Das Blut, das Schwert, die Liebe
Kapitel 10 Liebe und Hasse
Liebe und Hass
»Wie ist es möglich, dass ich eine Waldelfenfrau lieben kann? Auf den Schlachtfeldern waren Waldelfen meine Feinde.«
(Aaghyl, Sanguenritter von Edderas)
Die Waldelfenfrau und der Steinelfenmann saßen sich schon eine ganze Weile schweigend gegenüber. Aaghyl hatte einige flache Steine gesammelt und sie mit seiner Feuermagie erhitzt. Die glühenden Brocken verbreiteten eine angenehme, flackernde Wärme auf der eisigen Schneefläche. Es wirkte, als traue sich keiner von beiden, das bleierne Schweigen zu brechen.
In Aaghyls Kopf kreisten die Gedanken. Schließlich fasste er sich ein Herz und blickte seiner ehemaligen Schülerin tief in die Augen. Ta´elga erwiderte den Blick ohne Scheu.
»Warum bist du hier, Ta´elga?«, durchbrach er die Stille. »Es kann kein Zufall sein, dass wir uns ausgerechnet an diesem verlassenen Ort treffen.«
»Das Gleiche könnte ich dich fragen.«
»Ich bin auf der Suche nach einer Handvoll Krieger«, erklärte Aaghyl düster. »Sie wurden vor Tagen ins Gebirge geschickt und sind nicht zurückgekehrt.«
Die ehemalige Sanguenritterin begriff sofort, von wem der Elfenmann sprach. Es waren die Männer, die Burh´an und Mig´lan im Tal aufgelauert und sie fast getötet hätten. Nur ihr rechtzeitiges Eingreifen hatte das Schlimmste verhindert.
»Sie werden auch nicht mehr zurückkehren«, sagte Ta´elga kühl. »Ich habe sie aufgehalten. Sie befinden sich jetzt in der Gewalt der Union.«
Aaghyl starrte sie bestürzt an. Es war eigentlich unmöglich, dass Kämpfer des Magistrats in Gefangenschaft gerieten. Jeder von ihnen stand unter dem Befehl, sich im Falle einer drohenden Niederlage durch eine mentale Blockade selbst zu richten, um keine Geheimnisse preiszugeben.
»Sie leben? Hast du sie gefoltet? Haben sie geredet?«
»Ja, sie leben. Und nein, ich habe sie nicht gefoltert. In den westlichen Königreichen gibt es keine Folter«, entgegnete Ta´elga entrüstet. »Aber ich konnte verhindern, dass sie den rituellen Selbstmord vollziehen. Durch einen Gedankenzauber ist es uns gelungen, ihre Pläne zu entlarven. Das ist überhaupt der Grund, warum ich hier bin. Ihr bereitet eine gewaltige Schlacht vor, und ich soll herausfinden, von wo diese Truppen operieren. Ich weiß bereits, dass hier im Gebirge eine neue Festung entsteht.«
Der Sanguenritter war fassungslos. Die Union wusste Bescheid. Die Existenz der Festung Edderas war gefährdet. Nach dem Fall von Acceras drohte er nun, eine zweite Festung zu verlieren – und wieder war Ta´elga die treibende Kraft dahinter. Er musste die ungeschönte Wahrheit wissen.
»Bist du also die Verräterin?«, fragte er mit gepresster Stimme.
Die Elfenfrau rang kurz nach Worten, bevor ihr Zorn aufloderte. »Nein! Du und die Herrscher, ihr seid die wahren Verräter!«, warf sie ihm wütend vor.
Der Elfenmann schluckte schwer. »Du hast Acceras verraten, Ta´elga. Viele gute Krieger sind deinetwegen gestorben.«
»Sie waren meine Feinde, Aaghyl.«
»Aber du hast auf unserer Seite gekämpft! Du bist eine Sanguenritterin! Du hast das Gute verraten und dich der Gegenseite angeschlossen«, sagte er aufgebracht.
»Ihr hattet niemals das Recht dazu!«, entgegnete sie zornig.
