Kapitel 6 Göttinnen und Herrscher

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 6  Göttinnen und Herrscher


Ta´elga - Die Göttinnen

„Die Sternengöttin ist unsere Mutter, sie gibt uns das Leben und beschützt uns.“

(Aus dem Buch Ahlunah.)

 

Der Buchmeister schlug vor, ihr Gespräch auf der Terrasse fortzusetzen. Gern willigte Ta´elga ein. Mog´il wollte noch einen Krug mit Fahrnapfelsaft holen. Die Ritterin setzte sich wieder auf die Liege, auf der sie gestern so viel Freude mit Se´lira gehabt hatte. Hier draußen fühlte sie sich wohler als in dem Wohnbaum. Nach Mog´ils Offenbarung hatte sie das Gefühl, die Wände des Raumes stürzten auf sie herab. Ta´elga genoss den warmen Sommertag und den Duft des Waldes. Sie entspannte sich langsam.

»Ich muss unbedingt den Tempel der Sternengöttin aufsuchen, wenn ich mehr über mein Schicksal wissen möchte.«

Sie hoffte, dass sie vorher noch einmal ihre wunderschöne Geliebte sehen konnte. Ta´elga wollte nicht gehen, ohne sich von ihr zu verabschieden. Ihr Herz wurde schwer, wenn sie sich vorstellte, dass sie Se´lira für längere Zeit nicht wiedersehen würde.

Der Buchmeister kam mit dem Fruchtsaft zurück und nahm auf der anderen Liege Platz. Die junge Elfe goss ihnen von dem köstlichen, kühlen Getränk ein und lehnte sich mit dem Glas in der Hand zurück.

»Ja, die Göttinnen. Ohne sie würde es uns Waldelfen schon lange nicht mehr geben. Jedenfalls nicht in der körperlichen Form unserer Existenz«, begann Mog´il nachdenklich.

»Ahlunah ist die erste Göttin gewesen, die zu uns kam. Die Sternengöttin ist nicht nur die geistige Führerin der Elfen, sondern auch die weltliche. Sie ist unsere Beschützerin und Lehrerin. Sie beherrscht die Natur. Ihre Magie ist die Mächtigste.«

»Ja, daran kann ich mich erinnern. Ich habe auch darüber in den Schriften gelesen. Ich wusste nur nicht, dass Ahlunah so real ist.«

»Sie hat damals die Führung der Elfen übernommen und begonnen, sie in der Magie zu unterrichten, um gegen den Feind gewappnet zu sein. Alsbald bekam sie Unterstützung durch Areyneah, die Göttin des Krieges. Die Elfen wurden von ihr in der speziellen Magie des Kampfes unterrichtet. Sie brachte den Elfen viele Zauber bei, die den Feind verletzen oder gar töten konnten. Es entspricht zwar nicht dem Naturell der Elfen, andere Intelligenzen zu töten, aber um zu überleben, ließ sich das nicht vermeiden.«

»Wir Elfen wollten den Krieg nicht«, bekräftigte Ta´elga.

»Nein. Wir mussten ums Überleben kämpfen.«

»Der Krieg wurde immer erbitterter geführt, viele von uns wurden verletzt oder getötet, und wir hatten schon einen großen Teil unseres Landes verloren. In den nächsten Jahren, nach dem Erscheinen der ersten zwei Göttinnen, sind auch die anderen nach und nach zu uns gekommen. Es schien so zu sein, dass immer mehr Göttinnen auftauchten, je aussichtsloser der Kampf für die Elfen wurde.«

»War das Zufall?«

»Das wissen wir nicht. Selbst die Göttinnen wissen keine Antwort darauf.«

Ta´elga machte sich ihre Gedanken über das, was sie bisher über den Aufstieg der Elfen und über die Göttinnen gehört hatte. Man konnte meinen, dahinter stecke mehr als nur Schicksal oder bloßer Zufall. Irgendwie erschien ihr das Auftauchen der Göttinnen mehr als nur zufällig, um den drohenden Niedergang der Elfen und damit den Niedergang des Guten zu verhindern. Es schien, als existiere noch eine andere, höhere Macht, die verhindern wollte, dass das Böse die Oberhand gewinnt.

»Schließlich war es die Macht der neun Göttinnen, die den ersten Krieg für uns entschieden hat. Zu Ahlunah und Areyneah gesellten sich noch Leneah, die Göttin des Lernens, Forneah, die Göttin des Wissens, Guneah, die Göttin des Handels, Wilneah, die Göttin der Schriften, Kuneah, die Göttin der Kunst, Resineah, die Göttin des Reisens und Haneah, die Göttin der Heimstatt.«

Der Buchmeister trank wieder einen Schluck des köstlichen Fahrnapfelsaftes und setzte seine Erzählung fort.

»Es war wichtig, dass die Elfen nicht nur die Magie und das Kriegshandwerk beherrschen mussten, sondern dass auch für die normalen Dinge des Lebens gesorgt wurde. Die Göttinnen kümmern sich um sehr weltliche Dinge, für die offiziell der Rat der Neun verantwortlich ist.«

Jetzt wusste es die Ritterin wieder. Mog´ils Erzählung weckte weitere Erinnerungen in ihr. Die Rolle der Göttinnen wurde den Elfen schon von klein auf gelehrt. Sie wussten jedoch nur, dass die Göttinnen magische Wesen waren, deren Magie sehr wohl bis in die Realität reichen konnte. Davon erzählten auch die alten Schriften, und oftmals konnten die einen oder anderen Elfen es selbst erleben. Der Gedanke daran, irgendwann einmal eine Führerin des Elfenvolkes zu sein, erschreckte Ta´elga nun viel weniger.

»Würde Kriegsgöttin zu mir passen?«, dachte sie schon fast fröhlich.

»Ich könnte dir noch viel mehr erzählen, Ta´elga, aber ich glaube, die Zeit wird knapp.«

»Warum wird die Zeit knapp?«

»Der Besucher, der gestern bei mir gewesen ist, war ein Bote. Er hat mir berichtet, dass der Magistrat eine große Streitmacht an unserer Grenze im Norden aufmarschieren lässt. Wir sind gerade dabei unsere Krieger in Richtung Grenze zu beordern. Ich muss mich jetzt darum kümmern.«

»Wird es eine Schlacht geben?«

»Ich fürchte, so ist es. Ahlunah ließ mir mitteilen, dass sie dich so schnell wie möglich in ihrem Tempel sprechen möchte.«

»Dann habe ich wohl keine Wahl. Ich möchte mich nur noch von Se´lira verabschieden.«

»Ich habe nach ihr geschickt, sie kommt gleich. Ich werde dich jetzt verlassen. Ich wünsche dir viel Glück, Ta´elga. Möge Ahlunah dich begleiten.«

Mog´il verbeugte sich.

»Ich danke dir, Mog´il. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.« 

Voller Respekt verbeugte Ta´elga sich vor dem Buchmeister.

 

Mog´il ließ sie allein. Sie ging zur Brüstung der Terrasse und blickte über den Wald. Der Buchmeister hatte sich hier ein friedvolles Refugium geschaffen. Sie wünschte sich, dass es bald überall so friedlich wie hier sein würde. Ta´elga war mehr als bereit, für diesen Frieden zu kämpfen und zu sterben, selbst wenn der Preis dafür war, dass sie nicht aufsteigen konnte.

Sie hing noch einige Zeit ihren Gedanken nach, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Sie drehte sich um und erblickte Se´lira. Sie freute sich, ihre Geliebte endlich wiederzusehen.

»Du musst gehen?«, fragte Mog´ils Assistentin. Ihre Worte klangen enttäuscht.

»Ja, ich möchte mich nur noch von dir verabschieden.«

»Wohin wirst du gehen?«

»Zuerst muss ich mit Ahlunah sprechen. Was danach wird, weiß ich noch nicht. Gerne möchte ich nach Norden, es scheint eine Schlacht zu geben.«

»Du willst kämpfen?«, fragte Se´lira besorgt.

»Ja. Ich spüre tief in mir ein Verlangen.«

»Ein Verlangen, wie du es früher als Sanguenritterin spürtest?«

»Oh nein, es ist anders. Kein Verlangen nach Blut und Tod. Eher der Wunsch, das Böse zu vernichten, vielleicht auch, ein wenig Rache zu üben.«

»Ich verstehe. Ich werde mir große Sorgen um dich machen, Ta´elga. Aber ich wünsche dir viel Glück.«

Sie umarmten sich innig. Ta´elga genoss es, Se´liras Nähe zu spüren. Sie küssten sich noch einmal.

»Ich werde wiederkommen, das verspreche ich dir. Ich werde mit dir und Dar´al unser Kind zeugen.«

»Ich wünsche es mir so sehr. Ahlunah möge dich begleiten, Ta´elga.«

»Danke, Se´lira, meine Gedanken werden bei dir sein.«

Se´lira öffnete ihrer jungen Geliebten das Portal, das sie wieder in die Bibliothek brachte. Sie verließ den Tempel der Schriften und ging zurück zur Herberge, in der sie noch einige Sachen hatte. Sie bezahlte ihre Unterkunft und verließ den Tempel der Reisenden. Ta´elga wandte sich der Brücke zu, die sie direkt zur Sternengöttin bringen würde.

 

Aaghyl  Lagtur

»Ich werde verhindern, dass Aaghyl versagt. Mein Leben und mein Schwert gehören ihm. Manchmal vergisst er das nur.«

(Sinan Eldar, Sanguenritter und Aaghyls Freund)

 

Aaghyl und Sinan Eldar bestiegen wieder ihre Reitdämonen. Sie ritten die Straße entlang, die hinauf zur Ebene führte. Längst hatten sie sich und ihre Kleidung getrocknet. Etwas Magie hielt Regen und Kälte von den beiden Freunden fern.

»Sinan, ich werde an der nächsten Abzweigung die Straße nach Lagtur nehmen. Bevor ich Edderas erreiche, möchte ich dort noch einmal meine Familie besuchen.«

Er hatte bei seiner Reifezeremonie eine Tochter gezeugt und damit eine Regel gebrochen. Normalerweise dürfen junge Elfenmänner bei ihrer Zeremonie keine Frau schwängern. Ihm war es damals gleichgültig gewesen; er hatte sich nur genommen, was ihm seiner Meinung nach zustand. Er hatte sogar versucht, beide Elfenfrauen zu schwängern.

In den vergangenen Jahren hatte er Eefral, wie seine Tochter hieß, nicht oft besucht. Nun verspürte Aaghyl das Verlangen, seine Tochter noch einmal, vielleicht auch zum letzten Mal, zu sehen.

Sinan sah seinen Freund fragend an.

»So kenne ich dich gar nicht, Erhabener. In dir muss mehr vorgehen, als du mir sagen möchtest.«

»Nimm es mir nicht übel. Vieles ist in den letzten Tagen geschehen. Ich muss mir über so einiges klarwerden. Ich hoffe, in meinem Heimatwohnturm finde ich ein paar Antworten.«

Sinan Eldar nickte.

»Vielleicht hast du recht. Ich werde die Gelegenheit nutzen und eine in der Nähe befindliche Menschensiedlung besuchen. Wann und wo treffen wir uns wieder?«

»Die Herrscher haben keinen konkreten Zeitpunkt genannt, zu dem wir in Edderas sein müssen. Ich schlage vor, dass wir uns in drei Tagen am Eingang zum großen Pass treffen.«

Der große Pass führte durch das Blausteingebirge. Irgendwo dort lag der Zugang zu der neuen Festung.

»Einverstanden.«

An der Kreuzung verabschiedeten sich Aaghyl und Sinan Eldar kurz voneinander und ritten ihren Zielen entgegen. Der ehemalige Oberbefehlshaber ritt nach Westen, sein Freund nach Süden, dem Blausteingebirge entgegen. Der Regen wurde stärker und dem Steinelfenmann schlug ein ungewöhnlich kalter Wind entgegen. 

»Ist das vielleicht ein schlechtes Omen?«

 

Trotz seines Zaubers, der ihn vor der Witterung schützte, fröstelte er ein wenig. Undurchdringliche Dunkelheit umgab ihn; das Leuchten des Palastturmes reichte nicht mehr bis hierher. Aaghyl fragte sich, was ihn in seiner Heimat erwarten würde. Wie würde seine Tochter ihn empfangen? Wie die Mütter seiner Tochter? Wie der Rest der Bewohner von Lagtur? Sicher, er war immer noch ein Sanguenritter und gehörte weiterhin zur Führungselite des Magistrats. Die Bewohner Lagturs würden ihm den gebührenden Respekt zollen, aber er wollte mehr als nur das.

