Kapitel 23 Noslahr

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 23

Noslahr

»Ich freue mich darauf, Aaghyl wiederzusehen.«

(Yyehal, Kapitänin der Protektor von Muantur)

 

​Noslahr war die größte Stadt im Magistrat. Sie lag an der Westküste Tirganas. Im Laufe der Jahrtausende hatte sich die Hafenstadt zu einem Handelszentrum entwickelt. Noslahr war auch der Heimathafen für die Kriegsflotte der Herrscher.

​Yyehal stand an der Reling ihres Schiffes, der Protektor von Muantur, und blickte auf die beeindruckende Silhouette der großen Stadt. Zahlreiche Wohntürme waren hier errichtet worden. Einige von ihnen erreichten fast die Wolken, andere duckten sich zwischen den hohen Türmen.

​Die Kapitänin mochte diese Stadt nicht. Ihr war das quirlige Treiben dort zuwider. Sie bevorzugte die Einsamkeit des Meeres.

​Eine Steinelfensoldatin näherte sich ihr und beugte ihr Knie.

​»Erhebe dich. Was gibt es?«

​»Eine Nachricht aus Muantur«, antwortete die Kriegerin und übergab Yyehal einen kleinen, grünen Kristall.

​Solche Edelsteine wurden nur vom Protektor von Muantur genutzt, um wichtige Botschaften zu überbringen. Die Kapitänin begab sich in ihre Kabine. Aus einer Schublade holte sie einen flachen, runden Stein hervor, der in der Mitte eine kleine Mulde besaß. Dorthinein legte sie den Kristall. Es bildete sich augenblicklich ein hellblauer Nebel, aus dem die Stimme des Protektors erklang.

​Yyehal erfuhr, wer auf dem Weg nach Noslahr war. Sie war erstaunt, dass Waldelfen zur Quelle der magischen Materie wollten. Es musste einiges geschehen sein, dass die Herrscher den Elfen aus der Union die Reise dorthin gewährten. Das Erstaunlichste war, dass Taelga keine Steinelfenfrau war, wie sie geglaubt hatte, sondern eine Waldelfenfrau.

​Sie freute sich, dass Aaghyl unter den Ankömmlingen war. Nach der verlorenen Schlacht um Acceras hatte sie mit ihm einige vergnügliche Nächte erlebt. Das letzte Mal, als sie den Sanguenritter gesehen hatte, war er zum Palastturm von Muantur aufgebrochen, um seine Bestrafung von den Herrschern zu erhalten.

​Damals war sie traurig über sein weiteres Schicksal gewesen. Aaghyl hatte geglaubt, dass die Herrscher ihn zu der Existenz eines Untoten verurteilen würden. In ihrem tiefsten Inneren hatte sie gefühlt, dass er nicht bestraft werden würde. Yyehal war froh darüber, dass sich ihr Gefühl bestätigt hatte.

​Die ehemalige Sanguenritterin war der Grund für Aaghyls Zweifel an den Herrschern gewesen. Yyehal war auch eine Gefühlsweberin. Während einer der vielen Sitzungen mit dem Steinelfenmann hatte sie entdeckt, dass er seine Schülerin liebte.

​Yyehal konnte Aaghyl davon überzeugen, dass es von den Herrschern möglicherweise so bestimmt war. Und nun schien es sich zu bewahrheiten.

»Ich freue mich darauf, Aaghyl wiederzusehen. Vielleicht gibt es wieder ein paar leidenschaftliche Nächte mit ihm«, dachte sie sehnsüchtig.

​Am Horizont tauchten die hohen Wohntürme von Noslahr auf.

​»Endlich, wir haben es geschafft«, sagte Eefral zu ihren Gefährten.

​»Wie fühlst du dich, Bywala?«, fragte Rresyna.

​Die Ordonnanzoffizierin war überrascht, dass die Steinelfenfrau sich für ihr Wohlergehen interessierte. Bis zu dem Kampf mit der Feuerechse hatte die Jägerin deutlich ihre Abneigung ihr gegenüber gezeigt. Es sah jetzt so aus, dass sich das geändert hatte.

​»Ich bin erleichtert. Ich hoffe, die restliche Reise wird ungefährlicher«, antwortete sie freundlich.

​»Du hast in der Lavaebene mutig gekämpft. Ich hätte nie gedacht, dass Waldelfen so kämpfen können«, sagte die Jägerin bewundernd.