»Wozu hatten wir kein Recht? Acceras zu verteidigen? Wir mussten die Union aufhalten!«
»Mich zu entführen!«, schrie sie ihm entgegen, und ihre Stimme echote von den Felswänden. »Mich zu einer Kampfmaschine gegen mein eigenes Volk zu formen! Ich bin eine Waldelfe. Ihr habt mein Gedächtnis manipuliert und mich glauben lassen, ich sei eine Steinelfe. Ihr hattet verdammt noch mal kein Recht dazu!«
Aaghyl wich ihrem brennenden Blick aus. »Davon... wusste ich nichts.«
»Nein? Du, der Oberbefehlshaber und Lord des Magistrats, willst von all dem nichts gewusst haben? Ich glaube dir kein Wort!«
»Es ist die Wahrheit, bei den Herrschern!«, beschwor er sie. »Erst Lit´ara hat mir vor Kurzem davon erzählt. Außerdem bin ich nicht mehr der Oberbefehlshaber. Die Herrscher haben mich für mein Versagen in Acceras bitter bestraft.«
Ta´elgas Zorn verrauchte so schnell, wie er aufgeflammt war. Sie sah ihn überrascht an. »Lit´ara? Du kennst Lit´ara? Wo ist sie? Wie geht es ihr?«, sprudelte es aus ihr heraus.
»Ja, ich kenne sie. Und es geht ihr gut.«
»Wo hältst du sie versteckt? Habt ihr sie etwa auch gefangen genommen?«
Aaghyl schüttelte den Kopf. »Nein. Sie ist mittlerweile zur Festungskommandantin aufgestiegen.«
Die Waldelfe sprang fassungslos auf. Das wurde allmählich lächerlich, dachte sie aufgebracht. Sie ballte die Hände zu Fäusten und fixierte den Steinelfen.
»Du lügst, Aaghyl! Was bezweckst du mit diesem Theater? Du willst mir ernsthaft weismachen, dass die Herrscher eine Waldelfe zur Kommandantin ernennen?« Sie lachte bitter und verächtlich.
»Lit´ara ist keine Waldelfe«, erwiderte Aaghyl ruhig. »Sie ist eine Steinelfe.«
»Das ist absurd! Sie hat seit meiner Kindheit bei uns gelebt. Sie ist meine Patenmutter!«
»Setz dich«, forderte Aaghyl sie mit sanfter, aber bestimmter Stimme auf. »Dann erzähle ich dir ihre wahre Geschichte.«
Ta´elga zögerte. Sie konnte einfach nicht glauben, was er da von sich gab. Sie ging ein paar Schritte auf der verschneiten Ebene auf und ab, während der Steinelf ihr stumm nachblickte. Doch am Ende siegte ihre Neugier. Mit klopfendem Herzen setzte sie sich Aaghyl wieder gegenüber.
»Erzähle«, sagte sie knapp.
Und Aaghyl erzählte. Er schilderte, wie Lit´ara in der kargen Ebene der Feuerseen aufgewachsen und zu einer erbarmungslosen Kriegerin geformt worden war. Er erklärte, dass die Herrscher ihr einst den geheimen Auftrag erteilt hatten, sich unter die Waldelfen zu mischen, ein Kind mit einem von ihnen zu zeugen und dieses Kind nach dessen Reife dem Magistrat zu übergeben.
Ta´elga lauschte den Worten ihres ehemaligen Lehrers mit wachsendem Entsetzen. »Aber Lit’ara sieht überhaupt nicht aus wie eine Steinelfe! Sie hat eine grüne Haut. Steinelfen sind nicht grün. Sie sehen alle aus wie du.«
»Ja, sie sah ursprünglich aus wie wir alle«, bestätigte Aaghyl. »Doch auf einem Feldzug im Waldelfengebiet wurde sie von einem mächtigen Magier verflucht und schwer gezeichnet. Seitdem ist ihre Haut grün. Genau das war der Grund, warum die Herrscher sie für diesen Auftrag auswählten. So konnte sie sich perfekt und glaubhaft als eine der Euren ausgeben.«
Fassungslosigkeit lähmte Ta´elga. Es überstieg ihre Vorstellungskraft, dass ausgerechnet Lit´ara – die Frau, der sie blind vertraut hatte – sie entführt und an die Schlächter des Magistrats ausgeliefert hatte. Eine Welle des reinen Verrats schwemmte durch ihren Körper.