Irgendwie spürte der Elfenmann, dass er sich verändert hatte. Er ahnte, dass er nie wieder zu seinem alten Leben zurückkehren würde. Noch bis vor Kurzem war es ihm egal gewesen, was andere über ihn dachten. Er gab die Befehle, die anderen mussten sie befolgen. Aaghyl hatte sich auch nie darum bemüht, eine bessere Beziehung zu Eefral aufzubauen. Zwar hatte er immer dafür gesorgt, dass es ihr, ihrer Mutter und ihrer Patenmutter an nichts fehlte, aber im Grunde blieb er ein Fremder für sie.

Das wollte er mit diesem Besuch in Lagtur ändern. Hätte ihn jemand gefragt, was ihn dazu bewog, hätte er keine Antwort gewusst. Die Zeit mit Ta´elga und Yyehal sowie die verlorene Schlacht von Acceras hatten ihn verändert.

Das Schicksal eines jeden Wesens war vorherbestimmt, so stand es in der Lehre der Herrscher. Aaghyl hatte immer daran geglaubt. Sein Lebensweg lag seit seiner Rekrutierung immer klar vor ihm. Jetzt erkannte er langsam seinen Irrtum. Seine Zukunft lag jetzt im Nebel. Er konnte kaum noch erahnen, welches Schicksal die Herrscher für ihn ausgewählt hatten.

Er musste auch an Yyehals Worte denken. Sie hatte gesagt, dass sie die Lehre für fehlbar hielt, aber gleichzeitig weiterhin an die Herrscher glaubte. Welches Schicksal hatten die Herrscher für ihn vorgesehen? Aaghyl wollte nicht glauben, dass sich hinter alldem kein tieferer Sinn verbergen sollte. 

»Wäre mein Leben andernfalls nicht völlig sinnlos? Mein Streben nach Vollkommenheit nicht vergebens?«

Das konnte nicht sein. Warum sollte er dann weiterleben wollen?

 

Mittlerweile hatte es aufgehört zu regnen und die Wolken hatten sich verzogen. Im Osten ging die Sonne auf. Lagtur war nicht mehr fern. 

Aaghyl ritt jetzt durch die Steinwüste, die er aus seiner Kinder- und Jugendzeit so gut kannte. Hier hatte sich nichts verändert. Hier gab es immer noch viel rostbrauner Sand. Die Steine und Felsen waren immer noch braun, beige, grau, gelb oder weiß. Sie waren die einzigen Farbflecke in dieser Gegend. 

Mittelgroße Steine markierten die Straße. So fiel es jedem Reisenden leicht, auf dem Weg nach Lagtur zu bleiben. Auch wenn die Wüste friedlich schien, barg sie einige Gefahren. Unter der Erde lebten Insekten, groß wie Pferde, die immer auf der Jagd nach etwas Essbaren waren und auch nicht Halt vor Elfen, Menschen oder anderen Wesen machten. Der markierte Weg war mit Magie geschützt, sodass man sich hier sicher bewegen konnte. 

Nicht, dass der Sanguenritter einen Angriff fürchten musste, aber er wollte jetzt nicht kämpfen. Früher war das anders. Hier hatte er viel Zeit verbracht, um die Sandbeißer aus ihren Höhlen zu treiben und seine Fertigkeiten an ihnen zu trainieren. Er hatte sie mit dem Schwert oder dem Messer gejagt, manchmal sogar nur mit seinen bloßen Händen, selten einmal mit einem Zauber. Die hellroten Kopfplatten eines Sandbeißers waren begehrte Trophäen bei den Bewohnern Lagturs.

Aaghyl war ein guter Jäger gewesen und er hatte viele der Kopfplatten nach Hause gebracht. Sie waren sehr nützlich. Aus ihnen konnte man die rote Farbe gewinnen, die in Lagtur sehr beliebt war, oder auch nützliche Gegenstände herstellen. 

Im Licht der aufgehenden Sonne konnte der Steinelfenmann nun den Wohnturm von Lagtur am Horizont sehen. Er selbst hatte in seiner Jugend daran mitgebaut. Der Turm bestand aus den Steinen, die in der umgebenden Wüste gefunden wurden. Die verschiedenfarbigen Steine hatte man beim Bau so platziert, dass sie mit ihren verschiedenen braunen, gelben, weißen, grauen und beigen Farbtönen ein buntes Muster ergaben. 

Aaghyl hielt seinen Reitdämon an und ließ seinen Blick umherschweifen. Die ansteigende Wärme der Sonne ließ die Feuchtigkeit des Bodens als leichte Dampfwolken aufsteigen. Das Licht des frühen Morgens, der klare blaue Himmel, die Farben der Wüste und die aufsteigende Feuchtigkeit erzeugten, mit dem Turm von Lagtur im Hintergrund, ein unwirkliches und zugleich farbenprächtiges Bild. 

»So hätte Ta´elga diese Landschaft wahrscheinlich beschrieben.«

Er hingegen sah nur den Turm, die Steine und den Sand. Er empfand die Wüste weder als schön noch als hässlich. Die junge Elfenfrau hatte immer einen anderen Blick auf die Welt gehabt. Das hatte ihren besonderen Charme ausgemacht. Das hatte Ta´elga einzigartig für ihn gemacht. Oft hatte sie versucht, ihm ihre Sichtweise zu vermitteln, doch Aaghyl war nie dazu fähig gewesen.

Der Steinelfenmann ritt langsam weiter, vorbei an den steinernen Auffangbecken, in denen das kostbare Regenwasser gespeichert wurde. Sie waren in regelmäßigen Abständen rund um die Oase Lagtur gebaut worden. So wurde die Wasserversorgung für die Bewohner sichergestellt. Der kleine Bach, der unmittelbar am Wohnturm vorbeifloss, versiegte im Sommer, so dass die Steinelfen in Lagtur sich nur aus den Regenbecken mit Wasser versorgen konnten. Diese lebenswichtigen Reservoire wurden mit Magie geschützt, sodass sich keine wilden Tiere oder Unbefugte an dem Wasser bedienen konnten. 

Aaghyl erreichte den Rand der Oase. Hier begann der spärliche Graswuchs, der in der gesamten Oase auch nicht üppiger wurde. Außer ein paar Gesträuchen und wenige niedrige Bäume gab es hier keine anderen natürlich wachsenden Pflanzen. Auf den wenigen Feldern rund um den Wohnturm sah er die für alle Oasen im Magistrat typischen Gewächse, deren Wurzeln essbar waren, und die fast die einzige Nahrungsquelle für die Steinelfen darstellten. Aus ihnen wurde auch der Nahrungsbrei gewonnen, der überall im Magistrat gegessen wurde.

»Dieses karge Leben, der alltägliche Kampf um Wasser und Nahrung, könnte jetzt vorbei sein, wenn ich nicht versagt, wenn ich den Verrat hätte verhindern können.«, dachte Aaghyl schuldbewusst.

 

Er konnte jetzt die ersten Steinelfen sehen, die sein Kommen bemerkt hatten und erwartungsvoll in seine Richtung sahen. Seine Tochter Eefral war nicht unter ihnen. Der Ritter erreichte den kleinen Platz vor dem Eingang des Turmes. Er ließ seinen Reitdämon verschwinden, die wartenden Elfen ließen sich auf ihre Knie fallen. Aaghyl schaute in die Runde. Er kannte jedes Gesicht, in das er blickte.

Oohlyl, ein alter Steinelf, verließ den Wohnturm und betrat den Platz. Er war der Turmmeister von Lagtur. In Wohntürmen, die keinen eigenen Protektor hatten, waren die Turmmeister die Führer der Bewohner. Oohlyl ging auf den ehemaligen Lord zu. Der Turmmeister erreichte ihn und kniete sich vor ihm hin.

»Die Herrscher gestalten den Tag, Erhabener«, begrüßte er Aaghyl demütig.

Der Sanguenritter ergriff einen Oberarm des alten Steinelfenmannes und half ihm beim Aufstehen. Plötzlich war ihm diese im Magistrat übliche Ehrbezeugung unangenehm. Obwohl er schon früher mehrmals hier gewesen war und er jedes Mal auf diese Weise begrüßt worden war, schien ihm das jetzt nicht mehr angemessen. Er gab auch den anderen Elfen auf dem Platz ein Zeichen, sich zu erheben.

»Ich verstehe nicht, Erhabener«, sagte Oohlyl und sah Aaghyl fragend an.

»Ich komme nicht als ein Führer des Magistrats. Ich bin auch nicht mehr der Oberbefehlshaber der Armeen und ein Lord des Magistrats. Heute komme ich als Sohn Lagturs hierher.«

»Wir haben natürlich von deiner Niederlage bei Acceras gehört. Schlechte Nachrichten verbreiten sich eben schnell. Wir haben nicht damit gerechnet, dass wir dich jemals wiedersehen.«

»Und ich habe nicht damit gerechnet, dass ich jemals wieder hier sein werde.«

»Dann sei willkommen, Aaghyl, Sohn von Lagtur. Ich möchte dich einladen, mit uns zu frühstücken.«

 

Aaghyl war hungrig und nahm die Einladung gerne an. In Lagtur war es üblich, dass die Bewohner gemeinsam ihre Mahlzeiten einnahmen. Dazu gab es in der Eingangshalle einen großen Speisesaal, mit mehreren Tischen aus Stein, in dem alle Steinelfen des Turms Platz fanden. An der Seite Oohlyls betrat er den schmucklosen Saal. Als die anderen Steinelfen sahen, wer da an der Seite ihres Oberhauptes den Speisesaal betrat, wollten sie den hohen Führer entsprechend begrüßen. Aaghyl hob in einer beschwichtigenden Geste seine beiden Arme.

»Bitte nicht. Heute bin ich als einer von euch hier.«

Die Elfen sahen Oohlyl fragend an.

»Es stimmt. Aaghyl ist nicht als Repräsentant der Herrscher hier. Er möchte lediglich seine Familie besuchen.«

Der Ritter ließ seinen Blick inzwischen durch den großen Raum schweifen. An einem der Tische entdeckte er seine Tochter Eefral, ihre Mutter Aasaly und ihre Patenmutter Rresyna. Die drei Frauen ließen sich nicht anmerken, wie sie die Ankunft des Sanguenritters aufnahmen. Alle Plätze rund um ihren Tisch waren besetzt, sodass Aaghyl sich nicht zu ihnen setzen konnte. Er war sicher, dass man ihm Platz machen würde, wenn er darauf bestanden hätte, aber so wollte er heute nicht auftreten. Oohlyl führte ihn zu einem Tisch, an dem noch einige Stühle frei waren. Die anwesenden Steinelfen wagten es kaum, den ehemaligen Oberbefehlshaber anzusehen. Aaghyl konnte die Unsicherheit, die hier alle befallen hatte, regelrecht spüren. Für die Bewohner war es mehr als befremdlich, dass sie den Mann, der sich bei früheren Besuchen immer als selbstherrlicher und arroganter Lord des Magistrats aufgeführt hatte, jetzt als einen aus ihrer Mitte behandeln sollten.

Inzwischen waren im Saal alle Bewohner Lagturs zugegen. Normalerweise ging es hier lauter und lebhafter zu, jetzt schienen alle sich nur auf ihr Essen zu konzentrieren. Ab und zu warfen die Steinelfen mal einen verstohlenen Blick auf Aaghyl. Der ehemalige Lord fühlte sich zum ersten Mal in seinem Leben hier, in seinem Heimatwohnturm, unbehaglich. Es war wohl an der Zeit ein paar klärende Worte an die Wesen zu richten, mit denen er aufgewachsen war, die ihn behütet und geleitet hatten, die auch in gewisser Weise seine Familie waren. Schließlich war Lagtur seine Heimat und ohne diese Steinelfen, die ihm jetzt ängstlich hier gegenübersaßen, wäre er nie das geworden, was er heute war. Er wandte sich an den Anführer von Lagtur.

»Oohlyl, mit deiner Erlaubnis möchte ich ein paar Worte sagen.«

Der alte Steinelf sah Aaghyl verwundert an. Es war ungewöhnlich, dass hochgestellte Personen höflich nachfragten. Oohlyl erhob sich von seinem Platz und bat um Ruhe. Auch Aaghyl stand jetzt auf und blickte die anderen Steinelfen an. Er suchte nach Worten.

»Ihr kennt mich alle und ihr wisst, was geschehen ist«, begann er.

Seine Stimme hallte durch den großen Raum. Die Elfen schauten ihn erwartungsvoll an. Der ehemalige Lord musste seine Worte mit Bedacht wählen. Er musste davon ausgehen, dass die Bewohner den Herrschern treu ergeben waren und an die Unfehlbarkeit der Lehre glaubten. Mit keiner Silbe, mit keiner Geste durfte Aaghyl seine Zweifel kundtun.

