ort der Macht erneut die Kontrolle über Ta´elga erlangen und wir alles verlieren?«, gab Forneah zu bedenken.

​»Ja, dieses Risiko existiert«, gab Ahlunah zu. »Deshalb müssen wir alles daransetzen, dass Ta´elga stark genug ist, um den Herrschern die Stirn zu bieten. Wir müssen diesen Frieden erzwingen.«

​Die Sternengöttin blickte in die Runde ihrer Gefährtinnen. »Was meint ihr?«

​Ein langer Moment des Schweigens verstrich, bevor die Antwort wie ein einziger Choral durch die Gleichzeitigkeit hallte: »Wir stimmen deinem Plan zu.«

​»Dann ist es beschlossen«, verkündete die Sternengöttin feierlich.

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