Das Blut, das Schwert, die Liebe
Kapitel 2 Nach der Schlacht
Ta´elga – Minae
»Ich habe noch jede Frisur hinbekommen.«
(Jasper Scharfschere, Barbier aus Minae.)
Im majestätischen Bergmassiv des Kontinents Tellus lag die Festung Acceras, errichtet in fernster Vergangenheit und durch düstere Magie geschützt. Nach dem Rückzug der Magistratskrieger waren die unterirdischen Bereiche zerstört, sodass nur der sichtbare Teil hoch oben auf den Gipfeln blieb. Dort thronte die einstige Bastion wie ein dunkler Schatten, ein Monument vergangener Macht und Heimat der Sanguenritter.
Ta´elga, die ehemalige Sanguenritterin, machte sich auf den Weg zum Flugmeister. Sie verließ ihre karge Zelle, deren graue Wände keinerlei Hinweise auf eine persönliche Geschichte boten. Im Magistrat durfte sich Individualismus nur bei den Kriegskünsten zeigen. Die Gänge wirkten verlassen, ihre Schritte hallten durch die Übungsarenen, in denen sie von Magiern und Krieger in der Kampfkunst unterrichtet worden war. Niemand begegnete ihr, nur einige Wachen kreuzten ihren Weg.
Zu Zeiten der Magistratsherrschaft wimmelte es in der Festung von Wesen und Untoten. Hier hatten die Sanguenritter ihre Kampftechniken mit Waffen und Magie geschult. Ta´elga hielt inne in der Hauptarena und betrachtete die getrockneten Blutlachen auf den Wänden und dem Steinboden, stumme Zeugen der Gefangenen, die hier ihre letzten Kämpfe ausgetragen hatten. Mit einem besonderen Zauber verwandelte der Magistrat gefangene Feinde in Untote, die als Übungsgegner dienten. Unzählige davon hatte Ta´elga mit Schwert und Magie vernichtet. Es war für sie stets Training, denn sie kämpfte gegen Feinde. Für einen kurzen Moment spürte sie wieder das Verlangen nach Kampf: »Diese Begierde wird für den Rest meines Lebens in mir brennen.«
Sie vermisste jene Zeit, das Üben der Kampfkünste und Magie, doch war das nicht alles. Ein Sanguenritter namens Aaghyl, zu dem sie sich hingezogen fühlte und mit dem sie viele Schlachten geteilt hatte, ging ihr durch den Kopf. Sie wusste nicht, was aus ihm geworden war. Falls sie sich je wieder begegneten, würden sie Feinde sein.
Acceras war ein ungemütlicher, grauer und trostloser Ort. Erst nach ihrer Befreiung wurde ihr das bewusst. Über die breite Treppe gelangte sie zum Greifenhorst. Dort traf sie auf Grollflügel, einen geläuterten Cwok, der sich in der Union ein neues Leben aufgebaut hatte und schon zu Magistratszeiten als Flugmeister tätig gewesen war. Im Magistrat flogen nur untote Drachen, abscheuliche Wesen, deren Gestank und Hässlichkeit Ta´elga stets gemieden hatte.
Der Kommandeur der Unionstruppen hatte Grollflügel einige Greife überlassen, damit er weiterhin seiner Arbeit nachgehen konnte. Greife galten in den westlichen Königreichen als die bevorzugten Flugtiere: etwa pferdegroß, mit Vogelkopf, katzenähnlichem Körper und kurz, bunt schillerndem Fell. Einen Augenblick lang bewunderte Ta´elga diese beeindruckenden Tiere und wünschte sich insgeheim, einen eigenen Greif zu besitzen.
Grollflügel musterte sie abschätzend.
»Du willst die Festung verlassen? Wo soll es denn hingehen?«
Seine Fistelstimme klang ihr unangenehm. Ta´elga konnte die kleinen, haarlosen und dürren Cwoks nicht leiden. Im Magistrat waren sie treue Soldaten, denen jedoch jede Ehre fehlte. Sie kämpften nicht nur gegen feindliche Krieger, sondern scheuten sich auch nicht davor, Kinder zu töten. Grollflügel fuchtelte mit seinen dünnen, langen Armen in der Luft herum. Trotz gemeinsamer Zugehörigkeit zur Union blieb ihr Misstrauen bestehen:
»Ich möchte in die Hauptstadt der Union reisen, nach Minae.«
»Ich kann dir keinen direkten Flug dorthin anbieten. Wir gehören jetzt zwar alle zur großen Unionsfamilie, aber der Kommandeur traut mir noch nicht. Meine Greife dürfen nicht in die Hauptstadt fliegen.«
»Was also schlägst du vor?«, fragte sie ungeduldig.
»In geringer Entfernung von der Hauptstadt, in einem Dorf namens Silberhain, gibt es eine Station für Greife.«
Enttäuscht erkannte sie, dass der Umweg ihre Suche verzögern würde.
»Na gut, dann eben nach Silberhain.«
Der Flug führte Ta´elga über eine atemberaubende Landschaft, die von schneebedeckten Gipfeln, endlosen Steppen und uralten Wäldern geprägt war. Die Welt unter ihr wirkte entrückt, beinahe unerreichbar, und doch war sie voller Leben. Winzige Dörfer, einsame Hütten, verstreut in der Unendlichkeit des Landes. Der Wind zerrte an ihren Haaren, streichelte ihre Haut und vermittelte ihr ein Gefühl von Freiheit, das sie bisher nie gekannt hatte. Mit jedem Flügelschlag des Greifs, schien sie sich weiter vom schmerzhaften Leben im Magistrat zu entfernen, als würde der Wind die Schatten ihres alten Daseins einfach davontragen.
Seit der Zeit auf der Festung hatte sie viel über die Hauptstadt der Union erfahren können. Minae, die Perle der westlichen Königreiche, war für sie ein magisches Ziel. Ein Ort der Fülle, der Freude, des Überflusses. Geschichten über Märkte voller exotischer Waren, magische Essenzen, feinste Stoffe und Waffen von höchster Qualität hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt. In ihr wuchs die Hoffnung, in Minae endlich an Informationen zu gelangen, die sie für ihre persönliche Suche dringend brauchte.
Als der Greif eine sanfte Rechtskurve flog, erblickte Ta´elga die gewaltigen Tore von Stahlhammer, der berühmten Rüstungs- und Waffenschmiede der Union. Stahlhammer lag eingebettet im Blaugratgebirge, das sich wie ein Rückgrat durch den gesamten Kontinent zog. Hier wurden Waffen und Rüstungen für die Streitkräfte der westlichen Königreiche und ihrer Verbündeten gefertigt. Der Anblick der massiven Schmiedeanlagen, der Züge aus Rauch und Dampf, vermittelte Ta´elga eine Ehrfurcht vor den Fähigkeiten und der Entschlossenheit der Wesen, die dort arbeiteten.
Ein goldener Schimmer am Horizont kündigte den nahenden Sonnenuntergang an und tauchte die Umgebung in magisches Licht. Schon bald erkannte Ta´elga die ersten Türme und Zinnen der Hauptstadt, auf deren kupfernen Dächern sich das Sonnenlicht spiegelte und die Stadt wie einen kostbaren Schatz erscheinen ließ.
Der Greif überflog den Wald von Gallwyn. Die dichten Kronen der uralten Bäume verhinderten den direkten Blick auf den Boden, doch gelegentlich öffneten sich Lichtungen, die den Blick auf friedliche Bauernhöfe oder glitzernde Seen streifen ließen. Die Ankunft des Greifs im Greifenhorst von Silberhain war geprägt von Neugier und Erwartung. Silberhain selbst lag an einem großen, lebhaften Platz, der von ziegelgedeckten Häusern und einer dampfbetriebenen Schmiede umgeben war. Die Geräusche der Schmiede und das Vibrieren des Bodens im Takt des Hammers unterstrichen die Geschäftigkeit des Ortes.
Ta´elga war aufgeregt, zum ersten Mal seit ihrer Entführung stand sie nicht als Kriegerin auf Unionsboden. Sie atmete tief durch und beobachtete das bunte Treiben auf dem Platz. Kinder lachten, Passanten hasteten geschäftig durch die Straßen, Händler boten ihre Waren feil. Am meisten zog es Ta´elga zur Markthalle von Silberhain, einem lang gestreckten Gebäude aus roten Ziegeln, dessen große Fenster Licht hereinließen und den Markt erhellten.
Die Markthalle war ein Ort der Sinne. Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch, lebende Tiere und Gewürze wurden lautstark angeboten. Einige Händler hatten ihre Produkte kunstvoll arrangiert, sodass die Auslagen wie Landschaften oder Szenen aus den westlichen Königreichen wirkten. Die Gewürzstände stachen besonders hervor, denn hier waren ganze Regionen nachgebildet, ein Fest für die Augen. Die Händler ließen Ta´elga von ihren Köstlichkeiten kosten, und sie war überwältigt von dem Überfluss, den sie aus dem kargen Magistrat nicht kannte. Der Markt war für sie eine Orgie der Sinne, ein Ort, der das Leben feierte und in dem sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit lebendig fühlte.
In einer dunkleren Ecke der Halle entdeckte Ta´elga einen kleinen Stand, hinter dem eine alte, weißhaarige Menschenfrau stand. Auf dem Tisch lagen sauber aufgereiht unzählige Kugeln aus farblosem Glas, jede etwa so groß wie ein Hühnerei. Ta´elga spürte instinktiv, dass sie dieser Frau vertrauen konnte. Die folgende Begegnung sollte ihr weiteres Schicksal maßgeblich beeinflussen.
