Kapitel 5 Gespräche

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 5  Gespräche

Ta´elga - Das Refugium

»Als ich Ta´elga das erste Mal sah, verspürte ich sofort eine tiefe Verbundenheit zu ihr.«

(Se´lira, Assistentin des Buchmeisters.)

 

Mog´il erhob sich von seinem Platz. Der alte Elf war größer, als Ta´elga vermutet hatte. Der Buchmeister überragte sie um eine Kopfeslänge und wirkte trotz seines hohen Alters keineswegs gebrechlich.

»Komm, Ta´elga, wir ziehen uns in meine Privaträume zurück. Dort können wir es uns bei einer Tasse Früchtetee gemütlich machen und ich kann dir etwas aus der Vergangenheit unserer Welt erzählen. Vielleicht kommen deine Erinnerungen dann wieder.«

Sie verließen Mog´ils Schreibstube und gingen mehrere Rampen und Gänge entlang, bis sie die Wohnung des alten Elfenmannes erreichten. Als die Kriegerin durch die Tür trat, war sie überrascht.

Sie stand auf einer Terrasse, die zu einem mächtigen Wohnbaum gehörte. Die Elfe sah, dass der Buchmeister und sie sich weit über dem Waldboden befanden. So weit das Auge reichte, sah sie nur Wald unter einem strahlend blauen, wolkenlosen Himmel. Hoch im Süden schien die Sonne auf sie herab. Weit und breit war von der Tempelstadt nichts zu sehen.

Ta´elga drehte sich zur Eingangstür um. Dahinter konnte sie die Empore und einen Teil der Statue Wilneahs sehen. Fragend sah sie den Buchmeister an.

»Wie ist das möglich? Wir sind doch immer noch in der Bibliothek.«

»Natürlich. Glaubst du nicht, dass ich in den fast eintausendsiebenhundert Jahren meines Lebens den einen oder anderen Zauber erlernt habe?«

Mog´il war sichtlich über ihr Staunen amüsiert.

»Ich habe mir hier im Tempel der Schriften so eine Art Refugium geschaffen. Das ist der Wohnbaum, in dem ich meine Kindheit verbracht habe.«

Sie verließen die Terrasse des Wohnbaums über eine aufwärtsführende Rampe. Ta´elga drehte sich noch einmal um, doch die Tür zum Tempel war verschwunden. Mog´il und sie betraten das Innere des Baumes. Sie standen in einem großen, runden Raum. Gegenüber dem Eingang sah die Ritterin eine weitere Rampe, die nach oben führte. Ringsum an den gelben Wänden befanden sich einladend aussehende Sitzgelegenheiten. In regelmäßigen Abständen standen kleine Tische davor. Bücher oder Schriftrollen konnte sie hier nicht entdecken. Eine Elfenfrau kam die Rampe herunter. Sie schien älter als Ta´elga, aber deutlich jünger als der Buchmeister zu sein.

»Das ist Ta´elga. Sie ist für eine Weile unser Gast. Ta´elga, darf ich dir Se´lira vorstellen? Sie ist mein guter Geist. Ein Mann in meinem Alter braucht hin und wieder ein wenig Hilfe.«

»Ein wenig?«, fragte Se´lira schmunzelnd.

Se´lira lachte und wandte sich dann der Kriegerin zu.

»Herzlich willkommen im Refugium des Buchmeisters, Ta´elga.«

»Danke, Se´lira.«

Ta´elga verbeugte sich leicht in Richtung der Waldelfenfrau.

Se´lira war eine wunderschöne Elfenfrau. Sie war hochgewachsen und schlank und hatte eine blasslila Haut. Ihre Haare leuchteten in hellem Grün und waren zu einem Zopf geflochten. Unter ihrer zartgrünen, bis zu den Waden reichenden Robe zeichnete sich ein mittelgroßer Busen ab. Im Gesicht trug sie kunstvolle violette Tätowierungen, die unter beiden Augen begannen und sich bis zu den Mundwinkeln fortsetzten. Alles in allem war Se´lira eine außergewöhnliche Erscheinung. Sie gefiel Ta´elga außerordentlich gut.

»Se´lira, sei so nett und bringe uns Früchtetee. Ta´elga und ich haben eine Menge zu besprechen. Nimm Platz, Ta´elga, und mach es dir bequem.«

Mog´il zeigte auf die Sitzgelegenheiten an den Wänden.

Die junge Elfenfrau setzte sich auf einen großen, weichen Sessel, der genau gegenüber dem Eingang stand. So konnte sie einen Teil des Waldes sehen, über dem gerade die Mittagssonne stand. Der Buchmeister rückte einen Sessel so zurecht, dass er ihr schräg gegenübersaß. So konnte er sie ansehen, ohne ihr die Aussicht nach draußen zu verdecken.

Inzwischen brachte Se´lira den Tee und etwas Gebäck. Sie besprach mit dem alten Elfen noch ein paar Dinge, die den Haushalt des Buchmeisters betrafen, und zog sich dann zurück. Ta´elga schenkte Mog´il und sich Früchtetee ein. Ein herrlicher Duft breitete sich im Raum aus. Sie nahm ihre Tasse in beide Hände und machte es sich in dem Sessel bequem.

 

 

Ta´elga - Wie entstand unsere Welt?

»Obwohl ich nur wenige Geheimnisse der Ganlies aufdecken konnte, möchte ich meine nun schon Jahrhunderte andauernde Erforschung des Urvolkes nicht als Verschwendung bezeichnen. Jede Erkenntnis, die uns zuteilwird, und sei sie noch so gering, erweitert letztlich unseren Intellekt.«

(Mog´il, Buchmeister von Lad´rhor.)

 

»Tja, Ta´elga, wo soll ich beginnen? Es ist am besten, wenn ich dir von der Entstehung unserer Welt, so wie wir sie heute kennen, erzähle.«

Der Buchmeister begann zu erzählen.

»Einst gab es nur einen großen Kontinent. Ganlier war sein Name. Das Land im Norden, Tellus, Tirgarneiy und Ladimgar existierten noch nicht. Viel wissen wir nicht über Ganlier. Es gibt nur wenige Schriftstücke aus dieser Zeit.

Auf der Welt Ganlier gab es nur ein Volk. Es wird als das Urvolk angesehen, aus dem sich die Elfen und die Menschen entwickelt haben. Sie selbst nannten sich Ganlies. Über ihr Aussehen ist wenig bekannt, aber sie müssen uns Elfen und den Menschen sehr ähnlich gewesen sein.«

»Warum das?«, unterbrach Ta´elga Mog´il.

»Nun ja, die Ganlies haben einige Bauwerke zurückgelassen. Unter anderem Lad´rhor und Burg Zephyrus. Da die Menschen und wir Elfen die Gebäude der Ganlies, ganz gleich wo sie heute zu finden sind, ohne Schwierigkeiten nutzen können, müssen sie die gleichen körperlichen Merkmale gehabt haben.«

»Ich verstehe«, nickte sie.

»Die Ganlies siedelten sich überall in Ganlier an. Ob im Süden, Norden, Osten oder Westen – überall kann man heute noch ihre Spuren finden.

Irgendwann, vor Millionen von Jahren, ereignete sich eine große Katastrophe. Wir wissen nicht genau, was es war, aber alles muss in der Mitte von Ganlier seinen Ursprung gehabt haben. Aus den Tiefen der Welt ist etwas aufgestiegen, etwas Böses, etwas Mächtiges.

Die Welt Ganlier zerbrach, und das Nordland, die Kontinente Tellus und Tirgarneiy sowie die Insel Ladimgar entstanden.

Wo damals die Mitte der Welt Ganlier war, befindet sich heute das Versteckte Meer. Der undurchdringliche Nebel, der ständig über dem Wasser liegt, hat aller Wahrscheinlichkeit nach seinen Ursprung am Ausgangspunkt der damaligen Katastrophe. Wir wissen heute immer noch nicht, wo genau dieser Punkt liegt. Alle Versuche, dorthin zu gelangen, sind bislang gescheitert. Schiffe, die ausgeschickt wurden, um den Nebel zu erkunden, kehrten nie zurück.«

Der Buchmeister hielt einen Moment inne und nahm sich etwas von Se´liras Gebäck. Ta´elga schenkte sich Früchtetee nach.

»Meinst du mit dem Nordland den Teil unserer Welt, den die Forscher der Union Eisland nennen?«

»Du kennst Eisland? Warst du schon einmal dort?«, fragte Mog´il überrascht.

»Nein. Ein Seemann erzählte mir davon.«

Der Buchmeister ging darauf nicht weiter ein. Die Ritterin wollte, dass er mit seiner Erzählung fortfuhr, und war gespannt, wie es weiterging.

»Was aus den Ganlies nach der Katastrophe geworden ist, wissen wir nicht. Ihre Zivilisation ist untergegangen. Aus den Nachkommen dieses uralten Volkes sind die Elfen in Tirgarneiy und die Menschen in Tellus entstanden.

Elfen und Menschen haben jedoch unterschiedliche Entwicklungen genommen. Die Elfen haben schon sehr früh eine fortschrittliche Entwicklungsstufe erreicht. Es dauerte noch Tausende von Jahren, bis auch bei den Menschen so etwas wie eine Zivilisation erkennbar wurde.

»Auf dem Kontinent Tellus ist aber noch ein anderes Volk aufgetaucht: die Cwoks. Du weißt, Ta´elga, dass dieses Volk sich dem Bösen verschrieben hat. Ein Seitenzweig der Cwoks ist das Volk der Zwerge.

Die Zwerge haben sich mehrheitlich der Sache der Union angeschlossen. Sie sind treue Bündnispartner. Woher die Cwoks kommen, wissen wir nicht. Fest steht, dass die Ganlies nicht ihre Vorfahren sind. Wir vermuten, dass sie mit dem Bösen, das die Katastrophe verursacht hat, in Zusammenhang stehen.«

Der alte Elf machte eine kurze Pause.