​»Du kennst uns eben nicht. Das fängt schon bei unseren Namen an.«

​»Wie meinst du das? Heißt du nicht Bywala?«

​»Doch. Ihr Steinelfen sprecht unsere Namen nur falsch aus. Ich heiße By´wala. Du sagst aber Bywala. Ich könnte dich auch Rre´syna nennen, wie es bei uns üblich wäre. Ich sage aber Rresyna.«

​»Oh…Das wusste ich nicht. Verzeihe. Ich werden dich fortan By´wala nennen.«

​»Schon gut, es ist nicht wichtig. Ihr wisst eben zu wenig über uns.«

​»Ja, so wie ihr über uns. Hast du jemals von Noslahr gehört?«

​Die Ordonnanzoffizierin nickte. »Ja, in der Hauptstadt der westlichen Königreiche werden Geschichten über diese Stadt erzählt.«

​»Du wirst beeindruckt sein. Turm an Turm drängt sich dicht aneinander. Es gibt keinen Ort bei uns, in dem mehr Wesen leben als hier. Das Leben in dieser Stadt ist mit nichts im Magistrat vergleichbar.« Rresyna flüsterte plötzlich: »Es soll dort sogar Wesen geben, die nicht an die Lehre der Herrscher glauben.«

​»Ich dachte, alle Wesen im Magistrat folgen eurer Lehre.«

​»Eigentlich ist das auch so. Ohne die Lehre der Herrscher würde im Magistrat nur Chaos herrschten. Sie gibt uns Halt und Sicherheit. Sie leitet uns und ist unser Gesetz.«

​By´wala dachte einen Augenblick nach. »Dann sind die Wesen, die nicht an die Lehre glauben, Gesetzlose?«

​»Ja, das ist wohl so.«

​»Warum bestrafen die Herrscher sie nicht?«

​Die Jägerin zuckte mit ihren Schultern. »Ich weiß es nicht. Aber ich sagte ja, Noslahr ist ein Ort wie kein anderer.«

​»Glaubst du, dass du Yyehal wiedersehen wirst?«, fragte Sinan Eldar seinen Freund.

​»Ich kann mir vorstellen, dass die Herrscher das schnellste Schiff bereitstellen, um zur Quelle zu fahren. Die Protektor von Muantur ist das beste Schiff für diese Fahrt. Ja, ich glaube, dass ich Yyehal wiedersehen werde.«

​»Du hast mir von Yyehal erzählt. Sie ist die Kapitänin des Schiffes«, stellte Ta´elga fest.

​»Ja, und sie ist auch eine sehr gut Gefühlsweberin. Sie hat mir nach der Schlacht von Acceras sehr geholfen.«

​»Aaghyl hat sehr viele Nächte mit ihr verbracht«, sagte Sinan Eldar mit einem leichten Grinsen.

​Ta´elga sah Aaghyl lächelnd an. »Hm… ich verstehe«, sagte sie amüsiert.

​»Ich habe dir erzählt, dass ich über die verlorene Schlacht und deinen vermeintlichen Tod verzweifelt gewesen bin. Yyehal hat mich von diesen dunklen Gefühlen befreit und mir bewusst gemacht, dass ich dich liebe.«

​Die Sanguenritterin nickte zustimmend.

​»Sie hat mich damals davon überzeugen wollen, dass meine Liebe zu dir der Wille der Herrscher ist. Damals konnte ich das einfach nicht glauben.« Aaghyl lächelte. »Aber nun sind wir hier. Yyehal hat recht behalten.«

​Ta´elga sah den Steinelfenmann liebevoll an. »Ich bin froh, dass Yyehal recht behalten hat.«

​Iiseel, die mit der Protektorin an der Spitze des kleinen Trupps ging, hatte das Gespräch zwischen den Sanguenrittern mitgehört.

​»Was denkst du über deinen Vater und Taelga, Erhabene?«

​Eefral sah die Oberbefehlshaberin nachdenklich an. »Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Ich achte und respektiere meinen Vater. Ich habe ihn immer bewundert. Er ist ein großer Krieger. Taelga ist die Verräterin. Ich verstehe nicht, warum die Herrscher die Liebe zwischen den beiden zugelassen haben. Ich verstehe nicht einmal, warum die beiden sich lieben. Doch ich vertraue Aaghyl und ich vertraue den Herrschern.«

​»Die Herrscher sind weise«, bekräftigte Iiseel. »Doch ich muss zugeben, dass ich die Herrscher im Moment nicht verstehe. Ich verstehe nur, dass deine Aufgabe an der Quelle für uns alle wichtig sein wird.«

​»Ja, es wird sich alles so fügen, wie die Herrscher es vorsehen«, sagte Eefral zustimmend.