»Darf ich dich etwas fragen?«, sprach Ta´elga die alte Frau an.
»Natürlich. Fragt ruhig.«
»Mir sind die Gepflogenheiten hier nicht bekannt. Ich habe lange Zeit nicht in den westlichen Königreichen gelebt.«
»Was möchtet ihr also wissen?«
»Die Menschen hier sprechen mich mit ihr und euch an. Ich bin doch nur eine Person. Ich verstehe das nicht.«
»Oh das«, die alte Frau war amüsiert, »das ist leicht zu erklären. Wir Menschen sprechen so mit Wesen, die uns fremd sind.«
»Ich verstehe. Das war mir nicht bekannt.«
»Ich kann dich gerne so ansprechen, wie du es gewohnt bist.«
Die Sanguenritterin nickte zustimmend.
»Welche Bedeutung haben diese Glaskugeln?«, fragte sie neugierig.
»Oh, das sind nicht nur einfach Glaskugeln, das sind Bindungsperlen«, antwortete die Frau geheimnisvoll.
»Was sind Bindungsperlen?«
»Eine Bindungsperle hilft dir in der Not, wenn du keinen Ausweg mehr weißt. Sie ist mit Magie gefüllt. Du kannst dir keine aussuchen, die Perle sucht sich ihren Besitzer selbst aus. Komm, versuche es«, forderte die Frau sie auf und zeigte auf die Reihen der Kugeln.
Sie nahm einer der Perlen in die Hand, aber nichts passierte.
»Versuche es weiter.«
Eine Kugel nach der anderen nahm sie in ihre Hand, immer mit dem gleichen Ergebnis, es passierte nichts. Langsam verlor sie die Lust an den Perlen.
»Gib nicht auf, Kriegerin.«
Verwundert hielt Ta´elga inne. Sie war nicht bewaffnet und trug nur ein schlichtes, graues Kleid.
»Woher weißt du, dass ich eine Kriegerin bin?«
»Manche Dinge lassen sich nun mal nicht verbergen. Ich bin eine recht gute Beobachterin. Also, möchtest du es noch einmal versuchen?«
Ta´elga betrachtete die Perlen auf dem Tisch noch einmal. Dann entschied sie sich für eine Glaskugel, die ziemlich genau in der Mitte lag.
Sobald sie diese Glasperle in der Hand hielt, begann diese in einem mehrfarbigen, irisierenden Licht zu leuchten, gleichzeitig verspürte sie am ganzen Körper ein angenehmes Prickeln.
Überrascht schaute sie sich um, aber scheinbar hatte keiner der Marktbesucher und Händler etwas von den Vorgängen am Stand der alten Frau bemerkt.
»Wie ich sehe, habt ihr euch gefunden«, rief die Menschenfrau freudig aus und klatschte dabei in ihre Hände.
»Was soll ich jetzt tun?«
»Die Perle ist jetzt eine Bindung mit dir eingegangen. Stecke sie ein. Die Kugel wird dir helfen, wenn deine Not und Verzweiflung am größten ist, aber nur dann und nur einmal. Danach ist ihre Magie verbraucht.«
Ta´elga konnte sich nicht erinnern, ob sie früher schon Bindungsperlen gekannt hatte, im Magistrat gab es keine. Sie fragte nach dem Preis für die Glaskugel.
»Normalerweise kostet eine Bindungsperle zwei Silbermünzen, dir überlasse ich sie für einen Silberling.«
»Warum gibst du mir die Perle für die Hälfte des üblichen Preises?«, fragte sie argwöhnisch.
»Ich sehe dir an, dass du Schreckliches durchmachen musstest. Du bist auf der Suche nach irgendetwas. Ich hoffe es zwar nicht, ich ahne aber, dass du die Bindungsperle eines Tages brauchen wirst.«
»Weißt du noch mehr von mir?«
»Nein Kriegerin. Nur, dass du nicht weiter in Silberhain verweilen solltest. Hier gibt es nichts, was dir bei deiner Suche helfen kann. Gehe nach Minae, dort findest du eher etwas.«
Sie sah die alte Menschenfrau eine Weile nachdenklich an. Dann verbeugte sie sich.
Fast hätte sich Ta´elga mit dem im Magistrat üblichen Abschiedsgruß entfernt. Im letzten Moment fiel ihr ein, dass dieser hier nicht angebracht war.
»Ich danke dir. Ich wünsche dir ein gesundes und langes Leben«, verabschiedete sie sich von der Frau.
»Ich wünsche dir viel Erfolg. Mögest du finden, wonach du suchst.«
Die Kriegerin schob sich durch das Gedränge der Marktbesucher und Händler und verließ die Markthalle. Ihr Blick fiel auf einige Wegweiser. Einer von ihnen wies in Richtung der Hauptstadt.
Minae war nicht weit entfernt, und so entschloss sie sich, den Weg zu Fuß zurückzulegen.
Die Straße zur Hauptstadt führte durch den Wald von Gallwyn. Hohe Bäume standen rechts und links am Wegesrand, ihre Kronen berührten sich über der Mitte der Allee und bildeten ein Dach aus Blättern.
Eine kurze Erinnerung blitzte in Ta´elga auf. So schnell, wie der Gedanke gekommen war, entschwand er auch wieder. Sie versuchte, ihn festzuhalten, doch es gelang ihr nicht.
Hin und wieder kam sie an einer Abzweigung vorbei, die zu einem der Bauernhöfe führte, wie es sie hier in Gallwyn gab. Einige davon hatte sie schon aus der Luft gesehen.
Viele unterschiedliche Pflanzen, große und kleine, standen dicht zwischen den Bäumen und bildeten einen grünen Wall, sodass ein Blick in das Innere des Waldes nicht möglich war.
Die Straße führte über eine Brücke, die einen breiten Fluss überspannte. Von hier aus konnte Ta´elga die gewaltige Stadtmauer Minaes sehen. Wie ein mächtiges Gebirge erstreckte sich das Bauwerk scheinbar endlos nach rechts und links.
Die Mauer war mehr als fünfundzwanzig Mann hoch. Auf den Zinnen waren die für Minae typischen Kupferplatten befestigt. Auf dem Wehrgang patrouillierten Soldaten.
Sie überquerte die Brücke und ging auf das riesige Tor zur Hauptstadt zu. Die beiden eisernen Torflügel standen weit offen. Vor dem Stadteingang saßen mehrere Wachen, vertieft in ein Kartenspiel.
Ihre Schritte wurden langsamer.
»Lassen mich die Wachen unbehelligt passieren?«
Sie ging weiter, bemüht, ihre Nervosität nicht zu zeigen. Die Soldaten am Tor warfen ihr nur einen kurzen Blick zu und wandten sich dann wieder ihrem Spiel zu.
Die Straße bestand nun aus großen Steinplatten. Ta´elgas Blick fiel sofort auf die hohen Statuen aus Stein, die den Weg säumten.
Sie zeigten Krieger aus den verschiedenen Völkern der Union.
Die Straße endete an einer zweiten Mauer, die die Stadt umgab.
Nahe dem Zugang zur Stadt stand die Skulptur eines Königs. Ehrfurchtgebietend blickte er auf sein Volk herab. Inmitten der beeindruckenden Standbilder kam sie sich klein und unbedeutend vor.
Von hier aus konnte sie die Trümmer zweier Türme sehen, die einst von den Kriegern des Magistrats zerstört worden waren. Sie hatte nie an den Angriffen auf die Hauptstadt teilgenommen, und doch empfand sie etwas wie Stolz darauf, dass die Krieger des Magistrats es bis nach Minae geschafft und dem Feind Schaden zugefügt hatten.
Diese Gedanken verdrängend, betrat sie die Hauptstadt.
Sie hatte ihr erstes Ziel erreicht: Minae, die Perle der westlichen Königreiche.
Ta´elga traf auf eine Menschenfrau in einer glänzenden, blau-silbernen Rüstung, die auf einem prächtigen Pferd saß und sie freundlich ansah.
»Warum lächelt sie mich so freundlich an? Kennt sie mich etwa?«
Sie war stehen geblieben. Dann fasste sie sich ein Herz und ging auf die Reiterin zu.
»Ich grüße dich, mein Name ist Ta´elga, ich bin eine Reisende. Kannst du mir ein paar Auskünfte geben?«
»Willkommen in Minae, Ta´elga. Ich bin Leutnant Nancy Revion, die Ordonnanzoffizierin des Königs.«
»Ich benötige einige Informationen. Ich bin das erste Mal hier und weiß nicht, wo ich beginnen soll. Ich komme geradewegs von der Festung Acceras. In einem langen und blutigen Kampf haben wir das Bollwerk des Magistrats besiegt«, sagte sie, nicht ohne Stolz in ihrer Stimme.
»Ja, Ta´elga, das ist mir bekannt«, erwiderte die Offizierin anerkennend.
Sie blickte die Ordonnanz überrascht an.
»Seltsam. Wer hat hier von meinen Taten erzählt?«
»Ich habe dich erwartet.«
»Du hast mich erwartet? Woher wusstest du, dass ich heute nach Minae komme?«
Leutnant Revion lächelte nur geheimnisvoll. »Der König hat mich geschickt. Er möchte dich morgen sehen.«
Ta´elga blickte die Ordonnanzoffizierin erschrocken an. »Der König der westlichen Königreiche möchte mich sehen?«
»Ja, finde dich morgen im Palast ein.« Ohne weitere Erklärungen ritt Leutnant Revion davon.