»Ich bin hier, um euch um Verzeihung zu bitten. Ich erbitte eure Vergebung, weil ich die Schlacht um Acceras verloren habe.«

Er konnte die Verwunderung bei den Elfen sehen. Hohe Führer des Magistrats entschuldigten sich selten für irgendetwas. Er fuhr fort.

»Ich konnte unser Leid und unsere Not nicht beenden. Es spielt auch keine Rolle, dass ich verraten worden bin. Meine Schuld und mein Versagen bestehen darin, dass ich den Verräter nicht erkannt habe, sodass er seine schändliche Tat vollenden konnte. Die Herrscher haben mich dafür bestraft, aber sie haben mir auch eine zweite Chance gegeben. Ich bin auf dem Weg in das Blausteingebirge. Von dort aus werde ich den Verräter aufspüren und töten. So lautet der Auftrag, den mir die Herrscher gaben. Erfülle ich ihn, ist meine Strafe erlassen und meine Ehre wiederhergestellt. Andernfalls ist mein Leben verwirkt.«

Aaghyl machte eine Pause und blickte in die schweigenden Gesichter. Er konnte keine Gefühlsregungen in ihnen erkennen. Das war auch verständlich, denn die Lehre verbot das Zeigen von Emotionen, besonders in Gegenwart eines hohen Führers des Magistrats. Es wäre auch nicht ratsam gewesen. In der Vergangenheit war es schon öfter vorgekommen, dass ein Bewohner Lagturs für die allzu offensichtliche Zurschaustellung von Gefühlen zumindest scharf zurechtgewiesen wurde.

»Bevor ich mich aber auf die Jagd nach dem Verräter mache, möchte ich noch mit meiner Tochter sprechen. Sie ist die einzige Blutsverwandte, die mir geblieben ist und ihr künftiges Schicksal hängt mit meinem Erfolg, aber auch mit meinem Versagen zusammen und eures auch. Versage ich, kann ich weder meine Tochter noch euch weiter unterstützen.«

Aaghyl hatte in der Vergangenheit immer wieder Nahrungsmittel nach Lagtur gesandt, die von den Raubzügen in die Gebiete der Union stammten. Nahrung und Wasser waren knappe Güter im Magistrat und jeder, der konnte, unterstützte seine Familie mit den lebensnotwendigen Dingen. 

Aaghyls Eltern und seine Patenmutter waren vor Jahren den Sandbeißern zum Opfer gefallen, und zu Eefral hatte er keine Vater-Tochter-Beziehung. Die Steinelfen von Lagtur waren die einzigen Wesen außer Sinan Eldar, die ihm nahestanden. Ihm war es immer wichtig gewesen, dass es Eefral und ihren Müttern gut ging.

»Ich möchte euch bitten, mich nicht als den Sanguenritter und Führer zu sehen, sondern als einen von euch, der nur seine Familie und seine Freunde besuchen kommt.«

Er setzte sich wieder. Oohlyl nickte ihm beifällig zu.

»Dann sei uns willkommen, Aaghyl. Lass uns jetzt frühstücken.«

 

Die Anwesenden wandten sich wieder ihrem Essen zu, welches aus Wurzeln und ein paar Früchten bestand und beachteten Aaghyl nicht weiter. Nur Eefral blickte hin und wieder zu ihrem Vater. Sie wusste nicht, was sie von der Erklärung ihres Vaters halten sollte. Sie schaute zu ihren Müttern, doch ihnen war keine Gefühlsregung anzusehen.

»Was soll ich tun, wenn er mit mir sprechen möchte, wie soll ich mich verhalten?«, fragte sie leise.

»Ich kann dir keinen Rat geben. Ich kenne Aaghyl nicht mehr. Schon lange ist er nicht mehr der unbekümmerte Steinelf von einst«, antwortete Aasaly.

»Sei einfach du selbst. Trete ihm ohne Vorbehalte gegenüber, beantworte alle seine Fragen ehrlich und denke immer daran, dass er sich von der Lehre leiten lässt«, fügte Rresyna hinzu.

»Es ist schon seltsam, dass Aaghyl nach so langer Zeit den Wunsch hat, mir ein Vater zu sein. Bisher ist er mir gegenüber immer mehr der Befehlshaber des Magistrats gewesen als mein Vater. Ich habe nie wahrgenommen, dass er mehr sein möchte und ich habe mich auch nie als seine Tochter gesehen.«

»Du musst selbst entscheiden, wie du mit ihm künftig umgehen möchtest«, sagte Aasaly.

Alle drei widmeten sich wieder ihrem Frühstück. 

Die Elfen, die mit Aaghyl am selben Tisch saßen, hatten ihre Zurückhaltung ihm gegenüber etwas abgelegt. Einige stellten Fragen über die verlorene Schlacht bei Acceras, andere wollten etwas über seine Pläne wissen, die Edderas und die Jagd nach dem Verräter betrafen. Aaghyl beantwortete die Fragen so ausführlich wie nur möglich. Zum ersten Mal seit vielen Jahren sprach er mit den Steinelfen von Lagtur so, wie er es vor seiner Rekrutierung immer getan hatte. Er fühlte sich in diesem Moment frei und ohne Sorgen. Die Bürde eines Führers und Befehlshabers des Magistrats war in diesem Augenblick von ihm gewichen. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit fühlte er sich einfach nur als Aaghyl, ein Steinelf aus Lagtur.

Die meisten Steinelfen hatten ihr Frühstück beendet und verließen den Speisesaal, um ihr Tagwerk zu beginnen. Das Leben in einer Oase war hart und entbehrungsreich. Jeder Tropfen Wasser, jede Frucht, jedes Stückchen Fleisch musste der Wüste abgerungen werden. In Lagtur gab es nur wenig Vergnügen und noch weniger Freizeit, dafür aber viel Arbeit. Aaghyls Lieferungen hatten immer etwas Abwechslung in die ansonsten eintönige Küche Lagturs gebracht. 

Der Ritter erhob sich von seinem Platz und ging auf den Tisch zu, an dem Eefral, Aasaly und Rresyna saßen. Die drei Elfenfrauen waren jetzt allein und wollten sich gerade erheben, als Aaghyl ihren Tisch erreichte.

»Bitte bleibt noch. Ich möchte mit euch reden«, bat er die drei Frauen.

»Wie du wünschst, Erhabener«, antwortete Rresyna und sah ihn argwöhnisch an.

Aaghyl ignorierte die Anrede von Eefrals Patenmutter. Sie hatte ihn schon früher gerne mal provoziert und er glaubte, dass sie das mit dieser Form der Anrede wieder wollte. Der Steinelfenmann setzte sich auf einen freien Stuhl und sah die Frauen nacheinander an. 

Aasaly, Rresyna und er waren gemeinsam aufgewachsen. Aasaly, die Mutter Eefrals, war eine hochgewachsene und sehr zierliche Elfenfrau, die ihr sandbraunes Haar schulterlang trug. Rresyna, die Patenmutter seiner Tochter, war etwa einen Kopf kleiner als Aasaly. Sie war eine kräftige und muskulöse Elfenfrau, die ihr blaugrün gesträhntes Haar in viele kleine Zöpfe geflochten hatte. 

Sein Blick erreichte seine Tochter. Eefral hatte die Figur ihrer Mutter und war sogar ein Stück größer als sie. Aaghyls Tochter hatte langes weißes Haar, welches sie nach hinten zusammengebunden trug. Das Bemerkenswerteste an Eefral waren aber ihre Augen, fand er. Sie waren tiefblau und strahlten, wie er es zuvor nur bei Taelga gesehen hatte. Aaghyl wurde plötzlich bewusst, was er an der Elfenfrau so sehr gemocht hatte. Es waren ihre Augen gewesen, die ihn immer an seine Tochter erinnert hatten. 

»Fühlte ich mich zu Taelga hingezogen, weil sie mich unbewusst an Eefral erinnert hat?«

Je länger er seine Tochter ansah, umso deutlicher wurde ihm die Ähnlichkeit zwischen Taelga und seiner Tochter bewusst. Eefral war ein paar Jahre älter als die Ritterin. Seine Tochter war jetzt einhundertsechsundsiebzig Jahre alt und damit sechsundsechzig Jahre älter als seine Schülerin. In den Augen der Elfen ist das nur ein geringer Altersunterschied, im Gegensatz zu den Menschen und den anderen Völkern auf dieser Welt. 

Aaghyl begann, zu den drei Frauen zu sprechen.

»In den letzten Wochen ist viel geschehen. Ich habe erkannt, dass ich einige Fehler gemacht habe. Oh nein, ich meine nicht nur, dass ich eine kriegsentscheidende Schlacht verloren habe. Ich habe auch eine mir teure Gefährtin in diesem Kampf verloren. Sie sah dir sehr ähnlich, Eefral. Ich meine, dass ich es in der jüngsten Vergangenheit vermieden habe, euch als meine Familie zu sehen. Ich habe erkannt, dass ich mein künftiges Leben, sofern die Herrscher für mich noch ein Leben in der Zukunft vorgesehen haben, ändern möchte. Deshalb bin ich nun hier. Ich möchte den Elfen nahe sein, die mir am wichtigsten sind. Ich möchte euch wieder nahe sein. Ich kann natürlich nicht erwarten, dass ihr, Aasaly und Rresyna, das überhaupt wollt. Ich kann auch nicht erwarten, dass du, Eefral, mich als deinen Vater akzeptierst, aber ich hoffe, eines Tages wirst du es.«

Aaghyl senkte seinen Kopf und sprach leise weiter:

»Ich bitte euch nur um eine Chance, so wie mir auch unsere Herrscher eine Chance gegeben haben.«

 

Die drei Steinelfenfrauen sahen sich überrascht an. Keine von ihnen hätte mit einem solchen Geständnis gerechnet. Es musste viel geschehen sein seit seinem letzten Besuch, dass er sich so grundlegend verändert hatte.

»In den vergangenen Jahren hast du immer für uns gesorgt. Wie könnten wir dir deinen Wunsch verweigern, wenn doch unser aller Schicksal in den Händen unserer Herrscher liegt«, sagte Aasaly.

Sie schwieg und sah Rresyna auffordernd an.

»Wir haben uns immer gewünscht, dass du in der Vergangenheit weniger als der Lord und Oberbefehlshaber zu uns gekommen wärst, sondern mehr als Eefrals Vater und unser Freund und Jugendgefährte. Auch wenn die Zeugung unserer Tochter gegen alle Regeln verstieß, hat Eefral uns große Freude in unser Leben gebracht«, sagte Eefrals Patenmutter lächelnd.

Jetzt war Eefral an der Reihe. Sie sah ihrem Vater in die Augen.

»Ich hatte mir immer einen Vater gewünscht, der jederzeit für mich da ist, der mich leitet und lehrt. Das warst du nie für mich. Dennoch war ich immer insgeheim stolz darauf, dass ich deine Tochter bin. Die Tochter eines großen Kriegers, der für uns alle in die Schlacht zieht, um unsere Not zu beenden. Und nun bist du hier und ich möchte dir helfen.«

Aaghyl hatte nicht damit gerechnet, dass die drei Steinelfenfrauen ihn so freundlich aufnehmen würden. Sie hatten natürlich recht. Wenn er früher hierherkam, hatte er immer die demütige Haltung der Bewohner Lagturs genossen. Ihm war es egal gewesen, wie sie darüber dachten. Es war Normalität im Magistrat. In diesem Moment bedauerte er sein damaliges Verhalten. 

»Würde ich mich immer noch so verhalten, wenn ich siegreich gewesen wäre?«

Ja, natürlich. Sein Ego wäre ins Unermessliche gestiegen, daran hätte auch ein Gefühlsweber nicht viel ändern können. Aber das Schicksal wollte es anders und die Herrscher hatten ihn auf diese Reise geschickt, mit welcher Absicht auch immer. Also fügte er sich und folgte dem Weg, den sie für ihn vorgesehen hatten. Am Ende würde sich zeigen, warum dies alles so geschehen musste.

»Ich bin sehr erleichtert darüber, dass ihr das so seht. Selbst wenn ich erneut versagen werde und dann meine restliche Existenz als Untoter verbringen muss, geschieht das in dem Bewusstsein, dass ich eine Familie habe.«

»Wie lange wirst du in Lagtur bleiben?«, fragte Eefral, ohne auf die Bemerkung ihres Vaters einzugehen.

»Schon übermorgen Mittag werde ich in Richtung des Blausteingebirges aufbrechen. Ich bin dort mit Sinan Eldar verabredet. Wir treffen uns am Eingang zum großen Pass.«

»Schon so bald, ich hatte gehofft, du bleibst länger«, sagte seine Tochter.

Aaghyl glaubte, Enttäuschung aus ihrer Stimme zu hören.

»Ich darf nicht zu viel Zeit verlieren. Der Verräter treibt sich bei Miad´rhor herum.«

»Wo liegt dieses Miad´rhor?«, fragte Eefral.