»Ja, die Cwoks sind mir natürlich bekannt. Mit einigen von ihnen bin ich für den Magistrat in den Kampf gezogen.«

Nur zu gut erinnerte sie sich an die Schlachten.

»Ich möchte auch nicht weiter auf die Entwicklung der Menschen und der anderen Völker eingehen«, fuhr Mog´il fort.

»Wo genau unser Ursprung auf diesem Kontinent liegt, ist immer noch umstritten. Unser Volk hat sich über ganz Tirgarneiy ausgebreitet. Sehr schnell entwickelten wir eine Zivilisation, in der Kunst und Wissenschaft auf fruchtbaren Boden fielen. Das wäre ohne unsere Magie niemals in so kurzer Zeit möglich gewesen. Irgendwann trennten sich die in den Wüsten lebenden Elfen von den übrigen Elfen. Fortan stellten sie ihre Magie in den Dienst der Herrscher des Magistrats.«

»Ja, ich weiß. Das Volk der Steinelfen hilft den Herrschern bei ihrem Kampf. Erst ihre magischen Fähigkeiten geben ihnen ihre Macht«, unterbrach Ta´elga den Buchmeister und dachte dabei an ihre eigene Rolle als Sanguenritterin.

»Das ist wahr, Ta´elga. Die Forscher glauben heute, dass uns die Fähigkeit zur Magie von den Ganlies hinterlassen wurde, denn auch die Menschen besitzen magische Kräfte. Aber im Gegensatz zu den Elfen, die alle die Magie beherrschen, tritt sie bei den Menschen nur vereinzelt auf. Bei uns Elfen ist es so, dass wir jeden nur erdenklichen Zauber erlernen können. Das kennst du von dir selbst, auch du beherrschst mächtige Zauber. Der Magistrat hat sich die Fähigkeit der Elfen zunutze gemacht und dich Magie gelehrt, die es bei uns eigentlich nicht gibt.«

»Ja, ich weiß das. Ich habe viele Feinde mit meinen Zaubern getötet. Wirklich schlimme Sachen. Daran erinnere ich mich nur zu gut.«

 

»Die Beherrschung von Magie kommt auch bei den anderen Völkern vor. Aber eine Fähigkeit gibt es nur bei uns Elfen. Sie ist einzigartig. Es gibt keine Hinweise darauf, dass es diese Fähigkeit auch bei anderen Völkern gibt.«

Mog´il sah sich um, als befürchte er heimliche Lauscher. Dann flüsterte er geheimnisvoll:

»Ich meine den Aufstieg.«

Unwillkürlich flüsterte Ta´elga auch.

»Was bedeutet das, der Aufstieg?«

In normaler Lautstärke antwortete der alte Mann:

»Wir Elfen besitzen nicht nur ein sehr langes Leben, wir sterben auch nicht.«

Die junge Elfe konnte sich nicht vorstellen, wie Mog´il das meinte. Sie hatte Waldelfen und Steinelfen sterben sehen.

»Alle Wesen müssen irgendwann sterben. Mir ist der Tod schon viele Male begegnet.«

»Der Tod hat für uns eine andere Bedeutung als für die anderen Völker. Beispielsweise glauben die Menschen an ihre unsterbliche Seele. Das ist aber nur im spirituellen Sinn gemeint. Wenn unsere Körper sterben, begeben sich unsere Bewusstseine auf eine andere Existenzebene. Das ist eine bewiesene Tatsache«, erläuterte Mog´il.

»Das verstehe ich nicht.«

»Ta´elga, ich erzähle dir jetzt vom größten Geheimnis unseres Volkes.«

Der Buchmeister sah sie bedeutungsvoll an.

Gerade als der alte Elfenmann ansetzte, um ihr das bedeutendste Geheimnis mitzuteilen, betrat Se´lira den Raum.

»Verzeih, Mog´il, in deiner Schreibstube ist jemand, der dich dringend sprechen möchte.«

»Konntest du ihn nicht vertrösten?«, fragte er etwas ungehalten.

»Nein, der Besucher besteht darauf, dass du ihn sofort empfängst.«

»Einen Augenblick, Ta´elga, ich bin gleich zurück. Es dauert nicht lange. Se´lira wird dir so lange Gesellschaft leisten.«

 

Se´lira brachte frischen Früchtetee und Gebäck und setzte sich auf den Platz des Buchmeisters. Eine Weile saß sie Ta´elga schweigend gegenüber. Diese Stille war beinahe unangenehm. Se´lira betrachtete die junge Elfe lange.

»So, du bist also die Elfe, die vom Magistrat entführt worden ist und als Sanguenritterin gegen uns gekämpft hat?«

An Se´liras sanfter Stimme hörte die Ritterin Mitgefühl.

»Ja, das stimmt«, antwortete sie. Ein Anflug von Stolz schwang in ihrer Stimme mit.

»Und du kannst dich wirklich nicht an dein Leben vorher erinnern?«

»Nein, ich wünschte, ich könnte es.«

»Dann weißt du nichts über das Leben bei den Waldelfen. Ich hoffe, deine Erinnerung kommt bald wieder.«

In Se´liras Blick lag ehrliches Mitgefühl.

»Bist du schon lange in Mog´ils Diensten?«

»Oh ja, seit weit über hundert Jahren bin ich für den Buchmeister tätig. Ich kümmere mich um ihn und unterstütze ihn auch bei seiner Arbeit. Ich bin so etwas wie seine Haushälterin und Assistentin.«

Se´lira lächelte sanft.

»Ich bin gleich nach meiner Ausbildung zur Heilerin hierher nach Lad´rhor gekommen. Ich habe viele Jahre im Tempel des Wissens verbracht und mich dort auch in vielen anderen Wissenschaften unterrichten lassen. Nach einer seiner Vorlesungen sprach er mich an und fragte, ob ich für ihn arbeiten möchte. Seitdem stehe ich in seinen Diensten.«

»Aus welchem Teil des Elfenreiches kommst du?«

»Ich bin im Norden des Waldelfenreichs in einem kleinen Wohnbaum aufgewachsen. Außer dem Baum und einem Sternenbrunnen gab es dort nichts. Bis zur Grenze zum Magistrat war es nicht weit. Eines Tages, ich hatte gerade meine Reife erreicht, wurden wir von Truppen des Magistrats überfallen. Die Cwoks wüteten fürchterlich. Viele von uns verloren ihr Leben, die meisten konnten aber fliehen. Wir Überlebenden siedelten uns dann etwas weiter südlich in einer Stadt namens Miad´rhor an.«

Ta´elga sah die Assistentin des Buchmeisters traurig an.

»An solchen Überfällen habe ich auch teilgenommen. Das Schlimmste daran ist, dass ich Gefallen daran hatte, zu töten«, gestand sie.

»Ich verstehe«, sagte Se´lira nur.

»Nein, du verstehst nicht. Ich fühle mich immer noch als Steinelfe, obwohl ich mittlerweile voller Zweifel bin. Die Herrscher haben mich zu einer Sanguenritterin gemacht. Die Gier nach Blut und Kampf tobt immer noch in mir. Ich fühlte in den Schlachten, in denen ich zahlreiche Feinde getötet habe, so etwas wie große Befriedigung. Ich wollte immer nur den Herrschern dienen, um deren Wohlgefallen zu erlangen. Sogar jetzt möchte ich ihnen immer noch gefallen. Ich bin verwirrt und ein wenig traurig. Einerseits möchte ich ja glauben, dass ich eine Waldelfe bin, andererseits möchte ich auch die furchtlose Sanguenritterin sein. Ich weiß nicht, wer oder was ich jetzt bin, Se´lira. Das macht mich traurig.«

Se´lira setzte sich neben sie. Sie nahm Ta´elga in den Arm und versuchte sie zu trösten.

»Verzeih, Ta´elga, das habe ich nicht beabsichtigt. Ich möchte dich nicht traurig sehen.«

Bei diesen Worten strich sie Ta´elga mit einer Hand über ihre Wangen. Sie drückte die junge Elfe fest an sich. Sie spürte die Wärme, die von Se´lira ausging, und umarmte auch sie. Sie verspürte ein unbekanntes Verlangen. Fast so wie nach einem Mann, aber doch irgendwie anders, intensiver. So verharrten die beiden Frauen eine ganze Weile. Ta´elga wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie sich aus ihrer Umarmung lösten. Sie wusste nur, dass sie sich in Se´liras Armen sehr wohl gefühlt hatte.

»Wenn du magst, dann bereite ich dir hier ein Schlafgemach vor«, bot ihr Mog´ils Assistentin an.

Sie stimmte zu. Der Gedanke, in ihrer Nähe zu bleiben, erfüllte sie mit Freude.

»Nach dem Abendessen können wir noch etwas Zeit auf der Terrasse verbringen und uns den Sonnenuntergang ansehen.«

Se´lira lächelte verträumt.

»Die Abende hier sind sehr lau. Dafür hat Mog´il gesorgt.«

»Wann kommt der Buchmeister zurück?«

»Ich glaube nicht, dass er bald kommt. Ich kenne Mog´il nur zu gut. Ich werde dich jetzt eine Weile allein lassen. Ich muss noch einiges für den Abend vorbereiten. Ich werde mich aber beeilen.«

Se´lira verließ den Raum mit einem vielsagenden Lächeln.

 

Ta´elga goss sich noch etwas von dem köstlichen Früchtetee ein und lehnte sich zurück. Sie war froh, einen Moment allein zu sein, denn sie musste nachdenken. Als Se´lira sie so innig umarmt hatte, war eine Erinnerung in ihr aufgestiegen. Nun versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen.

Sie hatte eine Zeremonie gesehen, die schon lange zurücklag. Schwach konnte sie sich an ein gleichzeitiges Zusammensein mit einer Elfenfrau und einem Elfenmann erinnern. Diese Erinnerung war mit starken Gefühlen verbunden, mit Verlangen und Erfüllung. Sie war noch immer überwältigt von diesen Emotionen, wobei sie nicht ganz klar zwischen dem Verlangen, das sie bei Se´liras Umarmung verspürt hatte, und den Gefühlen aus der Erinnerung unterscheiden konnte. Sie war verwirrt.