Die ehemalige Sanguenritterin blickte ihr noch eine Weile nach. »Was möchte der König von mir? Bekomme ich jetzt meine Bestrafung? Schließlich habe ich viele Wesen aus seinem Reich getötet.«
Mit einem tiefen Seufzer schüttelte sie diese bohrenden Fragen ab und sah sich um. Ihr Blick fiel auf ein Gebäude zu ihrer Linken. Ein Schild wies es als Besucherhaus aus. Als sie es betrat, fiel ihr Blick auf eine große Karte Minaes.
Sie studierte diese gründlich und prägte sich die wichtigsten Details der Stadt ein.
Minae war in mehrere Bezirke aufgeteilt: die Altstadt, die Burg Zephyrus, den Zwergenbezirk, den Zaubererbezirk, den Domplatz, den Hafen und den Händlerbezirk, in dem sich das Besucherhaus befand.
Die einzelnen Stadtteile waren durch dicke Mauern voneinander getrennt. Durch große, mit schweren Holztüren verschließbare Durchgänge gelangte man von einem Bezirk zum anderen.
Die Dächer der Mauern, Zinnen, Türme und Gebäude waren mit Kupferplatten bedeckt, die einen guten Schutz gegen Brandpfeile oder Feuerzauber boten. Der Schein dieser Kupferdächer, die das Sonnenlicht reflektierten, verlieh Minae den Beinamen: die Goldene Stadt.
Ta´elga verspürte große Lust, durch die Gassen des Händlerbezirks zu schlendern, in den Läden zu stöbern und sich Stoffe, Geschmeide, Lederwaren und all das anzusehen, was die Händler anboten.
Ta´elga folgte der Hauptstraße, auf der viele Wesen in Richtung Greifenhorst der Stadt unterwegs waren oder von dort kamen, und erreichte einen Platz, auf dem sich die verschiedensten Bewohner der Königreiche friedlich trafen.
Sie kannte solche Ansammlungen nur von den Schlachtfeldern, auf denen sie gekämpft hatte.
Dort kamen die Krieger zusammen, um zu töten und zu sterben.
Das hier war völlig neu für sie, aber zugleich sehr aufregend.
Vor einem Gebäude stand ein älterer Mensch, der auffordernd zu ihr herübersah.
»Warum starrt er mich so an?«, dachte die Ritterin unangenehm berührt.
Er stand regungslos da, ohne den Blick von ihr zu wenden.
Der alte Mann trug ein ärmlich aussehendes, grünliches Wams und eine verschlissene braune Tuchhose.
Plötzlich machte er eine einladende Geste, und Ta´elga ging zögernd zu ihm.
Eine leise Hoffnung kam in ihr auf. Vielleicht konnte sie von dem Alten etwas erfahren, das ihr bei der Suche nach ihrer Vergangenheit helfen würde.
Als sie den Mann erreichte, schlug ihr eine unangenehme Duftwolke entgegen. Sie rümpfte die Nase.
»Der Alte hat dringend ein Bad nötig.«
Er kam sehr nahe und sprach leise.
»Du musst dringend nach Ladimgar reisen.«
Hastig sah er sich um.
Sie wich einen Schritt zurück und fächelte sich mit einer Hand frische Luft zu.
»Und du musst etwas gegen deinen Mundgeruch unternehmen!«
Der Gestank des Mannes war unerträglich. Er ignorierte ihren Protest.
»Ladimgar? Warum muss ich dorthin?«
Fragend sah sie ihn an und unterdrückte die aufkommende Übelkeit.
»Nicht so laut, Reisende, nicht so laut. Nur auf der Insel der Elfen kannst du mehr über dich erfahren. Sie kennen deine Vergangenheit. Verweile nicht länger. Beeile dich. Gehe zum Hafen«, flüsterte er.
Sie versuchte, mehr von dem alten Menschen zu erfahren, aber er schwieg.
Immer wieder sah er hastig in alle Richtungen, als würde ihn jemand verfolgen.
Sie reichte ihm ein paar Münzen und gab ihm den Rat, sich und seine Kleidung möglichst bald zu reinigen.
Sie wandte sich wieder dem Platz zu, als ein eilig dahinhastender Mann gegen sie lief.
»Oh, entschuldige«, rief er.
Der Menschenmann trug die Kleidung eines Kriegers der Union. Ta´elga war auf Kampf gedrillt worden. In einem Reflex wollte sie ihr Elementumschwert erscheinen lassen, um sich dem Krieger zu stellen, da war er auch schon hinter der nächsten Gebäudeecke verschwunden. Der Mann hatte den Waffenring Minaes getragen. Er war ein Paladin, ein mächtiger Kämpfer der Union.
Seinesgleichen kannte sie als furchtlose und starke Krieger, die ihr in den Schlachten gegen die Union schwer zugesetzt hatten.
Sie drehte sich noch einmal nach dem alten Mann um. Der Platz, an dem er gestanden hatte, war leer.
»Wohin ist der alte Mensch so schnell verschwunden?« Verwundert blickte sie sich um.
Ta´elga setzte ihren Rundgang fort und erreichte ein Gasthaus. »Die bronzene Orchidee« stand auf dem Schild.
Sie beschloss, hier einzukehren. Die Waldelfenfrau war hungrig und durstig. Eine nette, rothaarige Menschenfrau kam auf sie zu.
»Willkommen in meinem Gasthaus. Ich bin Ellinor, die Gastwirtin. Nimm Platz und fühle dich wohl.«
Die Ritterin sah sich im Gastraum um. Ein großer, eckiger Holztisch mit vielen Stühlen nahm fast den ganzen Raum ein. Gegenüber der riesigen Tafel, vor zwei mit Büchern gefüllten Regalen, standen noch einmal vier Holzstühle. Vor ihnen lag das Fell eines riesigen Elches.
»Ob Ellinor ihn erlegt hat?«
Sie wollte hier ein wenig verweilen und setzte sich auf einen Stuhl vor dem rechten Bücherregal. Ellinor brachte ihr einen Krug mit kühlem Wasser.
Ihr Blick schweifte über die kostbar wirkenden Bücher. Viele Bände trugen Zeichen auf dem Einband, die ihr völlig unbekannt waren.
Bald wandte sie sich dem Treiben im Gasthaus zu. Ta´elga sah viele Wesen kommen und gehen. Einige Ankömmlinge betraten die bronzene Orchidee durch denselben Eingang wie sie. Andere jedoch erschienen aus dem Nichts im Gastraum. Sie waren plötzlich einfach da. Manche nahmen Platz, andere verließen das Gasthaus sofort wieder.
Dahinter steckte mit Sicherheit ein Zauber. Doch welche Art von Zauber?
Sie beschloss, bei einer günstigen Gelegenheit mit Ellinor darüber zu sprechen. Ta´elga hatte den Eindruck, dass der Zauber etwas mit der Gastwirtin zu tun hatte.
Im Gastraum hielt sich auch ein Waldelfenmann auf. Er gefiel ihr, und sie beschloss, sich zu ihm zu gesellen. »Das wird sicher ein netter Abend in so reizvoller Gesellschaft. Vielleicht kann ich von ihm mehr über die Waldelfen erfahren.«
Im Magistrat waren Gefühle nach Nähe und Zärtlichkeit verpönt. Ein Sanguenritter wurde auf Kampf gedrillt. Vergnügen ließen die Herrscher des Magistrats bei den Kämpfern Acceras nur ungern zu.
Die Glocke von Minae schlug sieben Mal. Dieser Tag war schnell zu Ende gegangen. Ta´elga war müde und satt. Sie fragte Ellinor nach einem Nachtlager. Gern wollte sie in der bronzenen Orchidee bleiben.
Mittlerweile hatte Ellinor im Gastraum ein gemütliches Feuer entzündet, das eine angenehme Wärme verbreitete. Ta´elga fühlte sich so wohl wie schon lange nicht mehr und näherte sich dem Platz Sheij´ans, des Waldelfenmannes.
»Mal sehen, was sich daraus entwickelt.«
Sheij´an gefiel ihr recht gut. Seine muskulöse, hochgewachsene Gestalt weckte in ihr den Wunsch, ihm ganz nahe zu sein.
»Ich grüße dich, Sheij´an. Ich bin Ta´elga.«
»Sei gegrüßt, Ta´elga, woher kennst du meinen Namen?«
Überrascht blickte er zu ihr auf.
»Ich habe ihn gehört, als Ellinor dich begrüßt hat. Darf ich mich ein wenig zu dir setzen?«
»Liebend gern. Meinen Abend in so reizvoller Gesellschaft zu verbringen, kann ich gar nicht ablehnen«, sagte er mit einem gewinnenden Lächeln.
Sheij´an war witzig, charmant und ein angenehmer Unterhalter. Er konnte viele amüsante Geschichten erzählen. Vor allem aber konnte er zuhören.
Sie erlag seiner Anziehungskraft. Schon lange hatte sie nicht mehr die Nähe eines Mannes genießen können.
Die Nacht war kurzweilig. Ta´elga hatte sich in Sheij´an nicht getäuscht.
»Elfen sind wundervolle Liebhaber.«
Mit ein wenig Wehmut im Herzen verabschiedete sie sich am nächsten Morgen von ihm. Bevor sie die bronzene Orchidee verließ, wollte sie noch mit der Gastwirtin sprechen.
Sie musste einfach wissen, was es mit dem Zauber auf sich hatte, den sie am Abend zuvor gesehen hatte.
Sie traf Ellinor im Gastraum an. Mit einem fröhlichen Lächeln begrüßte die Wirtin sie.
