Das Blut, das Schwert, die Liebe
Kapitel 3 Überfahrten
Ta’elga – Die Überfahrt
»Die meisten Fahrten auf dem versteckten Meer sind langweilig und werden von Routine beherrscht.
Glücklicherweise gibt es auch Ausnahmen.«
(Larson, Bootsmann auf der Larisso.)
»Ich habe es mir auf der Larisso einigermaßen gemütlich gemacht. Der Segler wird ein paar Tage brauchen, um Ladimgar zu erreichen. Jetzt habe ich viel Zeit, über das nachzudenken, was ich bisher über mich herausgefunden habe. Wirklich viel ist es nicht.
Meine Zweifel sind inzwischen etwas geringer. Irgendwie kann ich fühlen, dass ich tatsächlich aus dem Volk der Waldelfen stamme. Erklären kann ich dieses Gefühl nicht. Wenn ich also wirklich eine Waldelfe bin, stellt sich die Frage, warum kann ich mich an ein Leben vor Acceras nicht erinnern?
Vielleicht haben die Herrscher mir meine Erinnerungen genommen, damit ich ihr williges Werkzeug werden konnte. Dieser Gedanke erfüllt mich mit großem Zorn, schließlich war ich immer eine loyale Dienerin.
Warum ich von ihnen entführt wurde, ist mir rätselhaft. Während meiner Zeit auf Acceras wusste ich von alldem nichts.
Mein Alter und meine Herkunft kenne ich noch nicht. Ich weiß aber, dass ich eine junge Elfenfrau bin und, wenn alles gut geht, noch ein sehr, sehr langes Leben vor mir habe.
In Minae habe ich festgestellt, dass ich gern schöne Kleidung trage. Das ist wohl eine meiner Leidenschaften aus meinem früheren Leben. Zurzeit trage ich eine rote Lobiu, die ich in der Hauptstadt gekauft habe und die meine Figur gut betont. Mein Mantel ist ein wadenlanger, schwarzer, rot bestickter Umhang. Um die Taille trage ich einen reich verzierten Gürtel. Glücklicherweise habe ich diese wunderschönen Schuhe gefunden, die so gut zu der Lobiu passen. Aus meiner Zeit im Magistrat habe ich noch den verschnörkelten Falkenreif. Dieses wundervolle, diademförmige Schmuckstück unterstreicht das Weiß meines Haars. Ich finde, dass ich mich sehen lassen kann.
Ich hatte unbewusst einen Vers aus der Lehre rezitiert, als ich all die schönen Sachen anlegte. Gerade jetzt, da ich darüber nachdenke, fühle ich mich gezwungen, eine weitere Strophe aufzusagen.
Verdammt, die Konditionierung der Herrscher wirkt immer noch.
Im Magistrat gibt es keine modische Bekleidung. Damals war es mir egal gewesen. In Acceras habe ich entweder meine Kampfrüstung oder die typische Lederuniform einer Führerin getragen, manchmal auch eine triste Robe.
Mein weibliches Erscheinungsbild verschwindet gänzlich, wenn ich in die Schlacht ziehe.
Im Kampf muss ich Furcht einflößend aussehen; schließlich will ich auf dem Schlachtfeld niemanden verführen.
Meine Kampfrüstung und mein Schwert trage ich in einer meiner Taschen. Möglich wird das durch einen Zauber, der diese Dinge klein und leicht macht.
Die Kampfrüstung besteht aus dem harten, lila und schwarz schimmernden Terronit.
Dazu gehört mein geliebtes Elementumschwert, mit dem ich schon viele Kämpfe siegreich gefochten habe. Mein Elementumschwert ist ein breites Langschwert, das in der Regel zweihändig geführt wird. Ein Elementumschwert wird speziell für den tragenden Sanguenritter angefertigt. In der Elementumschwertschmiede wird das Schwert mittels spezieller Zauber persönlich an den Sanguenritter gebunden. Ein Elementumschwert kann nur von dem Ritter geführt werden, für den es bestimmt ist. Stirbt der Sanguenritter, zerstört sich sein Schwert.
Unter meiner Kampfrüstung vermutet niemand das zarte und schöne Wesen, das ich bin.
Sanguenritter kämpfen aber nicht nur mit dem Elementumschwert. Sie beherrschen auch mächtige Zauber, um den Feind niederzuzwingen.
Ich beherrsche viele Zauber, die ich im Magistrat erlernt habe. Einige davon sind tödlich für meine Gegner. Wie viele Zauber ich vor meiner Zeit als Sanguenritterin beherrscht habe und welcher Art sie gewesen sind, weiß ich nicht mehr.«
Die westlichen Königreiche lagen nun schon weit hinter der Larisso. Ein starker Wind war aufgekommen, und der Segler kam schnell voran.
Das versteckte Meer hatte diesen Namen erhalten, weil sich zwischen dem Kontinent Tellus und dem Kontinent Tirgarneiy eine ständige, dichte Nebelwolke befand. Auf dieser viel befahrenen Schiffsroute gab es nichts zu sehen außer wehenden Wolkenschleiern. Kein noch so starker Wind konnte diese Wolke vertreiben, kein Sonnenstrahl konnte den Nebel durchdringen.
Zarte Gemüter verfielen angesichts dieser Tristesse nicht selten in Depressionen.
Wollte man den Berichten Glauben schenken, stürzten sich auf der tagelangen Überfahrt zwischen den Kontinenten immer wieder Schiffsreisende voller Verzweiflung über Bord.
Während der Reise hatten Passagiere nichts zu tun. An Bord der Larisso gab es zur Abwechslung nur ein paar abgegriffene Bücher, die von Schiffsreisen und den Sehenswürdigkeiten der westlichen Königreiche und Tirgarneiys berichteten.
Hier gab es auch ein Buch, das über die Gebräuche und Traditionen der Waldelfen berichtete. Begierig las sie es in der Hoffnung, sich an irgendetwas aus der Zeit vor ihrem Leben in Acceras erinnern zu können. Doch sie wurde enttäuscht. Alles, was dort stand, kam ihr fremd vor. Zumindest wusste sie nun, wie die Waldelfen miteinander umgingen. Ta’elga fand das sehr nützlich. Sie konnte sich jetzt so verhalten, wie es unter Waldelfen üblich war, und wurde nicht sofort als Steinelfe erkannt.
Ta’elga meditierte viel und übte sich ein wenig in Kampftechniken. Für die Reisenden spielte sich das Leben auf dem Segelschiff hauptsächlich in der Messe und in den Kajüten ab.
Nach einiger Zeit kannte sie jedes Geräusch, das auf dem Segler zu hören war. Sie lauschte dem Ächzen des Holzes, dem Knattern der Segel, dem Knarzen der Seile, dem Platschen der Wellen gegen den Rumpf und den Stimmen des Kapitäns und der Besatzung.
Auf dieser Reise war Ta’elga nicht nur der einzige Passagier, sie war auch das einzige weibliche Wesen auf dem Schiff.
Die Matrosen, ausschließlich Menschenmänner, verhielten sich ihr gegenüber sehr zurückhaltend, als könnten sie ahnen, dass sie eine Todbringerin des Magistrats gewesen war. Nur ein Bootsmann war etwas kecker. Sie bemerkte seine Versuche, mit ihr zu flirten.
»Irgendwie süß«, fand sie.
Jeden Abend, bevor sie schlafen ging, meditierte Ta’elga. Hier auf dem Schiff hatte sie sich dafür ein Plätzchen an Deck ausgesucht. Am Bug, direkt hinter der Ankerwinde, konnte sie ungestört den Geräuschen des Meeres lauschen.
Am dritten Abend auf See bemerkte die Waldelfenfrau, dass der kecke Bootsmann sie beim Meditieren beobachtete. Sie lud ihn ein, sich neben sie zu setzen.
»Ich habe deine Annäherungsversuche bemerkt.«
»Ich hoffe, ich war nicht zu aufdringlich. Eine wunderschöne Elfenfrau sehe ich nicht alle Tage.« Er lächelte gewinnend und entblößte dabei makellose, weiße Zähne. »Übrigens, ich heiße Larson.«
»Mein Name ist Ta’elga«, sagte sie belustigt.
»Ich weiß natürlich, wie du heißt, aber ich wollte dich auch kennenlernen. Durch dich wird unsere Reise viel interessanter.«
»Ach, nur interessanter?«, sagte die Elfe mit gespielter Empörung.
»Mehr als das. Wenn du das Deck betrittst, vergesse ich sogar den immerwährenden Nebel um uns herum«, schwärmte der Seemann.
»Das will ich auch hoffen. Ein wenig schlechte Sicht ist wohl keine Konkurrenz für mich.«
»Natürlich nicht. Wir fahren viele Elfen, auch Elfenfrauen, über das Meer. Du bist aber mit Abstand die jüngste Elfe und dazu noch die schönste, die ich je gesehen habe.«
Ta´elga musste laut lachen. Larson trug ganz schön dick auf, aber seine Art gefiel ihr irgendwie.
»Jung ist gut. An Lebensjahren bin ich sicher viel älter als du.«
»Ich stehe eben auf ältere Frauen«, sagte Larson charmant.
Die Kriegerin betrachtete ihn amüsiert.
Für einen Mann aus dem Volk der Menschen war er recht groß gewachsen, aber immer noch einen Kopf kleiner als die Ritterin. Er hatte wirklich beeindruckende Muskeln, deren Spiel sie unter seiner Kleidung bewundern konnte. Sein tiefschwarzes Haar und seine bronzefarbene Haut faszinierten sie. Eigentlich gefielen ihr Menschenmänner nicht. Im Vergleich zu den Männern aus Ta’elgas Volk waren sie eher als mickrig zu bezeichnen. Larson war eine absolute Ausnahme.
»Waren deine Geschäfte in den westlichen Königreichen erfolgreich?«
»Wie kommst du darauf, dass ich geschäftlich auf Tellus war?«
»Ich habe noch keinen Elfen über das versteckte Meer gefahren, der aus rein privaten Gründen unterwegs war. Soviel ich weiß, meidet ihr Elfen diesen Teil der Welt, wenn es sich einrichten lässt.«
»Ich weiß zu wenig darüber, welchen Geschäften Elfen so nachgehen. Ich kehre in meine Heimat zurück, um mein Zuhause, mein Leben wiederzufinden.«
»Das hört sich sehr geheimnisvoll an.«
»Ja, irgendwie ist es das auch. Mir wurde mein Leben von den Schergen des Magistrats geraubt. Ich wurde befreit und kehre nun zurück.«
»Möchtest du mir davon erzählen?«, fragte Larson mitfühlend.
Ta´elga erzählte Larson von dem Leben, an das sie sich erinnern konnte. Sie spürte, dass sie dem Seefahrer vertrauen konnte, und ließ kein Detail aus.