​Bald erreichte der kleine Trupp den Stadtrand von Noslahr. Er wurde von einer Steinelfenfrau erwartet, die auf einem einachsigen Wagen mit reich verzierten Seitenstücken stand. Die hellblauen Seitenstücke waren mit goldenen Ornamenten versehen. Das Gefährt wurde von vier Pferden gezogen.

​»Wer ist das?«, fragte Burh´an.

​»Das ist die Protektorin von Noslahr«, antwortete Iiseel.

​»Sieht hübsch aus«, bemerkte Se´lira und deutete auf den Pferdewagen.

​»Ein wenig protzig für die Verhältnisse hier«, stellte By´wala fest.

​»Ihr Waldelfen solltet ihr mit Ehrfurcht begegnen. Sie ist die älteste Steinelfe im Magistrat, wenn nicht sogar das älteste Wesen auf der Welt«, erklärte die Oberbefehlshaberin.

​»Wie alt ist sie?«, fragte Dar´al.

​»Die Protektorin weiß es selbst nicht mehr so genau. Es müssen aber so um die neuntausend Jahre sein«, erläuterte Iiseel.

​Trotz ihres hohen Alters wirkte die Protektorin eher jugendlich. Ihr gelbes Haar hatte sie zu einem langen Zopf geflochten, welcher ihr bis zu ihren Füßen reichte. Die schwarze Lederkleidung betonte ihre schlanke Figur. Ihr Gesicht war ausdruckslos, als sie den Ankömmlingen entgegensah.

​Diese beugten ihre Knie und begrüßten die Protektorin mit dem üblichen Gruß. »Die Herrscher gestalten den Tag.«

​Die alte Steinelfenfrau erwiderte den Gruß und wandte sich an Eefral. »Steig zu mir auf den Wagen.«

​Ohne die anderen auch nur eines Blickes zu würdigen, wendete sie das Gefährt und fuhr langsam die Straße hinab. Hinter ihrem Rücken machte Eefral mit einer Handbewegung deutlich, dass ihre Begleiter den beiden Protektorinnen folgen sollten.

​»Ich habe veranlasst, dass die Bewohner von Noslahr die neue Protektorin von Edderas gebührend empfangen.«

​Sie zeigte auf die vielen Wesen, die sich an den Straßenrändern aufhielten. Bei dem Anblick der beiden Frauen auf dem Wagen sanken sie auf ihre Knie.

​Eefral fühlte sich ein wenig unwohl bei dem Anblick der knieenden Bewohner. Sie wollte sich von den Demutsbezeugungen ablenken und begann ein Gespräch.

​»Du hast ein ungewöhnliches Gefährt.«

​Ein flüchtiges Lächeln überflog das Gesicht der Protektorin von Noslahr. »Ja, das ist meinem hohen Alter geschuldet. Lange Fußwege sind nichts mehr für mich. Die Pläne für diesen Wagen stammen aus den westlichen Königreichen. Als es an der Zeit war, habe ich ihn bauen lassen.«

​»Du wirkst viel jünger.«

​»In der Tat.« Die alte Protektorin sah Eefral abschätzend an. »Die Herrscher geben uns ein langes Leben. Dennoch hinterlassen die vielen Jahre ihre Spuren. Du wirst es auch noch erfahren.«

​Eefral nickte zustimmend. »Ich weiß. Doch der Gedanke an ein so langes Leben macht mir ein wenig Angst.«

​»Mir erging es nicht anders. Es ist wichtig, dass du alles loslässt. Die Wesen, die dir nahestehen, werden eines Tages nicht mehr sein. Es ist gut, wenn du schon jetzt Abstand zu ihnen gewinnst. Du musst deine Herkunft, deinen Namen und dein bisheriges Leben vergessen. Die Herrscher werden dir dabei helfen.«

​Eefral verspürte plötzlich eine tiefe Traurigkeit. »Ich weiß nicht, ob ich es kann.«

​»Die Magie der Herrscher ist sehr stark in dir. Nach deiner Rückkehr von der Quelle wird deine Ausbildung beginnen. Du wirst eine sehr mächtige Protektorin werden, die den Herrschen ehrenvoll dienen wird.«

​»Ich werde einsam sein. Alle, die mir nahestehen, werden eines Tages tot sein«, sagte Eefral traurig.