»Wie ist deine Nacht gewesen? Alles zu deiner Zufriedenheit?«, fragte Ellinor augenzwinkernd.
»Danke, so eine wundervolle Nacht habe ich schon sehr lange nicht mehr erlebt«, seufzte sie mit verträumtem Blick.
Die beiden Frauen plauderten ein wenig über dies und das. Die Gastwirtin bot ihr Obst und Brot für ihre Reise an. Gern nahm sie an und verstaute den Proviant in ihrem Beutel.
»Nimm noch diesen Gaststein von mir.«
Die Gastwirtin zeigte ihr einen faustgroßen schwarzen Stein, der von roten Streifen durchzogen war.
»Mit diesem Gaststein kannst du durch den im Stein innewohnenden Zauber von jedem Ort der Welt zu meiner bronzenen Orchidee zurückkehren. Wenn du den Wunsch hast, hierherzukommen, nimm den Stein in deine linke Hand und denke an dieses Gasthaus.«
Die Gäste, die am Abend zuvor aus dem Nichts erschienen waren, kehrten mit Hilfe des Steinzaubers in das Gasthaus zurück, erklärte Ellinor.
Liebend gern nahm Ta´elga dieses äußerst nützliche Geschenk von der Gastwirtin an und packte den Stein in ihre Tasche.
»Hierher möchte ich gern zurückkehren. Vielleicht treffe ich noch einmal Sheij´an«, dachte sie sehnsüchtig.
Es war ein warmer Sommermorgen, und über der Stadt spannte sich ein blauer, wolkenloser Himmel. Ihr Blick fiel auf das Werthaus von Minae. Achtzehn Stufen führten zum Eingang dieses prächtigen Gebäudes.
»Ich sollte ein paar Dinge hier deponieren.«
In der Halle an den Wänden sah sie sechs vergitterte Fenster. Hinter jedem Gitter stand ein Mensch, alle in roten Westen und weißen Hemden. Vor jedem Fenster standen lange Reihen der verschiedensten Wesen. Gegenüber dem Eingang befand sich eine massive, runde Stahltür, die offenstand.
Sie ging hindurch und stand in einem großen, runden Raum. An den Wänden befanden sich viele kleine, eckige Türen aus Stahl. In der Mitte des Raumes saß eine rot gekleidete Menschenfrau an einem Tisch aus Metall. Die Ritterin sprach sie an.
»Sei gegrüßt, mein Name ist Ta´elga. Darf ich bei dir einige meiner Besitztümer hinterlegen?«
»Natürlich, dafür bin ich da. Willkommen in der Bank von Minae, ich bin Kerstin Cener. Ich kann dir eines von diesen Wertfächern gegen einen Obolus überlassen.«
Dabei zeigte sie auf die kleinen Türen.
Ta´elga hatte nichts in der grauen Festung zurückgelassen. Dorthin wollte sie möglichst nicht zurückkehren. Sie trug ihre ganze Habe bei sich, die sehr umfangreich war.
Nur mithilfe eines Zaubers war es möglich, all diese Dinge ohne Mühe und Aufsehen bei sich zu haben. Die wertvollsten Sachen aber wollte sie hier im Werthaus lassen.
»Wer weiß, was die Zukunft mir bringt?«
Kerstin Cener zeigte auf ein offenstehendes Fach.
»Dort kannst du alles hineingeben. Wenn du fertig bist, schließe die Tür und bring den Schlüssel zu mir.«
Als die Ritterin vor dem kleinen Fach stand, baute sich ein magischer Sichtschutz um sie herum auf. Sie legte den größten Teil ihrer Münzen, ihres Schmucks und noch einige andere wertvolle Gegenstände in das Fach, verschloss die Tür und zog den Schlüssel ab. Der magische Sichtschutz verschwand.
Sie kehrte zu Kerstin Cener zurück. Diese nahm den Schlüssel an sich und legte ihn auf einen schwarzen Stein, der wie eine große Hand aussah.
»Lege deine Hand auf den Stein«, forderte Kerstin Cener sie auf.
»Der Schlüssel wird jetzt mit deinen persönlichen Schwingungen abgestimmt. Nur du kannst damit dein Wertfach öffnen, niemand sonst. Innerhalb der westlichen Königreiche kannst du in jedem Werthaus deine hinterlegten Dinge abholen. Sobald du mit diesem Schlüssel dort ein Fach öffnest, erscheinen deine hier hinterlegten Besitztümer.«
Kerstin Cener gab ihr den Schlüssel, den sie in einer ihrer magischen Taschen verstaute. Ta´elga bedankte sich bei der Frau und verabschiedete sich von ihr.
Gegenüber der Bank entdeckte die Sanguenritterin ein weiteres prachtvolles Gebäude. Das Schild vor dem Eingang trug das Zeichen für ein Auktionshaus. Neugierig betrat sie es.
Das Gebäude schien nur aus einer riesigen Halle zu bestehen. Dem Eingang gegenüber befand sich eine Bühne, die die ganze Breite der Halle einnahm. Davor standen lange Reihen von Sitzbänken aus Stein.
Auf den Bänken saßen viele Menschen, Zwerge, Elfen und einige andere Lebewesen. Nur wenige Plätze waren noch frei. Die Halle war von einem eigenartigen Singsang erfüllt.
Ta´elga setzte sich auf einen freien Platz in der Nähe des Eingangs und sah sich um.
Auf der Bühne standen drei Menschen hinter einer Art Rednerpult. Sie trugen grüne Roben mit großen Kapuzen, ihre Gesichter waren nicht zu sehen. Der seltsame Gesang, der die ganze Halle erfüllte, stammte von ihnen.
Hinter ihnen stand ein riesiger kupferner Topf, geschmückt mit silbernen und goldenen Ornamenten.
Hin und wieder stand einer der Zuschauer auf, um denselben eigenartigen Gesang anzustimmen. Auch Ta´elgas linker Nachbar erhob sich und sang in einer ihr fremden Sprache.
Er war ein Mensch mittleren Alters, der die weiß-gelbe Robe der Forscher trug. Nach kurzer Zeit setzte er sich wieder. Sein Gesicht zeigte einen unzufriedenen Ausdruck.
Zwei weitere Menschen, ebenfalls in grüne Roben gekleidet, erschienen nun auf der Bühne und trugen den Topf hinaus. Zwei andere Menschenmänner brachten eine große Truhe aus dunklem Holz auf die Bühne. Sie war mit denselben silbernen und goldenen Verzierungen versehen, die zuvor auf dem kupfernen Topf zu sehen gewesen waren. Die drei Menschen hinter den Stehpulten stimmten erneut ihren Gesang an.
Sie konnte sich keinen Reim auf das Geschehen in der Halle machen und beschloss, den Forscher zu ihrer Linken zu fragen.
»Was passiert hier?«
Der Mann betrachtete sie etwas unwillig.
»Du warst wohl noch nie auf einer Auktion?«
»Nein, nicht, dass ich wüsste.«
»Heute werden hier Gegenstände zum Kauf angeboten, die ein Schiff vor Kurzem nach Minae brachte. Sie wurden in einem uralten Schiffswrack gefunden, das unweit der Küste auf dem Grund des Versteckten Meeres liegt. Diese Gegenstände gehörten einem uralten Volk, das heute nicht mehr existiert«, erklärte der Wissenschaftler.
»Aber ich höre nur Gesang in einer mir unbekannten Sprache.«
Der Menschenmann lachte amüsiert.
»Ja, der Gesang gehört zum Ritual der Auktionatoren. Das sind die Menschen dort auf der Bühne. Hier, in dieser Halle, werden alle Geschäfte ausschließlich in der traditionellen Sprache der Auktionatoren getätigt. Die Anpreisungen der Ware und die Gebote werden in dieser Sprache gesungen. Das soll sicherstellen, dass es keine Irrtümer gibt. Jetzt störe nicht weiter, ich möchte mich auf die Auktion konzentrieren.«
Er stand plötzlich auf und sang wieder. Mit einem zufriedenen Lächeln nahm er wenig später erneut Platz. Er schaute Ta´elga triumphierend an.
»Ich habe die Truhe gerade gekauft. Dieser Tag war mal wieder ein Erfolg.«
Er erhob sich und verließ die Halle. Die Ritterin sah dem geschäftigen Treiben noch eine Weile zu.
»Ich könnte noch eine Weile dem spannenden Geschehen zusehen, aber ich bin schon zu lange hier, ich muss weiter.«
In den schmalen, kopfsteingepflasterten Gassen und auf den kleinen Plätzen des Stadtteils herrschte reges Treiben. Viele Wesen waren hier unterwegs. Wie Ta´elga schlenderten sie durch die engen Straßen, um die Auslagen der Händler zu betrachten.
Hier und da standen Straßenhändler, die Schmuck, Stoffe, Süßwaren oder Getränke feilboten. Auf jedem Meter nahm sie andere Gerüche wahr. Die Luft roch nach gebratenem Fleisch, nach frisch gebackenem Brot und vielem mehr.
Der Ritterin begegneten viele fröhliche Menschen, sogar einige Kinder sah sie.
Kinder. In der Festung Acceras hatte es keine gegeben.
»Wenn ich auf meinen Feldzügen Kindern begegnete, liefen sie schreiend und voller Angst vor mir davon.«
Dunkle Erinnerungen überkamen Ta´elga erneut. Ziellos lief sie durch den Stadtteil, vertieft in diese schmerzlichen Gedanken. Sie wollte sich nicht erinnern. Sie brauchte Ablenkung. Irgendwann stand sie vor einer rot-weißen, sich drehenden Säule.