»Ich werde Se´lira fragen.«

Bei dem Gedanken an die Elfenfrau wurde ihr ganz warm ums Herz.

»Habe ich mich etwa verliebt? Ich werde das heute noch herausfinden.«

 

Die Kriegerin dachte über das bisher Erlebte nach. Noch hatte sie nur wenig über ihr vergessenes Leben erfahren. Einige Erinnerungen waren zwar in ihren Geist zurückgekehrt, doch sie reichten noch lange nicht aus, um ein Bild von Ta´elga, der Waldelfe, zu zeichnen. Ihr Denken war weiterhin vor allem von Erinnerungen an Ta´elga, die Sanguenritterin, erfüllt. Mog´il hatte zwar ihre Neugier geweckt, doch sie wusste nicht, wo sie weitersuchen sollte.

Sie musste einfach noch abwarten. Der Buchmeister würde ihr sicher weiterhelfen. Vielleicht konnten ihr auch die Göttinnen irgendwie helfen. Ahlunah, die Sternengöttin, kannte sie nur aus einem alten Buch und aus einer undeutlichen Erinnerung, die sie jedoch keinem realen Erlebnis zuordnen konnte. Die anderen Göttinnen waren ihr völlig unbekannt. Auch war ihr nicht klar, wie die Elfen mit ihnen umgingen.

Im Magistrat gab es keine Götter, keine Religion, keinen Glauben, nichts dergleichen. Dort gab es nur die Lehre der Herrscher. Ta´elga konnte noch immer nicht glauben, dass die Göttinnen real existierten, mit den Elfen lebten und sogar mit ihnen sprachen.

 

Die Sonne stand mittlerweile tief über den Baumwipfeln im Westen, als Se´lira den Raum wieder betrat. Ta´elga hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war.

»Mog´il lässt sich entschuldigen. Der Besucher wird noch eine Weile beim Buchmeister sein. Er glaubt nicht, dass er heute noch Zeit für dich findet.«

Einerseits war sie enttäuscht, dass Mog´il heute nicht mehr mit ihr sprechen würde, andererseits freute sie sich darüber. Nun blieb ihr mehr Zeit mit der schönen Elfenfrau.

»Komm, Ta´elga, ich habe auf der Terrasse schon einiges für uns vorbereitet.«

Sie folgte Se´lira nach draußen. Auf der Terrasse standen zwei große, bequem aussehende Liegen. Zwischen ihnen befand sich ein Tisch, auf dem Ta´elga Brot, Früchte, Fleisch und einige Getränke sah. Es war angenehm warm, und ein leichter Windzug trug würzige Waldluft auf die Terrasse. Die Ritterin atmete tief ein.

»Ja, an diesen Duft kann ich mich erinnern. So riecht es nur zu Hause, in der Heimat der Waldelfen.«

Sie setzte sich auf einen der Liegesessel und betrachtete die Speisen und Getränke auf dem Tisch.

Ta´elga erkannte sie alle. Sie sah rote Waldmelonen, gelbe Laubbeeren, blaue Flusskirschen, violette Baumgurken, zartes weißes Eulenfleisch und sogar eine Schüssel mit dampfenden Grünwurzeln. Se´lira hatte mehrere Krüge mit Fruchtsäften auf den Tisch gestellt. Das waren alles Dinge, die es nur im Elfenreich gab und die auch nur von Elfen verzehrt wurden. Es hieß, dass diese Speisen und Getränke für andere Völker nicht sehr bekömmlich waren.

»Bediene dich«, bat Se´lira. »Ich habe für später noch eine Flasche Elfenwein warm gestellt«, kündigte sie an.

Elfenwein. Eine weitere Erinnerung blitzte auf.

Dieser wurde aus Seeblütenbeeren hergestellt, die nur einmal jährlich im ersten Mondschein geerntet werden konnten. Seeblütenbeeren waren sehr selten, der Wein aus ihnen schmeckte etwas süßlich und war sehr stark. Elfenwein entwickelte nur dann seine volle Wirkung, wenn man ihn erwärmte.

Sie aß etwas Brot und dazu Eulenfleisch, danach etwas Waldmelone. Dann nahm sie ein Glas Fahrnapfelsaft. Ta´elga mochte den etwas herben Geschmack dieser Frucht. Sie machte es sich auf der Liege bequem und lehnte sich zurück. Die Sonne verschwand gerade hinter dem Wald und sandte ihre letzten wärmenden Strahlen aus. Se´lira stellte den Tisch zur Seite und rückte ihre Liege näher an Ta´elgas heran. So konnten sie nebeneinander, halb liegend und halb sitzend, den Sonnenuntergang betrachten.

 

Eine Weile lagen sie schweigend nebeneinander.

Ta´elga entspannte sich. Sie schaute den Vögeln nach, die vereinzelt noch in der heraufkommenden Dämmerung über dem Wald zu sehen waren. Es war ein schöner, lauer Abend.

Die junge Elfenfrau genoss Se´liras Nähe; sie fühlte sich sehr wohl. Bald unterbrach die Ritterin das stille Beisammensein.

»Se´lira, darf ich dich etwas fragen?«

»Was immer du magst, Ta´elga.«

»Als wir uns heute Nachmittag umarmten, hatte ich eine Erinnerung. Ich erinnerte mich an eine Zeremonie. Es waren eigentlich nur Gefühle, an die ich mich erinnerte. Ich kann mich an ein Elfenpaar erinnern, das diese Gefühle in mir auslöste.«

»Das war wahrscheinlich deine Reifezeremonie.«

»Was passiert bei einer Reifezeremonie?«

»Ich weiß, dass die jungen Steinelfen auch die Reifezeremonie durchlaufen müssen. Hast du im Reich des Magistrats nie eine miterlebt?«

»Nein, Se´lira. Ich war nur dem Kampf verschrieben. Dort wo ich war, gab es keine Steinelfenkinder.«

Mog´ils Assistentin nahm einen Schluck von ihrem Lieblingsfruchtsaft und sah der ehemaligen Sanguenritterin in die Augen.

»Für uns Elfen ist die Reifezeremonie der Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein. Ein Jahr, bevor die Zeremonie stattfindet, beginnt die Vorbereitung darauf. Wir erlernen die Magie, die zu ihrer Durchführung unbedingt notwendig ist. Nur wer sie beherrscht, erlangt die Reife. Und wir erwählen unsere Paten. Ein Elfenjunge erwählt zwei Elfenfrauen, ein Elfenmädchen wählt eine Elfenfrau und einen Elfenmann. Die Magie kann nur in der Dreieinigkeit wirken.«

»Dreieinigkeit?«

»Was weißt du über die Vermehrung der Elfen?«

»Eigentlich nichts, aber ich kenne das Vergnügen sexueller Betätigung«, sagte Ta´elga schmunzelnd.

»Das glaube ich dir gerne«, erwiderte Se´lira sehnsüchtig.

Begierde flammte in ihren Augen auf. 

»Bei uns Elfenfrauen ist es so, dass wir sexuelle Befriedigung mit Männern und Frauen erreichen können. Aus welchem Volk die Männer sind, spielt dabei keine Rolle.«

»Ja, das stimmt. Die Erfahrung habe ich auch gemacht.«

Sie dachte an Sheij´an und Larson zurück.

»Mit Männern ist es eine rein körperliche Befriedigung. Mit Elfenfrauen gibt es nicht nur die körperliche Betätigung, sondern vielmehr ist es eine Begegnung auf geistiger Ebene, bei der Magie im Spiel ist. Frauen anderer Völker besitzen diese Magie nicht. In der Regel ist es so, dass wir Elfenfrauen die Frauen aus anderen Völkern nicht anziehend finden.«

Die Ritterin wusste sofort, dass Se´lira recht hatte. Wenn sie sich recht erinnerte, fand sie immer nur die Elfenfrauen, denen sie begegnete, attraktiv. Für die Frauen aus anderen Völkern interessierte sie sich nie. 

»Nachwuchs können wir nur in der Dreieinigkeit zeugen. Bei uns Elfen entsteht neues Leben nur, wenn ein Mann und zwei Elfenfrauen sich vereinigen.«

»Ich war mit einem Menschenmann zusammen. Ich hätte dabei nicht schwanger werden können?«

»Niemals, wie gesagt, es hätte einer zweiten Elfenfrau bedurft.«

»Dann ist die Zeugung mit einem Mann aus einem anderen Volk möglich?«

»Ja. Es ist auch nur dann möglich, wenn der Mann aus einem anderen Volk über magische Fähigkeiten verfügt und auch die spezielle Magie beherrscht, die wir Elfen dafür erlernen müssen.«

Ja, das war richtig. Jetzt fiel es Ta´elga wieder ein. Sie erinnerte sich, dass sie schon einen Abkömmling hatte. Sie erzählte Se´lira, dass sie mit ihren Paten, Vy´dega und Burh´an, bei ihrer Zeremonie ein Kind gezeugt hatte. Vy´dega war damals schwanger geworden. Sie hatte ihr Patenkind aber niemals kennengelernt. 

Spontan nahm Se´lira die Hand der jungen Elfe.

»Ich freue mich für dich. Gleichzeitig betrübt es mich, dass du dein Kind nie gesehen hast.«

»Du musst nicht traurig sein. Eines Tages werde ich alle wiedersehen. Da bin ich sicher.«

»Weißt du, wo sie sind?«

»Nein. Ich erinnere mich aber schwach an einen Ort. Blätterdachtal heißt er.«

»Stammst du von dort?«

»Ich glaube ja, einige Erinnerungen sind wieder da«, antwortete Ta´elga unsicher.

Schon sehr früh hatte sie sich gewünscht, dass Vy´dega und Burh´an ihre Paten würden.

 

Elfenkinder lebten nicht ausschließlich bei ihren drei Eltern. Die Bewohner eines Wohnbaums oder Elfendorfs bildeten so etwas wie einen Familienverband, in dem sich alle gleichermaßen um den Nachwuchs kümmerten.