​»Ja, das werden sie, deshalb musst du sie schon jetzt vergessen. Die Macht, die uns die Herrscher geben, wiegt all das wieder auf. Alle Wesen auf dieser Welt haben nur den einzigen Zweck, den Herrschern und uns zu dienen.«

​»Der Gedanke daran macht mir Angst.«

​»Das muss dich nicht ängstigen, du musst Furcht verbreiten. Wir stehen über allen Wesen und das dürfen sie niemals vergessen.«

​Das Gespann mit den beiden Protektorinnen hatte den Hafen erreicht. »Ich würde dir gerne mehr über meine Erfahrungen erzählen, aber die Zeit drängt. Dein Schiff wartet bereits. Nach deiner Rückkehr werden wir ausgiebig reden.«

​»Das werden wir«, gestimmte Eefral eingeschüchtert zu.

​Nur der Lärm der Wagenräder und die Geräusche ihrer Stiefel auf dem Pflaster unterbrachen die unheimliche Stille. Von der Menge an den Straßenrändern kam nicht das leiseste Geräusch. Die knieenden Wesen betrachteten den Trupp teils neugierig, teils argwöhnisch.

​»Die Protektorin von Noslahr scheint nicht sehr freundlich zu sein«, sagte Ta´elga zu Aaghyl.

​»Ich stimme dir zu. Sie schien uns gegenüber eher ablehnend zu wirken.«

​»Was habt ihr erwartet? Protektoren müssen nicht freundlich sein, sie haben wichtige Aufgaben für die Herrscher zu erfüllen. Wir sind nicht Ihresgleichen, wir sind ihre Untertanen und wir müssen sie nur fürchten. Das macht uns stark. Das war immer so und wird immer so sein.«

​Iiseel sah den Steinelfenmann und die Waldelfenfrau abfällig an. »Und schaut euch an. Du bist ein Versager, Aaghyl und du eine Verräterin, Taelga«, sprach Iiseel.

​»Das sehen die Herrscher nun anders. Sonst wären wir nicht hier«, bemerkte der Steinelfenmann nachdrücklich.

​»Ja, so ist es. Aber ich erlaube mir, es etwas anders zu sehen«, antwortete die Oberbefehlshaberin.

​»Ich hoffe, dass meine Tochter anders sein wird«, sagte Aasaly kaum hörbar.

​Se´lira ließ ihren Blick über die Menge an den Straßenrändern schweifen. Ein Gefühl der Beklemmung überkam sie. »Ich fühle mich nicht sehr wohl. Es ist geradezu unheimlich, dass diese Wesen keinen Ton von sich geben und kein Geräusch machen. Sie starren uns einfach nur an.«

​»Die meisten von ihnen dürften noch niemals Waldelfen gesehen haben. Die wenigen, die gegen die Union gekämpft haben, kennen euch nur als Feinde«, erklärte Rresyna.

​»Das leuchtet mir ein. Es ist trotzdem beängstigend.«

​»Ich kenne das Gefühl. Als ich euch das erste Mal sah, hielt ich euch auch für Feinde.«

​Se´lira war überrascht. »Und jetzt siehst du uns nicht mehr so? Was hat sich geändert?«

​»Draußen, in der Lavaebene, sind wir Kampfgefährten gewesen. Wir haben die Feuerechsen gemeinsam besiegt. Besonders By´wala hat bewiesen, dass ihr Waldelfen mutig kämpfen könnt.«

​»Du hast gerade By´wala gesagt, statt Bywala.« Se´lira war erstaunt.

​»Ja, By´wala hat mir gesagt, dass eure Namen so ausgesprochen werden.«

​Die Ordonnanzoffizierin musste lächeln. »Wir können voneinander lernen. Das gibt mir die Hoffnung, dass alles gut wird.«

​Bald hatten sie den Hafen erreicht. An den zahlreichen Landungsbrücken lagen Kriegs- und Handelsschiffe. Viele Wesen liefen zwischen den Lagerhallen und den Schiffen hin und her. Direkt vor ihnen lag das größte Schiff, das hier festgemacht hatte.

​»Ich habe es dir gesagt, Sinan. Die Herrscher schicken das schnellste Schiff«, sagte Aaghyl zu seinem Freund und deutete auf sein ehemaliges Flaggschiff. Die Segel des großen Viermasters waren eingeholt und die Ruder eingezogen.

​»Dann haben sich alle deine Erwartungen erfüllt«, sagte der Menschenmann zweideutig.

​Der Wagen mit den zwei Protektorinnen hielt vor dem Landungssteg, an dem die Protektor von Muantur festgemacht hatte. »Ich werde jetzt zu meinen Aufgaben zurückkehren. Denke immer daran, dass du eine Führerin bist. Verhalte dich auch so. Die Herrscher mögen dich leiten«, verabschiedete sich die Protektorin von Noslahr.