»Ein Barbier. Sehr gut. Wie lange habe ich keine fachkundigen Hände mehr an mein Äußeres gelassen? Für die angenehmen Dinge des Lebens ist in Acceras kaum Platz gewesen.«
Jasper Scharfschere hieß der Barbier. Jasper war ein vorlauter Zwerg, der ohne Unterbrechung plapperte.
Die Ritterin hatte bereits einige Zwerge gesehen. Zwerge waren ein sehr traditionsbewusstes Volk, das modische Experimente verabscheute.
Jasper brach mit diesen Traditionen.
Er hatte einen Beruf gewählt, der von Zwergen üblicherweise nicht ausgeübt wurde. Modische Kleidung oder moderne Frisuren waren den Zwergen so gut wie unbekannt. Für sie galt es schon als gewagt, ihre Bärte, die stets lang getragen wurden, zu färben.
Jasper hatte gar nichts Traditionelles an sich.
Seine Kleidung war bunt. Er trug eine gelb-rot karierte Hose, einen giftgrünen Pullover und blaue Schuhe. Sein Kopfhaar war kurz geschnitten und orange gefärbt. In seinem Gesicht prangte ein riesiger, knallroter Schnauzbart.
Ta´elga musste beim Anblick dieses Zwerges grinsen. Jasper tänzelte um sie herum.
»Was darf es sein, schöne Frau, ein neuer Haarschnitt vielleicht oder eine andere Haarfarbe?«
»Da bin ich aber mal gespannt wie ein Elfenbogen, was er so zu bieten hat.« Schwierige Entscheidungen standen ihr bevor. »Soll ich eine Kurzhaarfrisur tragen oder doch besser lang lassen? Soll Jasper mir das Haar flechten? Einen Zopf oder zwei? Welche Haarfarbe steht mir? Schwarz, grün oder lila?«
»Ach nein, ich bin mit meiner jetzigen Frisur ganz zufrieden.«
Sie trug ihre schulterlangen Haare meistens nach hinten zusammengebunden.
»Wie wäre es mit ein paar wunderschönen Gesichtstätowierungen? Sie sind bei deinem Volk zurzeit sehr beliebt und würden gut zu deiner hellbraunen Hautfarbe passen«, bot der Barbier an.
»Ich glaube nicht. Ich mag keine Tätowierungen. Ich habe schon einige Frauen damit gesehen. Ich möchte lieber darauf verzichten. Es reicht, wenn du mein Haar wäschst und schneidest.«
»Wie du wünschst.«
Er begann mit seinem Handwerk und erzählte dabei ohne Unterlass von Personen und Begebenheiten, die ihr völlig unbekannt waren. Allmählich begann er, sie zu nerven.
Jasper war ein wahrer Künstler in seinem Metier. Obwohl der Barbier ihre Frisur nicht grundlegend verändert hatte, sah Ta´elga anders aus, weiblicher, wie sie fand.
Sie entlohnte Jasper Scharfschere. Wortreich entließ er sie aus seinem Geschäft. Es war an der Zeit, das Händlerviertel zu verlassen, ihre Mission ging schließlich weiter.
Ta´elga durchquerte eine Mauer, die den Händlerbezirk von der Altstadt trennte, und stand vor einer Brücke. Minae wurde von vielen Kanälen durchzogen. Auf ihnen konnte man kreuz und quer durch die Stadt reisen.
Auf der anderen Seite flatterten große blaue Banner im Wind, auf denen ein goldenes Schwert abgebildet war, das Symbol für die Altstadt.
Sie schaute sich um und entdeckte auf ihrer Kanalseite ein hölzernes Schild, das vor einem Geschäft hing und leicht im Wind hin und her pendelte. »Duftende Blumen« war darauf zu lesen. Neugierig näherte sie sich dem Blumenladen. So etwas war für Ta´elga unvorstellbar – ein Blumenladen. Irgendwie erschien es ihr falsch, dass die Pflanzen, die sie hier sah, bald verwelken würden. Gleichzeitig war sie von ihrem Anblick fasziniert.
Die Sanguenritterin betrachtete die Blumen, die dort zum Verkauf ausgestellt waren. Eine wahre Duft- und Farbenorgie stürmte auf sie ein. Die Bürger der Union hatten Sinn für das Schöne.
»Wie hätte die Festung Acceras mit Blumen ausgesehen? Für das Schöne ist dort nie Platz gewesen. Falls ich nach Acceras zurückkehre, werde ich dort Blumen pflanzen.«
Kinder liefen fröhlich lachend an ihr vorbei. Irgendwie schienen alle Bewohner voller Lebensfreude zu sein.
Ein Schild zeigte den Weg zur Burg Zephyrus, dem Machtzentrum der Union.
»Dort erwartet mich der König.«
Innerhalb des Magistrats war die Burg Zephyrus bekannt und gefürchtet. Auf Acceras hatten die Krieger oft darüber geredet, wie es wohl sein würde, das Machtzentrum der Union zu erobern.
Die Burg war eigentlich ein Schloss. Strahlend weiß, mit goldenen Dächern, vielen Türmen und Erkern, erhob sie sich auf einer Anhöhe und überragte alle anderen Gebäude der Stadt.
Vor Ehrfurcht fast erstarrt, schaute Ta´elga auf den Eingang zur Burg. Lan9gsam ging sie näher heran. Eine breite Treppe führte auf eine Terrasse, auf der sich eine hohe Steinfigur auf ein Zweihandschwert stützte.
Hier stand der König der Union auf dem Brunnen und schaute auf seine Stadt.
Rechts und links um die Statue herum führten zwei Treppen aus weißem Marmor empor und endeten auf einer weiteren Terrasse. Der Ritterin kamen einige Menschen entgegen, die das Schloss verließen, allesamt in prächtige Gewänder gekleidet. Keiner von ihnen beachtete sie.
Die letzte Treppe zum Eingang des Schlosses, mit einem rot-goldenen Teppich belegt, lag vor ihr.
Ta´elgas Herz schlug wie wild.
»Ich werde es wagen, das Zentrum der Union zu betreten.«
Langsam, ganz vorsichtig, trat sie durch das Eingangstor von Burg Zephyrus.
Geschafft. Die Sanguenritterin stand in den heiligen Hallen von Minae.
Sie ging durch die arkadenartige Halle, die ganz aus blauem und weißem Marmor bestand. Von der hohen Decke hingen lange blau-goldene Banner herab, die das Wappen Minaes trugen.
Sie schloss sich einer Gruppe von Besuchern an, die in Richtung Thronsaal unterwegs war.
Sie wollte nicht auffallen. Es ging vorbei an den Königswachen, die hier rechts und links postiert waren. Aus ihren Augenwinkeln konnte sie zwischen den mächtigen runden Säulen große, bogenförmige Eingänge wahrnehmen, die in weitere Hallen Zephyrus führten.
Ta´elga traute sich nicht, dort hineinzusehen. Sie starrte geradeaus und befürchtete jeden Augenblick, ein königlicher Ritter könnte auf sie zustürmen, um sie, die ehemalige Feindin des Reiches, die blutrünstige Sanguenritterin, zu töten. Doch nichts dergleichen geschah. Trotzdem wich das mulmige Gefühl nicht von ihr.
Sie ging immer weiter, geradewegs auf den Thron zu.
Als sie den Thronsaal erreichte, konnte sie kaum glauben, dass sie unangefochten ihr Ziel erreicht hatte. Das musste der König der Union sein, der dort vor seinem Thron stand.
Der Herrscher der Union war ein großer, breitschultriger, dunkelhaariger Mann. Er schien noch jung zu sein, wirkte in seiner blau-goldenen Rüstung jedoch imposant und ehrfurchtgebietend.
Ta´elga konnte das Alter des Königs nur schwer einschätzen, hielt ihn aber nicht für älter als vierzig Menschenjahre.
Der Thronsaal war kreisrund und wurde von einem gläsernen Kuppeldach überspannt, das das einfallende Sonnenlicht in alle Farben des Spektrums brach. Es schien, als stünde der Herrscher der Union inmitten eines Regenbogens. Es war ein fantastisches, fast unwirkliches Bild.
Viele Menschen, Zwerge, Elfen und andere Wesen füllten den Saal und hielten sich alle im Bereich des Eingangs auf. Ein Menschenmann in einer bunten Uniform bemühte sich, den Besucherstrom zu regulieren. Er dirigierte die Besucher auf eine niedrige Empore. Von dort aus hatte man einen guten Blick auf den König.
Eine Menschenfrau kniete vor dem Thron und sprach leise mit dem Herrscher. Trotz der Nähe zum Thron konnte man kein Wort von dem verstehen, was dort gesprochen wurde. Einige Minuten später verließ die Frau den Thronsaal mit einer tiefen Verbeugung vor dem König.
Der König schaute in die Runde. Er erblickte Ta´elga und winkte die Ritterin zu sich.
Ein Raunen ging durch den Saal. Alle Besucher wollten mit dem Herrscher der Union sprechen. Einige unter ihnen hatten lange auf einen Termin für eine Audienz warten müssen.
Ta´elga verging vor Ehrfurcht. Sie war eine gefürchtete Kämpferin gewesen, die mutig in jede Schlacht gezogen war, und doch zitterten ihr nun die Knie. Sie konnte und wollte jetzt nicht mehr zurückweichen.
Sie verbeugte sich demütig vor dem König. In diesem Moment war sie bereit, ihre Strafe für ihre Untaten zu empfangen.