»Das ist eine Stadt im Reich der Waldelfen. Dort hat die Union ihre Truppen stationiert, um sich für eine Schlacht gegen uns vorzubereiten.«

Aasaly unterbrach diese Unterhaltung.

»Verzeih, Aaghyl, ich würde mich gerne noch weiter mit dir unterhalten und Rresyna und Eefral geht es mit Sicherheit genauso. Aber du weißt, unser Leben hier ist schwer und arbeitsreich. Wir müssen mit unserer Arbeit beginnen. Rresyna und Eefral werden heute ein Wasserbecken reparieren und ich muss mich um ein paar Pflanzen kümmern, die Früchte tragen.«

»Ja, das verstehe ich. Ich werde euch helfen, wenn es recht ist.«

»Gerne, wir können jede Hand und jeden Zauber gebrauchen«, sagte Aasaly erstaunt und erfreut zugleich.

»Dann werde ich dich begleiten, Aasaly, wenn du nichts dagegen hast.«

»Nein, natürlich nicht. Im Gegenteil.«

 

Die vier Steinelfen verließen den Wohnturm. Eefral und Rresyna wandten sich nach Osten, wo das reparaturbedürftige Regenbecken in einiger Entfernung von Lagtur lag. Im Osten gab es viele Sandbeißerbauten und Aasaly bat die beiden Frauen, besonders vorsichtig zu sein. Aaghyl und Aasaly folgten dem Weg, der nach Süden führte. Unweit von Lagtur hatten die Bewohner kleine Felder mit verschiedenen Pflanzen angelegt.

Nach kurzer Zeit erreichten die beiden ein Feld, das mit den Büschen bepflanzt war, an denen unzählige gelbe Laubbeeren wuchsen. Der süßliche Duft der Früchte hing in der Luft. Aaghyl ließ seinen Blick über das Feld schweifen.

»Was musst du hier tun?«

Aasaly musste lächeln, sie sah ihn an.

»Du hast scheinbar in all den Jahren so einiges vergessen. Bis zu deiner Reifezeremonie hast du mir bei der Pflege der Pflanzen und bei der Ernte der Früchte oft geholfen. Du warst gerne mit mir zusammen.«

Sie senkte ihren Blick und fuhr fort:

»Und ich auch mit dir. Für mich war schon lange vor deiner Zeremonie klar, dass ich mehr sein wollte als nur deine Zeremoniepatin. Deshalb war ich eigentlich gar nicht so über deine Tat entsetzt, wie ich es hätte sein müssen.«

Sie sah Aaghyl wieder in die Augen.

»Und Eefral ist uns gut gelungen, findest du nicht?« 

»Ja, das ist sie und heute weiß ich erst, dass es ein Fehler war, mich nicht mehr um sie zu kümmern. Es war falsch, dass ich es nicht so wichtig fand, ihr ein Vater zu sein.«

»Es ist nie zu spät. Du kannst es noch werden. Die Wege der Herrscher bleiben uns immer verborgen. Sie haben schon alles vorherbestimmt, was geschehen wird.«

»Ich hoffe, dass die Herrscher diesen Weg für mich bestimmt haben.«

»Das hoffe ich auch, Aaghyl, das hoffe ich auch.«

 

»Hilfst du mir bei der Ernte der Laubbeeren?«

»Gerne, lass uns anfangen«, antwortete er fröhlich.

Die Laubbeerenbüsche waren etwa elfenhoch und in Reihen gepflanzt. Zwischen den Reihen waren schmale Gänge angelegt, sodass man die Beeren gut erreichen konnte. 

Die beiden Elfen gingen von Busch zu Busch. Jede einzelne Laubbeere musste genau auf ihren Reifezustand geprüft werden. Früchte, die vor ihrer Reife gepflückt wurden, waren nicht mehr zu gebrauchen. Sie wurden ungenießbar. 

An jedem Busch hingen Tausende dieser schmackhaften Beeren. Es dauerte entsprechend lange, die reifen Früchte zu finden und zu ernten. Die beiden Steinelfen legten die gepflückten Laubbeeren vorsichtig in die überall bereitgestellten Behälter. Diese wurden mithilfe eines Steinzaubers aus Sand hergestellt. Durch die Magie wurde der Sand in die entsprechende Form gebracht. Sie waren sehr leicht, aber auch sehr stabil. Aaghyl hatte früher viele ähnliche Behälter hergestellt.

Der Sanguenritter konzentrierte sich ganz darauf, die reifen Beeren zu finden und zu pflücken. Alles andere war vergessen. Aaghyl fühlte sich wieder so, wie er sich als junger Steinelf gefühlt hatte. 

Viele Stunden waren bereits vergangen. Es war früher Nachmittag, als Aasaly vorschlug, die Arbeit für heute zu beenden. Normalerweise wurden die gefüllten Behälter gegen Abend von anderen Elfen abgeholt und in den Wohnturm gebracht.

»Ich kann die gepflückten Beeren sofort mitnehmen, wenn du willst,« schlug Aaghyl vor.

Aasaly sah sich um, bevor sie antwortete.

»Wie willst du das machen? Wir haben viele Behälter gefüllt. Sie alle gleichzeitig zu transportieren, dürfte selbst deine Kräfte übersteigen«, antwortete sie abschätzend.

»Ich habe während meiner Ausbildung zum Krieger hin und wieder auch mal nützliche Zauber erlernt«, sagte der Steinelfenmann ironisch.

Er wandte seinen Transportzauber an, welchen er auch nutzte, um seine übliche Ausrüstung zu tragen. Die Behälter mit den Laubbeeren verschwanden. Er zeigte in Richtung des Turmes.

»Fertig, wir können gehen.« 

Aaghyl bemühte sich, dabei einen möglichst gleichgültigen Gesichtsausdruck zu machen.

Die Elfenfrau musste ein Lachen unterdrücken. Sie sah zu der Stelle hin, an der die Behälter gestanden hatten.

»Du bist zu mehr zu gebrauchen, als ich vermutet hätte. Dann lass uns gehen«, sagte sie gut gelaunt. 

 

Bald erreichten sie den Wohnturm von Lagtur. Ein Elfenjunge kam ihnen aufgeregt entgegengerannt.

»Wer ist das, Aasaly?«

»Das ist mein Patensohn Nnymel, so habe ich ihn noch nie gesehen. Komm!«

Die Beiden liefen ihm ein Stück entgegen und erreichten den Jungen, der völlig außer Atem war.

»Langsam, Nnymel, langsam. Was ist los?«

Der junge Steinelf rang nach Atem, er brachte die Worte kaum heraus.

»Es ist was Schreckliches geschehen. Dort am Wasserbecken.« 

Er zeigte nach Osten. Aasaly fasste Nnymel an seinen Schultern.

»Was ist passiert?«

»Ich weiß es nicht genau. Ich spürte nur große Angst. Ein Trupp ist schon dorthin unterwegs«, sagte er und rang immer noch nach Atem.

Aasaly sah Aaghyl an.

»Am östlichen Wasserbecken befinden sich Rresyna und Eefral. Sie müssen in Gefahr sein.«

»Woher weiß der Junge das?«

»Nnymel wird zum Gefühlsweber ausgebildet. Er beherrscht die Gefühlsmagie.«

»Dann darf ich nicht zögern. Ich werde sofort dorthin reiten«, sagte der Ritter entschlossen.

 

Aaghyl ließ die Laubbeerenbehälter und seinen Reitdämon gleichzeitig erscheinen, dann wandte er seinen Rüstungszauber an. Jetzt war er wieder der Sanguenritter, der nach Blut und Tod lechzte. Er saß auf, nickte den beiden Elfen kurz zu und raste in Richtung Osten davon. Schnell erreichte er das östliche Regenreservoir, wo Aaghyl auf die Steinelfen traf, die kurz zuvor dem Alarmruf Nnymels gefolgt waren. 

Das steinerne Becken war kreisrund und in den Boden eingelassen. Die Reservoire wurden mittels Steinmagie gebaut und gewartet. Aaghyl selbst hatte vor vielen Jahren an diesem Wasserbecken mitgebaut. Es befand sich kein Wasser in dem Reservoir. Er konnte im Boden des Beckens, direkt an der Beckenwand, ein großes Loch entdecken. Der Ritter sah Überreste von einigen Sandbeißern. Hier musste ein fürchterlicher Kampf stattgefunden haben. Die Spuren, die er hier sah, waren unübersehbar.

Als die Elfen den Sanguenritter bemerkten, kamen sie auf Aaghyl zu. Zzohen, ein mittelalter Steinelf mit leuchtend grünen Haaren, die er als langen Zopf trug, begann zu sprechen.

»Den Herrschern sei Dank, dass sie dich gerade jetzt nach Lagtur schickten. Wir haben alles abgesucht, doch haben wir Rresyna und Eefral nicht gefunden. Alles deutet daraufhin, dass sie von den Sandbeißern überfallen wurden. Es tut mir leid, Aaghyl.«

Die großen Insekten töteten ihre Beute nicht sofort, sie versprühten ein Betäubungsgift. Sie brachten dann die bewusstlosen Opfer in ihren Bau, wo sie in Kokons verpackt wurden, damit auch der Nachwuchs der Sandbeißer mit Nahrung versorgt werden konnte. Sandbeißer verspeisten ihre Beute in kleinen Portionen, während diese noch lebten. Wahrlich kein schöner Tod. 

Wortlos stieg der Sanguenritter von seinem Reitdämon ab und ließ ihn verschwinden. Dann sprang er in das Auffangbecken und untersuchte das Loch im Boden. Aaghyl erkannte, dass es nicht zufällig entstanden war. Irgendwie war es den Insekten gelungen, den Schutzzauber, den das Reservoir umgeben hatte, zu durchbrechen. Es war ihnen gelungen, das vorhandene Wasser in ihren Bau zu leiten.

»Hier haben die Sandbeißer einen Gang gegraben. Ich werde ihm folgen und Eefral und Rresyna zurückbringen«, rief er den am Beckenrand stehenden Steinelfen zu.

 

Ohne eine Antwort abzuwarten, zog Aaghyl sein Elementumschwert und betrat den Gang, der steil abwärtsführte. Der Sanguenritter konnte in dem Tunnel nicht ganz aufrecht gehen, sodass er nicht so schnell vorankam, wie er sich das wünschte. Nur das blaue Leuchten, das von seinem Schwert ausging, erhellte den Gang. Er machte sich große Sorgen, um die zwei Elfenfrauen. Er hoffte, dass er Eefral und Rresyna rechtzeitig finden würde, bevor sie schwer verletzt waren oder Schlimmeres. 

Der Tunnel war jetzt nicht mehr ganz so steil, und Aaghyl kam schneller voran. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Geschehen. Die Insekten mussten lange geplant haben, das östliche Wasserreservoir Lagturs zu überfallen. Einen Gang von solcher Länge gräbt man nicht in kurzer Zeit. Es war sicherlich ein unglücklicher Zufall, dass Eefral und Rresyna in dem Moment am Auffangbecken eintrafen, als die Sandbeißer den Tunnel fertigstellten.

Aaghyl erreichte das Ende des Ganges und betrat eine kleine Höhle. Er sah mehrere Eingänge zu weiteren Tunneln. Er erinnerte sich daran, dass Sandbeißer gern solche Abzweigungen bauten, um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. Entweder führten solche Eingänge in Blindtunnel oder in geschickt getarnte Fallen. Nicht, dass er solche Fallen fürchten müsste. Der Macht eines Sanguenritters hatten die Insekten nichts Ernsthaftes entgegenzusetzen. Blindtunnel und Fallen würden ihn aber wertvolle Zeit kosten.

Der Steinelfenmann stellte sich in die Mitte der Höhle und setzte alle seine Sinne und seinen Weitsichtzauber ein. Nach einigen Minuten war er sich sicher, dass der rechte Tunneleingang der richtige Weg war. Dieser Gang führte weiter abwärts und schlängelte sich durch das Erdreich. Er war höher als der erste Tunnel, sodass Aaghyl jetzt mit höchstmöglicher Geschwindigkeit vorankam. Ein Sanguenritter konnte sich selbst in voller Montur und ohne seinen Reitdämon beeindruckend schnell fortbewegen. Nach einiger Zeit, nachdem er eine Rechtsbiegung passiert hatte, konnte er das Ende des Ganges sehen. Dort erhellte ein gelbliches Licht den Bereich des Ausgangs.

 

Vorsichtig näherte sich Aaghyl dem Ende des Tunnels. Er nahm sein Elementumschwert in beide Hände. Er spürte, wie das Verlangen nach Blut und Tod seinen Körper durchströmte. Nichts konnte den Sanguenritter jetzt noch daran hindern, die Vernichtung über seine Feinde zu bringen. 