​Eefral wartete auf ihre Gefährten. Sie sah sich um. Die Arbeiten waren zum Erliegen gekommen. Die Arbeiter, Soldaten und Untoten hatten ihr Knie vor der Protektorin von Edderas gebührend gebeugt. Mit einer schüchternen Geste gab sie ihnen zu verstehen, dass sie ihre Tätigkeiten wieder aufnehmen konnten.

​»So wird also mein künftiges Leben aussehen. Demütige Wesen, die ihre Knie vor mir beugen und Furcht vor mir in den Augen haben«, dachte sie deprimiert.

​Der kleine Trupp hatte den Landungssteg mittlerweile auch erreicht. Se´lira zeigte auf das Schiff. Durch eine geöffnete Luke marschierten Untote in den Bauch der Protektor von Muantur.

​»Begleiten uns diese bedauernswerten Kreaturen etwa?«, fragte sie fröstelnd.

​»Ja, ohne sie wäre das Schiff nicht in der Lage den Hafen zu verlassen«, erklärte die Oberbefehlshaberin.

​Die Kapitänin verließ über eine breite Planke ihr Schiff und beugte ihr Knie vor der Protektorin von Edderas.

​»Die Herrscher gestalten den Tag. Willkommen auf meinem Schiff, Erhabene.«

​»Die Herrscher gestalten den Tag«, erwiderte Eefral. »Ich nehme an, du bist über unsere Reise informiert?«

​Yyehal erhob sich. »Natürlich, Erhabene. Es ist alles vorbereitet. Wir können in Kürze Noslahr verlassen.«

​Iiseel wandte sich an die Protektorin. »Meine Aufgabe ist nun abgeschlossen. Ich werde jetzt nach Muantur zurückkehren. Mögen die Herrscher dich leiten, Erhabene.«

​Mit ihren Kriegern verließ die Oberbefehlshaberin den Hafen.

​»Kommt, ich habe in der Messe ein kleines Mahl für euch vorbereiten lassen«, kündigte Yyehal an.

​Sie nahmen an dem großen Tisch Platz. Untote Diener servierten Brot, Laubbeeren und sogar ein wenig Echsenfleisch.

​»Ich habe ein Fass Fahrnapfelsaft besorgt. Ich weiß, dass du ihn magst, Aaghyl.« Mit einem Blick zu Ta´elga fuhr sie fort: »Und natürlich weiß ich, dass du dieses Getränk bevorzugst.«

​Die ehemalige Sanguenritterin verbeugte sich leicht. »Ich weiß deine Aufmerksamkeit sehr zu schätzen.«

​Sie langten kräftig zu. Nach dem verzehrenden Marsch von Edderas nach Noslahr, auf dem sie nur hartes Brot bei sich gehabt hatten, waren diese Speisen eine willkommene Abwechslung.

​»Nach dem Mahl werde ich euch eure Unterkünfte zeigen. Ihr wisst, das ist ein Kriegsschiff. Es gibt nur wenige Quartiere für Mitreisende. Ihr werdet die Kabinen miteinander teilen müssen. Die Protektorin bekommt meine Kajüte für sich allein.«

​»Nein, nein, das ist nicht nötig. Ich werde mir mit meinen Müttern eine Unterkunft teilen, Yyehal.«

​»Ich habe da andere Pläne«, warf Rresyna ein. Sie zeigte auf Sinan Eldar. »Ich werde mir ein Lager mit dem Menschenmann teilen«, teilte sie lächelnd mit. »Und wenn By´wala nichts dagegen hat, auch mit ihr«, fuhr sie fort.

​Überrascht sahen sich Sinan Eldar und By´wala an. »Was denkst du?«, fragte die Ordonnanzoffizierin den Mensch.

​»Mittlerweile kenne ich Rresyna recht gut. Es wird schwer sein, ihr diesen Wunsch auszureden.«

​By´wala seufzte. »Na gut, dann sei es so.«

​»Dar´al, Burh´an und ich werden eine Kajüte gemeinsam bewohnen«, teilte Se´lira mit. Die beiden Waldelfenmänner nickten zustimmend.

​Die Kapitänin sah Aaghyl und Ta´elga an. »Ich habe auch einen Vorschlag. Wir drei sollten uns meine Kabine teilen. Seid ihr einverstanden?«

​»Wenn Taelga keine Einwände hat, stimme ich zu«, antwortete Aaghyl und blickte zu Ta´elga.