Als sie geendet hatte, nahm er die Elfenfrau in seine Arme. Ihre Erlebnisse hatten ihn sehr aufgewühlt, und er verspürte das Verlangen, sie zu trösten.
Ta´elga ließ die Umarmung zu. Es tat einfach gut, in Larsons starken Armen zu liegen. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie sich von ihm löste.
»Erzähle jetzt von dir, Seemann.«
Larson veränderte seine Sitzposition. Sein Blick richtete sich in die Dunkelheit, hinaus auf das Meer.
»Ich fahre schon viele Jahre zur See. Die Larisso ist das dritte Schiff, auf dem ich angeheuert habe«, begann Larson seine Erzählung. »Die Larisso verkehrt ausschließlich zwischen Minae und Ladimgar. Der ständige Nebel macht mir nichts aus und ich liebe die Hauptstadt der Union.«
»Hast du dort jemand, der auf dich wartet?«
»Nein, nein. Zurzeit gibt es niemanden. Minae sehe ich aber als meine Heimat an.«
»Stammst du nicht von dort?«
»Ich wuchs an der Westküste von Tellus auf, in einer kleinen Hafenstadt. Ich war ein Waisenkind. Schon sehr früh interessierte ich mich für Schiffe und die Seefahrt. Die meiste Zeit verbrachte ich damals am kleinen Hafen. Ich habe dort oft stundenlang gesessen und auf die See hinausgeschaut.
Im Alter von vierzehn Jahren heuerte ich auf einem Forschungsschiff der Union an. Die Wissenschaftler waren auf dem Weg in den Norden unserer Welt und machten bei uns Halt, um Proviant aufzunehmen.«
»Was wollten die Forscher im Norden? Dort gibt es doch nichts.«
»Das dachte ich auch. Doch die Forscher waren sicher, dass es im Norden Land geben musste.
»Wir waren schon viele Wochen unterwegs, als wir eine große Landmasse entdeckten. Das Meer bestand dort hauptsächlich aus Eis, und immer wieder mussten wir uns neue Passagen suchen, bis wir an Land gehen konnten. Glücklicherweise bestand der Rumpf des Schiffes aus Stahl, sonst wären wir niemals durch das dicke und scharfkantige Eis gekommen.«
»Ein Land im Norden? Wer lebt dort? Was habt ihr entdeckt?«
Larson lächelte sanft und blickte die Elfe an.
»So viele Fragen?«
»Ich bin sehr neugierig. Zu gerne möchte ich erfahren, was ihr dort im Norden gesehen habt. Ich weiß nichts vor meiner Zeit im Magistrat. Vielleicht habe ich früher schon einmal von einem Land im Norden gehört. Deine Geschichte könnte mir helfen, mich wieder zu erinnern.«
»Na dann will ich weitermachen. Wir schlugen unser Lager unweit der Küste auf.
In den ersten Tagen erkundeten wir die nähere Umgebung. Das Land war unter einer dicken Schneedecke begraben. In der Ferne konnten wir ein Gebirge sehen. Die Landschaft wechselte zwischen weiten Ebenen und dichten Wäldern. Die Bäume waren meist mit dicken Eiszapfen behangen, und es war ungemütlich kalt.
Wir sahen nicht viele Tiere. Hin und wieder zog eine Herde über die Ebene, sodass wir zumindest jagen konnten, um unseren Proviant mit frischem Fleisch zu ergänzen. Spuren irgendeiner Besiedlung waren ebenfalls nicht zu sehen. Es schien, als seien wir die einzigen intelligenten Wesen in diesem Teil der Welt.
Ein tragischer Irrtum, wie sich bald herausstellen sollte.
Eines Tages beschlossen die Forscher, eine Expedition zu dem Gebirge zu schicken. Ich meldete mich freiwillig. Ich wollte einfach mal weg von den eintönigen Arbeiten im Lager und an Bord. Meistens war ich nur für die Reinigung der Unterkünfte zuständig oder als Küchenhelfer eingeteilt. Hier sah ich eine Chance, meiner Abenteuerlust nachzugehen.
Nachdem die Vorbereitungen abgeschlossen waren, brachen wir auf. Unsere kleine Expedition bestand aus fünf Forschern, zwei Soldaten und mir.
Die Wissenschaftler hatten im Lager einen seltsamen Wagen zusammengebaut, um den größten Teil unserer Ausrüstung und unseres Proviants damit zu transportieren. Er besaß keine Räder, sondern fuhr auf Ketten. Doch das Seltsamste war, dass der Wagen nicht von Tieren oder anderen Wesen gezogen wurde. Einer der Forscher nahm auf einem Sitz auf dem Fahrzeug Platz und steuerte es mittels eines Rades, das vor ihm angebracht war. Mit lautem Getöse bahnte sich der Wagen seinen Weg durch die Landschaft.«
»Oh ja, solche Fahrzeuge habe ich schon einmal gesehen«, unterbrach Ta’elga Larsons Erzählung.
»Bis heute bin ich nicht dahintergekommen, wie der Wagen angetrieben wurde. Keiner der Forscher war ein Magier und er wurde auch nicht mit Dampf betrieben wie die großen Raddampfer.
Damals traute ich mich nicht zu fragen. Ich war ein schüchterner Junge, musst du wissen.«
Ta´elga blickte Larson an, ihre Mundwinkel zuckten.
»Du und schüchtern? Zumindest heute bist du es wohl nicht mehr. Aber auch mir ist nicht bekannt, wie diese Art von Fahrzeugen bewegt werden.«
»Trotz des Schnees kamen wir schnell voran. An Bord des Schiffes war auch ein Greif untergebracht, der jetzt dafür eingesetzt wurde, um Nachrichten auszutauschen oder Proviant zu transportieren. Einmal täglich kam er, von einem Forscher gelenkt, vom Schiff in unser Lager«, fuhr der Seemann fort. »Nach einer Woche Marsch durch die eintönige Schneelandschaft hatten wir die ersten Ausläufer des Gebirges erreicht. Wir schlugen unser Lager auf, von dem aus wir das Gebirge erkunden wollten. Als es dunkel wurde, bemerkten wir einen bläulichen Lichtschimmer über einem Teil des Gebirges, nicht weit von unserem Biwak entfernt. Die Forscher redeten darüber, aber das meiste davon verstand ich nicht. Sie waren jedoch der Meinung, dass dieses Licht nicht natürlichen Ursprungs sein konnte.
Warum sie dieser Meinung waren, weiß ich nicht.
Das Licht kennzeichnete das Ende einer Schlucht, deren Eingang ganz in unserer Nähe lag.
Am nächsten Morgen wollten wir aufbrechen, um den Ursprungsort dieses Leuchtens zu finden.« Larson sah die Elfenfrau kurz an. »Wir, das ist jetzt zu viel gesagt.« Dann richtete sich sein Blick wieder in den Nebel.
»Kurz nach Sonnenaufgang brachen die fünf Forscher und ein Soldat auf. Ich blieb mit dem anderen Soldaten zurück. Alles Bitten und Betteln von mir war sinnlos gewesen. Die Wissenschaftler beharrten darauf, dass ich bei unseren Zelten bleibe.
Später war ich dankbar dafür, denn ich war der Einzige, der lebend zurückkehrte.«
»Was war passiert?«, fragte Ta´elga erschrocken.
Larson unterbrach seine Erzählung. Er schien aus einem Traum zu erwachen. Dann ging ein Lächeln des Erkennens über sein Gesicht.
Er schaute sich schnell um, als müsse er sich erst wieder bewusst machen, dass er auf der Larisso war und das Erlebte schon viele Jahre zurücklag.
»Verzeih, Ta’elga. Ich habe dieses Erlebnis schon sehr lange nicht mehr erzählt. Mir scheint es so, als sei all das erst gestern geschehen.«
»Möchtest du mir ein anderes Mal davon erzählen? Die Überfahrt dauert noch ein paar Tage.«
»Nein, nein«, der Bootsmann winkte ab. »Ich erzähle weiter.«
Larson räusperte sich ein wenig. Dann fuhr er fort mit seiner Erzählung.
»Noch lange, nachdem die Forscher und einer der Soldaten aufgebrochen waren, schaute ich sehnsüchtig in Richtung der Schlucht, in der die Sechs verschwunden waren. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, dass sie zurückkommen würden, um mich doch noch mitzunehmen.
Das war natürlich nicht der Fall.
So machte ich mich daran, das Mittagessen vorzubereiten. Mittlerweile hatte ich mich zu einem recht guten Koch entwickelt. Der andere Soldat, der mit mir auf die Rückkehr unserer Begleiter wartete, hatte sich vor das Feuer gesetzt und polierte sein Schwert. Es war zwar ein kalter, aber sonniger Wintervormittag. Der Himmel über Eisland, so nannten die Forscher das Land, war klar und blau. Kein Wölkchen war zu sehen.
Von einem Moment zum anderen war alles anders. Gerade schien noch die Sonne, plötzlich saß ich im Nebel. Ich konnte nicht mehr als ein paar Handlängen weit sehen. Dieser Dunst war unheimlicher und dichter als diese Brühe.« Larson zeigte raus auf das Meer.
»Erschrocken sprang ich auf und bewegte mich vorsichtig dorthin, wo ich zuletzt den Soldaten gesehen hatte. Sein Platz war allerdings leer, und nur noch sein Schwert, das am Boden lag, bewies, dass er dort gewesen war.
Ich hörte beängstigende Geräusche um mich herum. Eine bestimmte Quelle für diese schrecklichen Laute konnte ich nicht ausmachen. Sie schienen von überall zu kommen. Ich schaute in den Nebel hinein. Ich meinte, dort, inmitten des Waberns und Wehens, schaurig aussehende Gestalten wahrnehmen zu können. Dann hörte ich einen lauten Schrei.
Bis heute glaube ich, dass es der Todesschrei des Soldaten gewesen ist, der mit mir im Lager zurückgeblieben war. Ich bückte mich schnell, nahm das Schwert des Soldaten auf und rannte dorthin, wo ich unser Hauptlager und das Meer vermutete.
Ich weiß nicht, wie lange ich gerannt bin. Ich war voller Angst, meinen Blick hatte ich starr geradeaus gerichtet und das Schwert hielt ich fest in meiner Hand. Irgendwann, ganz plötzlich, war die Sicht wieder klar, so als sei niemals etwas geschehen.
Ich drehte mich um. Ich konnte aber nichts mehr entdecken, keinen Nebel, keine unheimlichen Wesen, nur die schneebedeckte Landschaft, die so friedlich wie vorher vor mir lag.
Ich kauerte mich auf den Boden und weinte. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Sollte ich zurückgehen und die Forscher warnen und ihnen zur Hilfe eilen? Was konnte ich allein schon ausrichten? Sollte ich zum Schiff zurückkehren, um Hilfe herbeizuholen? Ich war ratlos.