Ta´elga konnte sich nun auch an den Wohnbaum im Blätterdachtal erinnern, in dem sie aufgewachsen war. Es war ein alter, großer Baum.

Nun erinnerte sie sich auch wieder deutlich an ihre Reifezeremonie. Damals war sie achtzig Jahre alt. Das Jahr davor war ausgefüllt gewesen mit Lernen und Üben. Sie hatte alles über die Geschichte ihres Volkes, über die Biologie der Elfen und über die Magie der Reife erfahren.

Die Elfen besaßen ein sehr langes Leben. Im Durchschnitt konnten sie eintausenddreihundert Jahre alt werden. Mit diesem langen Leben ging jedoch eine geringe Fruchtbarkeit des Volkes einher. Nur wenige Elfenkinder erblickten das Licht der Welt. Über mehrere Jahrzehnte hinweg waren es stets nur eine Handvoll Kinder. Die Reifezeremonie erfüllte zwei Zwecke: Zum einen erlangte ein Elfenkind seine Reife, zum anderen bestand die Möglichkeit, dass die Elfenfrau, die ihre Reife schon lange zuvor erlangt hatte und als Patin gewählt worden war, schwanger wurde.

Die Zeremonie, bei der die körperliche und geistige Verschmelzung mittels der speziellen Magie stattfand, konnte man nicht mit Worten beschreiben. Ta´elga wusste nur, dass sie so intensive Emotionen nie wieder verspürt hatte. Das Erlebnis der Dreieinigkeit war einzigartig. Eine Elfenfrau oder ein Elfenmann erfuhr dieses Erlebnis bei der eigenen Reifezeremonie oder bei der Zeugung eines Kindes.

 

»Bei meiner Zeremonie ist es nicht zur Schwangerschaft gekommen. Ich möchte bald Mutter werden. Ich bin jetzt dreiundertzweiundvierzig, da wird es langsam Zeit«, sagte Se´lira betrübt.

»Bist du denn liiert?«

»Ja, schon sehr lange. Dar´al ist sein Name, auch er verspürt den Wunsch nach Nachwuchs.«

»Ich wünsche dir dafür alles Glück dieser Welt.«

Se´lira strich mit ihrer Hand zärtlich über Ta´elgas Wange.

»Danke, Ta´elga. Warst du im Magistrat mit jemandem zusammen?«

Die Waldelfe überlegte einen Moment lang.

»Es gab da einen Steinelfen, ebenfalls ein Sanguenritter und mein Lehrer. Aaghyl hieß er, und ich hatte schon lange das Gefühl, dass da mehr war als nur eine Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin. Wir wurden Freunde, und eines Tages wusste ich, dass er mir mehr bedeutete als nur ein Freund. Ich hatte mich verliebt.«

»Fühlte er genauso?«

»Ich bin mir sicher, dass es so war. Aber im Magistrat ist es sehr schwierig, seine Gefühle zu zeigen. Von den Rittern und Führern wird verlangt, keine Gefühle zu besitzen. Wahrscheinlich fühlten wir beide unsere gegenseitige Zuneigung. Zu mehr kam es aber nicht.«

»Wie fühlst du jetzt?«

»Ich weiß es nicht. Ich weiß nichts von meiner Herkunft und glaubte, für mich gibt es nur ein Leben als Sanguenritterin. Nun ist alles anders. Ich weiß nicht, ob meine Gefühle für Aaghyl echt waren. Wahrscheinlich werde ich es auch nie herausfinden. Ich will es auch nicht mehr. Im Moment kann ich meine Gefühle nicht einordnen.«

Ta´elga seufzte.

»Dann lass uns jetzt den Abend genießen. Wie wäre es jetzt mit dem Elfenwein?«, schlug Se´lira vor.

»Nur zu gerne.«

 

Se´lira verließ die Terrasse, um den Wein zu holen. Es war bereits dunkel. Zahlreiche Sterne funkelten am wolkenlosen Himmel. Noch immer war es angenehm warm. In der Dunkelheit konnte Ta´elga zwischen den Bäumen einige Glühwürmchen tanzen sehen. Es war seit langer Zeit ein sehr schöner Abend für sie. Alles schien so friedlich, so ruhig. Sie hoffte, dass auch die Nacht schön werden würde. Se´lira war ihr mehr als nur sympathisch, das spürte sie genau. Sie war sicher, dass dies auf Gegenseitigkeit beruhte.

Mog´ils Assistentin kam mit einem Steinkrug zurück. Sie stellte den Krug auf die mitgebrachte, noch heiße Platte. Sie schüttete den Wein in zwei kleine Schalen aus Stein. Der Elfenwein dampfte.

»Trink, Ta´elga. Das ist ein sehr alter und kostbarer Wein, den ich mir für besondere Gelegenheiten aufbewahrt habe. Heute ist eine solche Gelegenheit. Ich trinke auf deine Schönheit und Anmut.«

Ta´elga wurde rot wie damals in der Burg Zephyrus. Doch diesmal war es nicht nur Verlegenheit, sondern auch ein fast vergessenes Verlangen, das in ihr aufstieg. Sie hob ihre Schale in Richtung der Elfe.

»Möge es ein noch schönerer Abend werden.«

 

Se´lira legte sich wieder neben Ta´elga. Der Elfenwein begann bereits seine wohlige Wirkung bei der Ritterin. Sie bemerkte eine leichte Euphorie in sich hochsteigen. Ihr Blick richtete sich auf Se´lira. Sie konnte sehen, dass der Wein bei ihr auch zu wirken begann. Se´lira nahm ihre Hand. So lagen sie lange Zeit schweigend nebeneinander und beobachteten die Sterne. Irgendwann begann Mog´ils Assistentin die Hand der jungen Elfenfrau zu streicheln und blickte ihr in die Augen.

»Meine liebe Ta´elga. Heute Nacht möchte ich mit dir zusammen sein. Ich möchte mit dir die körperliche und geistige Verschmelzung erleben. Was meinst du?«

Fast ängstlich, dass Ta´elga ablehnen könnte, kamen die Worte.

Die Ritterin wollte nun nicht mehr reden. Zur Antwort küsste sie Se´lira zärtlich erst auf ihre Stirn und ihre Augen, dann auf ihren Mund, der sich leicht öffnete.

Was dann geschah, war unbeschreiblich. Die körperliche und geistige Verschmelzung zweier Elfenfrauen ging weit darüber hinaus, was bei sexueller Betätigung mit einem Mann geschieht. Selbst mit einem Elfenmann war so etwas nicht möglich. Nichts blieb ihnen bei ihrem Liebesspiel verborgen. Sie erforschten gegenseitig ihre Körper und begegneten sich auf geistiger Ebene. Die Verschmelzung war vollkommen. Sie wurden ein Wesen, das gleich fühlte und dachte. Die Verschmelzung ihrer Körper und Geister endete in einer Explosion der Gefühle. 

Sie erwachten schweißgebadet und nackt wie aus einem Rausch. Stunden waren mittlerweile vergangen. Ta´elga fühlte eine tiefe Befriedigung in sich wie niemals zuvor.

Eng umschlungen lagen sie noch eine Weile auf der Liege. Sie genoss einfach nur Se´liras Nähe und Se´lira ihre.

 

»Wie fühlst du dich jetzt?«, fragte Se´lira.

»Unbeschreiblich. So habe ich mich nicht einmal nach meiner Reifezeremonie gefühlt.«

»Auch für mich war es einzigartig, Ta´elga. So habe ich das Beisammensein mit einer Elfenfrau noch nie erlebt. Geschweige denn mit einem Mann.«

Ta´elga lächelte. 

»Wir sind jetzt für den Rest unseres Lebens miteinander verbunden«, sagte Se´lira.

»Ja, ich weiß. Der Gedanke daran erfüllt mich mit Freude.«

»Ich habe eine Bitte, Ta´elga.«                                               

»Die erfülle ich dir gerne.«

»Ich möchte, dass du mit mir und Dar´al die Dreieinigkeit vollziehst. Ich möchte mit dir ein Kind zeugen.«

Eine Welle des Glücks durchströmte Ta´elgas Körper. Sie konnte das Angebot Se´liras gar nicht fassen. Sie drückte die Elfenfrau und küsste sie. 

»Ich kann mir auf der Welt nichts Schöneres vorstellen, als mit dir und deinem Gefährten ein neues Leben zu erschaffen«, flüsterte sie zärtlich.

Se´lira nahm sie in den Arm. Eng umschlungen erwarteten sie den Sonnenaufgang.

 

Als Se´lira und Ta´elga am nächsten Morgen auf der Terrasse beim Frühstück saßen, kam der Buchmeister hinzu.

»Guten Morgen, ihr zwei. Habt ihr euch gestern ohne mich gelangweilt?«, fragte er scherzhaft.

Die beiden Frauen sahen sich an und mussten lachen.

»Ja, Mog´il, es war ein recht öder Abend ohne dich«, antwortete seine Assistentin.

»Ich verstehe. Es tut mir leid, Ta´elga, dass ich keine Zeit mehr für dich hatte. Der Besucher hatte wichtige Nachrichten für mich.«

»Nachrichten welcher Art? Gute oder schlechte?«, fragte die Kriegerin den Buchmeister.

»Eher schlechte, aber darüber später mehr. Ich würde nach dem Frühstück unser Gespräch von gestern gerne fortsetzen.«

»Sehr gerne, Mog´il. Ich bin schon gespannt.«

Nach dem Frühstück brachte Se´lira noch einen Krug mit Fahrnapfelsaft und verabschiedete sich von den beiden Elfen. Die Ritterin bedauerte, dass ihre Geliebte sie verließ, zugleich war sie voller Vorfreude auf das Wiedersehen mit ihr.

 

Ta´elga - Der Aufstieg

»Ich hatte gehofft, nach meiner Befreiung ein normales Leben führen zu können – was immer das für mich auch bedeuten würde. Es schien, als würde sich diese Hoffnung nicht erfüllen.«

(Ta´elga, befreite Elfe.)