»Ich heiße dich, Ta´elga, herzlich willkommen in meinem Reich. Ich bin König Pharus Lyhser.«
»Der König kennt sogar meinen Namen?«
Wie durch Watte hindurch hörte sie seine Worte.
»Ich bin sehr froh darüber, dass du nun auf meiner Seite kämpfst. Die Union und ich brauchen Heldinnen wie dich.«
»Heldinnen wie mich?« Das Blut stieg ihr in den Kopf. Sie brachte kaum ein paar Worte des Dankes hervor. »Ist das peinlich, ich werde rot.«
Aus einer kleinen Schatulle nahm der König einen goldenen Ring und übergab ihn der ehemaligen Ritterin.
»Du hast ehrenvoll und mutig in der Schlacht um Acceras gekämpft. Du bist nun eine Kriegerin der westlichen Königreiche. Gehe nun, Ta´elga. Trage meinen Waffenring mit Stolz. Viele Gefahren erwarten dich, bevor die westlichen Königreiche und die Union Frieden finden.«
»Nochmals verbeugen und schnell weg.« Wie von Sinnen eilte sie nach draußen. »Den Herrschern sei Dank. Erst einmal tief durchatmen. Was für ein Erlebnis, der große König hat zu mir gesprochen und ich habe nur gestammelt. So nervös wie gerade war ich vor keinem Kampf. Jetzt erst mal entspannen.«
Sie fand ein sonniges Plätzchen vor dem Brunnen und setzte sich. Voller Ehrfurcht betrachtete sie den Ring. Auf ihm war das Wappen des Königs abgebildet.
»Ich wurde nicht bestraft. Im Gegenteil, der König hat mich geehrt. Das hätte ich wohl nie erwartet.«
Ta´elga sah nach dem Proviant, den ihr Ellinor mitgegeben hatte.
»Ja, ein Apfel ist jetzt genau das Richtige.«
Tief in Gedanken über das eben Erlebte biss sie in den Apfel, ohne den herrlichen Geschmack wirklich wahrzunehmen.
Ta´elga überlegte, ob sie nun endlich in Richtung Ladimgar aufbrechen sollte, wie ihr der alte Mann geraten hatte, oder ob sie sich in Minae noch etwas ansehen wollte. Vielleicht den Domplatz oder den Zaubererbezirk?
Mit den Zauberern hatte sie es nicht so. Im Kampf waren sie unberechenbar gewesen, und ihre Zauber hatten schrecklich unter den Magistratskämpfern gewütet.
Die Sanguenritterin machte noch einen Rundgang durch die Altstadt und erreichte irgendwann den Domplatz.
Dieser war von großen Stadthäusern gesäumt, in denen sich einige Geschäfte befanden.
Hier gab es auch ein Waisenhaus. Lautes Kinderlachen drang bis auf den Domplatz.
Das wollte Ta´elga sich näher ansehen. Als sie eintrat, wurde es plötzlich sehr still.
In der Eingangshalle des Hauses hielten sich einige Kinder und eine junge Menschenfrau auf.
Die Ritterin hatte das Gefühl, die Kinder könnten ihr ansehen, dass sie einst eine Kriegerin des Magistrats gewesen war. Sie wandte sich an die junge Frau, die mit den Kindern an einem Tisch saß.
»Willkommen«, begrüßte die junge Menschenfrau Ta´elga. »Ich bin Hellene, die Leiterin dieses Waisenhauses. Was kann ich für dich tun?«
Die schlanke Frau besaß eine sanfte Stimme, ihr schwarzes Haar umrahmte ihr blasses Gesicht.
»Mein Name ist Ta´elga. Seit ich hier in Minae verweile, sind mir schon viele Kinder begegnet. Das Lachen deiner Kinder hat mich einfach neugierig gemacht. Ich kann mich nicht erinnern, wann und wo ich zuletzt so fröhliche Laute gehört habe.«
Hellene wirkte auf Ta´elga still und schüchtern. Sie fand Hellene sympathisch. In dem Waisenhaus lebte sie mit zwanzig Kindern im Alter von drei bis zwölf Jahren. Sie war Lehrerin und Ersatzmutter zugleich.
Die Menschenfrau lud sie auf eine Tasse Tee ein. Dieser Einladung folgte sie gerne. Irgendwie strahlte die Leiterin eine Aura des Vertrauens aus, und Ta´elga erzählte ihr von ihrem Leben in Acceras.
»Ich komme von der Festung Acceras, ich war eine Sanguenritterin«, begann sie.
Furcht und Entsetzen zeichneten sich auf Hellenes Gesicht ab. Mit ihren dunkelbraunen Augen sah sie Ta´elga erschrocken an. Die Leiterin des Waisenhauses hatte von den Gräueltaten der Magistratskämpfer gehört.
Die Ritterin hob in einer beruhigenden Geste beide Hände.
»Durch einen Zauber bin ich von meinem Fluch befreit worden. Jetzt bin ich auf der Suche nach meiner Vergangenheit. Ich weiß nicht, woher ich komme und wer ich bin. Ich kann mich an das Leben, das ich vor meiner Zeit im Magistrat hatte, nicht erinnern. Alle Erinnerungen an meine Herkunft, an meine Heimat, an meine Eltern und an meine Freunde sind fort.«
Die Sanguenritterin erzählte Hellene von ihrem Leben im Magistrat, ohne ins Detail zu gehen. Sie wollte die Kinder nicht verschrecken.
Bei Hellene erkannte Ta´elga Anzeichen von Mitleid für sie und ihr Schicksal, die anfängliche Furcht war verflogen. Die Abscheu, die Hellene für ihre Untaten empfand, konnte sie jedoch nicht ganz verbergen.
Die Kinder legten nach und nach ihre Zurückhaltung gegenüber der Sanguenritterin ab. Sie erzählten Ta´elga ihre Geschichten, die sie zu Tränen rührten.
Einige dieser kleinen Wesen hatten ihre Eltern im Kampf gegen den Magistrat verloren. Ein kleiner Junge erzählte ihr, dass er mit angesehen hatte, wie seine Eltern und seine drei Geschwister von Truppen des Magistrats hingemeuchelt worden waren.
»Wie war ich dazu fähig, diese Kinder so zu verletzen? Diese Geschöpfe hegen keinen Groll gegen irgendetwas oder irgendwen auf dieser Welt. Der Magistrat hat ein Monster aus mir gemacht.«
Sie war begeistert von den kleinen Menschenkindern und spielte einige Zeit mit ihnen. Die Ritterin konnte sich nicht erinnern, jemals so viel Freude gehabt zu haben wie an diesem Nachmittag.
»An diesen Tag werde ich noch lange zurückdenken.«
Es ging langsam auf den Abend zu, als Ta´elga sich von Hellene und den Kindern schweren Herzens verabschiedete. Hellene begleitete sie noch vor die Tür des Hauses. Die Ritterin gab Hellene einen Großteil ihrer Münzen und umarmte sie. Die Leiterin des Waisenhauses wollte Ta´elgas Gold gar nicht annehmen, doch sie duldete keinen Widerspruch.
»Nimm es bitte, Hellene. Deine Kinder und du können es gebrauchen. Ich hatte heute viel Freude bei euch. Das soll mein Dank dafür sein.«
»Ich danke dir, Ta´elga. Lebe wohl. Ich hoffe, du findest, wonach du suchst. Ich wünsche dir viel Glück.«
»Ich danke dir, Hellene. Du bist wahrlich ein guter Mensch. Ich werde deine Kinder und dich wieder besuchen. Ganz sicher.«
Hellene blickte der Sanguenritterin noch einen Augenblick hinterher, dann drehte sie sich um und ging zu ihren Kindern zurück. Eine schöne, aber dennoch seltsame Begegnung, dachte Hellene.
Ta´elga ging noch in den Dom, der den Platz beherrschte. Wie alle Bauwerke dieser Art vermittelte er den Eindruck, dass der Besucher klein und nichtig war. Der Innenraum war völlig leer. Hohl und laut klang das Echo ihrer Schritte, als sie durch das Mittelschiff ging. Selbst an ihr ging die einschüchternde Wirkung dieser großen Kathedrale nicht vorbei.
Sie fühlte sich unwohl, als sie den Dom verließ.
»Zwei Tage in der Hauptstadt der Union sind fürs Erste genug. Ich werde hierher zurückkehren. Minae ist eine wundervolle Stadt, und ich habe noch nicht alles von ihr gesehen. Doch ich habe noch eine Mission zu erfüllen. Ich muss meine Vergangenheit suchen. Ich werde nun zum Hafen gehen und sehen, ob ich noch ein Schiff bekomme, das mich nach Ladimgar bringt.«
Ta´elga verließ den Domplatz und ging in Richtung Hafen, vorbei an dem alten Verlies der Stadt, das bei einem Angriff des Magistrats zerstört worden war. Sie konnte das Meer schon riechen, das Kreischen der Möwen klang nah.
Nach kurzer Zeit erreichte sie die Stadtgrenze von Minae. Der Hafen lag tiefer als die Stadt. Eine breite Treppe führte hinunter zu den Landungsstegen.
Die Sanguenritterin betrachtete das geschäftige Treiben dort unten eine Weile. Gerade legte ein Segelschiff an. Sie hörte die Kommandos zum Festmachen so deutlich, als stünde sie unmittelbar am Landungssteg. Von einer der Landungsbrücken legte ein großer stählerner Raddampfer ab. Seine Maschine stampfte und stöhnte. Ta´elga konnte das Horn des Dampfers noch hören, als das Schiff bereits in der Ferne verschwand. An zwei Piers lagen Frachtsegler. Lange Reihen von Arbeitern schleppten Ballen und Kisten von den Seglern oder zu ihnen hin.