Vom Ende des Ganges blickte er in eine riesige Höhle, die von dem gelblichen Licht durchdrungen wurde, ohne dass eine Quelle dafür sichtbar war. Das war der Hauptbau der Sandbeißer. Der Tunnel, durch den der Sanguenritter den Bau erreicht hatte, endete auf einer Rampe, die sich spiralförmig an der Höhlenwand fortsetzte und nach unten führte. Aaghyl stand fast am höchsten Punkt der Rampe. Von hier aus hatte er einen ausgezeichneten Überblick über die gesamte Höhle. Auf der gesamten Länge der Spirale waren Eingänge in die Höhlenwand eingelassen. Sie führten in andere Gänge oder Nebenhöhlen des Insektenbaus. Er konnte sehen, wie zahlreiche Sandbeißer aus ihnen herauskamen oder in ihnen verschwanden. Der Ritter ging vorsichtig bis an den Rand der Spirale, bis er den tief unter sich liegenden Höhlenboden sah. Dort unten wimmelte es geradezu von den großen, rot-schwarzen Insekten. Bis hier oben hin konnte der Sanguenritter die Laute der Sandbeißer wahrnehmen, die hauptsächlich aus lautem, hellem Pfeifen bestanden. Diese Geräuschkulisse und der infernalische Gestank, der in dem Bau vorherrschte, machten den Aufenthalt hier unerträglich. Er hoffte, dass die beiden Frauen immer noch bewusstlos waren und von alldem nichts mitbekamen. Aaghyl ging langsam und vorsichtig die Rampe hinunter. 

Er wusste von seinen früheren Jagden her, dass die Sandbeißer ihre Larven in den unteren Bereichen ihrer Höhlen unterbrachten. Es würde schwierig werden, Eefral und Rresyna dort herauszuholen. 

 

In diesem Bau gab es Hunderte dieser sechsbeinigen Insekten. Ihr schwarzer Panzer und die roten Kopfplatten schützten sie hervorragend vor Angriffen. Vorn an den Seiten ihrer Köpfe befanden sich große Beißzangen, die jeden Gegenstand mühelos zerbeißen konnten. Ihr Betäubungsgift machte es zudem sehr riskant, sich den Sandbeißern zu nähern. Sie waren sehr wendig und konnten jeden Angreifer mit diesem Gift, das sie durch kleine Drüsen am Körperende versprühten, betäuben. Den Sandbeißern musste man sich immer von vorne oder von oben nähern und ihnen so schnell wie möglich die langen, dünnen Fühler vom Kopf schneiden oder reißen. Dann waren sie völlig orientierungslos und leicht zu besiegen.

Auf seinen früheren Jagden hatte Aaghyl oft stundenlang auf einem größeren Felsen gehockt und gewartet, bis einer der Sandbeißer sich aus seinem Bau heraus traute. Dann war er auf seinen Rücken gesprungen, hatte so schnell wie möglich die Fühler ergriffen und sie herausgerissen. Der Rest war einfach. 

Aaghyl musste zusehen, dass ihn so wenige Sandbeißer wie möglich gleichzeitig angreifen konnten. Er kam dem Höhlenboden immer näher; kein Insekt hatte ihn bis jetzt bemerkt. Er setzte wieder seinen Weitsichtzauber ein, aber bisher hatte der Sanguenritter noch keine Spur von den Steinelfenfrauen entdeckt. Er musste die Kammern finden, in denen die Sandbeißer die Kokons mit ihrer Beute unterbrachten. Er wusste, dass sie dort waren, wo sich der Sandbeißernachwuchs befand.

Aaghyl hörte das typische, kratzende Geräusch hinter sich, das die Insekten verursachten, wenn sie über felsigem Boden liefen. Er drehte sich um und sah, wie aus einer der hinter ihm liegenden Zugänge zwei Sandbeißer auf die Rampe kamen. Die zwei riesigen Insekten entdeckten den Steinelfenmann sofort und stießen schrille Pfeiflaute aus, worauf im gesamten Bau deren Artgenossen das schrille Pfeifen erwiderten. Die Insekten wussten nun von seiner Anwesenheit. Er blickte kurz nach unten und sah, dass einige Sandbeißer sich auf den Weg nach oben machten. 

 

 

Nun wurde es ernst für den Sanguenritter. Er lehnte sich gegen die Höhlenwand und hielt sein Elementumschwert vor sich. Das blaue Leuchten der Waffe wurde intensiver. 

Aaghyl wandte seinen Steinzauber an und verwandelte den Felsen der Rampe hinter sich in Sand. Der Teil, auf dem die beiden Sandbeißer standen, die ihn entdeckt hatten, rutschte nach unten und riss die Insekten mit sich. Sie stürzten in die Tiefe, was sie zwar nicht tötete, dem Ritter aber etwas Zeit verschaffte, sich auf den Angriff der heranstürmenden Sandbeißer vorzubereiten, die von unten kommend ihn schon fast erreicht hatten.

Aaghyl hatte in doppelter Hinsicht Glück. Zum einen war die Rampe nur so breit, dass gerade einmal zwei Sandbeißer nebeneinander laufen konnten, zum anderen schien es, dass sich die übrigen Insekten am Höhlenboden aufgehalten hatten, sodass ein Angriff nur von vorne drohte.

Der Sanguenritter legte seinen magischen Schutz um sich. Jetzt war er zwar gegen die fürchterlichen Beißzangen gewappnet, aber das Betäubungsgift konnte ihn immer noch erreichen. Aaghyl stürmte die Rampe hinunter, den angreifenden Insekten entgegen. Als er die Ersten von ihnen erreichte, ließ der Elfenkrieger sein Schwert sprechen. 

Der Sanguenritter war jetzt in seinem Element. Dafür war er ausgebildet worden. Er würde nur Blut, Tod und Vernichtung in die Reihen seiner Feinde bringen. Er spürte die Gier, die ihn jetzt vollends beherrschte. 

Die Sandbeißer hatten dem unter ihnen wütenden Sanguenritter nichts entgegenzusetzen. Die zwei vordersten Insekten verloren mit einem Streich seines Schwertes ihre Köpfe. Sie sanken zu Boden und blockierten den Weg, grünes Blut spritzte aus ihren Körpern.

Ihre Artgenossen schoben die toten Körper von der Rampe. Indessen sprang der Ritter hoch in die Luft, vollführte einen Salto und landete auf dem Rücken des nächsten Sandbeißers. Er richtete die Spitze seiner Waffe nach unten und rammte sie in den Rücken des Insekts. Mit einem lauten Krachen durchbohrte sein Schwert den dicken Panzer. Die Magie des Elementumschwertes tötete das Tier sofort. 

Dicht an dicht stehend, versuchten die Sandbeißer den Krieger mit ihren Zangen zu erwischen. Dieser sprang von Rücken zu Rücken und rammte sein Elementumschwert tief in das jeweilige Tier. Gleichzeitig ließ er seine Zauber auf so viele Sandbeißer wirken, wie es ihm möglich war. 

Aaghyls Angriffsmagie bestand aus dem Steinzauber und dem Wasserzauber, die er schon von Kindesbeinen an beherrschte und die er während seiner Ausbildung zum Krieger verbessert und verstärkt hatte. In der Zeit seiner Ausbildung zum Sanguenritter kamen noch der Feuerzauber und die Blutmagie dazu. Mit Hilfe dieser Feuermagie war der Krieger in der Lage, jeden brennbaren Gegenstand anzuzünden, der dann mit sehr großer Hitze verbrannte. Bei einem Lebewesen reichte es aus, nur einen winzigen Teil seines Gewebes mit diesem Zauber zu belegen, um es zu töten.

Der Blutzauber war die mächtigste Magie eines Sanguenritters. Jeder Sanguenritter beherrschte sie, unabhängig davon, ob er noch andere Zauber konnte. Mithilfe der Blutmagie konnte man jede beliebige Zelle eines Lebewesens verändern. Aaghyl bevorzugte es, die Hirne seiner Feinde zu verflüssigen und sie dann mit seinem Wasserzauber zu verdampfen. Das brachte die Köpfe der Gegner zum Platzen.

So kämpfte sich der Sanguenritter immer weiter nach unten. Mithilfe des Wasserzaubers ließ er die Körperflüssigkeiten der Insekten gefrieren, sodass ihre Leiber einfach aufplatzten. Mit seinem Steinzauber verwandelte er ihre inneren Organe in Stein oder er zündete mit dem Feuerzauber irgendwo in ihren Körpern ein Stückchen von ihnen an. 

Aaghyl hinterließ eine Spur zerstückelter, aufgeplatzter und verbrannter toter Körper. Kein Sandbeißer hatte sein Betäubungsgift einsetzen können. 

 

Der Sanguenritter erreichte erschöpft den Grund des Baus. Seine Rüstung und sein Elementumschwert waren mit dem grünen Blut der Insekten überzogen. Er blickte kurz zurück. 

Nichts als tote Sandbeißer hatte er auf der Rampe zurückgelassen. Hier auf dem Höhlenboden waren aber noch Hunderte von ihnen, die sich jetzt gerade zu einem neuen Angriff sammelten. 

Die Sandbeißer hatten sich ihm gegenüber aufgestellt und mehrere Reihen gebildet. Einige Insekten waren gerade dabei, auf ihre vor ihnen stehenden Artgenossen zu klettern. Als Aaghyl sah, dass mehrere von den Sandbeißern, die bereits oben waren, ihre Hinterleiber in seine Richtung drehten, wusste er, dass es Zeit war, hier zu verschwinden. Einem massiven Angriff mit dem Betäubungsgift, gerade hier in der Höhle, war er nicht gewachsen. 

Der Steinelfenmann sah sich schnell in dem Bau um. Dann geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Aaghyl ließ seinen Reitdämon erscheinen, bestieg ihn, ritt mit Höchsttempo los und sprang kurz vor den Sandbeißern in die Höhe. In diesem Moment begannen die Sandbeißer, ihr Betäubungsgift zu versprühen. Der Ritter befand sich in diesem Augenblick genau über ihnen, und die Giftwolke konnte ihm nichts mehr anhaben. Der Elfenmann löste ein Stück aus der Höhlendecke, das in dem Moment, als er an den Gift sprühenden Insekten vorbei war, mit großem Getöse auf sie fiel und sie unter sich begrub.

Auf dem Zenit seiner Flugbahn ließ er seinen Reitdämon verschwinden und landete auf den Rücken eines Sandbeißers. Noch bevor seine Füße den Insektenpanzer berührten, stieß Aaghyl mit seinem Schwert zu und tötete das Tier. Wieder war das Brechen des Panzers zu hören. 

Wie zuvor schon auf der Rampe sprang er jetzt wieder von Tier zu Tier und erreichte einen Zugang in der Wand, den er sich schon vor dieser Aktion ausgesucht hatte. 

Alles ging so schnell, dass die Sandbeißer keine Zeit hatten, darauf zu reagieren. Aaghyl rannte ein paar Meter in den Tunnel hinein und blieb dann stehen. Er steckte sein Elementumschwert in die Scheide, die auf seinem Rücken befestigt war, dann stützte er sich mit beiden Händen auf seinen Knien ab und atmete tief durch. Die körperliche Belastung eines Kampfes und die gleichzeitige Anwendung von mehreren Zaubern waren sehr kräftezehrend. Der Krieger musste sich einen Moment erholen. 

Die Sandbeißer nahmen jetzt die Verfolgung auf. Die ersten Insekten betraten den Tunnel. Aaghyl wandte noch einmal seinen Steinzauber an und tötete sie. Wie große Felsbrocken lagen sie jetzt im Eingang und blockierten diesen. Mithilfe der Steinmagie ließ er die toten Insekten mit den Tunnelwänden verschmelzen, sodass sich eine massive Felswand bildete. Auf diese Art gewann der Sanguenritter etwas Zeit, denn die Sandbeißer würden eine Weile brauchen, um den Eingang freizulegen. 

Er hatte sich vorher bewusst diesen Tunnel ausgesucht. Die Art und Weise, wie die Sandbeißer versucht hatten gerade diesen Zugang zu schützen, ließ den Elfenmann vermuten, dass dieser Stollen zu den Brutstätten führen würde. 

Aaghyl verschnaufte einen Moment und wandte seinen Reinigungszauber an, um sich von dem Blut zu säubern.

 

Der Sanguenritter zog wieder sein Schwert und ging langsam weiter. Der Boden neigte sich, es ging tiefer in den Bau hinein. Nur das Leuchten des Schwertes erhellte den Tunnel. Aaghyl folgte dem Stollen schon einer Weile, der jetzt eine lang gezogene Rechtskurve beschrieb. Plötzlich hörte er ein leises, aber schrilles Pfeifen, welches sich scheinbar hinter der rechten Wand verbarg. Er blieb stehen und lauschte. Der Steinelfenmann war sich jetzt sicher. Hinter der Wand waren die typischen Geräusche von frisch geschlüpften Sandbeißern zu hören. Hier musste eine Bruthöhle sein. 