​Sie sah die beiden Steinelfen nachdenklich an. »Hm…das könnte spannend werden. Ich bin einverstanden.«

​Yyehal freute sich. »Gut, dann ist es entschieden.«

​Später, die Protektor von Muantur hatte den Hafen verlassen, stand Aaghyl an Deck und blickte auf die See. Der Wind blies kräftig und das Schiff kam gut voran. Die Silhouette von Noslahr war längst hinter dem Horizont verschwunden. Die Kapitänin trat an seine Seite. »Wie fühlst du dich?«

​»Ich weiß es nicht. Die Ereignisse überstürzen sich. Ich freue mich, dass ich Taelga und meine Familie wiederhabe, aber im Magistrat geschehen merkwürdige Dinge. Unsere Zukunft scheint ungewiss.«

​Die Kapitänin blickte den Elfenmann aufmunternd an. »Ich verstehe dich. Ich vertraue aber immer noch darauf, dass unsere Herrscher das Richtige mit uns vorhaben.«

​»Was bleibt uns auch anderes übrig, als den Herrschern zu vertrauen. Ich meine nur, wenn uns der Besuch an der Quelle tatsächlich den Sieg bringen wird, was wird dann aus Taelga und den anderen Waldelfen?«, fragte Aaghyl.

​»Das kann ich dir nicht beantworten, Aaghyl. Niemand kann wissen, wie unsere und die Zukunft der westlichen Königreiche aussehen wird, außer unseren Herrschern und Taelgas Sternengöttin.«

​Der Sanguenritter blickte wieder auf das Meer hinaus. Dort draußen lag die Antwort, irgendwo im Nebel, an der Quelle.

​Er nahm einen tiefen Atemzug und wandte sich wieder Yyehal zu.

​»Was hältst du von Taelga?«

​Die Steinelfenfrau überlegte eine Weile.

​»Als ich erfuhr, dass Taelga eine Waldelfe ist, war ich sehr überrascht. Sie ist heute nicht mehr die Taelga, die du als furchtlose Kriegerin kanntest. Ich kann durchaus ihre Beweggründe für ihren Verrat verstehen.« Sie machte eine Pause. »Ich frage mich, ob du diese Frau noch lieben kannst. Ich muss aber zugeben, dass ich sie auch sehr anziehend finde. Ich bin zu dem Schluss gekommen, wenn du ihr vertraust, dann will ich es auch.«

​»Das freut mich zu hören, Yyehal.« Aaghyl sah die Kapitänin lächelnd an.

​»Dann lass uns jetzt unser Quartier aufsuchen. Taelga erwartet uns bestimmt schon«, schlug Yyehal vor.

​»Einverstanden.«

​By´wala, Rresyna und Sinan Eldar hatten es sich in ihrer Kabine einigermaßen bequem gemacht.

​»Ist es nicht seltsam, dass wir uns heute Nacht ein Lager teilen?«, sinnierte Sinan fragend.

​»Ja, ist es. Es ist nicht lange her, da hätte ich die Waldelfen gerne mit meinen Pfeilen durchbohrt.«

​Mit einem Blick streifte der Menschenmann die Waldelfenfrau. »Du hast recht. Mir erging es nicht anders. Doch nun hat sich alles verändert. Es ist der Wille der Herrscher, dass wir nun hier sind.«

​By´wala räusperte sich. »Ich kann euch hören.«

​Rresyna sah die Waldelfenfrau an. »Was denkst du?«

​»Ich habe die Wesen aus dem Magistrat immer nur als Feinde der Union gesehen. Doch nun habe ich euch getroffen und ich sehe euch jetzt mit anderen Augen. Eigentlich unterscheidet ihr euch nicht von uns.«

​»Und doch sind wir im Krieg«, sagte Sinan Eldar.

​»Vielleicht ändern wir das nun,« entgegnete die Ordonnanzoffizierin.

​»Ja, vielleicht. Vielleicht auch nicht. Wir sollten die heutige Nacht genießen und einfach abwarten, was uns die Zukunft bringt«, flüsterte Rresyna.

​Der Sanguenritter sah die Elfenfrauen lange an und dachte nach.

​Nach einiger Zeit unterbrach Rresyna die Stille: »Sinan?«

​»Sollten wir wirklich diese Nacht gemeinsam verbringen?«, fragte er verunsichert.

​»Warum nicht? Ich finde euch sehr begehrenswert«, antwortete By´wala.

​»Ach Sinan, du weißt doch, wie wir Elfen darüber denken. Ich glaube, in diesem Punkt unterscheiden sich Stein- und Waldelfen nicht«, antwortete Rresyna und sah die Waldelfenfrau sehnsüchtig an.