 

Der Buchmeister und Ta´elga machten es sich wieder in dem Raum des Wohnbaums bequem, in dem sie schon am Vortag gesessen hatten.

»Se´lira und du sind gestern auch bestens ohne mich ausgekommen, wie es scheint.«

»Ja, wir haben uns sehr gut unterhalten«, antwortete sie lächelnd.

»Das ist gut. Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen.«

»Nein, nicht nötig, es war alles in Ordnung so«, beruhigte sie ihn.

»Ich hatte dir von dem Aufstieg erzählt. Möchtest du mehr davon hören?«

»Ich bin sehr gespannt. Erzähle bitte weiter«, forderte Ta´elga den alten Elfen auf.

Mog´il räusperte sich.

»Du musst wissen, dass ich dir jetzt Dinge erzähle, von denen nur ganz wenige, ausgewählte Elfen wissen.«

»Warum darf ich dann davon wissen?«

»Dazu komme ich später noch. Doch nun möchte ich beginnen.«

 

Dann fuhr er mit seiner Erzählung fort.

»Jahrtausende lang wussten wir nichts von dem Aufstieg und den Möglichkeiten, die uns die Magie eröffnen könnte. Wir hielten uns für genauso sterblich wie die Angehörigen der anderen Völker. Aber dann, vor etwa vierhunderttausend Jahren, passierte etwas.

Ein nie gekanntes Wesen erschien den damaligen Elfen. Es schien aus reiner Energie zu bestehen. Es strahlte in einem hellen, weißen Licht. Nur undeutlich waren die Umrisse einer weiblichen Elfe zu erkennen.«

Der Buchmeister trank etwas Fahrnapfelsaft, bevor er weitererzählte.

»Dieses Wesen sagte, dass sie eine Elfe gewesen war, die nach ihrem Tod eigentlich aufsteigen sollte, so wie viele Elfen schon vor ihr. Doch aus einem Grund, den sie nicht kannte, war sie zwischen unserer Welt und der Welt der Aufgestiegenen geblieben. Diese Existenzform zu erklären, würde das Auffassungsvermögen von uns Elfen weit übersteigen, sagte sie.

Die Erscheinung bezeichnete ihr neues Leben als eine Art Existenz in Gleichzeitigkeit. Sie konnte sich an ihr vergangenes Leben in Tirgarneiy und sogar an ihren Tod erinnern. Sie war nach einem langen und ausgefüllten Leben friedlich in ihrem Wohnbaum eingeschlafen und erwachte in ihrer neuen Form.«

»Das verstehe ich nicht«, unterbrach Ta´elga den Buchmeister.

»Wenn wir Elfen sterben, geben wir nur die körperliche Form unserer Existenz auf. Unser Bewusstsein erreicht eine höhere Ebene, die weit außerhalb unserer Vorstellungskraft liegt. Dort leben wir weiter. Das erzählte die Erscheinung den damaligen Bewohnern von Tirgarneiy.«

»Einen Beweis gibt es dafür aber nicht. Nur die Erzählung dieses Wesens«, gab die junge Frau zu bedenken.

»Warte ab, Ta´elga. Die Geschichte geht noch weiter.«

»Wenn das stimmt, könnte ich nicht meiner körperlichen Existenz ein schnelles Ende setzen, um der Mühsal dieser Welt zu entfliehen? Das Leben geht doch weiter.«

»Nein, so funktioniert der Aufstieg nicht. Das körperliche Ende muss auf natürliche Weise geschehen. Ein Selbstmord oder gar ein gewaltsamer Tod führen nicht zum Aufstieg.«

»Was passiert mit den Elfen, die einen gewaltsamen Tod erleiden?«

»Ihre Bewusstseine sind einfach weg, verloren für immer«, sagte der Alte betrübt.

Ta´elga hatte nie Angst vor dem Tod gehabt. Im Kampf hatte es zahllose Gelegenheiten gegeben, zu sterben.

»Ich verstehe, warum nur wenige von dem Aufstieg wissen. Die Angst, einen gewaltsamen Tod zu sterben und damit nicht aufsteigen zu können, wäre immens groß. Nur wenige Elfen wären bereit, in eine Schlacht zu ziehen.«

»Das ist richtig, Ta´elga. Der Krieg wäre schon lange verloren.«

»Wie ging es mit der Erscheinung weiter? Was wollte diese Lichtgestalt?«

»Sie wollte unseren Vorfahren als Lehrerin dienen, sie in Magie unterrichten und sie auf die kommenden Gefahren vorbereiten.«

»Auf den Magistrat?«

»Ja, das Böse bereitete sich auf den Krieg vor. Völker entstanden, die dem Magistrat als willfährige Vasallen dienen sollten.«

»Woher wusste das Wesen davon?«

»Die Erscheinung sagte, dass ihre Existenz in der Gleichzeitigkeit es ihr ermögliche, alles zu sehen, was gegenwärtig auf der ganzen Welt geschah. Sie war aber nicht in der Lage, direkt einzugreifen. Dem drohenden Krieg konnte sie nicht entgegentreten. Dazu war sie allein zu schwach.«

»Sie brauchte die Hilfe der Elfen?«

»Ja, und sie bekam noch mehr Verstärkung. Nach und nach erschienen noch acht weitere Elfen, die den Aufstieg nicht schafften. Sie waren alle weiblich. Diese Wesen – nun insgesamt neun – halfen den Elfen gegen die Armeen des Bösen.«

»So langsam ahne ich etwas. Wussten diese Wesen, warum sie nicht aufsteigen konnten?«

»Nein, das wussten sie nicht. Es dauerte noch einige Jahrtausende, bis diese Wesen mithilfe der Elfenforscher die Wahrheit herausfanden. Diese Wesen besaßen eine bestimmte Magie, die den Aufstieg verzögerte. Diese Magie kommt nur bei Elfenmädchen vor, niemals bei Elfenjungen.«

»Du sprichst in der Gegenwart. Bedeutet es, dass diese Magie auch heute noch bei Elfenmädchen vorkommt?«

»Ja, das ist richtig. In Abständen von vielen Tausend Jahren wird immer mal wieder ein Mädchen geboren, das diese Magie in sich trägt. Dieses Elfenmädchen, das mit dieser Fähigkeit geboren wird, hat eine einzige Bestimmung.«

Mog´il machte eine Pause. Er blickte Ta´elga eine Weile forschend an. Dann sagte er mit bedeutungsvoller Stimme:

»Diese Magie nennen wir das Genom der Göttinnen.«

»Was ist ein Genom?«

»Oh, das ist kompliziert. Ich möchte dir jetzt auch nur so viel darüber sagen: Genome bestimmen, wie wir aussehen, welche Fähigkeiten wir haben und welche Zauber wir wirken können.«

»Ich verstehe.«

Die Ritterin ahnte, dass die Ausführungen des Buchmeisters etwas mit ihr zu tun hatten. Noch verdrängte Ta´elga jedoch die Gedanken, die langsam aus den tiefsten Schichten ihres Bewusstseins hervorkrochen. Sie konnten einfach nicht wahr sein.

 

»Nun, Ta´elga, wie du dir schon denken kannst, sind diese Erscheinungen unsere Göttinnen geworden, die uns lehren, beschützen und leiten. Für uns Elfen ist die Bedeutung von Göttinnen demnach eine ganz andere als bei anderen Völkern. Nicht spirituell, sondern sehr real. Aber nur Ahlunah spricht mit allen Waldelfen, durch ihre Sternenbrunnen.«

»Dann sprechen die anderen Göttinnen nicht zu den Waldelfen?«

»Doch. Die anderen Göttinnen sprechen regelmäßig im Rat der Neun. Dieser setzt sich aus hochverdienten Elfen zusammen. Durch den Rat haben die Göttinnen eine Stimme. Auch ich gehöre diesem Rat an, der so eine Art Regierung darstellt. Wir Ratsmitglieder sprechen für die Göttinnen«, erläuterte Mog´il.

»Ich verstehe. Was hat es mit dem Genom der Göttinnen auf sich?«

»Der Aufenthalt zwischen den Welten ist für die Göttinnen nicht ewig. Der Prozess des Aufstiegs verläuft bei ihnen nur sehr viel langsamer. Er dauert Jahrtausende.«

»Wenn die Göttinnen letztendlich doch aufsteigen, wieso ist dann ihre Anzahl immer noch neun?«

»Es ist die Bestimmung des Elfenmädchens, das mit dem Genom der Göttinnen das Licht der Welt erblickt, die Nachfolgerin einer Göttin zu werden. Es gab bisher nie mehr als neun Göttinnen. Diese Anzahl ist, seitdem sie zu uns kamen, konstant.«

»Wieso habe ich davon nichts erfahren? Ich habe doch die alten Schriften über Ahlunah studiert. Nichts von alledem habe ich gelesen.«

»Das ist nur den Ratsmitgliedern und ganz wenigen Elfenforschern bekannt, und so soll es auch bleiben. Deshalb nehmen die Elfenfrauen, die den Platz einer Göttin einnehmen, auch deren Namen an. So wird der Glaube an die Unsterblichkeit der Göttinnen aufrechterhalten.«

Ta´elga schüttelte den Kopf.

»So viele Geheimnisse.«

»Leider sind sie notwendig.«

»Warum erzählst du mir das alles dann?«, fragte sie mit zitternder Stimme.

Eine vage Ahnung stieg in ihr auf.

»Ahnst du es nicht längst, Ta´elga?«, fragte der alte Elfenmann mit leiser Stimme.

»Konnte es wirklich wahr sein? Hätte ich es nicht spüren müssen?«

Das Blut rauschte ihr in den Ohren. Sie wagte es nicht, dem Buchmeister in die Augen zu sehen.

 

Sie nahm Mog´ils Stimme kaum wahr, als er sagte:

»Du trägst das Genom der Göttinnen in dir, Ta´elga.«

Ta´elga glaubte in diesem Moment, die Welt stürze über ihr zusammen. Sie war fassungslos. Sie sprang auf, ging unruhig durch den Raum und trat dann hinaus auf die Terrasse, auf der sie mit Se´lira diese wundervolle Nacht verbracht hatte. Ihr Blick ging in die Ferne, und sie nahm einen tiefen Atemzug. Sie zitterte am ganzen Körper.