Von hier oben sahen sie aus wie emsige Ameisen. Sie ging die Treppe hinunter. Ihr Ziel war der Hafenmeister.
»Mal sehen, welches Schiff mich mitnehmen kann.«
Sie buchte eine Passage auf der Larisso. Die Larisso war ein kleiner Dreimastsegler, der sie auf direktem Kurs über das Versteckte Meer nach Ladimgar bringen würde.
Ladimgar war eine Insel, die südlich vor dem Kontinent Tirgarneiy lag. Die Larisso würde dort in Nyat´thyra anlegen.
Bei der Abfahrt aus Minae stand Ta´elga noch lange an der Reling der Larisso. Die sagenhafte Stadt wurde immer kleiner, bis sie endgültig am Horizont entschwand. Die Sanguenritterin verließ die westlichen Königreiche und den Kontinent Tellus, die Heimat der Menschen und Zwerge. Sie dachte noch einmal an Sheij´an, an den König von Minae und an Hellene und ihre Waisenkinder.
Aaghyl – Nach der Schlacht
»Ich habe nur zwei Freunde, mein Elementumschwert und Aaghyl, und genau in dieser Reihenfolge.«
(Sinan Eldar, Sanguenritter. Freund und Stellvertreter von Aaghyl.)
Während der Flucht durch die unterirdischen Gänge Acceras ließen die Magier des Magistrats hinter Aaghyls Kämpfern alles einstürzen, sodass der Feind ihnen nicht folgen konnte. Die Magier sorgten außerdem dafür, dass nichts von der Ausrüstung, die zurückgelassen werden musste, in die Hände der Union fiel. Vor der Schlucht, die den Eingang zur Festung gebildet hatte, hatten sich auf einer weiten, sandigen Ebene die verbliebenen Krieger des Magistrats gesammelt. Von ehemals mehreren Tausend Kämpfern warteten nun nur noch ein paar Hundert auf ihren Oberbefehlshaber.
Aaghyl erreichte das Lager, das hier aufgeschlagen worden war. Sein Freund und Stellvertreter erwartete ihn bereits.
»Lord Aaghyl, die Überlebenden sind mittlerweile alle hier eingetroffen. Leider müssen wir heute um viele Freunde und gute Krieger klagen. Wir haben auch viele der Untoten verloren«, erstattete er Bericht.
»Leider, Sinan, leider. Hast du eine Erklärung für unsere Niederlage, alter Freund?«
Aaghyl betrachtete seinen langjährigen Kampfgefährten. Sinan Eldar wirkte erschöpft und niedergeschlagen. Die Spuren der Schlacht waren ihm deutlich anzusehen.
Sinan Eldar war ein Mensch und ein Sanguenritter. Nicht viele Menschen eigneten sich für diesen Stand. Bei ihnen war die Fähigkeit zu starker Magie nur selten vorhanden, und ihre Lebensspanne war im Vergleich zu den Elfen oder den Cwoks eher gering. Sinans Magie jedoch war stark, und durch einen Zauber, über den nur die Herrscher verfügten, wurde die Lebensspanne von Aaghyls Kampfgefährten nahezu verdoppelt. Sinan Eldar war inzwischen gut sechzig Jahre alt, aber dank des Zaubers noch immer in der Blüte seines Lebens. Er war ein großgewachsener und kräftiger Mensch. Seine Haut war sehr hell, was ihm immer wieder starke Sonnenbrände bescherte. Kein Haar zierte seinen Kopf; peinlich genau rasierte er sich täglich den Schädel. Das auffälligste Merkmal waren jedoch seine Augen. Groß und tiefschwarz blickten sie in die Welt.
Sein mit vielen Narben gezeichnetes Gesicht schien jetzt grau. Keine Regung war darin zu erkennen. Nur in seinen Augen konnte Aaghyl die Wut sehen, die in seinem Freund tobte. Sein Kampfgefährte war ein gnadenloser Krieger, der an seiner Seite schon viele Schlachten geschlagen hatte.
»Nein, Erhabener. Ich habe keine Erklärung für unsere schändliche Niederlage. Unser Sieg schien so nahe. Aber wir werden herausfinden, was geschehen ist und die Schuldigen für diese Schmach hart bestrafen«, antwortete er, seinen Zorn nur mühsam unterdrückend.
»Ja, das werden wir, sofern unsere Herrscher uns am Leben lassen. Du kennst die übliche Strafe für Versagen.«
»Ich bin bereit meine gerechte Strafe zu empfangen. Ich werde nicht um mein Leben oder meinen Tod winseln. Ich werde nur um die Zeit bitten, die ich benötige, um die Verräter zu finden und hinzurichten. Ich bin davon überzeugt, dass es sich hier nur um Verrat handeln kann. Wir waren den Unionstruppen weit überlegen.«
»Du hast recht, mein Freund. Auch mir kam der Gedanke, dass wir verraten wurden. Aber nun lass uns diesen Ort verlassen.«
Nachdem Aaghyl sicher sein konnte, dass keiner der feindlichen Soldaten folgen konnte, gab er den Befehl zum Aufbruch nach Ruslahr. Es kam Bewegung in das Lager. Die Unterführer brüllten ihre Befehle. Zelte wurden abgebaut, Wagen mit Verletzten und Ausrüstung beladen und die Feuer wurden gelöscht. Dann brach der Tross, bestehend aus Reitern, Fußsoldaten, Magiern und Untoten auf.
Zum Zug der Geschlagenen gehörten auch Wesen, die keine Kämpfer waren: Köche, Handwerkskundige sowie Frauen und Männer aus verschiedenen Völkern des Magistrats, die für das Wohl der Krieger zu sorgen hatten. Sie fuhren in ihren Wagen am Ende der Kolonne.
Der Oberbefehlshaber schaute von einer Anhöhe hinunter auf seine Truppe.
»Bei den Herrschern, so habe ich mir meine Heimkehr in die Hauptstadt nicht vorgestellt.«
Mit einem schnellen, kurzen Ritt setzte er sich an die Spitze des traurigen Zuges. Schweigend ritt er neben seinem Stellvertreter Ruslahr entgegen.
Aaghyl blickte noch einmal zurück. Wo sich einst die stolze Festung des Magistrats befand, waren nur noch ein paar Rauchwolken zu sehen, die sich langsam im blauen Himmel über dem Gebirge auflösten.
Aaghyl – Ruslahr
»Nur eine unbedachte Handlung reicht aus, um dein Leben grundlegend zu ändern. Das Schicksal war gnädig zu mir.«
(Hafenkommandant von Ruslahr.)
Aaghyls Tross folgte der staubigen Straße, die in Richtung Nordosten führte, direkt zur Hafenstadt Ruslahr.
Die Landschaft, durch die sie ritten, war eine Einöde. Nur rotbrauner Sand und Geröll war zu sehen. Ein kalter Wind schlug ihnen entgegen.
Die Gebiete der Kontinente, die zum Herrschaftsgebiet des Magistrats gehörten, bestanden hauptsächlich aus Sand- und Steinwüsten.
Das war auch der Grund für den Krieg mit der Union. Das Leben auf den Kontinenten Telos und Tirgana war für die Bewohner des Magistrats hart und entbehrungsreich. Nur wenige Regionen waren fruchtbar. Die westlichen Königreiche und ihre Verbündeten hingegen lebten im Überfluss. Dort gab es weite Savannen, riesige Wälder und fruchtbare Ackerböden. Zahlreiche Tiere zogen durch die üppigen Landschaften, die von der Union beherrscht wurden. An Nahrung mangelte es dort nicht. Es wäre ein Leichtes für die Union gewesen, diesen Überfluss mit den Bewohnern des Magistrats zu teilen. Doch sie verweigerten ihre Hilfe. Immer wieder litten große Teile der Bevölkerung des Magistrats unter Hungersnöten.
Die Herrscher mussten also den Krieg befehlen, um das zu bekommen, was die Union nicht freiwillig hergeben wollte.
»Wir wollten diesen Kampf nie.«
Die Bewohner von Tellus und Tirgarneiy, wie die Union die Kontinente nannte, zu verletzen oder gar zu töten lag nie in der Absicht des Magistrats. Aber die Not war groß.
Wie Diebesgesindel mussten sich des Öfteren kleine Gruppen von Kriegern heimlich in die Länder der Union schleichen, um das Lebensnotwendige zu stehlen.
Der König der westlichen Königreiche nahm den Bürgern des Magistrats ihren Stolz und ihre Ehre. All das ging dem Oberbefehlshaber durch den Kopf, während die Kolonne Ruslahr immer näherkam. Sinan Eldar betrachtete Aaghyl nachdenklich; er sah, dass sein Freund grübelte.
»Woran denkst du, Aaghyl?«, unterbrach er das Schweigen.
»Wie wäre unser Leben, wenn dieser unselige Krieg nicht wäre?«
»Ich kann mir ein Leben ohne Kampf nicht vorstellen. Das Leben wäre doch langweilig«, antwortete sein Freund voller Überzeugung.
Aaghyl sah Sinan Eldar an.
»Der Krieg dauert jetzt schon so lange, schon viele Jahrtausende, sodass wir uns ein Leben in Frieden gar nicht vorstellen können.«
»Ach, Aaghyl. Wir wären alle nur fett und träge. Wir würden an Altersschwäche sterben. Ich halte das nicht für erstrebenswert.«
Gegen seinen Willen musste Aaghyl lächeln.