​»Das ist wohl richtig, Rresyna«, sagte By´wala sanft und streichelte die Steinelfenfrau zärtlich über ihre Wange.

​Der Menschenmann seufzte tief. Er war den Herrschern und ihrer Lehre gegenüber treu ergeben. Sich mit einer Waldelfenfrau einzulassen, wäre ihm bis heute nie eingefallen, es sei denn mit seinem Schwert. Jetzt konnte er sein aufsteigendes Begehren nicht unterdrücken.

​Sinan Eldar schaute die beiden Frauen an. »Dann sei es so«, sagte er mit seiner heiseren Stimme, die ein wenig zittrig klang.

​»Dann lasst uns nicht mehr reden. Komm Sinan, es wird eine aufregende Nacht für uns«, forderte By´wala den Menschenmann auf.

​Aasaly und Eefral hatten es sich in ihrer Kajüte gemütlich gemacht.

​»Seit unsere Abreise aus Lagtur ist viel geschehen, Eefral.«

​»Das kannst du laut sagen. Ich habe mich immer noch nicht an meine neue Aufgabe gewöhnt.«

​»Du musst Geduld haben.«

​»Es wird schwer für mich werden. Die Protektorin von Noslahr sagte, ich muss Furcht verbreiten, kein lebendes Wesen darf mir nahestehen«, sagte Eefral traurig.

​»Ist das der Weg, den unsere Herrscher für dich vorgesehen haben?«, fragte Aasaly flüsternd.

​»Ich fürchte, so ist es. In mir ist etwas Neues. Ich kann die Herrscher fühlen und ich kann auch die anderen Protektoren spüren. Ich bemerke, dass ihr mir irgendwie fremd werdet«, antwortete Eefral leise.

​»Macht dir das Angst?«

​»Ich darf mich nicht ängstigen, aber ich werde euch verlieren.«

​»Die Herrscher geben dir ein langes Leben.«

​»Ich weiß. Das ängstigt mich aber nicht, weil wir noch sehr viele Jahre zusammen sein können. Was mich ängstigt, ist, dass ich schon in kurzer Zeit meine Familie vergessen werde. Ich werde nur noch Wesen in euch sehen, die sich vor mir fürchten und mir dienen müssen.«

​Aasaly sah ihre Tochter nachdenklich an. »Du weißt, ich bin eine einfache Frau. Ich bin keine Kriegerin. Mir waren nur die Laubbeerenfelder in Lagtur wichtig. Von dem großen Krieg weiß ich nichts. Ich bin aber stolz darauf, dass du jetzt eine Protektorin bist. Gleichzeitig bin ich traurig darüber, dass ich dich als Tochter verlieren werde. Wenn dein Weg uns aber den Sieg über die westlichen Königreiche bringen wird, dann soll es so sein. Vielleicht ist es auch so, dass nach unserem Sieg alles anders wird.«

​»Ich wünsche mir es so sehr. Demütige Wesen, die vor mir knien und mich fürchten, behagen mir nicht. Sie machen mich depressiv.«

​Aasaly umarmte ihre Tochter. »Wir werden sehen, was uns die Zukunft bringt«, versuchte sie Eefral zu trösten.

​Ta´elga hatte es sich in der Kapitänskabine einigermaßen bequem gemacht. Sie kannte Yyehal nur aus den Erzählungen Aaghyls. Die Kapitänin schien ihr sanftmütig zu sein. Vielleicht lag das am Alter der Steinelfenfrau. Sie wusste, dass Aaghyl und Yyehal sich nähergekommen waren, und sie verstand ihren Geliebten. Ta´elga fand die Kapitänin sehr attraktiv und sie freute sich auf eine gemeinsame Nacht.

​Der Sanguenritter und die Kapitänin betraten die Unterkunft.

​»Wie ich sehe, hast du es dir schon bequem gemacht«, sagte Yyehal.

​»Soweit wie es eben möglich ist«, entgegnete die Waldelfenfrau.

​»Leider kann ich dir nicht den Luxus bieten, den du aus deiner Heimat kennst«, sprach die Kapitänin mit ironischem Unterton.

​»Mach dir keine Sorgen, Yyehal, ich komme zurecht.«

​»Wir sollten den Abend genießen. Hast du noch von deinem speziellen Wein?«, fragte Aaghyl.