»Kann das wirklich wahr sein? Ich soll eine Göttin werden?«

Als sie sich ein wenig gefasst hatte, kehrte sie zu Mog´il zurück. Mit brüchiger Stimme fragte sie den Buchmeister:

»Welche von den neun Göttinnen werde ich sein?«

»Das kann ich nicht beantworten. Das weiß nur Ahlunah, die Sternengöttin.«

Die Elfenfrau schwieg. Der Buchmeister sah, dass sie in Gedanken versunken war, und lehnte sich zurück.

»Wann wird es so weit sein? Schließlich kann man auch in jungen Jahren eines natürlichen Todes sterben. Werde ich noch tausend Jahre leben, oder ist es schon morgen so weit? Reicht die Zeit noch, um einen Gefährten und Kinder zu haben? Werde ich noch mit Se´lira ein Kind zeugen können?«

So hatte sie sich ihre Zukunft nicht vorgestellt.

»Ich und eine Göttin? Unfassbar. Was für ein Lebensweg. Von der todbringenden Sanguenritterin, einer Feindin der Union, zur Göttin, einer Führerin des Elfenvolkes. Könnte Mog´il sich nicht irren?«

»Woher weißt du denn, dass ich das Genom in mir habe?«

»Ahlunah selbst hat es mir gesagt. Woher die Sternengöttin es weiß, hat sie mir nicht gesagt. Du musst mit ihr sprechen.«

Ta´elga wurde klar, dass dies kein Irrtum war und dieses Schicksal ihr bevorstand. Nun stand wohl fest, dass sie tatsächlich eine Waldelfe war.

»Wann kann ich mit Ahlunah sprechen?«

»Du musst ihren Tempel aufsuchen.« 

»War das, was ich eben gehört habe, gut oder schlecht? Ist es eine Strafe oder eine Belohnung, Göttin zu werden? Wenn Ahlunah wusste, dass ich das Genom in mir trage, warum ließ sie dann zu, dass ich vom Magistrat entführt und versklavt wurde? Warum hat die Sternengöttin zugelassen, dass ich so schreckliche Dinge getan habe?«

 

»Mog´il, die Tempel. Warum leben die Göttinnen hier in Lad´rhor? Ist es ein Zufall, dass hier neun Tempel stehen?«

»Das wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass Lad´rhor von den Ganlies erbaut worden ist.

Viele Jahre vor der Entdeckung der Tempelstadt begann der erste Krieg gegen den Magistrat. Wir Elfen waren damals noch nicht genügend vorbereitet, Verbündete hatten wir, außer unseren Göttinnen, nicht. 

Die Menschen und die Zwerge waren noch lange nicht so weit. Die Armeen des Magistrats fielen über unser Land her. Die Elfen und unsere Göttinnen mussten sich immer weiter nach Süden zurückziehen. Der Krieg schien bereits verloren, als die Elfen die Insel Ladimgar und die Tempelstadt entdeckten. Die Göttinnen waren über die neun Tempel ebenso erstaunt wie die Elfen.«

»Die Göttinnen wussten auch nichts über die neun Tempel?«

»Nein. Die Tempel waren wie geschaffen für die Göttinnen. Jede Göttin fand einen Tempel für sich, der speziell für sie und ihre Fähigkeiten gebaut zu sein schien. Sogar noch mehr, diese Tempel unterstützen und verstärken die spezielle Magie der betreffenden Göttin. So konnte nur Ahlunah den Sternentempel beziehen, die Göttin der Reisenden nur ihren Tempel und so fort. Es war und ist heute immer noch ein ungelöstes Rätsel.

Die Geographie des Tals, in dem Lad´rhor liegt, und die verstärkte Magie der Göttinnen machen die Tempelstadt unangreifbar. Die Krieger des Magistrats sind bis heute nicht in der Lage, Lad´rhor zu besiegen. Im Laufe der nächsten Jahrtausende konnten die Armeen des Magistrats aus Tirgarneiy vertrieben werden. Die Göttinnen und das Elfenvolk wurden immer stärker. Irgendwann waren die anderen Völker in ihrer Entwicklung so weit fortgeschritten, dass wir mit ihnen Bündnisse eingehen konnten.«

»Ist deshalb Lad´rhor die Hauptstadt des Elfenreiches?«

»Ja. Aber die Tempelstadt birgt noch viele Rätsel. Wir wissen nur, dass die Ganlies diesen Ort geschaffen haben. Warum sie es taten, wissen wir nicht. Es scheint, als hätten sie die zukünftige Entwicklung irgendwie vorausgeahnt und ein Bollwerk gegen das Böse hinterlassen.«

»Wirft das nicht noch mehr Fragen auf?«

»Ja, natürlich. Viele Elfenforscher sind damit beschäftigt, diese Rätsel zu enthüllen.«

Ta´elga sah den Buchmeister lange an, als wolle sie ergründen, welche Geheimnisse er noch barg.

»Erzählst du mir noch etwas über die Göttinnen?«

»Sehr gerne.« 

 

 

 

 

 

 

Aaghyl  Der Auftrag

»Zeige Ehrfurcht vor deinen Herrschern und Stärke gegen deinen Feind.«

(Aus der Lehre der Herrscher.)

 

Es begann allmählich zu dämmern, als die beiden Ritter den großen Platz vor dem Turm erreichten. Der riesige Vorplatz schien aus einem einzigen Stück blauen Marmors zu bestehen, das von silbernen Adern durchzogen war. In dem hochglänzenden Stein konnten die beiden Männer ihre Spiegelbilder sehen.

Aaghyl und Sinan beschlossen, den restlichen Weg zum Eingang zu Fuß zurückzulegen. Die beiden Krieger legten ihre Rüstungen an. Schon von Weitem sollte jeder sehen, dass hier zwei mächtige Sanguenritter kamen. Aaghyl legte den Kopf in den Nacken und blickte an dem gewaltigen Bauwerk empor. Von hier unten ließen sich seine Ausmaße kaum erfassen. Der Palastturm von Muantur sah aus, als wäre er einst aus einem riesigen weißgoldenen Marmorblock gehauen worden. Die gesamte Landschaft, die den Turm umgab, spiegelte sich in dem strahlend weißen, von goldenen Adern durchzogenen Stein. Obwohl Aaghyl schon sehr oft in Muantur gewesen war, fand er den Palast immer wieder beeindruckend und einschüchternd. In die Fassade des Turms waren unzählige Bilder in den Marmor gehauen, die von ruhmreichen Schlachten und heldenhaften Kriegern erzählten. Hier wurden auch die mutigsten Helden des Magistrats verewigt. Der Lord zeigte auf die Steinbilder.

»Schau, Sinan, hier sind alle siegreichen Schlachten und alle großen Krieger für immer sichtbar. Ich habe immer geglaubt, dass eines Tages auch mein Abbild darunter sein würde.«

»Mein Wunsch war immer nur, die Zahl unserer Feinde zu dezimieren. Ich habe in vielen Kämpfen Hunderte von ihnen getötet. Das bereitete mir stets große Befriedigung und zählt für mich mehr, als auf ewig in kalten Stein gehauen den vielen Untoten und Dämonen bei ihren würdelosen Tätigkeiten zusehen zu müssen«, antwortete Aaghyls Stellvertreter und deutete auf die untoten Wesen, die über den Platz hin und her liefen.

»Wie auch immer, dieser Traum ist wohl endgültig vorbei«, sagte der Oberbefehlshaber resigniert.

 

Die beiden Ritter gingen weiter auf den Palastzugang zu. Die zahlreichen Wesen, die den Vorplatz bevölkerten, verbeugten sich beim Anblick der beiden Krieger. Aaghyl und Sinan Eldar beachteten sie jedoch nicht weiter. Schnell erreichten sie den Eingang und betraten die große Empfangshalle des Palastturms. Sie war von einem blauen Licht hell erleuchtet, das aus den Wänden zu kommen schien. Die beiden Ritter gingen ein Stück in die Halle hinein, blieben dann stehen und sahen sich um.

Die Empfangshalle war riesig. Sie war kreisrund und wurde von einer kuppelförmigen Decke überspannt. Aaghyl und Sinan Eldar waren schon öfter hier gewesen, und doch faszinierte sie das Schauspiel, das sich ihnen bot, immer wieder aufs Neue. Um in die oberen Etagen des Palastturms zu gelangen, musste man scheibenförmige Plattformen benutzen, denn Treppen, Rampen oder Ähnliches gab es hier nicht. Mit diesen Flugscheiben gelangte man zu den Nischenportalen, die ringsum in die Wände der Empfangshalle eingelassen waren. Zurzeit waren viele dieser Scheiben in der Luft, um ihre Passagiere zu den Portalen zu bringen oder von dort abzuholen.

Schon kurz nachdem die beiden Krieger den Turm betreten hatten, kam eine Flugscheibe auf sie zugeflogen. Sie war etwas größer als die anderen, und auf ihr stand ein prächtig gekleideter Mensch. Die Plattform landete vor den beiden Sanguenrittern. Der Mensch verbeugte sich vor ihnen und sprach mit auffallend hoher Stimme zu ihnen.

»Die Herrscher gestalten den Tag. Seid willkommen im Palastturm von Muantur, Erhabene. Ich bin Portalwächter erster Klasse Hens Bay. Die Herrscher erwarten euch bereits.«

Er drehte sich kurz um und blickte nach oben.

»Da kommt auch schon eure Transportscheibe«, sagte er und zeigte auf eine Plattform, die gerade zur Landung ansetzte.