So saß ich einfach eine Weile im Schnee, als ich über mir ein Geräusch hörte. Ich sah nach oben und entdeckte unseren Greif, der in Richtung Gebirge flog.
Ich sprang auf, wedelte mit den Armen und rief laut um Hilfe. Und tatsächlich, der Greif flog eine Kurve und setzte zur Landung an. Kurze Zeit später stand ich neben dem Forscher, der ihn geflogen hatte. Ich erzählte ihm, was geschehen war. Er hielt es für das Beste, zum Hauptlager zurückzukehren, um Bericht zu erstatten.«
»Was war mit deinen anderen Begleitern geschehen, die in die Schlucht aufbrachen?«
»Keine Ahnung. Sie wurden nicht mehr gesehen. Am nächsten Tag, nach meiner Rückkehr zum Schiff, wurde ein schwer bewaffneter Trupp Soldaten zum Gebirge geschickt.
Nach vielen Tagen kamen sie ergebnislos zurück. Sie konnten zwar den Wagen bergen, den wir mitgenommen hatten, von den Forschern und dem Soldaten fehlte aber jede Spur.
Sie waren verschollen.
Die Soldaten sind auch ein Stück in die Schlucht eingedrungen, mussten aber nach wenigen Hundert Metern aufgeben, da der weitere Weg sich als unbegehbar herausstellte.«
»Haben die Forscher herausgefunden, was dort im Gebirge geschehen war?«
»Ich habe von den Gesprächen nicht viel mitbekommen. Ich hörte nur die Soldaten davon reden, dass sie Spuren von Cwoks im Lager und in der Schlucht gefunden hatten. Sie vermuteten, dass sich irgendwo in diesem Gebirge Krieger des Magistrats befanden.«
»Ja, das würde passen. Der Magistrat bevorzugt den Bau von Festungen in Gebirgen. Seltsam ist nur, dass ich weder vom Land im Norden noch etwas von dieser Festung dort gehört habe, obwohl ich doch viele Jahre im Magistrat gelebt habe.« Ta´elga war von Larsons Erzählung aufgewühlt. »Wenn die Vermissten in die Hände der Cwoks gefallen sind, dann haben sie ein langes und qualvolles Ende gefunden. Cwoks, ehrloses Gesindel«, sagte die Ritterin gepresst.
»Was machen die Cwoks mit ihren Gefangenen?«
»Ihr Leben endet meistens in den Trainingsarenen dieser grausamen Wesen. Wenn sie wenigstens kämpfen dürften. Aber nein. Auf sie wird mit Pfeilen geschossen, sie werden mit Messern beworfen. An ihnen werden Schwerter probiert oder sie werden mit irgendwelcher Magie gefoltert. So einen Tod wünscht man keinem Feind«, antwortete Ta´elga düster.
Larson saß wie versteinert da und starrte in die neblige Dunkelheit. Die Elfenfrau spürte die Traurigkeit, die den Seefahrer erfasst hatte. Nun war es an ihr, ihn zu trösten. Sie rückte ganz nah an ihn heran und schmiegte ihren warmen Körper an den Menschenmann.
»Mache dir keine Vorwürfe, Larson, du hättest nichts von alledem verhindern können. Glaube mir, ich weiß, wozu die Cwoks fähig sind. Du kannst froh sein, dass du entkommen konntest«, sagte Ta´elga mit sanfter Stimme.
Die Elfenfrau hatte ihre Hand auf seine Brust gelegt. Sie spürte die harten Muskeln und die Wärme seines Körpers unter seinem Hemd. Larson entspannte sich langsam. Er blickte Ta´elga an.
»Du hast recht. Im Grunde genommen weiß ich es auch. Aber hin und wieder kommen diese Zweifel auf.«
»Wie ging es weiter?«
»Der Kapitän beschloss, zurück nach Minae zu fahren. Die Forscher protestierten zwar, aber sein Entschluss stand fest. Er konnte nicht länger für die Sicherheit des Schiffes, der Besatzung und der Forscher garantieren. Nach vielen Wochen kamen wir in der Hauptstadt der Königreiche an.
Der Kapitän wollte mich ursprünglich in meiner Heimat absetzen, aber ich bat ihn, an Bord bleiben zu dürfen. Ja, so bin ich dann in Minae gelandet. Ich habe diese wundervolle Stadt einfach in mein Herz geschlossen«, beendete Larson seine Geschichte.
»Ich kann dich verstehen. Ich finde diese Stadt recht beeindruckend, obwohl sie eher für Menschen geeignet ist.«
»Du musst nur mal länger dort verweilen. Vielleicht kommst du mich dort mal besuchen. Dann zeige ich dir die Stadt, so wie ich sie sehe.«
»Das mache ich gerne. Ich würde mich sehr darüber freuen.«
Sie fand, dass für diesen Abend genug geredet worden war. Larson gefiel ihr, und sie wollte die Nacht mit ihm verbringen. Larson spürte Ta´elgas Verlangen.
»Wenn du magst, können wir noch unter Deck einen Wein trinken. Ich habe mir eine Flasche zur Seite gelegt. Wenn es dich nicht stört, hole ich sie und komme in deine Kabine. Ich wohne leider nicht allein.«
Larson strich sanft über Ta´elgas Wange. Sie lächelte ihn an.
»Dann beeile dich. Ich werde auf dich warten.«
Für einen Menschenmann war Larson nicht einmal schlecht, und sie bereute es nicht, seinem Begehren nachgegeben zu haben.
Am Tag konnte sie den Seemann nur bei seiner Arbeit sehen, aber nachts gehörte er ihr.
Larson wusste viele Anekdoten von seinen zahlreichen Seereisen zu erzählen, sodass die Nächte immer sehr abwechslungsreich waren.
Dann war es so weit: Nach vielen langen Tagen und, Larson sei Dank, kurzen Nächten erreichte die Larisso ihr Ziel. Der Segler legte in Nyat´thyra an.
Aaghyl – Die Überfahrt
»Ich habe es zwar nicht ausgesprochen, aber ich glaube immer noch, dass Aaghyls Zuneigung zu Taelga schuld an unserer Niederlage ist.«
(Iiseel, Sanguenritterin.)
Aaghyl stand in seinem Schlafraum an Bord der Protektor von Muantur. Nachdem er sich und seine Kampfrüstung mit einem Zauber gereinigt hatte, ließ er die Rüstung mit einem weiteren Zauber verschwinden. Er zog eine einfache, bequeme Robe an, ging hinüber in den Wohnraum und nahm in einem bequemen Sessel Platz.
Auf einem kleinen Tisch neben dem Sessel stand ein Krug, gefüllt mit Fahrnapfelsaft. Taelga hatte dieses Getränk bevorzugt. Er hatte stets dafür gesorgt, dass bei den Versorgungsexpeditionen in das Gebiet der Waldelfen genügend Vorräte davon beschafft wurden. Er goss sich ein Glas ein. Als er den süßherben Geschmack des Fahrnapfelsaftes auf seiner Zunge spürte, war es, als halte er einen Teil Taelgas in seinen Händen.
Der Gedanke an den Tod der Elfenfrau quälte ihn, doch so oft Aaghyl auch die Verse aus der Lehre aufsagte, die in einer solchen Situation vorgeschrieben waren, dieses nagende Gefühl blieb.
»Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich übersehen? Wie konnte das geschehen?«, fragte er sich immer wieder.
Durch die Tür zum Schlafraum konnte er sich in dem großen Spiegel sehen, der dort stand. Aaghyl betrachtete sich.
»Hier sitze ich nun, ein Elfenmann aus dem Volk der Steinelfen, mittlerweile zweihundertsiebenundfünfzig Jahre alt. Meine dunkelbraunen Haare bilden einen guten Kontrast zu meiner sandfarbenen Haut. Die Hautfarbe von uns Steinelfen ist ausschließlich sandfarben, nur unsere Haarfarben variieren.
Es heißt, dass Steinelfen und Waldelfen denselben Ursprung haben, doch bei den Waldelfen sind die Farben ihrer Haut so zahlreich wie die Farben der Wälder auf Tirgana.
Gemeinsam ist Steinelfen und Waldelfen jedoch die Augenfarbe: ein strahlendes Blau.
Vielleicht ist nun das Ende meiner Karriere gekommen.
Ich erinnere mich nur zu gut daran, wie alles begann. Ich bin in einer kleinen Steinwüste westlich von Muantur aufgewachsen. Lagtur, wie der kleine Wohnturm heißt, in dem ich aufgewachsen bin, liegt unmittelbar an einer kleinen Oase. Lagtur ist nur etwa zweihundert Elfen hoch. Er wurde aus den Steinen erbaut, die man in der umliegenden Wüste findet. An Steinen mangelt es im Magistrat wahrlich nicht.
Die Wohntürme der Steinelfen sind in der Regel kreisrund und werden nach oben hin stufenförmig breiter. Diese Bauweise erlaubt es, unbegrenzt in die Höhe zu bauen. Die Türme werden mit Magie errichtet und stabil gehalten.
Wie alle Steinelfen erlernte ich schon von Kindesbeinen an einige Zauber. Schon sehr früh wurde klar, dass ich in der Lage bin, mehrere Zauber zu beherrschen. Mein erster Zauber war der Wasserzauber. Ich kann Wasser spüren, ganz gleich, in welcher Form es vorkommt, und ich kann es in jede Zustandsform bringen.
Leider können wir Elfen kein Wasser erschaffen, sonst hätten wir viele Probleme nicht. Der Schlüssel allen Lebens ist nun einmal das Wasser.
Ein weiterer Zauber, den ich beherrsche, ist der Steinzauber. Ich kann Steine in jede Form bringen, was für den Bau von Wohntürmen hilfreich ist. Ich kann auch jede andere Materie in Stein verwandeln, was in einer Steinwüste eher überflüssig ist, mir später jedoch sehr geholfen hat.
Bis zu meiner Reifezeremonie war immer klar, dass ich Baumeister werden würde. Ich bereitete mich darauf vor, an unserem Wohnturm zu arbeiten oder sogar neue Wohntürme zu erbauen.
Unmittelbar nach meiner Reife kamen eines Tages Rekrutierer aus Muantur zu unserem Wohnturm. Sie hatten von meinen Fähigkeiten erfahren und wollten mich für den Dienst in der Armee gewinnen. Dabei interessierte sie nicht die Art der Magie, die ich beherrschte, sondern nur, dass ich fähig war, mehrere mächtige Zauber anzuwenden. Eine Wahl hatte ich nicht. Ob ich nun wollte oder nicht, ich musste mit ihnen in die Hauptstadt reisen, um ein Krieger zu werden. Teils mit Wehmut, teils mit einer gewissen Vorfreude verließ ich meine Heimat.
Viele Jahre vergingen, bevor ich dorthin zurückkehrte. Vielleicht werde ich Lagtur nun niemals wiedersehen.