Mit seiner Steinmagie bohrte Aaghyl ein kleines Loch in die Felswand. Als er fertig war, strömte ihm ein übelriechender Luftstrom aus dieser Öffnung entgegen. Er roch nach Sandbeißerlarven, nach Fäkalien und nach Verwesung. 

Mit seinem Weitsichtzauber, den er durch die kleine Bohrung schickte, sah Aaghyl sich in der Brutstätte um. Die Höhle war nicht sehr groß. In den Wänden befanden sich weniger als hundert Nischen, in denen sich Larven in allen möglichen Entwicklungsstadien befanden. Einige junge Sandbeißer waren gerade geschlüpft und warteten unruhig in ihren Nischen. Ihre Fühler und Beißzangen tasteten suchend umher. In der Mitte der Höhle war ein ausgewachsener Sandbeißer damit beschäftigt, einen Körper in einen Kokon zu wickeln. 

Aaghyls Herz machte einen Freudensprung, und er genoss dieses neue Gefühl, das ihn gerade durchströmte. Der Körper war seine Tochter, die immer noch bewusstlos war. Das große Insekt hielt Eefral zwischen seinen beiden Hinterläufen und drehte sie vor einer Drüse in seinem Hinterleib. Daraus floss eine milchige Flüssigkeit, die bei der Berührung mit der Elfe sofort trocknete und hart wurde. Von Rresyna war keine Spur zu entdecken.

Der Sanguenritter musste jetzt schnell handeln. Die frisch geschlüpften Sandbeißer gierten nach Nahrung. Ihr Zirpen übertönte jedes andere Geräusch. Aaghyl verwandelte den Fels vor sich in Sand und näherte sich der Bruthöhle so weit, bis nur noch eine dünne Wand ihn von dem großen Sandbeißer trennte, der immer noch damit beschäftigt war, Eefrals Kokon herzustellen. Vorsichtig vergrößerte der Ritter das Loch so weit, dass er fast seinen Kopf hindurchstecken konnte. Jetzt hatte Aaghyl einen ungehinderten Blick auf das große Insekt. Voller Ungeduld wartete der Elfenmann darauf, dass der Sandbeißer sein Werk vollendete. Noch durfte er nicht angreifen. Es bestand die Gefahr, dass der tote Leib des Insekts Eefral unter sich begraben würde.

Endlich war es so weit. Der Sandbeißer legte Aaghyls Tochter auf den Boden und wandte sich dem geschlüpften Nachwuchs zu. In diesem Moment ließ der Sanguenritter seine tödliche Magie mit aller Stärke auf das Insekt wirken. Noch bevor es einen Alarmpfiff ausstoßen konnte, war es nur noch ein zerfetztes und verbranntes Stück leblosen Steins.

Die jungen Sandbeißer merkten, dass irgendetwas nicht stimmte und wurden noch unruhiger. Aaghyl wollte den Insekten einen qualvollen Tod bereiten und ließ sie langsam verbrennen. Er hatte ihre Atemwege versteinert, sodass ihre Pfiffe aufhörten.

»Ja, genau so lassen wir Sanguenritter unsere Feinde sterben.«

 

Er löste den restlichen Fels vor sich endgültig auf und sprang in die Höhle. Der Steinelf blickte sich schnell um. Eine unmittelbare Gefahr bestand im Moment für seine Tochter und ihn nicht. Aaghyl ging hinüber zu Eefral, die in ihrem Kokon auf dem felsigen Untergrund lag. Sie war immer noch ohne Bewusstsein. Der Ritter zog sein Elementumschwert und berührte damit den Kokon, der sich dort, wo das Schwert auftraf, sofort wieder verflüssigte. Er hatte seine Tochter schnell von dieser Hülle befreit und zog sie in eine leere Brutnische in der Höhlenwand. Mit seinem Steinzauber verschloss er den Eingang. Hier konnten die Sandbeißer sie vorerst nicht finden.

Er legte sein Elementumschwert auf den Boden, sodass sein blaues Leuchten die enge Höhle schwach erhellte und befreite sich von seinem Helm. Der Steinelfenmann zog einen kleinen Lederbeutel hervor, in dem er immer einen Wasservorrat bei sich trug und kniete sich neben Eefral. Vorsichtig benetzte er die Lippen seiner Tochter mit dem kostbaren Nass. Aaghyl öffnete mit einem Finger Eefrals Mund und ließ einige Tropfen Wasser in die Kehle seiner Tochter fließen. Langsam kehrte das Leben zurück in die junge Elfenfrau. Sie öffnete die Augen und erkannte augenblicklich ihren Vater. Sie schluckte das Wasser hinunter, das ihr Aaghyl eingeflößt hatte.

»Mehr Wasser bitte«, flüsterte Eefral erschöpft.

Der Ritter hielt die Öffnung des Beutels an ihren Mund. Mit gierigen Schlücken trank Eefral das erfrischende Wasser. Er zog den Lederbeutel zurück.

»Langsam, Eefral, langsam.«

Seine Tochter richtete sich auf und rutschte zur Nischenwand. Schwer atmend lehnte sie sich mit ihrem Rücken an den Fels. Sie blickte sich in der engen Nische um und sah dann ihren Vater an.

»Was ist passiert? Wo ist Rresyna?«

»Ich weiß nicht, wo Rresyna ist. Ihr seid am Reservoir von Sandbeißern überfallen worden.«

Aaghyl erzählte Eefral, was er seit seinem Eintreffen am Wasserbecken erlebt hatte.

»Wir müssen sie suchen«, sagte die Steinelfenfrau und wollte sich erheben. 

Der Sanguenritter legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie zurück.

»Erst einmal musst du wieder zu Kräften kommen. Das Gift der Insekten hat dich geschwächt.«

»Aber sie ist in großer Gefahr«, flüsterte sie erschöpft.

»Ja, das ist sie. Nichtsdestotrotz müssen wir noch warten, bis das Betäubungsgift seine Wirkung endgültig verloren hat«, sagte Aaghyl energisch.

»Du hast Recht. Ich bin noch sehr schwach, aber ich mache mir große Sorgen um meine Patenmutter.«

Aaghyl spürte die Angst, die Eefral beherrschte.

»Sieh an, meine Tochter lässt auch Gefühle zu, trotz der Lehre.«

 

Eefral forschte im Gesicht ihres Vaters nach Anzeichen dafür, ob er ihre Angst bemerkt hatte. Sie fragte sich, wie er reagieren würde, wenn er ihr Gefühl bemerken würde. Schließlich hatte ein hoher Führer des Magistrats jederzeit darüber zu wachen, dass die Lehre der Herrscher befolgt wurde. 

Doch ihr Vater schien nichts bemerkt zu haben. Sie glaubte, eher Sorge in Aaghyls Augen zu sehen. Sorge um sie und ihrer Patenmutter.

»Ist es möglich, dass mein Vater auch zu Gefühlen fähig ist?«

Das warf ein ganz anderes Licht auf Aaghyl. Sie verspürte plötzlich den Wunsch, mehr über ihren Vater wissen zu wollen. 

»Vielleicht sind wir gar nicht so verschieden.«

Aaghyl gab seiner Tochter noch etwas Wasser. Eefral erholte sich sichtlich. Die Folgen des Betäubungsgiftes ließen immer mehr nach. 

»Wir können bald aufbrechen, Eefral.«

»Ja, ich fühle mich schon viel besser und kräftiger.«

Ihm fiel ein, dass er nicht wusste, welche Magie seine Tochter beherrschte.

»Beherrschst du mehrere Zauber?«

»Natürlich, was für eine Frage?«, antwortete sie leicht entrüstet.

Amüsiert über Eefrals Entrüstung, fragte Aaghyl seine Tochter.

»Verrätst du mir auch, welche Art der Magie du kannst?«

»Ich beherrsche den Wasserzauber. Diese Fähigkeit habe ich von dir. Mein anderer Zauber ist die Reflexionsmagie«, antwortete Eefral, nicht ohne Stolz in ihrer Stimme.

Aaghyl wusste, dass diese Magie sehr selten war. Im Magistrat und im Reich der Union gab es nur sehr wenige Wesen, die diesen Zauber beherrschten. Jede Art von Magie, ganz gleich wie stark sie war, wurde auf denjenigen reflektiert, der sie gegen den Reflexionsmagier aussandte. Dieser Zauber wurde von den Wesen, welche die Reflexionsmagie beherrschten, instinktiv angewandt. Damit waren sie vor jeglichen magischen Angriffen geschützt, solange nur ein Zauber war. 

Wirkten mehrere Zauber gleichzeitig auf sie ein, waren sie genauso verwundbar, wie jedes andere Wesen auch. In ihrer momentanen Situation nützte ihnen Eefrals Reflexionsmagie nichts, da die Sandbeißer zu keiner Magie fähig waren. Lediglich ihr Wasserzauber war bei der Bekämpfung der großen Insekten hilfreich. Der Sanguenritter überlegte, wie sie weiter vorgehen mussten, um Rresyna zu finden und heil aus dem Insektenbau zu entkommen. Er blickte seine Tochter an. In Eefrals Augen sah er, dass sie noch nicht alles gesagt hatte.

»Ich sehe dir an, dass dich noch irgendetwas bedrückt.«

Seine Tochter sah ihn eindringlich an. Eefral fragte sich, ob sie ihrem Vater vertrauen konnte. Sie setzte sich etwas aufrechter hin, ihre Stimme klang jetzt nicht mehr so erschöpft, als sie zu sprechen begann.

 

»Ja, es stimmt. Es gibt da noch etwas, was bisher nur noch Aasaly und Rresyna wissen. Ich will dir vertrauen. Du bist mein Vater und du hast mein Leben gerettet.«

Eefral machte eine kurze Pause und griff nach Aaghyls Hand.

»Kann ich dir vertrauen, Vater?«

Aaghyl setzte sich neben seine Tochter und legte seinen Arm um ihre Schultern. Er zog sie an sich und seufzte.

»Meine Tochter, was soll ich sagen? Alles hat sich verändert. Was mir lange Zeit wichtig erschien, hat sich in Nichts aufgelöst. Nicht nur der verlorene Kampf und meine Bestrafung haben dazu geführt, dass ich so empfinde.

Schon einige Zeit zuvor hat eine junge Elfenfrau mein Leben und meine Sicht auf viele Dinge verändert. Das wurde mir erst kürzlich so richtig bewusst. Nun ist es zu spät. Ich habe eine gute Freundin für immer verloren.

Ich weiß, dass ich mir dein Vertrauen erst verdienen muss, und ich muss lernen, meiner Familie wieder zu vertrauen. Aber eines ist sicher: Was auch immer künftig geschehen mag, niemals mehr kann ich in mein altes Leben zurückkehren, und ich will es auch nicht mehr. Ich habe dich gefunden, und um nichts auf dieser Welt möchte ich dich wieder verlieren.«

Eefral umfasste die Hand ihres Vaters, die auf ihrer Schulter lag und drückte sie leicht. Jetzt war es an ihr zu seufzen.

»Also gut«, sagte sie und hielt einen Augenblick inne. 

Sie nahm einen tiefen Atemzug.

»Ich kann magische Materie formen«, stieß Eefral eine Spur zu schnell aus.

Sie schwieg und drückte die Hand Aaghyls jetzt fester, abwartend, wie er auf diese Eröffnung reagieren würde. 

Hätte er nicht schon gesessen, hätte er sich spätestens jetzt hinsetzen müssen. Tausend Gedanken schwirrten Aaghyl durch den Kopf. Er versuchte, seine Überraschung vor Eefral zu verbergen. Ganz gelang ihm das aber nicht. Mit vielem hatte er gerechnet, damit jedoch nicht. Seine Tochter hatte ihm gerade gestanden, dass sie die Magie der Protektoren beherrschte. Sie könnte, wenn sie es wollte, zu den mächtigsten Wesen im Magistrat aufsteigen.

»Hatte er seiner Tochter zu früh vertraut?«

Normalerweise wurden Wesen, die diesen Zauber konnten, schon sehr früh von den Protektoren rekrutiert. Dafür, dass Eefral immer noch in Lagtur lebte, musste es einen Grund geben, was wiederum einige Fragen aufwarf, insbesondere eine.

»Wissen die Herrscher von deiner Fähigkeit?«

Eefral sah ihren Vater ängstlich an.