»Wie ich weiß, ist euch die Handhabung der Scheiben bekannt. Dieser Kristall wird eure Scheibe zum richtigen Portal führen. Ich wünsche euch einen erfolgreichen Aufenthalt in Muantur.«

Er drückte Aaghyl einen kurzen, stabförmigen Kristall in die Hand und entschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, mit seiner Flugscheibe in den Weiten der Halle. Sinan Eldar betrat achselzuckend die für sie bestimmte Scheibe. Aaghyl blickte dem Portalwächter noch eine Weile hinterher, dann tat er es seinem Freund gleich. Er legte den Kristall in eine dafür vorgesehene Aussparung der Scheibe. Augenblicklich erhob sie sich und flog geradewegs auf die gegenüberliegende Wandseite der Empfangshalle zu, die noch weit entfernt war. Dabei schwang sie sich immer höher.

Die Flugscheibe flog nicht besonders schnell. Aaghyl schätzte, dass sie sich kaum schneller bewegte als bei einem gemütlichen Ritt auf einem Pferd.

»Ist dir aufgefallen, dass der Portalwächter uns nicht ganz so demütig angesprochen hat, wie es sonst hier üblich ist?«, fragte Aaghyl seinen Freund.

»Allerdings. Wahrscheinlich ist schon in ganz Muantur bekannt, dass wir für unser Versagen bestraft werden. Wir können von Glück sprechen, dass der Portalwächter uns unsere Strafe nicht gleich am Eingang mitgeteilt hat«, meinte Sinan Eldar ironisch.

»So ändern sich die Zeiten. Einst wurden wir hier mit den größten Ehren empfangen, heute nimmt man uns kaum noch zur Kenntnis. Aber ich bin immer noch Aaghyl, ein Lord des Magistrats und Oberbefehlshaber!«, rief Aaghyl trotzig zur hohen Decke der Halle hinauf, in der Hoffnung, dass ihn irgendjemand außer Sinan Eldar hören konnte.

Doch nichts geschah; niemand hörte ihn. Unbeirrt setzte die Flugscheibe ihren Weg fort. Mittlerweile hatten sie ihr Ziel fast erreicht; nur noch wenige Längen trennten sie von dem Portal, das die beiden Sanguenritter benutzen würden. Diese Portale waren in die Wände eingelassene Nischen, die Platz für eine Person boten. Aus ihrem Innern kam ein oranges Leuchten, ohne dass man eine Quelle dafür hätte ausmachen können. Die Flugscheibe erreichte schließlich ihre Nische und stieß an die Wand.

»Ich werde zuerst gehen«, sagte Aaghyl.

Er nahm einen tiefen Atemzug und betrat die Nische ohne weiteres Zögern. 

 

Von einem Augenblick zum anderen verschwand er. Sinan Eldar wartete noch ein paar Sekunden, dann betrat auch er das Portal und verschwand ebenso wie zuvor sein Freund. Aaghyl trat aus dem Portal heraus, das sich in der Halle der Herrscher befand, und schaute sich um. Alles war so, wie er es in Erinnerung hatte. Er wusste, dass die Halle die oberste Etage des Palastturms bildete. Durch das durchsichtige Dach konnte der Steinelf den Himmel über dem Turm sehen. Die Halle wurde durch verschiedenfarbige Beleuchtungen in mehrere Bereiche unterteilt. Das Portal stand auf einem hohen, viereckigen Sockel, von dem eine Treppe herunterführte. Hier war es keine in die Wand eingelassene Nische, sondern ein aufrecht stehender Ring, in dem das gleiche orangefarbene Licht zu sehen war wie in den Portalnischen. Das Podest und die Treppe bestanden im Gegensatz zum Palastturm aus blauem, von silbernen Adern durchzogenem Marmor. Vom Fuß der Treppe aus setzte sich der blaue Marmor wie eine Straße fort. Deutlich konnte man den Weg sehen, der sich von dem weißen Marmor des Hallenbodens abhob. Er führte zu dem Bereich, in dem die Herrscher für gewöhnlich mit ihren Untertanen sprachen.

Inzwischen erreichte auch Sinan Eldar die Halle der Herrscher. Wie üblich, wenn man den Herrschern gegenübertrat, waren alle Waffen, die sie bei sich trugen, ebenso wie ihre Rüstungen verschwunden. Aaghyl und Sinan waren nun jeweils in eine schlichte weiße Robe gekleidet. Sie spürten die Kälte, die vom Boden ausging, sehr deutlich, da sie auch keine Stiefel mehr trugen.

Der blaue Marmorweg schlängelte sich durch die große Herrscherhalle. Die beiden Ritter wurden an den verschiedenfarbigen Bereichen vorbeigeführt, in denen zahlreiche Wesen aus allen Völkern des Magistrats ihren Beschäftigungen nachgingen. Die Wand, die diesen Saal umschloss, hatte ebenfalls etwas Einzigartiges aufzuweisen. Auf ihr waren in großen goldenen Lettern alle Verse aus dem Buch der Herrscher aufgeschrieben. Näherten sich Wesen einem dieser Verse, nahmen sie eine Stimme im Kopf wahr, die den jeweiligen Vers zitierte.

Auf dem Weg zu den Herrschern hatten die beiden Freunde bereits mehrere Zitate aus der Lehre wahrgenommen. Nun näherte sich der blaue Marmor wieder einmal der Wand und damit auch dem nächsten Vers. Aaghyl und Sinan lasen die Worte, die auf der Wand geschrieben standen. Die goldenen Adern des Marmors gerieten in Bewegung. Das Gold floss zu den Buchstaben, und diese traten ein Stück aus der Wand hervor. Wieder hallte es in den Köpfen von Aaghyl und Sinan.

 

»Gefühle schwächen den Kämpfer.

Nur der starke Krieger, der keine Gefühle kennt, wird siegen.

Der Schwache wird versagen.

Diene den Herrschern, indem du stark bist.«

 

Die beiden Sanguenritter sahen sich nur an und gingen weiter. Ihr Ziel war nun nicht mehr weit entfernt.

»In diesem Vers würden die Herrscher die Begründung für die verlorene Schlacht um Acceras finden, wenn meine Liebe zu Ta´elga doch nicht ihr Wille war.«, dachte Aaghyl.

Endlich erreichten die beiden Männer den Bereich, in dem die Herrscher üblicherweise ihre Audienzen abhielten. Eine fünfstufige, breite Treppe führte auf ein Podest, das aus demselben Marmor bestand wie der restliche Palastturm. Die Wand am Ende des Podests wölbte sich in die Halle hinein und trennte damit einen ziemlich großen Bereich von ihr ab.

Aaghyl wusste, dass hinter dieser Wand die Herrscher des Magistrats lebten. Einen sichtbaren Eingang gab es nicht. Die beiden Ritter gingen die Stufen hinauf. Hier wurden sie vom Protektor von Muantur erwartet. Im Magistrat gab es nicht viele Protektoren, und meistens stammten sie aus dem Volk der Steinelfen. Protektoren gab es nur in größeren Wohntürmen oder größeren Ansiedlungen, die zugleich für die umliegenden Gebiete zuständig waren. Die Beherrschung magischer Materie war unter den hier lebenden Völkern selten, kam jedoch bei den Steinelfen häufiger vor als bei Menschen, Cwoks oder anderen Wesen. Bis heute war nicht bekannt, warum das so war. Protektoren waren nach den Herrschern die mächtigsten Wesen im Reich des Magistrats. Hatte ein Wesen die Fähigkeit zur Beherrschung magischer Materie, wurde es von den Herrschern rekrutiert und ausgebildet. Es musste sein bisheriges Leben vollständig aufgeben. Sogar seinen Namen musste ein angehender Protektor vergessen. Fortan war der Titel zugleich auch der Name eines Protektors. Die Herrscher belohnten diese Selbstaufgabe jedoch mit großzügigen Privilegien und außerordentlicher Langlebigkeit. Man sprach davon, dass Protektoren mehrere Tausend Jahre alt werden konnten.

Der Protektor von Muantur war ein Steinelfenmann mit violetten Haaren, die er sehr lang trug. Aaghyl wusste, dass er über dreitausend Jahre alt war. Er trug die prachtvolle Uniform, die ausschließlich Protektoren vorbehalten war. Die Bekleidung eines Protektors wurde aus einem seltenen Tier gewonnen, das in der Ebene der Feuerseen lebte. Dort hauste das echsenartige Wesen in tiefen Höhlen unter den Seen. Die Echsen konnten nur mit herkömmlichen Mitteln gejagt werden; der Einsatz von Zaubern versagte bei ihnen. Ihr Leder wurde mit magischer Materie behandelt, sodass ein einzigartiges Muster entstand. Die Uniform eines Protektors war tiefschwarz und bestand aus Jacke, Hose und Stiefeln. Das durch Magie entstandene Muster bildete zahlreiche Linien und verschiedene Formen, die hellblau leuchteten. Das Leuchten auf dem Leder wurde durch die spezielle Magie eines Protektors erzeugt.

Aaghyl und Sinan Eldar verbeugten sich vor dem Protektor und knieten sich vor ihm hin.

»Die Herrscher gestalten den Tag«, sagten beide gleichzeitig.

Sie hatten die Köpfe gesenkt und warteten darauf, dass der Protektor von Muantur, den sie beide von früheren Anlässen im Palastturm kannten, sie ansprach. So verstrich einige Zeit, bis er zu sprechen begann.

»Ihr seid wohl die größte Enttäuschung meines nun schon sehr langen Lebens. Sowohl du, Aaghyl, als auch du, Sinan Eldar. Ihr habt eure Pflichten erheblich vernachlässigt. Euer Versagen hat uns den lang ersehnten Sieg über die Union gekostet.«

Aaghyl hatte das Gefühl, die dunkle, volle Stimme des Protektors sei in ganz Muantur zu hören. Noch ehe einer der beiden Krieger antworten konnte, sprach der Protektor weiter.

»Unsere Herrscher werden mit dir persönlich sprechen, Aaghyl. Um Sinan Eldar werde ich mich kümmern.«

 

Plötzlich, von einem Augenblick zum anderen, war Aaghyl von undurchdringlichem Nebel umgeben. Sinan Eldar, der Protektor von Muantur und die riesige Halle mit den vielen Wesen darin waren für den Ritter verschwunden. Es herrschte Stille. Er verharrte in seiner knienden Position und lauschte in den Nebel hinein. Mit Magie versuchte er, ihn zu durchdringen, doch er musste erkennen, dass hier alle seine Zauber versagten. Ihm blieb nichts anderes übrig, als einfach abzuwarten. Irgendwann drang aus dem Nebel ein Raunen zu Aaghyl, das sich, als er sich darauf konzentrierte, als Stimmen entpuppte.