Während meiner viele Jahre dauernden Kriegerausbildung stellte sich heraus, dass ich mich zum Sanguenritter eignen würde. So begann meine Ausbildung in der grauen Festung Acceras.
Es war ein unvergesslicher Augenblick, als ich mein Elementumschwert erhielt.
Ich habe in vielen Schlachten gekämpft, meine Zauber wurden zahlreicher und mächtiger. Ich habe dem Magistrat viel Ehre und Ruhm gebracht, und eines Tages wurde ich zum Oberbefehlshaber des Magistrats ernannt.
Die Ernennungszeremonie im Palastturm von Muantur war ein beeindruckendes Erlebnis, selbst für einen abgeklärten und kampferfahrenen Sanguenritter wie mich. Als Zeichen meines neuen Ranges wurde meine Terronitkampfrüstung von unseren drei Herrschern persönlich mit magischem Gold graviert. Von diesem Augenblick an war meine Rüstung von vielen feinen goldenen Linien überzogen, die ihr einen ganz besonderen Glanz verliehen.
Das magische Gold hatte jedoch noch eine einzigartige Fähigkeit. Jedem Bürger und jedem anderen Wesen wurde mit seiner Magie ins Bewusstsein eingegeben, dass ich fortan ein Lord des Magistrats war und dass sie mir absoluten Gehorsam schuldeten.
Nun sehe ich mit Sorge meiner Bestrafung entgegen. Nicht nur um mich sorge ich mich, sondern auch um meine Familie, die in Lagtur lebt. Im Magistrat ist es üblich, dass auch die Angehörigen eines Delinquenten bestraft werden.«
Die Protektor war nun schon eine Weile unterwegs. Aaghyl erhob sich aus dem Sessel, er brauchte frische Luft. Die Wesen an Deck verbeugten sich, als sie den Oberbefehlshaber sahen. Mit einer Handbewegung gab er ihnen zu verstehen, dass sie ihn allein lassen sollten.
Er stand an der Reling und schaute in den immerwährenden Nebel, der über dem versteckten Meer lag. Er lauschte dem Geräusch der Ruder, die das Schiff schnell vorwärtstrieben, und dem Wind, der die großen Segel des Viermasters aufblähte.
Dort, irgendwo im Nebel, lag die Quelle der magischen Macht der Herrscher des Magistrats. Dort war die Quelle jener magischen Materie, die den Protektoren die Macht zur Erschaffung von Dämonen und Untoten gab. Aaghyl wusste, dass Schiffe der Union immer wieder versuchten, diese Quelle zu finden. Keines dieser Schiffe hatte jemals Erfolg damit, und keines kehrte jemals in seine Heimat zurück.
Aaghyl hörte hinter sich ein Geräusch. Als er sich umdrehte, erblickte er Yyehal, die Kapitänin der Protektor von Muantur.
»Eigentlich wollte ich nicht gestört werden«, sagte er schroff.
»Verzeih, Erhabener, ich dachte nur, dass du vielleicht mit mir, einer Frau aus deinem Volk, über das Erlebte reden möchtest. Du kennst das Gesetz der Erleichterung«, sagte Yyehal ungerührt.
Selbstverständlich war ihm das Gesetz der Erleichterung bekannt. Gefühle waren im Magistrat verpönt. Bei hohen Führern wurden sie von den Herrschern überhaupt nicht geduldet. Jede hochgestellte Persönlichkeit musste regelmäßig einen Gefühlsweber aufsuchen. Das galt erst recht für hohe Führer, die frisch aus einer Schlacht kamen, ganz gleich, ob diese nun siegreich gewesen war oder in einer Niederlage geendet hatte.
Er hatte schon seit geraumer Zeit keine Reinigungszeremonie bei sich durchführen lassen. Jetzt konnte er sie nicht mehr aufschieben; die Kapitänin würde keine Ausrede dulden.
Da die Gefühlsreinigung nun unumgänglich war, wollte er die Zeremonie der Erleichterung lieber mit Yyehal durchführen, die ebenfalls eine Gefühlsweberin war, als mit einem Magier aus einem anderen Volk. Insgeheim hoffte er, dass sie die Gefühle, die Taelgas Tod in ihm ausgelöst hatte, am ehesten verstehen würde.
»Ja natürlich, Kapitänin. Ich bin bereit.«
»Gut. Dann möchte ich dich bitten, mich in einer Stunde in meiner Kajüte aufzusuchen, Lord Aaghyl.«
»Ich werde da sein.«
Die Kapitänin ließ Aaghyl an der Reling zurück. Sie hätte auch keinen Aufschub der Zeremonie akzeptiert. Der Oberbefehlshaber war zu wichtig, um ihn seinen Gefühlen zu überlassen. Das Gesetz der Erleichterung gab ihr die Macht, dem Lord die Reinigung zu befehlen.
Aaghyl wandte sich wieder dem Meer und dem Nebel zu. Noch eine ganze Weile hing er seinen Gedanken nach. Dann wurde es Zeit, Yyehal aufzusuchen. Wenig später betrat er die Räume der Elfenfrau.
Yyehal saß an ihrem steinernen Schreibtisch. Vor ihr lagen einige Schreibtafeln, die sie gerade bearbeitet hatte. In dem schmucklos eingerichteten Raum befand sich außerdem ein einfacher, runder Tisch aus Stein, um den vier Sessel gruppiert waren. In der Mitte lag ein großer, blauer Teppich, auf dem viele goldene Symbole eingestickt waren. Yyehal bat den Oberbefehlshaber, auf dem Teppich Platz zu nehmen; dann setzte sie sich ihm gegenüber.
»Lord Aaghyl, können wir mit der Zeremonie anfangen?«
»Du kannst mit der Reinigung beginnen.«
Die Steinelfenfrau streckte ihre Arme nach vorne aus, ihre Handflächen zeigten auf den Teppich. Kurze Zeit später erschien zwischen den beiden Elfen eine Kugel aus magischem Licht.
»Sieh jetzt in die Kugel und entspanne dich«, bat Yyehal den Oberbefehlshaber.
Aaghyl konzentrierte sich auf das magische Licht. Er wusste, dass sich ihre beiden Bewusstseine in gewisser Weise in der Kugel begegnen würden. Auch die Elfenfrau konzentrierte sich nun auf die Kugel. Mit ihrer Magie leitete sie Aaghyls Geist in das Licht. Völlig losgelöst von ihren Körpern begegneten sie sich auf der magischen Bewusstseinsebene.
Die Elfe begann mit der Reinigungszeremonie. Sie sah Aaghyls Gefühle, die wie Fäden aus Garn wirkten.
Kontrollierte Gefühle zeigten sich im Bewusstsein jedes Wesens als feines Gewebe, einfarbig und geordnet. Das war ein Zeichen dafür, dass nicht Gefühle das Handeln des jeweiligen Wesens beeinflussten. Jedes Erlebnis beschädigte ein Gefühlsgewebe, ganz gleich, ob es positiv oder negativ war. Starke Gefühle konnten Löcher in das Gewebe reißen oder es sogar ganz auflösen. Löste sich das Gewebe in seine einzelnen Emotionen auf, bildeten sich bunte Gefühlsknäuel. Jede Emotion nahm dann eine andere Farbe an.
Die Aufgabe der Gefühlsweber bestand darin, das Gefühlsgewebe wiederherzustellen. Die Reinigungszeremonie diente dazu, diese Gefühlsknäuel zu entwirren und alle Emotionen gleichfarbig zu machen. Was hier so einfach klang, war in Wirklichkeit ein sehr anstrengender und zeitaufwendiger Prozess.
Das Gefühlsgewebe des Oberbefehlshabers war ein einziges Chaos. Mehrere bunte Knäuel schwebten durch Aaghyls Bewusstsein. Die Gefühlsweberin sah, dass hier eine schwierige Aufgabe zu bewältigen war. Sie begann, die Fäden einzeln aus dem Gewirr zu ziehen. Jeder Gefühlsfaden musste geglättet und wieder in seine ursprüngliche Farbe gebracht werden.
Jedes Wesen hatte seine eigene Farbe für ausgeglichene Gefühle. Aaghyls Farbe war am ehesten als violett-beige zu beschreiben. Die letzte Emotion, die Yyehal nach vielen Stunden vor sich hatte, war ein Gefühl, das sie niemals bei dem Elfenmann vermutet hätte. Trotz all ihrer Bemühungen bekam sie dieses Gefühl nicht ganz so glatt wie die anderen. Diese Emotion ließ sich weder in Aaghyls Farbe verwandeln noch in sein wiederhergestelltes Gefühlsgewebe einfügen. Dieses Gefühl war strahlend weiß. Yyehals Magie stieß hier an ihre Grenzen.
Die Elfenfrau beendete die Reinigungszeremonie. Beide erwachten wie aus einem Traum. Sie waren psychisch erschöpft, und ihre Körper waren schweißgebadet.
Aaghyl fühlte sich müde und erleichtert. Die Trauer um Taelga und der Zorn über die verlorene Schlacht quälten ihn nicht mehr. Tief in seinem Inneren konnte er aber immer noch eine starke Emotion spüren, die seiner gefallenen Schülerin galt.
Verwundert und gleichzeitig erleichtert darüber schaute er die Gefühlsweberin an. Aaghyl hatte schon viele Reinigungszeremonien erlebt. Jedes Mal waren die Gefühle danach nur noch sehr schwach vorhanden gewesen.
»Was ist passiert, Yyehal?«
»Die Zeremonie war erfolgreich, Erhabener. Nur eine Emotion konnte ich nicht behandeln. Du weißt, um welche es sich handelt?«
»Ja, und ich bin selbst darüber erstaunt, dass sie noch genauso stark ist.«
»Sei versichert, ich auch. Ich habe dafür nur eine Erklärung.«
»Welche Erklärung gibt es dafür?«, fragte der Oberbefehlshaber und täuschte Gleichgültigkeit vor.
»Wenn du erlaubst, würde ich gerne eine Erfrischung mit dir einnehmen. Wir können dann darüber reden«, bot die Kapitänin dem Steinelfenmann an.
Aaghyl war einverstanden. Die zwei Elfen erhoben sich von dem Teppich. Der Sanguenritter setzte sich auf einen der Sessel, während die Elfenfrau in ihrem Wohnraum verschwand. Nach wenigen Augenblicken kehrte sie mit einem Tablett zurück, auf dem ein Krug und zwei Gläser standen.
»Ich habe mir etwas Fahrnapfelsaft bringen lassen. Ich habe bemerkt, dass du dieses Getränk seit einiger Zeit bevorzugst.«
»Ich wusste gar nicht, dass meine Vorlieben so offensichtlich sind«, antwortete Aaghyl lächelnd.