»Kann ich Aaghyl wirklich vertrauen? Ich habe keine Wahl, ich muss es wohl.«

»Nein, die Herrscher wissen nichts darüber. Als ich erkannte, welcher Magie ich fähig bin, habe ich mich nur meiner Mutter und meiner Patenmutter anvertraut. Mein Zauber war lange Zeit nur sehr schwach, aber mittlerweile ist er recht stark geworden. Es kann nicht mehr lange dauern, bis die Herrscher darüber Bescheid wissen. Bisher hat mich mein Reflexionszauber vor der Entdeckung bewahrt. Wenn seinerzeit Rekrutierungstrupps nach Lagtur kamen, hielt ich mich so lange von unserem Heimatwohnturm fern, bis sie weiterzogen.«

»Warum willst du nicht, dass der Magistrat dich zu einer Protektorin ausbildet?«

Wiederum blickte Eefral ihren Vater forschend an. Sie konnte aber keine Anzeichen bei Aaghyl entdecken, die bei ihr Misstrauen erweckte.

»Die Bewohner Lagturs haben ihre eigene Interpretation der Lehre der Herrscher«, umschrieb die Elfenfrau ihr Verhalten vorsichtig.

Es gab also noch mehr Bewohner im Magistrat, die die Lehre der Herrscher nicht für unfehlbar hielten, dachte Aaghyl. Schon die Kapitänin der Protektor von Muantur hatte sich ähnlich geäußert. Bis er Yyehal begegnet war, hatte er immer geglaubt, dass alle Wesen im Magistrat unbeirrbar an die Lehre glaubten.

»Scheinbar ist es nicht mehr so.«

Irgendetwas musste einen Sinneswandel, nach seiner Rekrutierung, in Lagtur ausgelöst haben.

 

Plötzlich hörten die beiden Elfen Geräusche, von außerhalb ihres Verstecks. Einige Sandbeißer hatten es geschafft, sich Zugang zur Bruthöhle zu verschaffen. Aaghyl stand auf.

»Ich fürchte, wir müssen unser Gespräch ein anderes Mal fortsetzen.«

Eefral nickte und erhob sich ebenfalls. Sie schwankte ein wenig und ihr Vater musste sie stützen.

»Ist schon gut, es geht schon. Wie kommen wir hier raus?«, fragte die Elfenfrau und sah sich in der Nische um.

»Von meinen früheren Jagden auf Sandbeißer weiß ich, dass sie in der Nähe von Bruthöhlen einen Fluchttunnel anlegen, der direkt zur Oberfläche führt. Ich weiß, wo sich dieser Gang befindet.«

»Was ist mit Rresyna?«

»Wir können jetzt nichts für sie tun. Ich will dich erst in Sicherheit wissen, dann kehre ich zurück und suche sie.«

Jetzt wieder ganz der Befehlshaber, fuhr Aaghyl fort:

»Widerspruch dulde ich nicht.«

Man sah Eefral an, dass sie lieber zusammen mit ihrem Vater nach ihrer Patenmutter gesucht hätte. Sie spürte aber, dass ihr Vater in diesem Punkt nicht von seinem Entschluss ablassen würde. Sie fügte sich. Der Sanguenritter hob sein Schwert auf und nahm es in die rechte Hand. Mit der Spitze berührte er eine bestimmte Stelle an der Felswand.

»Hier beginnt der Tunnel. Bist du bereit?«

Eefral nickte zustimmend.

»Wenn wir Sandbeißern begegnen, zögere nicht und setze deinen Wasserzauber ein.«

Wieder nickte sie.

»Gut. Es geht los.«

 

Mit seinem Steinzauber löste der Elfenmann den Teil der Wand auf, auf den die Spitze seines Elementumschwertes zeigte. Jetzt nur noch Sandkörner, rieselte der ehemals feste Fels zu Boden. Durch das Loch, nur beleuchtet von Aaghyls Waffe, war der Fluchtgang zu erkennen. Der Sanguenritter kletterte hinaus.

»Bleibe dicht hinter mir.«

»Worauf du dich verlassen kannst«, antwortete Eefral entschlossen.

Die beiden Steinelfen rannten den breiten Gang entlang, der steil aufwärts führte. Nach einer nicht enden wollenden Zeitspanne, erreichten Vater und Tochter den Ausgang des Fluchttunnels, der zwischen mehreren großen Felsen verborgen lag. Sandbeißern waren sie nicht mehr begegnet, worüber der Elfenmann nicht unglücklich war. Er wollte seine Tochter so schnell wie möglich in Sicherheit bringen, ein Kampf hätte sie nur unnötig aufgehalten. Aaghyl hielt seine Tochter auch noch für zu geschwächt, als dass sie eine Hilfe gewesen wäre. 

Erleichtert blieben die beiden Elfen stehen. Im Osten ging bereits die Sonne auf. Aaghyl hatte in dem Insektenbau sein Zeitgefühl verloren. Die Rettung seiner Tochter hatte die ganze Nacht gedauert. Der Ritter blickte zurück in Richtung Tunnelausgang. Von den Insekten war noch nichts zu sehen. Er orientierte sich kurz und ließ seinen Reitdämon erscheinen.

»Komm, Eefral, steige auf. Wir dürfen hier nicht lange bleiben. In Kürze werden hier viele Sandbeißer auftauchen, um ihre sicher geglaubte Beute wieder einzufangen.«

Die junge Elfenfrau zögerte nicht und alsbald ritten sie in höchstem Tempo in Richtung des Wasserbeckens von Lagtur. Es war ein schneller und kurzer Ritt. Als sie das Reservoir erreichten, sah Aaghyl, dass sich viele Steinelfen hier versammelt hatten. Es schien, dass alle Bewohner Lagturs sich bei Tagesanbruch aufgemacht hatten, um die vermissten Elfen zu retten. 

Die ersten Steinelfen bemerkten, wer da auf sie zuritt. Schnell wandten sich alle Anwesenden den Ankömmlingen zu. Eine Elfenfrau bahnte sich einen Weg durch die Menge. Es war Aasaly, die ihrer Tochter und Aaghyl entgegenlief. Eefral und Aaghyl stiegen von dem Reitdämon herunter und der Sanguenritter ließ ihn wieder verschwinden. Aasaly erreichte die beiden Steinelfen und umarmte erst ihre Tochter und dann auch Aaghyl.

»Den Herrschern sei Dank. Ihr seid wohlbehalten zurück«, rief sie freudig aus.

»Die Herrscher hatten wohl am wenigsten damit zu tun«, sagte Aaghyl.

»Wie ich sehe, habt ihr zwei euch schon ausgesprochen, Aaghyl.« 

»Ja, so gut es die Zeit und die Sandbeißer zuließen. Aber es hat gereicht, um mir ein Bild zu machen.«

Er beeilte sich hinzuzufügen:

»Und ich denke ähnlich, wie du und die anderen Bewohner Lagturs.«

Man konnte Aasaly ihre Erleichterung und ihre Überraschung ansehen. Inzwischen wurden die drei Elfen von den anderen Bewohnern umringt. Bevor Aasaly sich zu Aaghyls Bemerkung äußern konnte, ergriff Eefral das Wort.

»Wir haben Rresyna verloren. Es war keine Zeit nach ihr zu suchen«, sagte sie traurig.

Eefrals Mutter lächelte.

»Oh, da mache dir keine Sorgen mehr.«

Aasaly schaute in Richtung des Reservoirs und deutete dann auf eine Gestalt, die gerade aus dem Becken kletterte.

»Sie ist schon einige Zeit vor euch hier eingetroffen. Rresyna ist gerade dabei gewesen die Suche nach euch zu organisieren.«

 

Als Rresyna auf dem Beckenrand stand, sah sie die Ansammlung der Bewohner Lagturs und wunderte sich ein wenig darüber. Sie hatte noch einmal den Boden des Reservoirs überprüft. Die Reparatur war abgeschlossen und kein Sandbeißer konnte künftig noch einmal dort die Oberfläche erreichen. Jetzt wollte sie sich mit ein paar Kriegern aufmachen, um Eefral und Aaghyl zu suchen. Ganz in der Nähe hatten Jäger aus Lagtur den Zugang zu dem Insektenbau entdeckt. Die Zeit drängte, sie mussten so schnell wie möglich aufbrechen. Sie hoffte, dass der Sanguenritter nicht so einfach von den Sandbeißern überwältigt werden konnte. Die Chancen, dass Eefral und ihr Vater noch lebten, standen recht gut. 

Rresyna erreichte die Steinelfenversammlung und sah den Grund dafür. Sie schob sich bis zur Mitte der Traube vor und baute sich vor den Umringten auf.

»Ja«, stieß sie mit einer bestätigenden Handbewegung aus.

»Ich habe gehofft, dass Aaghyl die Sandbeißer besiegen und Eefral finden wird. Und ich wurde nicht enttäuscht.«

Ihre Stimme überschlug sich fast.

Rresyna war außer sich vor Freude und machte auch keinen Hehl daraus. Sie drückte erst Eefral innig, dann Aasaly und sogar Aaghyl. Der Steinelfenmann zuckte ein wenig zurück, bei Rresynas Umarmung. So viel öffentlich gezeigte Zuneigung war ihm völlig fremd. Es musste viel passiert sein in Lagtur. Selbst in seiner Kinder- und Jugendzeit war ein derartiges Verhalten untereinander nicht denkbar, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

»Was passiert im Magistrat? Nicht nur in Lagtur scheint es Veränderungen zu geben.«

Aaghyl dachte dabei auch an sein Erlebnis in Muantur. Selbst die Herrscher hatten sich anders verhalten, als Sinan Eldar und er es erwartet hatten. Seine persönliche Veränderung hatte er auf seine Beziehung zu Taelga zurückgeführt. Jetzt kam ihm der Gedanke, nicht zuletzt auch durch das Verhalten Yyehals, dass mehr dahinterstecken musste. Aber erst einmal war er froh, dass Eefrals Patenmutter auch in Sicherheit war und es ersparte ihm, dass er erneut in den Insektenbau musste.

Aasalys Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

»Kommt, lasst uns nach Hause gehen.«

Sie sah Aaghyl an und fuhr fort:

»Wir haben viel zu besprechen.«

»Ja, das ist wahr. Seit Acceras ist nichts mehr, wie es war. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ist das der Weg, den die Herrscher für mich vorbestimmt haben? Ein Weg, der in der Dunkelheit der Zukunft liegt.«

»Du musst uns unbedingt berichten, wie du entkommen konntest«, sagte Eefral aufgeregt zu Rresyna.

»Das werde ich«, sagte die Elfenfrau und legte ihre Arme um Eefrals und Aasalys Taillen. 

 

Nebeneinander gingen die drei Frauen auf der unbefestigten Straße in Richtung ihres Heimatwohnturms. Aaghyl folgte ihnen schweigend. Auch die anderen Steinelfen gingen zurück nach Lagtur. Viele von ihnen unterhielten sich lebhaft über die letzten Geschehnisse. Er konnte nicht alles verstehen, was sie sagten, aber deutlich war den Bewohnern ihre Erleichterung anzusehen, dass Eefral, Rresyna und sogar Aaghyl wohlbehalten waren. 

Viele Elfen sahen ihn freudig an, ganz anders als bei seinen früheren Besuchen. Damals hatten die Bewohner Lagturs immer nur einen Führer des Magistrats gesehen: herrisch und arrogant. Er war schon längst keiner mehr von ihnen gewesen. Es schien, als habe sich sein Ansehen bei den Bewohnern Lagturs verändert.

Bald erreichten sie alle den Heimatwohnturm. Vor dem Eingang stand Turmmeister Oohlyl und bat alle Ankömmlinge in den großen Speisesaal. Hier hatten sich bereits die übrigen Steinelfen eingefunden, die sich nicht zum Reservoir begeben hatten. 

Oohlyl, Aasaly, Rresyna, Eefral und Aaghyl nahmen an einem Tisch Platz, der sich an einer Kopfseite der Halle befand. Gespannt sahen jetzt alle Anwesenden zu den fünf Steinelfen hinüber, gespannt darauf, dass Aaghyl und Eefral von ihrem Abenteuer im Insektenbau erzählten. Und Vater und Tochter erfüllten die Erwartungen an sie. Ausführlich erzählten die zwei Steinelfen von ihren Erlebnissen bei den Insekten. Aaghyl sah neben Zustimmung und Freude, auch Genugtuung in den Augen der Bewohner des Heimatwohnturms. Zustimmung und Freude über die gelungene Rettung Eefrals und Genugtuung über das Schicksal der Sandbeißer. Nachdem sie ihre Erzählungen beendet hatten, wandte sich Eefral an Rresyna:

»Erzählst du uns, was dort draußen passiert ist? Ich kann mich an nichts mehr erinnern.«

»Ja natürlich.«

 

Sie räusperte sich und begann mit ihrer Erzählung.