»Das ist unglaublich... das hast du dir doch nur ausgedacht!«, stammelte sie und hielt sich den Kopf. »Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll. Alles in mir ist völlig durcheinander.«
»Ich weiß, wie es klingen muss«, sagte Aaghyl leise. »Aber ich schwöre dir, es ist die Wahrheit. Bis vor Kurzem dachte ich selbst noch, die Herrscher würden mein Schicksal fehlerfrei leiten. Doch die verheerende Niederlage von Acceras und dein vermeintlicher Tod, von dem ich felsenfest überzeugt war, haben alles verändert. Meine Zukunft, die immer so klar und geradlinig vor mir lag, ist im Nebel versunken.« Er seufzte tief, und der Dampf seines Atems vermischte sich mit dem Rauch der Steine. »Die Herrscher haben mir den Befehl erteilt, dich zu töten. Nur dann darf ich mit allen Ehren zurückkehren. Wenn ich versage, droht mir die endgültige Existenz als seelenloser Untoter. Du weißt genau, was das bedeutet.«
Instinktiv zuckte Ta´elgas Hand zum Knauf ihres Elementumschwerts, bereit, einen plötzlichen Angriff abzuwehren. Aaghyl bemerkte die Bewegung sofort und hob beschwichtigend beide Hände.
»Nein, Ta´elga. Du hast von mir nichts zu befürchten. Ich werde dich nicht töten. Ich kann es einfach nicht.«
»Ich weiß«, entgegnete sie, und ein Hauch ihrer alten Überlegenheit blitzte auf. »Deine magische Macht würde heute ohnehin nicht mehr ausreichen, um mich zu verletzen oder gar zu töten.«
Der Elfenmann sah sie überrascht an und lächelte matt. »Mag sein. Aber so habe ich das nicht gemeint.«
Nun war es an Ta´elga, die Stirn zu runzeln. »Wie meinst du es dann?«, fragte sie mit leiserer Stimme.
Nachdem er geglaubt hatte, Ta´elga in den Trümmern von Acceras für immer verloren zu haben, hatte Aaghyl jede Sekunde bereut, in der er geschwiegen hatte. Jetzt, wo sie wie durch ein Wunder vor ihm stand, wollte er die Gelegenheit nutzen, um das nachzuholen, was er sich damals niemals erlaubt hätte.
»Seit meinem Abzug aus Acceras ist viel passiert. Die Welt verändert sich, und es gibt keine Gewissheiten mehr«, begann er zögernd. Er hielt inne und sah ihr tief in die Augen. »Nur eine einzige Gewissheit ist mir geblieben. Ich... ich liebe dich, Ta´elga«, flüsterte er.
Der Waldelfe verschlug es den Atem. Mit allem hätte sie gerechnet, nur nicht mit diesem Geständnis. Aaghyl war für sie immer der unnahbare, unerbittliche Sanguenritter gewesen. Die strikte Lehre des Magistrats verbot den Anführern jegliche Form von emotionaler Schwäche oder Zuneigung.
»Aaghyl... was ist bloß mit dir geschehen?«, fragte sie staunend. »Seit wann bist du überhaupt zu einem so tiefen Gefühl fähig?«
Er senkte den Blick auf den gefrorenen Boden vor sich und sprach leise weiter: »Ich habe schon sehr lange mehr für dich empfunden, als es mir erlaubt war. Ich habe es tief in mir verdrängt, weil nicht sein kann, was laut Gesetz nicht sein darf. Doch als ich dich in der Schlacht um die Graue Festung verlor, überrollte mich plötzlich eine unbändige Trauer.« Er holte tief Luft und blickte wieder auf. »Auf der Rückfahrt nach Noslahr hielt ich es nicht mehr aus und suchte eine Gefühlsweberin auf. Ich wollte all den Schmerz, den Zorn über die Niederlage und die lähmende Trauer um dich aus meinem Geist löschen lassen. Doch dieses eine Gefühl... das konnte und wollte die Weberin nicht entfernen. Sie hat mir erst bewusst gemacht, dass es Liebe ist. Anfangs war ich entsetzt. Es verstieß gegen alles, woran ich je geglaubt hatte. Ich dachte, ich sei zum schlimmsten Verräter an der Lehre geworden.«
»Und? Bist du ein Verräter?«
Aaghyl schüttelte langsam den Kopf. »Nein. Die Gefühlsweberin machte mir klar, dass die Herrscher selbst dieses neue Schicksal für mich bestimmt haben und ich niemals an ihrer höheren Weisheit zweifeln darf.« Er sah sie eindringlich an. »Ja, Ta´elga, es gibt fundamentale Veränderungen im Magistrat. Viele von uns spüren das. Die Herrscher verfolgen damit einen bestimmten, größeren Plan. Welcher das ist, kann ich mir allerdings noch nicht einmal vorstellen.«
Ta´elga schwieg und dachte über seine Worte nach. Tief in ihrem Inneren wusste sie, dass er recht hatte. Auch sie hatte während ihrer gemeinsamen Ausbildung gespürt, dass Aaghyl für sie weit mehr war als nur ein strenger Lehrmeister. Auch sie hatte die Grenzen der Lehre in seiner Gegenwart oft verflucht.