Nachdem die Elfe beide Gläser gefüllt hatte, nahm Aaghyl sein Glas und lehnte sich zurück. Er blickte die Gefühlsweberin erwartungsvoll an. Yyehal musterte den Lord eine Weile, bevor sie zu sprechen begann:
»Wäre das, was du als Zuneigung zu Taelga empfindest, wirklich nur das, dann hätte ich dieses Gefühl reinigen können. Aber es ist viel mehr, es ist viel stärker. Bist du dir wirklich nicht darüber im Klaren, Aaghyl?«
»Doch, ich glaube schon«, flüsterte er. Entschlossen fuhr Aaghyl fort:
»Aber es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ich glaube an die Lehre der Herrscher und befolge sie strengstens. Vielleicht bist du nur keine gute Gefühlsweberin.«
Nur schwach kam dieser Vorwurf über die Lippen des Lords.
»Daran liegt es nicht, das weißt du auch«, sagte Yyehal sanft und schüttelte ihren Kopf.
»Ja. Die Wahrheit ist, dass ich mich freue, dieses Gefühl immer noch so stark in mir zu spüren«, gab er schließlich zu.
»Ich weiß, auch das habe ich gesehen.«
»Dann sag es endlich. Was ist mit mir los?«
»Du empfindest Liebe. Reine und starke Liebe zu Taelga.«
Der Sanguenritter wollte aufbegehren. Nur einen kurzen Moment lang. Dann sackte er in dem Sessel zusammen. Die Erkenntnis überwältigte ihn. Die Gefühlsweberin hatte recht. Er hatte seine Schülerin geliebt. In seinem Innersten hatte er das immer gewusst, aber die Wahrheit verdrängt. So ein starkes Gefühl war gefährlich. Es stellte alles infrage, woran er glaubte. Ein Lord des Magistrats und der Oberbefehlshaber durfte keine Gefühle haben, schon gar nicht ein so starkes wie die Liebe.
»Habe ich deshalb versagt? Ist mein Gefühl schuld am Untergang Acceras?«
Die Herrscher würden es so sehen. Aaghyl würde zu Recht zu einer Existenz als Untoter verurteilt werden.
»Was wirst du jetzt machen? Du weißt nun, dass ich nicht der unfehlbare Oberbefehlshaber bin. Du musst mich melden und mir mein Kommando entziehen.«
Er ergab sich in sein Schicksal, das nun in den Händen der Kapitänin lag. Sinan Eldar, sein Vertreter, würde die Armee nach Muantur führen.
Yyehal schwieg. Sie nippte an ihrem Glas. Sie war nicht überrascht über Aaghyls Geständnis. Ja, ihre Pflicht war, den Oberbefehlshaber zu melden und ihn seines Kommandos zu entheben. Als Gefühlsweberin hatte sie dazu die Autorität. Sie schaute den Lord nicht an, als sie leise zu sprechen begann:
»Du weißt wenig über mich, Aaghyl. Ich diene schon sehr lange in der Streitmacht des Magistrats. Vielleicht schon zu lange. In meiner Heimat war ich eine Heilerin. Mein Heilungszauber war sehr stark. Schon wenige Jahre nach meiner Reife wollte ich aber so schnell wie möglich der Armut und dem ständigen Hunger unseres Wohnturms entfliehen. Als dann irgendwann ein Rekrutierungstrupp bei uns haltmachte, meldete ich mich freiwillig zu den Streitkräften. Das ist jetzt schon fast sechshundert Jahre her.
Nach meiner Grundausbildung zur Kriegerin wurde ich einem Schiff als Heilerin zugeteilt. Der Kapitän, ebenfalls ein Steinelf, erkannte bald meine Fähigkeit zur Gefühlsweberin. Er war auch ein Gefühlsweber und unterrichtete mich viele Jahre in der Anwendung dieser Magie.
In einem Gefecht, mit einem Schiff der Union, fiel der Kapitän und die Herrscher bestimmten mich zu seiner Nachfolgerin. Die Protektor von Muantur ist jetzt schon das sechste Schiff, das unter meinem Kommando fährt.
Ich bin davon überzeugt, dass die Herrscher wissen, was richtig ist und dass der Krieg gegen die Union für unser Überleben notwendig ist. Die westlichen Königreiche und deren Verbündete werden ihren Überfluss niemals freiwillig mit uns teilen.«
»Ja, Kapitänin, da stimme ich dir zu. Erst wenn die Union besiegt ist, wird dieser Kampf zu Ende sein. Ich war fest überzeugt, dass die Schlacht um Acceras siegreich für uns enden würde. Dieser Krieg wäre endgültig vorbei gewesen«, unterbrach Aaghyl.
Yyehal schaute zu dem Oberbefehlshaber.
»Auch ich war mir sicher, dass wir siegen werden. Was ist passiert?«
»Ich weiß es noch nicht. Ich glaube, dass Verrat im Spiel war. Aber von wem? Darauf habe ich keine Antwort.«
»Hätten die Herrscher den Verrat nicht verhindern müssen oder steckt mehr dahinter, als wir ahnen? Oder ist dein Versagen in Wahrheit ihres?«, fragte die Kapitänin provokant.
Aaghyl war entsetzt über die Aussage der Steinelfe. Unter anderen Umständen wäre Yyehals Leben verwirkt gewesen. Die Herrscher zu kritisieren oder die Richtigkeit ihrer Lehre anzuzweifeln galt im Magistrat als Hochverrat. Die Strafe dafür war die Existenz als Untoter.
»Bin auch ich nicht längst zum Verräter an der Lehre geworden?«
Seine Gefühle für Taelga hatten alles verändert.
»Die Lehre und die Herrscher sind unfehlbar«, sagte Aaghyl fast schon flehend zu der Elfenfrau.
Er war aufgestanden und lief eine Weile durch den kleinen Arbeitsraum hin und her. Plötzlich blieb der Oberbefehlshaber stehen und schaute die Kapitänin an.
»Was geschieht jetzt, Yyehal?«, fragte er unsicher.
Aaghyl nahm wieder im Sessel Platz und schaute die Kapitänin auffordernd an. Yyehal, die ruhig abgewartet hatte, fuhr fort mit ihrer Erzählung.
»In den vergangenen Jahren habe ich viele Erleichterungszeremonien abgehalten. Bei mir waren Elfen, Menschen, Cwoks und viele andere Wesen, damit ich ihre Gefühlsgewebe wieder in Ordnung bringen konnte. Ich habe niemals ein Wesen getroffen, das nicht zu starken Gefühlen fähig gewesen ist. Ob Liebe, Hass, Wut oder auch Trauer, alle Wesen, die ich traf, waren zu diesen Gefühlen fähig. Die Lehre der Herrscher sagt, dass die Gefühle in uns nicht zu unserer Natur gehören, sondern durch böse Magie zu uns gekommen sind. Die Lehre der Herrscher sagt auch, dass ein Kampf nur siegreich für denjenigen ist, der keine Gefühle besitzt.«
»Die Lehre ist mir bekannt, Yyehal. Ich glaube fest an sie. Sie leitet uns an, damit wir irgendwann das Ideal erreichen, ohne Gefühle leben zu können. Glaubst du, ich habe die Lehre vergessen?«
»Nein, das glaube ich nicht. Aber ist dein Glaube an die Lehre immer noch fest genug? Glaubst du, dass dein Gefühl für Taelga falsch ist?«
Aaghyl schüttelte seinen Kopf.
»Ich weiß nur, dass die Herrscher bei uns hohen Führern solche Gefühle nicht dulden, aber sie wissen auch, dass wir nicht ohne Fehler sind. Die Lehre verbietet sie nicht ausdrücklich, aber die Herrscher verlangen von uns, dass wir über unseren Gefühlen stehen, dass wir sie beherrschen und nicht sie uns. Geben wir ihnen nach, beherrscht uns das Böse. Aber das weißt du, Yyehal.« Der Lord nahm einen Schluck von dem Fahrnapfelsaft, dann fuhr er fort.
»In den Augen der Herrscher habe ich mich schuldig gemacht. Ich habe mich von der Zuneigung zu Taelga leiten lassen. Ich war schwach. Ich wollte unbedingt diese Schlacht gewinnen und damit die Union bezwingen, denn ich habe mir ein Leben vorgestellt, in dem Taelga und ich keine Krieger mehr sind. Ich habe mir eingeredet, dass mein Wunsch nur der Zeugung neuen Lebens dienen würde, um eine Rechtfertigung zu haben. Den Gedanken an Liebe wollte ich nie zulassen.«
»Jedes Lebewesen, bei dem ich bisher die Reinigungszeremonie durchführte, wollte die Gefühle loswerden, von denen sein Leben beeinträchtigt wird. Die Lehre sagt, dass alle unsere Gefühle ihren Ursprung in böser Magie haben und wir sie bekämpfen müssen. Jedes Wesen, das nach der Lehre der Herrscher lebt, strebt nach dem Ideal, ein Leben ohne Gefühle zu führen – mehr oder minder erfolgreich. Bei dir ist es nicht anders.«
Der Elfenmann nickte zustimmend.
»Ich habe aber niemals erlebt, dass ich ein Gefühl nicht reinigen konnte. Bei dir war es das erste Mal.«
»Was bedeutet das? Habe ich mich dem Bösen hingegeben?«
»Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube vielmehr, dass die Herrscher damit eine bestimmte Absicht verfolgen.«
»Welche Absicht denn?«, fragte Aaghyl erregt.
»Das weiß ich nicht. Vielleicht wollten die Herrscher, dass du die Elfenfrau liebst. Wir müssen nicht alles verstehen, was die Herrscher wollen. Wir müssen nur gehorchen.«
Der Oberbefehlshaber dachte über die Worte der Gefühlsweberin nach.
»Was wirst du nun mit mir machen?«
»Ich werde nichts tun. Ich werde den Willen der Herrscher nicht in Frage stellen. Sie bestimmen über unser Schicksal.«
»Sind wir jetzt Verräter, Yyehal?«
»Nein. Meine Treue zu unseren Herrschern und deren Zielen ist ungebrochen. Die Union muss besiegt werden«, sagte die Kapitänin fest.
Sie blickte dem Lord in die Augen.
»Hast du deine Liebe zu Taelga als etwas Schlechtes empfunden? Warst du nur deshalb nicht siegreich, weil du Taelga geliebt hast?«
Aaghyl zögerte mit seiner Antwort keine Sekunde.
»Nein, ich weiß, dass meine Liebe nicht der Grund gewesen ist. Der Gedanke daran, mein Leben nach dem Sieg mit Taelga zu verbringen, hat mir Kraft gegeben. Das konnte ich deutlich spüren.«
»Kann deine Liebe zu Taelga dann wirklich ihren Ursprung im Bösen haben? Ist deine Liebe Schuld an deiner Niederlage?«
»Die Lehre sagt, alle Gefühle haben ihren Ursprung im Bösen. Du sagst, die Herrscher wollten, dass ich Taelga liebe«, sagte der Lord stirnrunzelnd.