Sein Freund hatte immer eine einfache Sicht auf das Leben. Er war direkt, geradeaus und immer gnadenlos ehrlich. Das schätzte er an ihm.
»Ich stimme dir zu, mein Freund. Aber heute bin ich des ewigen Kampfes ein wenig müde. Ich vermisse Taelga. Ich habe mir oft vorgestellt, wie ein Leben mit ihr hätte aussehen können. Ich träumte davon, mir nach dem Sieg über die Union irgendwo auf Tirgana ein Waldhaus zu bauen und dort mit ihr eine Familie zu gründen«, sagte Aaghyl bedauernd.
»Wir sind für den Frieden nicht geschaffen. Unser Lebenselixier ist die Schlacht. Ich muss aber zugeben, dass ich ab und zu auch davon träume, eine Familie zu gründen.«
»Du, Sinan? Ich sehe ganz neue Seiten an dir. Aber vielleicht hast du recht und wir sind tatsächlich nicht für ein friedliches Leben geschaffen. Die verlorene Schlacht, und vor allen Dingen der Tod Taelgas, stimmen mich ein wenig melancholisch.«
Sie ritten die ganze Nacht und den folgenden Tag durch. Bald war die Silhouette Ruslahrs am Horizont zu erkennen.
Mittlerweile war die Dämmerung angebrochen. Sinan Eldar trieb die Krieger zur Eile an, er wollte die Stadt bis zur Dunkelheit erreichen. Als der Tross am Tor Ruslahrs ankam, wurden in der Stadt gerade die ersten Lichter entzündet.
Der Lord ritt an der Spitze des Trupps in die Stadt ein. Die Wachsoldaten verbeugten sich tief beim Anblick des Oberbefehlshabers. Aaghyl wollte so schnell wie möglich den Hafen erreichen. In hohem Tempo hasteten die Krieger, Untoten und Dämonen durch die Straßen der Stadt. Die Stiefel der Soldaten, die Hufe der Reittiere und die Räder der zahlreichen Wagen erzeugten auf dem Pflaster der Gassen, die zum Hafen führten, einen ohrenbetäubenden Lärm.
Die Bewohner Ruslahrs hatten längst von der Niederlage Aaghyls gehört und mieden es, sich auf den Straßen aufzuhalten. Sie wussten aus bitterer Erfahrung, dass Krieger, die eine Schlacht verloren hatten, dazu neigten, ihre angestaute Wut an Unschuldige auszulassen. Nur vergossenes Blut oder ein Gefühlsweber konnte diesen Zorn besänftigen. Daher versteckten sich die Einwohner der Hafenstadt in ihren Häusern.
»Wäre der Sieg unser gewesen, würden wir jetzt unter Jubelrufen zum Hafen reiten.«
Am Pier wurden Aaghyl und seine Truppe von dem Hafenkommandanten erwartet. Als der Oberbefehlshaber ihn erreichte, beugte der Mensch sein Knie und begrüßte ihn.
»Die Herrscher gestalten den Tag, Erhabener.«
Er erhob sich wieder und blickte ihn an.
»Die schlechten Nachrichten haben sich hier schnell verbreitet«, sagte der Offizier.
Der Hafenkommandant glaubte wohl, Verlierern einer Schlacht nicht mehr den ihnen zustehenden Respekt entgegenbringen zu müssen. Unter anderen Umständen hätte der Oberbefehlshaber den rangniederen Offizier für seine Respektlosigkeit ihm gegenüber umgehend bestraft. Es war nicht üblich, sich ohne Aufforderung zu erheben oder gar zu sprechen.
Doch heute war Aaghyl nicht danach zumute. Er blickte den Kommandanten nur strafend an.
»Ist alles für unsere Abreise vorbereitet?«, fragte er den Menschen streng.
»Ja, Erhabener, die Schiffe sind abfahrbereit«, antwortete der Offizier voller Demut und senkte seinen Kopf.
Der Kommandant wurde sich seiner Respektlosigkeit bewusst und war sichtlich erleichtert, dass er dafür nicht bestraft wurde. Seine Unbedachtheit hätte ihm leicht sein Kommando und seinen Rang kosten können.
Sinan Eldar hatte schon den Befehl gegeben, die verschiedenen Wesen des Trosses auf die vorhandenen Schiffe zu verteilen.
Aaghyl ließ seinen Blick über den Hafen schweifen. An den zahlreichen Landungsstegen lagen die mächtigen Kriegsschiffe, die riesigen Frachtschiffe und die Transportschiffe für die Untoten und Dämonen.
Die Schiffe des Magistrats waren hauptsächlich Galeeren, die auch segeln konnten. Die Rümpfe waren mit Stahlplatten bewehrt, damit sie unbeschadet durch das Eismeer im Norden fahren konnten. An den Rudern saßen Untote und Ruderdämonen. Ganz selten gab es auch mal lebende Gefangene an den schweren Rudern.
Der Oberbefehlshaber beobachtete das Einschiffen seiner Truppe. Die Untoten und Dämonen, die nicht zum Rudern benötigt wurden, betraten ihre Transportschiffe. Unter Deck dieser Schiffe gab es zahlreiche, kleine Kammern, in denen diese Wesen untergebracht waren und durch die Schiffsmagier kontrolliert wurden.
Die Ruderer setzten sich an ihre Plätze und warteten auf die Weisungen ihrer Rudermagier. Jedes Schiff des Magistrats besaß eigene Zauberer, die für die verschiedensten Funktionen an Bord notwendig waren. Es gab Magier, die für die Ruderdämonen und Ruderuntoten zuständig waren, solche für das Be- und Entladen und andere, die für die Navigation erforderlich waren. Dort, wo die Frachter lagen, begannen die Zauberer gerade damit, die vielen Wagen und Tiere an Bord zu bringen. Nur durch Magie bewegt, schwebte die Fracht an Deck der Schiffe, wo sie von anderen Magiern und Deckdämonen in die Frachträume verbracht wurde.
Für Aaghyl wurde es Zeit, an Bord seines Schiffes zu gehen.
Er ließ seinen Reitdämonen mit einem Zauber verschwinden. Schon vor Jahren hatte er sich dieses Wesen mithilfe eines Protektors erschaffen, der wie ein Pferd aussah, aber dennoch aus reiner magischer Materie bestand. Die Erschaffung von Dämonen und Untoten hatte im Magistrat lange Tradition. Die Bevölkerung des Magistrats bestand nur aus wenigen hunderttausend Wesen. Tiere, insbesondere zum Reiten geeignete, gab es kaum. Also wurden Dämonen in allen Formen und für nahezu jeden denkbaren Zweck aus magischer Materie erschaffen. Wesen, die gestorben waren, wurden mittels Magie wieder zum Leben erweckt. Nur Leben konnte man das nicht mehr nennen. Untote und Dämonen hatten keine Seele und keinen eigenen Willen.
Die einfachen Soldaten in den Armeen des Magistrats waren ausschließlich Untote und Dämonen. Ihre Unterführer waren dagegen lebende Wesen. Sie alle mussten die Magie beherrschen, die zur Kontrolle der Untoten und Dämonen nötig war.
Aaghyl sah zwar die Notwendigkeit für die Existenz dieser Wesen ohne Seelen ein, aber er mochte sie nicht. Es gab sogar Kriegerinnen und Krieger, die sich Untote für ihr körperliches Vergnügen hielten. Bei dem Gedanken daran schüttelte er sich.
»Untote und Dämonen hätten wir nicht nötig, wenn die Union uns helfen und mit uns teilen würde«, dachte der Oberbefehlshaber verbittert.
Er ging zu Fuß zu dem Pier, an dem sein Schiff lag.
Die Protektor von Muantur, so hieß Aaghyls Schiff, war die größte Kriegsgaleere, die in Ruslahr lag. Der Viermaster besaß drei Ruderdecks. Auf jeder Seite bewegten einhundertfünfzig Ruder das Schiff. Die Protektor war das schnellste Kriegsschiff des Magistrats.
Als der Oberbefehlshaber das Deck betrat, wurde er von der Kapitänin des Schiffs begrüßt. Die Kommandantin, eine Steinelfe mit dem Namen Yyehal, kniete vor ihm.
»Die Herrscher gestalten den Tag. Sei willkommen an Bord, Erhabener.«
Aaghyl erwiderte die Begrüßung und erlaubte der Elfe sich zu erheben.
»Ich habe die schlechten Nachrichten vernommen. Ich bedaure deinen großen Verlust.«
Yyehal wusste von der besonderen Beziehung Aaghyls zu Taelga. Sie wusste auch, dass die Sanguenritterin dem Oberbefehlshaber freundschaftlich verbunden gewesen war.
»Ich danke dir für deine Worte, Yyehal. Ich möchte mich jetzt in meine Kabine zurückziehen. Wann legen wir ab?«
»In weniger als eine Stunde ist alles verladen.«
Ohne ein weiteres Wort ging Aaghyl unter Deck. Seine Kabine bestand aus mehreren Räumen: einem Arbeitsraum, einem Wohnraum, dem Schlafraum und einem großzügigen Bad mit einer großen, runden Wanne.
Für die Sanguenritter war solcher Luxus nicht üblich, doch Oberbefehlshaber zu sein, hatte auch seine Vorzüge.
Die Flotte würde in Kürze ablegen und in Richtung Tirgana in See stechen. Aaghyl hatte Befehl, sich in der Hauptstadt des Magistrats, in Muantur, zu melden.
»Was erwartet mich? Werde ich künftig als Untoter mein Dasein fristen müssen?«, fragte er sich voller Sorge.