Der Sanguenritter suchte in ihren Zügen nach einer Antwort. Liebte sie ihn ebenfalls, oder war er in seiner Gefühlszerrissenheit allein? Für Aaghyl fühlte sich das Schweigen wie eine Ewigkeit an.
Dann endlich entspannten sich Ta´elgas Gesichtszüge, und ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.
»Du warst für mich nie nur ein Lehrer, Aaghyl. Ich habe dich insgeheim immer bewundert«, gestand sie leise. »Nach meiner Befreiung war ich unendlich zornig auf dich. Aber tief unter diesem Zorn lag noch etwas anderes. Jetzt, wo du hier vor mir sitzt, wird es mir erst richtig klar: Ich liebe dich auch.«
Es war ausgesprochen. Was vor Monaten noch als absolut unmöglich galt, war Realität geworden. Die eisernen Gesetze der Herrscher spielten in diesem Moment keine Rolle mehr. Als Aaghyl die erlösenden Worte hörte, durchströmte ihn ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Jeder dunkle Gedanke, jeder lähmende Zweifel der letzten Wochen war wie weggeblasen.
Ta´elga rutschte näher an seine Seite und lehnte sich vertraut an seine Schulter. Vorsichtig ergriff sie seine Hand, halb in der Erwartung, er würde instinktiv zurückweichen. Doch der Steinelf dachte gar nicht daran. Im Gegenteil: Er schloss seine Finger fest um ihre und streichelte zärtlich über ihren Handrücken. So saßen sie eine gefühlte Ewigkeit schweigend nebeneinander, im Schein der glühenden Steine, und gaben sich ganz dem Augenblick hin.
Irgendwann brach Ta´elga die stille Zweisamkeit auf. »Was wird nun aus uns, Aaghyl? Wie soll es weitergehen?«, fragte sie ratlos.
»Ich habe keine Antwort darauf«, erwiderte der Sanguenritter traurig und strich ihr sanft über die Wange. »Ich weiß nur eines: Mein bisheriges Leben ist vorbei. Endgültig.«
»Dann komm mit mir«, flehte sie sehnsüchtig.
»Das kann ich nicht, Ta´elga. Ich kann mein Leben und meine Pflichten nicht einfach so von heute auf morgen hinwerfen. Ich kann die Herrscher nicht im Stich lassen. Dort drüben wartet meine Familie auf mich.« Er deutete mit einem traurigen Blick auf die schroffen Berggipfel des Magistrats. »Meine Tochter, ihre Mütter und mein treuer Kampfgefährte Sinan Eldar zählen auf mich. Ihr Schicksal hängt direkt von mir ab. Wenn ich nicht zurückkehre, werden die Herrscher grausame Rache an ihnen nehmen.«
»Ich verstehe...«, flüsterte Ta´elga. Sie war tief enttäuscht, doch sie kannte das unbarmherzige System des Magistrats zu gut, um seine Beweggründe nicht zu begreifen.