​»Ja, schließlich habe ich daran geglaubt, dass wir uns wiedersehen.«

​Die Steinelfenfrau ging zu einem kleinen Schrank und entnahm ihm eine Flasche und drei Gläser. Sie goss den Wein ein und erhob ihr Glas. »Trinken wir auf eine ungewisse Zukunft.«

​Ta´elga betrachtete ihr Glas mit der tiefvioletten Flüssigkeit. Ein süßlicher und zugleich scharfer Geruch stieg ihr in die Nase. Vorsichtig nippte sie an dem Glas. Eine angenehme Kälte machte sich in ihrem Mund breit. Die Waldelfenfrau genoss den unbekannten Geschmack. »Das ist ein sehr ungewöhnliches Getränk.«

​»Schmeckt es dir?«, fragte Yyehal.

​»Ja, ich wusste nicht, dass es im Magistrat so etwas Köstliches gibt.«

​»Der Wein wird aus einer Beere gemacht, die nur in meiner Heimat wächst. Sie ist sehr selten. Habt ihr in der Union etwas Ähnliches?«

​»Bei uns gibt es den Elfenwein. Auch er ist sehr selten. Vielleicht hast du mal Gelegenheit ihn zu trinken.«

​»Ja, vielleicht eines Tages. Ich würde gerne mal die westlichen Königreiche bereisen. Leider ist das noch nicht möglich.« Yyehal sah die Waldelfenfrau auffordernd an. »Du hast die Seiten gewechselt.«

​Ta´elga unterbrach die Kapitänin energisch: »Ich habe nicht die Seiten gewechselt. Ich bin in meine Heimat zurückgekehrt.«

​»Ja, ich weiß. Ich kann deine Gründe verstehen. Ich meine, du bist das Kind einer Steinelfenfrau und von Waldelfen. Ist deine Heimat nicht auch hier?«

​»Nein. Ich kenne nur die Festung Acceras und die zahlreichen Schlachtfelder. Nein, Heimat ist das nicht.« Sie bedachte Aaghyl mit einem Blick. »Noch nicht«, sagte sie flüsternd.

​»Ich kannte nur die Gier nach Blut und Tod. Die Herrscher haben mich missbraucht, mich zu ihrer Sklavin gemacht. Als ich ins Waldelfenreich zurückkehrte war ich voller Zorn und Hass. Doch dann sah ich Aaghyl wieder und ich erkannte, dass ich ihn liebe und er mich. Mein Zorn und mein Hass ist verflogen, weil ich sehe, dass sich im Magistrat etwas verändert«, fuhr sie fort.

​»Das ist wahr, auch ich bemerke diese Veränderungen«, sagte Yyehal.

​»Und nun seht euch um. Hier auf deinem Schiff haben Waldelfen und Steinelfen Freundschaften geschlossen. Das gibt mir Hoffnung für die Zukunft«, sprach die Waldelfenfrau. »Heute sehe ich, dass ihr nicht nur von Hass und Kampf beseelt seid«, fügte sie hinzu.

​»Wir können voneinander lernen, das stärkt meine Zuversicht, dass der Krieg bald zu Ende sein kann«, merkte Aaghyl an.

​»Das hoffe ich auch, das Kämpfen muss endlich ein Ende haben«, sagte Ta´elga.

​»Krieger werden dann wohl nicht mehr benötigt«, sagte Aaghyl.

​»Du kannst dann auf meinem Schiff anheuern, ganz gleich, welches Schiff ich dann kommandieren werde«, schlug Yyehal dem Steinelfenmann mit einem Augenzwinkern vor.

​Zu Ta´elga gewandt sagte die Kapitänin. »Und du wirst uns auf unseren Reisen begleiten.«

​Die Waldelfenfrau sah die beiden Steinelfen nachdenklich an. »Hm… das ist eine sehr schöne Vorstellung, aber ich fürchte, das bleibt nur ein Wunschtraum.«

​»Warum? Ich spüre, dass du nicht mehr kämpfen möchtest und ich möchte es auch nicht mehr. Ich habe schon ein langes Leben hinter mir und ich habe viele Wesen getroffen, die des Kämpfens auch müde sind, so wie Aaghyl auch.«

​»Du hast recht, Yyehal. Der Krieg dauert nun schon viele Jahrhunderte an. Es wird Zeit ihn zu beenden«, gab der Steinelfenmann zu.

​»Dafür sind wir nun alle hier«, sagte Ta´elga. »Ich habe auf beiden Seiten gekämpft. Es ist genug.«

​»Was auch immer die Zukunft uns bringen wird, jetzt sind wir hier auf diesem Schiff«, sagte Aaghyl. »Lasst uns die Flasche leeren und die Nacht genießen«, schlug er vor.

​Die beiden Elfenfrauen waren einverstanden.

 

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