»Ja, es könnte so sein, Erhabener.«
»Dann wollen die Herrscher, dass ich mich dem Bösen hingebe? Das verstehe ich nicht. Ich bin verwirrt.«
»So ergeht es mir auch. Scheinbar passen die Lehre und der Wille der Herrscher nicht zusammen. In der Vergangenheit sind mir schon mehr solcher Widersprüche aufgefallen. Ich suche nur nach Antworten.«
»Ich habe keine Antworten für dich, Yyehal. Ich weiß nur, dass deine Gedanken gefährlich sind.«
»Ja, das ist mir bewusst. Ich kann aber meine gefährlichen Gedanken mit dir teilen, weil ich während deiner Reinigungszeremonie noch etwas bei dir gesehen habe, außer deinem Gefühl für die Ritterin. Das hat mich bewogen, mich dir zu öffnen.«
»Was hast du bei mir noch gesehen, dass du das glaubst?«, fragte der Elf flüsternd.
»Zweifel, Erhabener, Zweifel. Tief in deinem Inneren zweifelst du selbst. Daran ist auch Taelga schuldig. Du wusstest immer, dass deine Liebe zu ihr im Widerspruch zu der Lehre stand«, sagte Yyehal, genauso flüsternd wie der Oberbefehlshaber.
Aaghyl musste sich eingestehen, dass Yyehal recht hatte. Das Gefühl für Taelga hatte tatsächlich Zweifel an der Unfehlbarkeit der Lehre geweckt, die er aber immer wieder zu verdrängen versuchte.
Yyehals Worte machten ihm seine diesbezügliche Unsicherheit aber wieder bewusst.
»Was ist aber, wenn Yyehal sich in allem irrt? Wenn meine Liebe doch etwas Böses ist und die Herrscher sie auch bei mir nicht dulden?«
Die Herrscher würden ihn nicht nur für die verlorene Schlacht um Acceras bestrafen. Wenn sein Gefühl für seine Schülerin doch nicht der Wille der Herrscher war, dann würden sie sein Versagen darauf zurückführen. Der Gedanke an Verrat aus den eigenen Reihen wäre damit aus der Welt geschafft. Der wahre Schuldige würde nie gefunden werden, der Frevel bliebe ungesühnt. Die Lehre der Herrscher würde recht behalten.
Der Oberbefehlshaber war aber sicher, dass nur Verrat und nicht seine Liebe zu Taelga schuld an dem Verlust der grauen Festung war.
»Du musst auch regelmäßig einen Gefühlsweber aufsuchen. Wie kannst du deinen Zwiespalt erfolgreich verbergen?«
»Ich habe da von meinem Lehrer ein paar Tricks gelernt, um Emotionen zu verbergen. Sie haben nichts mit Magie zu tun und können von einem Gefühlsweber nicht erkannt werden.«
»Wie soll es jetzt mit uns und mit unseren gegenseitigen Offenbarungen weitergehen?«, fragte Aaghyl die Elfe unsicher.
Es war das erste Mal nach seiner Reifezeremonie, dass er nicht wusste, wie er sich verhalten sollte.
»Kann ich so weitermachen wie bisher? Kann ich immer noch ein Lord des Magistrats und Oberbefehlshaber seiner Truppen sein?«
»Ich kann nicht wissen, was uns die Zukunft bringen wird. Meine Erfahrungen haben mich zwar skeptisch gemacht, was die Unfehlbarkeit der Lehre betrifft, aber ich glaube an unsere Herrscher. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Herrscher einen Plan für uns haben, dessen Zweck und Ziel wir vielleicht nie erfahren werden. Aber unser Zwiespalt und unser daraus resultierendes Handeln sind Teil dieses Plans.«
»Die Lehre sagt, wir sind nicht Herr unseres Handelns. Nach deinen Worten zu schließen, wird sich unser Schicksal so vollenden, wie die Herrscher es für uns vorgesehen haben, Yyehal?«
»Ja, Erhabener, davon bin ich überzeugt, trotz meiner Zweifel.«
Aaghyl seufzte. Bis heute schien sein Leben unkompliziert. Er fragte sich, welches Schicksal die Herrscher für ihn vorbestimmt hatten.
»Yyehal, kannst du mir beibringen, wie ich meine Gefühle vor anderen Gefühlswebern verbergen kann?«
Aaghyl erschrak vor sich selbst. Seine Gefühle für Taelga und seine unbewussten Zweifel wären vielleicht noch verzeihlich gewesen. Sein Wunsch, diese Emotionen vor den Herrschern verbergen zu wollen, würde ihm ganz sicher die Existenz als Untoter einbringen, wenn er bekannt würde. Ihm blieb nichts anderes mehr übrig, als Yyehal zu vertrauen. Sein weiteres Leben lag jetzt ganz in den Händen der Steinelfenfrau.
»Du weißt, dass du von nun an ganz allein über mein weiteres Schicksal bestimmst.«
»Ja, Erhabener, das weiß ich. Du kannst mir vertrauen. Schließlich habe ich mich dir auch anvertraut und nun liegt mein Schicksal genauso in deinen Händen, wie deins in meinen. Ich werde nichts tun, was dir irgendwie schaden könnte. Im Gegenteil, ich werde dir helfen. Wir haben noch viele Tage vor uns, bevor wir Noslahr erreichen. Da wird es sicher möglich sein, dass ich dir das Notwendige lehre, damit du deine Gefühle vor anderen unsichtbar machen kannst.«
»Warum tust du das?«, fragte der Sanguenritter erleichtert.
»Weil ich spüre, dass du für den Krieg wichtig bist. Ohne dich ist der Magistrat verloren. Ohne dich leben wir bald unter der Knechtschaft der Union. Das muss verhindert werden«, sagte die Steinelfenfrau voller Inbrunst.
Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu:
»Außerdem ist die Existenz als Untoter nicht sehr erstrebenswert.«
Aaghyl stimmte ihr zu.
Viele Stunden waren vergangen, seitdem Aaghyl die Kabine der Kapitänin betreten hatte. Durch die Fenster des Arbeitsraumes schimmerte das erste Licht des neuen Tages. Er erhob sich und blickte auf die Steinelfe herab, die auf ihrem Sessel sitzen blieb.
»Yyehal, es war eine sehr aufwühlende Nacht. Ich muss viele Dinge neu überdenken. Ich werde jetzt meinen üblichen Aufgaben nachgehen, die von einem Oberbefehlshaber erwartet werden. Wenn es dir recht ist, suche ich dich heute Abend wieder hier auf.«
»So sei es, Lord Aaghyl. Ich werde auf dich warten.«
Er verließ die Räume der Kapitänin und begab sich in seine eigene Kabine. Mit einem Wachzauber vertrieb er seine Müdigkeit. Auf seinem Arbeitstisch lagen haufenweise Schreibtafeln, die seine volle Aufmerksamkeit erforderten.
Es war gegen Mittag, als es an seiner Tür klopfte. Sinan Eldar trat in Aaghyls Kabine. Der Oberbefehlshaber war erfreut über die Unterbrechung seiner eintönigen Arbeit. Er deutete auf einen Stuhl, und sein Freund nahm Platz.
»Erhabener, es wird Zeit. Einige Dinge müssen erledigt werden, die keinen Aufschub dulden«, begann Sinan Eldar mit seiner dunklen, leicht heiseren Stimme.
»Was ist so dringend, dass es uns von einem kameradschaftlichen Gespräch abhalten könnte?«
»Du musst einige Krieger bestrafen, die gegen die Lehre und die Gesetze verstoßen haben.«
»Natürlich werden sie bestraft werden, Sinan. Das kann aber noch einen Augenblick warten.«
»Wie du wünschst, Aaghyl.«
Der Oberbefehlshaber sah seinen Freund forschend an.
»Warst du schon bei einem Gefühlsweber, Sinan?«
»Ja, Lord Aaghyl. Hier an Bord befindet sich ein Mensch, der diese Magie beherrscht. Wie ist es bei dir, Erhabener?«
»Ich habe das Reinigungsritual auch abgeschlossen. Kapitänin Yyehal ist eine ausgezeichnete Gefühlsweberin.«
»Wie sind deine Gefühle zu Taelga?«
Aaghyl betrachtete seinen Stellvertreter aufmerksam.
»Hat mein Freund etwas bemerkt?«
»Darf ich offen sein, Aaghyl?«
»Natürlich, Sinan, wir kennen uns schon so viele Jahre. Wir haben viele Schlachten Seite an Seite geschlagen. Geheimnisse voreinander sollten uns da fremd sein.«
»Ich habe mir Sorgen um dich gemacht. Ich habe großes Verständnis für deine Zuneigung zu Taelga gehabt. Aber hin und wieder habe ich mich gefragt, ob dir eines Tages Taelga wichtiger sein würde als der Kampf gegen das Böse aus der Union.«
»Darf ich auch offen zu dir sein, mein Freund?«
»Natürlich, Erhabener.«
»Taelga wurde mir von Tag zu Tag wichtiger, das ist wahr. Die Sitzung bei der Gefühlsweberin hat mir einige Erkenntnisse über mich und meine Beziehung zu ihr eröffnet. Ich will jetzt auch nur so viel darüber sagen, dass ich dir versichern kann, dass der Krieg gegen unsere Feinde mir immer wichtig war und bleiben wird.«
»Das von dir zu hören ist eine große Erleichterung für mich. Ich kann mich unmöglich an einen neuen Oberbefehlshaber gewöhnen«, sagte Sinan Eldar scherzhaft.
Aaghyl schätzte viele Eigenschaften an seinem Stellvertreter, aber eine ganz besonders. Er konnte ihn immer wieder erheitern. Der Lord erhob sich hinter seinem Schreibtisch.
»Komm, mein Freund. Bevor wir uns wieder den ernsten Dingen des Lebens widmen müssen, lass uns in der Messe nachsehen, ob wir etwas Essbares ergattern können«, sagte er gut gelaunt.
In der Offiziersmesse gab es außer dem üblichen Nahrungsbrei nur noch ein paar Früchte und Kräutertee. Aaghyl und Sinan Eldar hatten es sich nach dem Essen noch bei einem Becher Tee bequem gemacht.
»Vielleicht ist diese Überfahrt unsere letzte gemeinsame Reise«, sinnierte Aaghyls Stellvertreter.
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Vielleicht gehört das alles zu einem Plan unserer Herrscher.«
»Wie kommst du auf so verrückte Gedanken?«
»Ich kann es dir nicht genau erklären. Es ist so eine Ahnung, dass wir nicht bestraft, sondern eine neue Aufgabe bekommen werden, Sinan.«
Sinan Eldar blickte seinen Freund an, als hätte dieser seinen Verstand verloren.
»Ist alles mit dir in Ordnung, Erhabener?«
»Ja, mache dir keine Sorgen. Vertraue mir einfach. Falls ich mich irre, kannst du dich hinterher bei mir beschweren. Im Ernst, es gibt ja nur diese zwei Möglichkeiten, Strafe oder eine neue Aufgabe.«
»Da stimme ich dir zu. Ich hoffe nur, du behältst recht«, seufzte Sinan Eldar leise.