»Komm du doch mit mir zurück«, schlug Aaghyl spontan vor. »Lit´ara würde sich unheimlich freuen, dich wiederzusehen.«
Ta´elga musste nicht eine Sekunde überlegen. »Nein, niemals. Die Herrscher würden mich für meinen Verrat auf der Stelle hinrichten lassen. Und eine Existenz als seelenlose Untote in ihren Reihen ist nicht gerade erstrebenswert.«
Ein mattes Lächeln stahl sich auf Aaghyls Gesicht. »Ja. Genau dieselben Worte haben mein Freund Sinan Eldar und meine Schiffskapitänin vor Kurzem auch zu mir gesagt.«
»Außerdem will ich Lit´ara niemals wiedersehen«, fuhr Ta´elga fort, und ihre Stimme wurde schlagartig eisig. »Sie hat alles verraten, woran ich glaube. Sie hat mich belogen und mir mein gesamtes Leben gestohlen. Sie ist die wahre Verräterin, Aaghyl. Wenn ich ihr gegenüberstehe, würde ich sie töten.«
In diesem Moment flammte die dunkle Seite in ihr auf. Die ungezähmte Gier nach Blut, die sie als Sanguenritterin des Magistrats jahrelang gespürt hatte, drohte sie zu überwältigen. Das Verlangen, Schmerz zuzufügen, wurde fast übermächtig. Erschrocken über sich selbst sprang sie auf, ging ein paar Schritte in den kalten Schnee hinaus und drehte sich wieder um.
»Nein, ich kann nicht zurück!«, rief sie gequält.
Auch Aaghyl war aufgestanden. Er überbrückte die wenigen Schritte zwischen ihnen und sah sie traurig an. »Ich verstehe dich. Bedeutet das also, dass unsere Liebe hier endet, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hat?«
Ta´elga machte eine hilflose Geste. »Es sieht ganz danach aus. Ich sehe einfach keinen Ausweg für uns.« Sie trat so nah an ihn heran, dass sich ihre Rüstungen fast berührten, und legte ihre Hände zärtlich an seine steinernen Wangen. »Ich wünschte von ganzem Herzen, es wäre anders.«
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn innig. Aaghyl erwiderte den Kuss voller Sehnsucht, doch die bittere Realität holte ihn schnell wieder ein. Von einer grenzenlosen Traurigkeit übermannt, löste er sich sanft von ihr.
»Ich muss jetzt umkehren«, sagte er mit schwerer Stimme. »Meine Gefährten in der Höhle werden sicher schon unruhig und suchen womöglich bald nach mir.«
»Und du willst wirklich nicht mit mir kommen?«, unternahm sie einen letzten, verzweifelten Versuch. »Du könntest deine Familie und Sinan Eldar doch heimlich nachholen!«
»Nein, das ist unmöglich. Trotz allem glauben sie fest an die Lehre der Herrscher. Und tief in mir tue ich es wohl auch noch. Sie würden meine Liebe zu dir niemals verstehen und mich als ehrlosen Verräter jagen. Ich würde sie alle verlieren. Das kann ich nicht riskieren. Vor allem nicht meine Tochter Eefral.« Er machte eine kurze Pause und sah sie wehmütig an. »Weißt du... sie sieht dir ungeheuer ähnlich.«
Tränen traten in Ta´elgas Augen und glitzerten im fahlen Licht. »Dann trennen sich unsere Wege also hier?«
Aaghyl konnte den brennenden Schmerz in seiner Brust kaum noch unterdrücken; seine Stimme zitterte merklich. »Ta´elga... ja. Ich muss. Bitte versteh mich.«
Sie brachte kein Wort mehr heraus und nickte nur stumm, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Der Elfenmann zog sie ein letztes Mal fest in seine Arme und drückte sie an sich.
»Wer weiß, was das Schicksal noch für uns bereithält«, flüsterte er an ihr Ohr. »Vielleicht finden wir irgendwann einen Weg, um zusammen zu sein. Wenn dieser unselige Krieg erst einmal vorbei ist.«
Sie sah zu ihm auf und schenkte ihm durch ihre Tränen hindurch ein schwaches Lächeln. »Vielleicht. Ich wünsche es mir so sehr, Aaghyl. So unendlich sehr.«
Sie klammerten sich für einen letzten, intensiven Moment aneinander. Dann drehte sich Aaghyl abrupt um, setzte den Helm auf und stapfte mit schnellen Schritten davon, zurück in die Dunkelheit zu seinen wartenden Gefährten.
Ta´elga blickte seiner Silhouette noch lange nach, bis er völlig mit den Schatten der Berge verschmolzen war. Erst dann wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht, atmete die eisige Bergluft ein und machte sich auf den schweren Rückweg zu ihrem Lager.