Zuerst ganz leise, dann immer lauter, drangen sie zu ihm durch.

»Aaghyl«, riefen sie.

Immer wieder hallte es durch den Nebel und drang ihm bis ins Bewusstsein.

»Aaghyl.«

Nun tönten sie schmerzhaft und unerbittlich bis in die letzte Windung seines Hirns.

»Aaghyl!«

Der Sanguenritter presste die Hände auf die Ohren.

»Aaghyl«, riefen sie immer wieder.

Wie Brandung gegen eine Felsenküste schlugen die wesenlosen Stimmen auf ihn ein. Er krümmte sich, bis seine Stirn den kalten Marmor berührte.

»Du hast versagt. Deine Gefühle haben dich geleitet.«

Der Schmerz in seinem Kopf hörte auf. Aaghyl atmete tief durch und wollte sich aufrichten. Doch eine unbekannte Kraft hinderte ihn daran.

»Du hast Strafe verdient. Was hast du vorzubringen?«

Die Stimmen waren nun leiser, obwohl sie immer noch aus dem Nebel zu kommen schienen und sich zugleich in seinem Kopf befanden. Es waren drei verschiedene Stimmen, die in unterschiedlichen Tonlagen sprachen. Aaghyl wusste, dass die drei Herrscher jetzt mit ihm sprachen. Es war das erste Mal, dass er sie direkt hörte. Normalerweise waren die Protektoren die Stimmen des Magistrats, und die Herrscher sprachen durch sie.

»Erhabene, ich habe für mein Versagen Strafe verdient.«

Sinans Worte fielen ihm wieder ein, und er sprach weiter.

»Ich bin bereit, meine Strafe zu empfangen. Da ich aber glaube, dass Verrat für mein Versagen verantwortlich war, möchte ich euch bitten, meinen Stellvertreter Sinan Eldar zu verschonen. Nichts wird ihm wichtiger sein, als den Verräter zu finden. Danach ist auch er bereit für seine gerechte Bestrafung.«

»Ja, ihr werdet bestraft werden. Höre also eure Strafe.«

»Wie wird das Leben als Untoter wohl sein? Man sagt, dass Untote sich an ihr früheres Leben erinnern können. Schade, ich hätte den Verräter gern noch gefunden. Ich hoffe, dass Sinan diese Gelegenheit von den Herrschern bekommen wird.«

»Richte dich auf«, forderten die Herrscher Aaghyl auf.

Der Steinelfenmann kam der Aufforderung nach, blieb aber auf seinen Knien.

Die Herrscher des Magistrats sprachen weiter:

»Du bist ab sofort nicht mehr der Oberbefehlshaber unserer Armeen und auch kein Lord des Magistrats mehr. Deine Kampfrüstung ist schon entsprechend verändert. Du wirst den Verräter suchen und töten.«

Aaghyl war überrascht und sichtlich erleichtert über dieses glimpfliche Urteil.

»Diese Aufgabe werde ich gewissenhaft erfüllen.«

»Das ist nicht deine Strafe, wir setzen sie nur aus. Wir zweifeln an deiner Loyalität. Tötest du den Verräter, erlassen wir dir deine Strafe. Aber sei gewarnt: Wir glauben, dass es dir schwerfallen wird.«

»Versagst du in diesem Fall wieder, bleibt dir nur die Existenz als Untoter.«

»Verzeiht, Erhabene Herrscher. Warum sollte mir die Hinrichtung des Verräters schwerfallen? Ich verstehe das nicht.«

»Du wirst es verstehen, wenn du dem Verräter gegenüberstehst.«

»Ihr wisst also, wer es ist?«

»Ja, das wissen wir. Du wirst dich mit Sinan Eldar zur neuen Festung Edderas im Blausteingebirge begeben. Dort unterstellst du dich dem Kommando der Festungskommandantin. Die neue Oberbefehlshaberin unserer Armeen hält sich ebenfalls dort auf; von ihr erhältst du deine weiteren Weisungen. Das Schicksal Sinan Eldars ist unzertrennlich mit deinem verknüpft. Dein Versagen ist auch sein Versagen, deine Strafe wird auch seine Strafe sein.«

»Darf ich denn die Identität des Verräters wissen?«

»Nein, Aaghyl. Finde und töte ihn, dann darfst du in allen Ehren zurückkehren. Nur so viel möchten wir dir sagen: Du wirst den Verräter in Miad´rhor, einer Stadt im Reich der Waldelfen ganz in der Nähe des Blausteingebirges, finden. Aber sei auf der Hut und glaube an die Lehre. Der Abtrünnige wird versuchen, deinen Glauben ins Wanken zu bringen. Nun geh, du kennst deinen Auftrag.«

 

So schnell, wie der Nebel gekommen war, verschwand er wieder. Aaghyl kniete erneut vor dem Protektor, neben seinem Freund Sinan Eldar. Sein Gefährte schaute ihn überrascht an. Für Sinan Eldar war Aaghyl erst vor wenigen Augenblicken verschwunden; er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Freund so rasch wieder neben ihm kniete. Doch bevor er etwas sagen konnte, begann der Protektor zu sprechen.

»Es ist nun alles gesagt. Aaghyl und Sinan Eldar, ihr kennt euren Auftrag. Verlasst nun Muantur und reist zur Festung Edderas.«

Aaghyl erhob sich. Sinan Eldar blieb nichts anderes übrig, als es seinem Freund gleichzutun. Er hatte noch viele Fragen zu seinem Schicksal, doch im Moment mussten sie wohl unbeantwortet bleiben.

Auf dem gleichen Weg, auf dem sie zur Halle der Herrscher gekommen waren, verließen die beiden Ritter den Palastturm von Muantur wieder. Es war bereits Nacht und es regnete leicht. 

Aaghyl ließ seinen Reitdämon erscheinen und ritt wortlos davon. Sinan Eldar war beunruhigt. Er fragte sich, was das Schweigen seines Freundes zu bedeuten hatte. Aaghyl war längst außer Sichtweite, als Sinan Eldar seinen Reitdämon bestieg und ihm nachritt.

Nach einer Weile erreichte er die Brücke, an der sie sich am Vortag verabschiedet hatten. Dort stand sein Freund an der Brüstung und schaute in den Fluss. Sinan Eldar stieg ab und stellte sich neben seinen Kampfgefährten. So standen sie schweigend nebeneinander und schauten gemeinsam in die Fluten. Mittlerweile regnete es stärker und die beiden Freunde waren bis auf die Haut durchnässt. Sie hätten sich mit Leichtigkeit, mit einem Zauber, vor der Nässe und der heraufkriechenden Kälte schützen können, doch beide Krieger verzichteten darauf. Irgendwann räusperte sich Sinan Eldar und brach das Schweigen.

»Lord Aaghyl, mein Freund, was ist passiert? Was haben die Herrscher zu dir gesagt?«

Aaghyl schaute seinen Freund eine Weile in die Augen, dann begann er, zu berichten.

»Ich bin nun kein Lord des Magistrats mehr und auch nicht mehr der Oberbefehlshaber.«

»Ist das deine Strafe?«

»Nein, nicht ganz. Die Herrscher haben uns zur Existenz als Untote verurteilt.«

»Das habe ich mir aber ganz anders vorgestellt. Ich fühle mich noch sehr lebendig!«, rief Aaghyls Freund freudig aus und klopfte sich mit beiden Händen gegen seine Brust.

Aaghyl musste schmunzeln, wurde aber wieder ernst, als er fortfuhr.

»Meine Degradierung ist nur die erste Bestrafung. Die Existenz als Untoter ist nur ausgesetzt. Dein Schicksal haben die Herrscher mit meinem verknüpft. Versage ich, dann trifft dich die gleiche Strafe wie mich.«

»Na dann müssen wir eben dafür sorgen, dass du nicht versagst. Was müssen wir also tun?«

»Zuerst müssen wir ins Blausteingebirge reisen. Dort wird an der neuen Festung Edderas gebaut. Wir müssen uns bei der Festungskommandantin und der neuen Oberbefehlshaberin melden. Von dort aus werden wir den Verräter suchen und töten.«

»Das ist doch genau das, was ich wollte. Die Herrscher sind eben weise.«

»Ja, aber sie sagten mir, dass es mir schwerfallen oder sogar unmöglich sein wird, ihn zu töten. Die Herrscher zweifeln an meiner Loyalität und wollen mich so prüfen.«

»Warum sollte dir das schwerfallen, oder mir? Der Verräter ist schuld an unserer Niederlage. Daran, dass Hunger und Elend weiterhin im Magistrat allgegenwärtig sind.«

»Ich weiß es nicht, Sinan. Die Herrscher wissen, wer der Verräter ist. Doch sie wollten mir nicht sagen, wer es ist. Nur dass ich erkennen würde, worin die Prüfung besteht, wenn ich ihm gegenüberstehe.«

»Ich werde an deiner Seite sein und dir beistehen. Die Existenz als Untoter ist nicht sehr erstrebenswert.«

Aaghyl musste wieder lächeln.

»So ähnlich äußerte sich erst kürzlich eine neu gewonnene Freundin. Ich bin froh, dich an meiner Seite zu wissen, Sinan Eldar. Da die Herrscher deine Zukunft an meine gebunden haben, werde ich alles tun, um diesen Auftrag zu erfüllen. Mein Leben ist mir nach Ta´elgas Tod nicht mehr wichtig. Du sollst aber nicht wegen meines Versagens bestraft werden.«

»Dann lass uns nicht weiter hier verweilen. Auf nach Edderas«, rief Sinan Eldar und streckte seinen rechten Arm in die Luft.

 

 

©Urheberrecht. Alle Rechte vorbehalten.vorbehalten.4

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.