»Welche Aufgaben stehen für heute an?«
Sinan Eldar setzte sich aufrecht und räusperte sich.
»Ein Offizier hat sich beim Rückzug aus Acceras feige verhalten. Er und seine Krieger haben ihre Untoten und Dämonen benutzt, um ihren Rückzug zu decken. Dadurch kam nicht nur ein anderer Kämpfertrupp in Gefahr, es ging auch wertvolle Ausrüstung verloren.
Die Offizierin eines anderen Trupps konnte die zurückgelassenen Untoten und Dämonen nicht unter ihre Kontrolle bringen. Sie und ihre Kämpfer wurden vom Feind überrannt und brachten sich nur mit knapper Not in Sicherheit.«
Es war das Vorrecht des Oberbefehlshabers, das Urteil über die angeklagten Krieger zu fällen. Für Feigheit im Kampf gab es im Magistrat nur eine Strafe: die Existenz als Untoter. Die Verurteilung zu diesem Dasein wurde niemals leichtfertig getroffen. Im Magistrat wurde das Leben hochgeachtet. Es gab zu wenig lebende Wesen im Herrschaftsgebiet des Magistrats, sodass man Leben nicht einfach vergeudete. Nur bei sehr schweren Vergehen wurde diese Strafe verhängt. Durch ihre Feigheit hatten die angeklagten Kämpfer andere Wesen in Lebensgefahr gebracht. Das ließ wenig Spielraum für Milde.
»Gibt es für irgendeinen dieser Feiglinge irgendwelche Umstände, die eine geringere Strafe zulassen würden?«
»Nein, Erhabener, es gibt keinen Umstand, der Milde zulassen darf.«
»Gut. Das Gericht wird in zwei Stunden auf dem Deck der Protektor abgehalten«, verkündete Aaghyl.
»Ja, Erhabener. Ich werde alles Notwendige veranlassen«, sagte Sinan Eldar und verließ eilig die Messe.
Aaghyl sah noch eine Weile zur Tür, dann erhob er sich und suchte seine Kabine auf. Er ging in sein Bad und machte sich ein wenig frisch. Danach legte er sich auf sein Bett. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und geschlossenen Augen genoss er die sanften Bewegungen der Galeere. Die monotonen Geräusche der immer wieder ins Wasser eintauchenden Ruder machten ihn schläfrig. Irgendwann riss ihn die Schiffsglocke aus seinem Schlaf. Drei Schläge zeigten ihm an, dass es Zeit für das Gericht war.
Er stand auf und wandte seinen Rüstungszauber an. Als der Lichtblitz erlosch, war Aaghyl mit seiner prächtigen Rüstung bekleidet. Der Oberbefehlshaber betrachtete sich im Spiegel. Daraus blickte ihm ein Furcht einflößender Sanguenritter entgegen, der nach Blut und Tod gierte. Dieses tiefe Verlangen, das jedem Sanguenritter zu eigen war, konnte nur mit Blut gestillt werden. Diese Gier war ständig zu spüren. Aaghyl fühlte sie auch jetzt.
Er drehte sich um und machte sich auf den Weg an Deck. Er wusste, was ihn dort erwartete. Der Oberbefehlshaber hatte schon mehrere derartige Rituale erlebt.
In den vergangenen zwei Stunden waren alle Sanguenritter und Offiziere der kleinen Flotte an Bord der Protektor von Muantur befohlen worden. Alle Schiffe hatten ihre Segel gestrichen und die Ruder eingeholt.
Es war sehr still, als der Oberbefehlshaber und Lord des Magistrats das Deck betrat. Aaghyl blickte sich kurz um. Vor dem Hauptmast standen die angeklagten Krieger. Der feige Offizier war ein Steinelf mit grünen Haaren, seine vier Unterführer waren drei Menschen und ein Cwok. Alle fünf Delinquenten waren in schlichte, dunkelbraune Roben gekleidet und an Händen und Füßen gefesselt. In ihren Gesichtern konnte Aaghyl die Spuren der Verhöre sehen. Er war sicher, dass sie ihren Verrat an der Lehre der Herrscher gestanden hatten. Schmerz und Magie sind probate Mittel, um alles zu erfahren. Diese Verhöre hatten noch einen weiteren Zweck: Den Angeklagten war so ihre Magie genommen worden.
Es gab in der kleinen Flotte noch sieben andere Sanguenritter außer Sinan Eldar und ihm. Sie standen im Halbkreis vor den Angeklagten. Der Anblick seiner ritterlichen Gefährten in ihren glänzenden Terronitrüstungen erfüllte den Oberbefehlshaber mit so etwas wie Stolz. In Gedanken rezitierte Aaghyl einen passenden Vers aus der Lehre, der ihm half, dieses Gefühl zu unterdrücken. Auf dem restlichen Deck standen alle Offiziere und Unterführer, die Platz gefunden hatten.
Ein Gericht fand nicht alle Tage statt. Die Bestrafung zur Existenz als Untoter wurde nicht oft verhängt. Lebende Krieger waren eben wertvoller als nicht lebende Kämpfer. Die meisten Untoten waren schon sehr alt. Neue Untote rekrutierten sich meistens aus gefangenen Feinden. Neuzugänge aus Gerichtsritualen waren eher selten.
Über dem Deck schwebte ein magisches Auge. Ähnliche Augen schwebten in diesem Augenblick über jedem Schiff der kleinen Flotte, damit jeder diese rituelle Handlung verfolgen konnte, der sich nicht an Bord der Protektor befand. Das diente der Abschreckung. Dem Magistrat war es immer wichtig zu zeigen, dass Feiglinge keine Gnade erwarten konnten.
Aaghyl begab sich in die Mitte des Halbkreises, den die Ritter bildeten. Er blickte kurz zur Brücke hinauf. Dort oben stand Yyehal und nickte ihm zu. Als der Lord vor den Gefangenen stand, übergab ihm Sinan Eldar eine lederne Schriftrolle. Er zog sie auseinander und überflog die Namen der Angeklagten und deren Verbrechen. Er räusperte sich und begann mit lauter, klarer Stimme zu sprechen. Es schien, als könne man ihn bis nach Tirgana hören.
»Eelhrym von den Steinelfen, im Angesicht des Feindes warst du feige. Du hast die Lehre unserer Herrscher verraten und die Ehre eines Offiziers des Magistrats besudelt. Du hast mit deiner Feigheit andere, tapfere Krieger in Lebensgefahr gebracht. Du hast wertvolle Ausrüstung dem Feind überlassen. Für diese Verbrechen verurteile ich, Lord Aaghyl vom Magistrat, dich zu der ehrlosen Existenz eines Untoten. Außerdem wird dein Offizierspatent gelöscht und dein gesamter Besitz und der gesamte Besitz deiner Familie werden eingezogen.«
Es stand in der Lehre der Herrscher, dass die gesamte Familie für die Untat eines ihrer Mitglieder haften musste. Mit der Konfiszierung des gesamten Vermögens wurden alle Verwandten dem Risiko der Armut ausgesetzt. Aaghyl fand das nur gerecht. Er fuhr fort.
»Toban Lorn von den Menschen, im Angesicht des Feindes warst du feige. Du hast die Lehre unserer Herrscher verraten und die Ehre eines Unterführers des Magistrats besudelt. Du hast mit deiner Feigheit andere, tapfere Krieger in Lebensgefahr gebracht. Du hast wertvolle Ausrüstung dem Feind überlassen. Du hast gegenüber deinem Offizier keinen Widerstand geleistet, als er dir diese feigen Taten befahl. Für diese Verbrechen verurteile ich, Lord Aaghyl vom Magistrat, dich zu der ehrlosen Existenz eines Untoten. Außerdem werden dein gesamter Besitz und der gesamte Besitz deiner Familie eingezogen.«
Aaghyl las auch die Namen und die Verbrechen der restlichen drei Gefangenen vor. Die Urteile bei ihnen lauteten gleich wie schon bei den beiden vorher Verurteilten. Als der Oberbefehlshaber alle Richtsprüche verlesen hatte, rollte er die Schriftrolle wieder zusammen und gab sie Sinan Eldar zurück.
»Nun habt ihr zum letzten Mal Gelegenheit das Wort an uns zu richten«, sagte Aaghyl zu den Verurteilten.
Nur der ehemalige Offizier begann zu sprechen.
»Erhabener Lord und ehrenwerte Offiziere. Ich spreche für uns fünf, wenn ich sage, dass wir unsere Strafe verdient haben. Wir bitten euch nur um die Gnade, dass ihr uns sterben lasst«, flehte der Steinelfenmann.
Als Richter zu fungieren war die Pflicht des Oberbefehlshabers. Auf See war es aber das Privileg eines Kapitäns Gnade walten zu lassen. Alle Anwesenden richteten ihre Blicke auf die Kapitänin der Protektor von Muantur.
Yyehal sah die zur Untotenexistenz verurteilten Wesen an.
»Ich habe schon ein langes Leben hinter mir und ich hoffe, dass ich noch ein langes Leben vor mir haben werde. Ich habe mein Leben unseren Herrschern, unserer Lehre und den Streitkräften des Magistrats gewidmet. Für mich kann es keinen schöneren Tod geben, als im Kampf für unsere gerechte Sache ehrenvoll zu sterben. Ich möchte an meiner Seite nur Krieger wissen, die nicht feige davonrennen. Ihr habt euer Recht verwirkt sterben zu dürfen.«
Noch einmal sah sie jedem Verurteilten in die Augen. Dann wandte sie sich dem Oberbefehlshaber zu.
»Lord Aaghyl, ich lehne das Begehren auf Gnade ab. Beginne mit der Vollstreckung der Urteile.«
Aaghyls Stellvertreter hatte die Hinrichtungsmethode schon vor dem Gericht festgelegt. Die Todesart war nicht vorgeschrieben. Der Tod konnte mit Magie oder mit herkömmlichen Mitteln herbeigeführt werden. So gab es qualvolle und weniger schmerzhafte Hinrichtungen. Wichtig war nur, den Körper des Verurteilten in einem Stück zu lassen. Zerstörte Körper konnten nicht mehr kämpfen.
Die Hinrichtungsmethoden waren auf einem Schiff begrenzt. Entweder wurde am Mast gehängt oder im Meer ertränkt. Sinan Eldar hatte sich auf Wunsch der Kapitänin für das Ertränken entschieden.
Als die Sanguenritter ihre Elementumschwerter zogen, erklangen dumpfe Trommelschläge. Ein Krieger durchtrennte die Fußfesseln der Verurteilten. Die Ritter bildeten ein Spalier und gingen mit den Todeskandidaten im langsamen Takt der Trommeln zur Steuerbordseite des Schiffes, wo bereits ein Stück der Reling herausgenommen worden war. Dort lagen fünf schwere Ketten, an denen jeweils ein großer Stein am einen Ende und ein Ring am anderen Ende befestigt waren. Die Ketten wurden mit den Ringen an den rechten Waden der Verurteilten befestigt. An ihren linken Waden wurden Ringe angebracht, deren Ketten fest mit der Galeere verbunden waren.
Die neun Sanguenritter hielten ihre Schwerter über die Gefangenen, sodass sich deren Spitzen berührten. Über den Verurteilten bildete sich ein bläulich leuchtendes, magisches Energiefeld, das die fünf Wesen umschloss. Plötzlich löste sich das Feld mit den Gefangenen vom Deck und schwebte vom Schiff weg, bis die Ketten sich strafften, die das Schiff mit den Verurteilten verbanden. Die Ketten mit den Steinen hingen jetzt knapp über der Meeresoberfläche. Ihre Gewichte zogen an den fünf Wesen, deren Gesichter schmerzverzerrt waren. Dann, von einem Augenblick zum anderen, erlosch das Feld, und die Verurteilten fielen in die See und waren verschwunden. Nur die straffen Ketten, die an Deck lagen, zeugten davon, dass am anderen Ende die zur Untotenexistenz Verurteilten hingen.
Die Trommeln verstummten und die Kapitänin befahl das Ende des Gerichts.
Die neun Sanguenritter steckten ihre Elementumschwerter zurück. Aaghyl bat die Ritter anschließend noch in die Messe der Protektor. Dort angekommen, entledigten sich die neun Sanguenritter ihrer Kampfrüstungen. Sie alle trugen nun die schmucklose, schwarzviolette Lederuniform, die für alle hohen Führer im Magistrat üblich war.
Aaghyl blickte in die Runde. An einem Ende des großen Tisches stand Iiseel, eine hochgewachsene, äußerst schlanke Steinelfe mit roten Haaren, die sie als Zöpfe trug. Neben ihr stand Ccrohyl, ein älterer Steinelfenmann, der sein weißes Haar sehr kurz geschnitten trug. Gegenüber von den Steinelfen standen Johr Buto und Lemm Eraz, beides Menschenmänner, die erst seit zwanzig Jahren Sanguenritter waren. Neben Aaghyl standen die drei Cwoks: Malta Schädelaxt, Winma Feuerschwert und Bulta Scharfklinge. Die eigentlichen Cwoknamen waren für andere Wesen im Magistrat schier unaussprechlich, daher gab man ihnen ähnlich klingende Namen, die aber jedes Wesen aussprechen konnte, das kein Cwok war. Es gab nur sehr wenige Cwoks, die sich zum Sanguenritter eigneten. Das lag weniger an ihrer Fähigkeit zur Magie als an ihrer geistigen Reife.
Von einem Sanguenritter wurde eben mehr erwartet als nur der Wille zum Kampf. Sanguenritter galten als die Elite im Magistrat. Sie wurden zu militärischen und auch zu politischen Führern ausgebildet. Den meisten Cwoks fehlte die Fähigkeit zum strategischen und taktischen Denken. Viele von ihnen waren schlicht nicht fähig, weitreichende Entscheidungen zu treffen.
Der Oberbefehlshaber deutete auf die Stühle.
»Nehmt Platz. Ich werde euch gleich ein paar Erfrischungen bringen lassen. Wir müssen über unsere Niederlage sprechen. Mir sind die Ursachen für unser Versagen immer noch nicht klar.«
Nachdem alle saßen, kamen zwei Untote herein, die große Tabletts mit Getränken und Trinkkrügen trugen. Es wurden leichtes Bier, verschiedene Fruchtsäfte, Tees und Wasser serviert. Jeder Ritter nahm sich sein bevorzugtes Getränk. Aaghyl entschied sich für Fahrnapfelsaft.
Schon vor langer Zeit hatte der Oberbefehlshaber den Brauch eingeführt, sich bei solchen Treffen alles sagen zu können, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Gespräche, die ohne Angst geführt wurden, waren immer ehrlich und fruchtbar, selbst wenn die Wahrheit wehtat. Er hatte mit diesem Brauch stets gute Erfahrungen gemacht.
»Ich glaube, dass du an unserer Niederlage schuld bist«, begann Iiseel unvermittelt.
Aaghyl sah keine Zustimmung bei den anderen Rittern.
»Sprich weiter.«
»Wir alle bedauern den Tod unserer Kameradin. Ihr Tod schwächt uns. Sie hinterlässt eine Lücke, die wir nicht so schnell füllen können. Mir ist es aber nicht verborgen geblieben, wie du mit Taelga umgegangen bist. Wir anderen sind unseren Pflichten jedenfalls nachgekommen.«
»Was willst du damit sagen?«
»Vielleicht hast du die Lehre etwas vernachlässigt und es gab Fehler in deiner Schlachttaktik.«
Ein Vers aus der Lehre, den Aaghyl in Gedanken aufsagte, half ihm, Iiseels Vorwürfe mit Gelassenheit zu ertragen.
Johr Buto ergriff das Wort:
»Du übst offene Kritik an unserem Anführer, Iiseel. Beanspruchst du den Oberbefehl?«
»Nein, Johr Buto. Aber wie du weißt, herrscht in dieser Runde ein offenes Wort.«
»Unsere Taktik war richtig und Aaghyls Führung war fehlerfrei«, warf der Cwok Schädelaxt ein.
»Es muss Verrat gewesen sein. Nur wer war der Verräter?«, fragte Ccrohyl.
»Ich habe kurz vor dem Fall Acceras eine mächtige, magische Präsenz gespürt. Sie kam eindeutig aus den Reihen der Unionskrieger«, sagte Iiseel.
»Ich glaube, diese Präsenz ist schuld an Taelgas Tod. Ich spürte sie auch und wollte nachsehen, von wem sie kommt. Ich ritt also in die Richtung, aus der ich die Präsenz wahrnahm. In einiger Entfernung konnte ich Taelga reiten sehen. Sie war der Präsenz schon sehr nahegekommen, viel näher als ich. Ich beschleunigte meinen Reitdämon, als ich plötzlich von Kriegern der Union angegriffen wurde. Sie hatten sich hinter einigen Felsen verborgen. Ich konnte den Kampf für mich entscheiden und habe dann nach Taelga Ausschau gehalten. Doch sie und die magische Präsenz waren verschwunden. Ich suchte noch einige Zeit die ganze Umgebung ab, aber unsere Kameradin war weg«, berichtete Ccrohyl.
»Es war deine Aufgabe auf Taelga zu achten, sie war deine Schülerin. Du hättest diese fremde Präsenz auch spüren müssen, Aaghyl.«
Der Oberbefehlshaber antwortete nicht auf Iiseels Vorwürfe.
»Diese Anschuldigungen führen zu nichts, Iiseel«, sagte Ccrohyl zu der Sanguenritterin.
»Vielleicht ist sie in Gefangenschaft geraten«, spekulierte Lemm Eraz.
»Du weißt, dass ein Sanguenritter sich niemals lebend in die Fänge der Union begeben würde«, erwiderte Aaghyl.
»Natürlich weiß ich das. Vielleicht ist es aber der Union mit einem mächtigen Zauber bei Taelga gelungen.«
»Das ist unvorstellbar. Der Krieg wäre verloren, wenn wir der Union lebend in die Hände fielen«, flüsterte Sinan Eldar.
Die anderen nickten zustimmend.
»Vielleicht hat sie sich freiwillig den Unionstruppen angeschlossen«, vermutete Iiseel.
»Nein, unmöglich. Ich weiß, dass sie den Herrschern gegenüber immer loyal war. Ich habe keine Zweifel daran«, bekräftigte der Oberbefehlshaber.
»Das wäre aber eine Erklärung für unsere Niederlage«, beharrte Iiseel.
»Nein, Taelga ist tot, im Kampf ehrenvoll gefallen. Ich spüre, dass es so ist. Alles andere ist Spekulation«, wies der Lord mit fester Stimme die Anschuldigung zurück.
»Ist es nicht so, dass das Unwahrscheinliche zur Wahrheit wird, wenn wir keine andere Erklärung finden?«, fragte Johr Buto.
»Wir sollten uns nicht scheuen die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass die Union in der Lage ist, einen von uns gefangen zu nehmen«, sagte Ccrohyl.
»Ein Sanguenritter würde den Magistrat und unseren Kampf niemals verraten. Es gibt keine derartige Magie, die einen Sanguenritter zum Verräter macht«, sagte Sinan Eldar voller Überzeugung.
»Ich kann mir vorstellen, dass die Zauberer der Union alles Mögliche mit einem lebenden Sanguenritter anstellen werden, um an seine Geheimnisse zu gelangen. In der Union dient die Folter nicht nur dem Zweck die Wahrheit zu finden wie bei uns, sondern sie wird auch zum reinen Vergnügen genutzt. Könnte unsere Kameradin den Qualen widerstehen, wenn sie doch noch lebt?«, fragte Iiseel in die Runde.
»Wir werden das zu einer anderen Gelegenheit diskutieren müssen. Jetzt müssen wir in Erfahrung bringen, warum wir nicht gesiegt haben«, forderte Aaghyl seine Mitstreiter auf.
Die neun Ritter analysierten noch eine ganze Weile die Schlacht um Acceras. Sie diskutierten über die Anzahl der Kämpfer des Magistrats, ihre Kampfkraft und die angewandten Taktiken. Sie fanden keine Schwäche in den Plänen, die sie gemeinsam erarbeitet hatten. Fakt war nur, sie hatten verloren. Der Grund für die erlittene Niederlage blieb ein Geheimnis. Einen Verräter konnten die neun Sanguenritter auch nicht ausmachen. Ergebnislos beendete der Oberbefehlshaber die Runde. Aaghyl und Sinan Eldar blieben noch sitzen.
»Glaubst du, dass Taelga von der Union gefangen genommen wurde, Sinan? Hat Lemm Eraz vielleicht doch recht?«
»Ich kann es mir nicht vorstellen, Aaghyl. Sie hätte sich niemals lebend ergeben, nicht Taelga.«
»Aber wenn doch, dann ist sie irgendwo in der Union gefangen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, was sie jetzt durchmachen muss.«
»Lemm Eraz kann niemals recht haben, Erhabener, niemals.«
»Aber bedenke eins, Sinan, ihre Leiche ist nie gefunden worden oder sonst irgendeine Spur von ihr.«
»Du klammerst dich an eine Hoffnung. Du musst damit aufhören!«
»Ja, du hast recht. Verzeih, alter Freund. Ich habe schon genug Unheil über uns gebracht.«
Insgeheim beschloss Aaghyl jedoch, dass er Taelga suchen würde, sobald es auch nur den geringsten Hinweis darauf gab, dass seine Schülerin noch lebte.