»Eefral und ich sollten ein paar kleinere Abschlussarbeiten am östlichen Reservoir durchführen. Wir waren noch nicht lange dort, als ich spürte, dass irgendetwas nicht in Ordnung schien. Ich bat Eefral, schon einmal mit den Arbeiten zu beginnen und suchte die nähere Umgebung ab. Das Gefühl einer drohenden Gefahr wurde immer stärker in mir, aber ich fand keinen Hinweis auf irgendeine Bedrohung. 

Ich machte mich gerade auf den Weg zurück, als ich Eefrals Schrei hörte. Ich rannte los und als ich das Becken erreichte, sah ich einige Sandbeißer, die durch ein Loch im Boden herauskrochen. Das Wasser war verschwunden und von Eefral sah ich keine Spur. Ich zog mein Schwert und sprang zu den Insekten. Sie sprühten ihr Gift unablässig gegen mich, aber es zeigte bei mir keine Wirkung. Ich lieferte ihnen einen gnadenlosen Kampf, aber irgendwann konnten sie mich überwältigen und schleppten mich in ihren Bau. Ich war erschöpft und verlor mein Schwert. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich bewusstlos zu stellen und auf eine Gelegenheit zur Flucht zu warten. Und sie kam, diese Gelegenheit. 

An einer Kreuzung, an der viele Gänge abzweigten, legten mich die Sandbeißer einfach ab. Sie wähnten mich ja immer noch bewusstlos. Hier waren viele Insekten unterwegs, die alle einen bestimmten Gang nutzen wollten, sie drängelten sich davor. In einem günstigen Moment versteckte ich mich in einem Tunnel, der leer war. Scheinbar hatten sie mich vergessen und so machte ich mich auf den Weg zur Oberfläche, die ich mit viel Glück und unangefochten nach vielen Stunden erreichte. Den Rest der Geschichte kennst du bereits, Eefral.«

Eefral nickte.

»Dir kann das Gift der Insekten nichts anhaben, Rresyna?«, fragte Aaghyl.

»Nein, kein Gift dieser Welt kann mir etwas anhaben. Das ist meine Magie. Sie hat sich erst in den letzten Jahren bei mir herauskristallisiert.«

»Ich wusste nur, dass du mit deiner Magie deine eigenen Körperkräfte stärken kannst.«

»Vieles hat sich seit deiner Rekrutierung hier in Lagtur verändert, Aaghyl«, warf Aasaly ein.

»So scheint es«, sagte er und warf einen Blick auf seine Tochter.

»Und wir sollten darüber reden«, fuhr er fort.

Der Turmmeister erhob sich von seinem Platz.

»Genug jetzt. Ich verstehe die große Freude über die Rettung unserer Freundinnen und teile sie auch, aber wir haben noch viel zu tun. Ich schlage vor, dass wir uns heute Abend wieder hier versammeln und diese Rettung zum Anlass nehmen, uns etwas Besonderes zum Abendessen zu gönnen.«

Die Steinelfen stimmten Oohlyl freudig zu und verließen nach und nach den Speisesaal. Der Anführer wandte sich zu Aasaly, Rresyna, Eefral und Aaghyl.

»Ich glaube, ihr habt noch viel zu besprechen, daher erlasse ich euch für heute euer Tagwerk. Wir sehen uns heute Abend.«

 

Mit diesen Worten verließ auch Oohlyl die vier Steinelfen. Sie waren jetzt allein in der großen Halle.

»Wie wäre es, wenn wir uns in einer Stunde in meinem Quartier treffen? Ich habe das dringende Bedürfnis, mich etwas frisch machen zu wollen«, sagte Aaghyl zu den drei Frauen.

Die Elfenfrauen stimmten zu und ließen den Sanguenritter zurück. Er sah seiner Familie noch eine Weile nach, bis sie aus seinem Blick verschwunden waren. Dann erhob er sich und machte sich auf den Weg zu seinen Räumen. 

In jedem Wohnturm im Magistrat war es üblich, dass für hochgestellte Persönlichkeiten entsprechende Räumlichkeiten vorgehalten wurden. In der Regel befanden sie sich an der Spitze eines Wohnturms. Aaghyl betrat die Räume und sah sich um. Sie waren so gestaltet, dass sie den Vorgaben aus der Lehre der Herrscher genügten. Luxus sah die Lehre nicht vor. Trotzdem war alles vorhanden, damit Aaghyl sich frisch machen und etwas entspannen konnte. Bei seinen früheren Besuchen hier hatte er immer diese Unterkunft genutzt, die aus einem kleinen Wohnraum, einem kleinen Schlafraum und einer winzigen Nasszelle bestand. Die Decke des Quartiers war aus durchsichtigem Stein, sodass er einen ungehinderten Blick in den Himmel hatte, an dem jetzt nur ein paar kleinere Wolken zu sehen waren. 

Er hatte sich wieder mit einer schlichten Robe bekleidet und lag jetzt auf dem harten Bett. Aaghyl dachte nach. Immer mehr beschlich ihn das Gefühl, dass große Dinge im Magistrat im Gange waren. Die Veränderungen, die er wahrnahm, konnten nicht nur mit ihm zusammenhängen. Es musste mehr dahinterstecken. Nur was? Er hoffte, dass das Gespräch mit seiner Tochter und ihren Müttern etwas Licht in die Geschehnisse brachte. Eefral hatte schon angedeutet, dass sich auch hier, in Lagtur, einiges verändert hatte. 

Für Aaghyl wurde es Zeit aufzustehen, denn die drei Steinelfenfrauen hatten seinen Wohnraum betreten, und sie waren nicht mit leeren Händen gekommen. Eefral hatte einen steinernen Krug mitgebracht, Rresyna hielt ein mittelgroßes Brot in den Händen, und Aasaly stellte gerade eine große Schüssel mit dampfenden, gelben Laubbeeren auf den steinernen Tisch. Aasaly sah Aaghyl an.

»Wir haben uns gedacht, etwas essen und trinken tut uns jetzt ganz gut.«

Der Duft der Laubbeeren und des frischen Brotes erfüllten den Wohnraum. Der Steinelfenmann holte vier Trinkgefäße von einem Wandregal und bat die Frauen Platz zu nehmen.

»Das war eine wirklich gute Idee. Eine kleine Stärkung ist mir mehr als willkommen.«

»Ich habe hier auch etwas Besonderes mitgebracht«, sagte Eefral und zeigte auf den Steinkrug.

Aaghyl blickte erst zu seiner Tochter, dann neugierig auf das Gefäß.

»Einer deiner letzten Lieferungen mit Lebensmitteln enthielt auch ein kleines Fass des Fahrnapfelsaftes, den du so gerne trinkst. Ich mag ihn ebenfalls sehr und habe für diese Ration des köstlichen Safts hart gearbeitet und sie mir für besondere Augenblicke aufgehoben. Das ist jetzt wohl so ein Moment«, gestand Eefral.

Der Steinelfenmann musste lächeln.

»Dieser Fruchtsaft schmeckt mir nicht nur besonders gut, sondern mit ihm sind auch einige liebe Erinnerungen für mich verbunden.«

Seine Tochter füllte die Trinkgefäße mit dem Fahrnapfelsaft. Rresyna hatte inzwischen das Brot geteilt.

»Lasst uns essen und trinken. Danach werden wir reden«, rief sie.

Die vier Steinelfen stärkten sich ausgiebig an den mitgebrachten Speisen. Aaghyl genoss den Fahrnapfelsaft. 

 

Nachdem sie fertig waren, ergriff der Ritter das Wort.

»Nun bin ich gespannt auf euren Bericht. Was ist hier passiert? Wie ist es zu dieser Veränderung in eurem Verhalten gekommen? Bei meinen früheren Besuchen in Lagtur ist mir nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Ich fand immer alles so vor, wie ich es seit jeher gekannt habe.«

»Wenn Fremde nach Lagtur kamen, insbesondere Soldaten oder hochgestellte Persönlichkeiten, haben wir uns so verhalten, wie die Lehre es von uns verlangt. Wir können niemandem von außerhalb unserer Heimat mehr vertrauen«, sagte Rresyna verbittert.

»Es gefällt dir nicht?«, fragte Aaghyl sie.

»Nein. Die Lehre der Herrscher ist rein und wahrhaftig. Wie können wir an den Herrschern zweifeln?«

»Aber vorhin, am östlichen Wasserbecken, hast du ganz offen deine Freude gezeigt.«

»Das stimmt. Genau das bereitet mir große Sorgen. Wir haben unsere Gefühle nicht mehr unter Kontrolle.«

Rresyna lehnte sich zurück und verschränkte ihre Arme vor ihrer Brust. 

»Wann hat das angefangen?«, wollte der Elfenmann wissen.

»Wir können es nicht genau sagen. Irgendwann hörte man hier ein Lachen, dort ein leises Weinen. Es griff wie eine Epidemie um sich. Anfangs versuchten wir, es zu ignorieren. Es war aussichtslos. Selbst unser Gefühlsweber, Eendor, war vor den Gefühlsausbrüchen nicht gefeit«, erzählte Aasaly.

Sie sah Aaghyl eindringlich an und fuhr fort:

»Wir sind den Herrschern treu ergeben und glauben immer noch an die Lehre, zum größten Teil jedenfalls, aber sie ist jetzt Jahrtausende alt und vielleicht muss sie überdacht werden, an die neuen Lebensverhältnisse angepasst werden. Niemand in Lagtur hat eine Antwort darauf.«

»Ihr seid nicht die einzigen Wesen, die eine Veränderung spüren. Schon auf meiner Reise nach Muantur habe ich Seltsames erlebt.«

Aaghyl schilderte kurz seine Erlebnisse an Bord der Protektor von Muantur.

»Einerseits fühlen wir uns weiterhin dem Kampf des Magistrats gegen die Union verpflichtet, andererseits kommen wir uns wie Verräter vor. Ein böser Konflikt tobt in uns. Wenn die Herrscher davon erfahren, werden wir alle bestraft werden«, äußerte Rresyna düster.

»Dann dürfen die Herrscher eben nichts davon erfahren. Ich werde es ihnen jedenfalls nicht verraten, denn mich plagen die gleichen Zweifel. Ich habe es schon Eefral angedeutet. Jetzt und hier werden wir keine Lösung finden. Vielleicht hegen die Herrscher damit auch bestimmte Absichten.«

»Wieso sollten die Herrscher in uns Zweifel streuen?«, fragte Eefral und blickte ihren Vater mit ihren strahlend blauen Augen erstaunt an.

»Die Kapitänin der Protektor, Yyehal, gleichzeitig auch eine sehr gute Gefühlsweberin, hat mir so einige Zusammenhänge klargemacht. Wie gesagt, das muss an anderer Stelle und zu einer anderen Zeit geklärt werden. Ich weiß nur eins, wir müssen vorsichtig sein. Die Herrscher beobachten mich und damit auch euch.«

Die drei Elfenfrauen stimmten ihm zu. Was blieb ihnen auch anderes übrig, als vorsichtig zu sein? Sie mussten ihr Leben weiterführen wie bisher und dabei keine Fehler machen. 

»Ich möchte dich begleiten«, sagte Aaghyls Tochter unvermittelt.

Für eine kurze Zeitspanne herrschte Schweigen in dem kleinen Wohnraum. Kein Geräusch war zu hören, nur das Atmen der vier Steinelfen. Aasaly und Rresyna sahen sich erschrocken an. Dann riefen beide gleichzeitig:

»Das kommt nicht in Frage!«

Eefral sah ihre Mütter nacheinander an.

»Ich verstehe eure Angst um mich. Ja, wirklich. Ich selbst verspüre auch Furcht. Aber ich spüre, dass sich große Dinge ereignen werden, und ich habe viel mehr Angst davor, nicht dabei zu sein. Deshalb werde ich mit meinem Vater gehen. Wenn ihr mir eure Erlaubnis geben würdet, würde mich das freuen.«

»Dann komme ich mit«, rief Rresyna.

Aasaly sah ihre Freundin an, dann Eefral und schließlich Aaghyl.

»Es scheint, du hast drei neue Gefährtinnen bei deiner Reise nach Edderas.«

Der Steinelfenmann schwieg eine Weile und dachte nach. Er beugte sich vor und stützte seine Arme auf die Tischplatte.

»Dann ist es beschlossen. Eure Begleitung hat einen großen Vorteil für mich. Ich kann meinem Auftrag nachgehen und euch gleichzeitig beschützen.«

»Du solltest unsere Kampfkraft nicht unterschätzen. Ich bin eine gute Jägerin, meine Zauber sind nützlich und ich verstehe mich im Umgang mit Bogen, Schwert und Messer. Auch die Zauber von Aasaly und Eefral werden dich bei deinem Kampf sicherlich unterstützen.« 

»Dann werden wir morgen in aller Frühe aufbrechen und gemeinsam zum großen Pass reiten, um dort Sinan Eldar, meinen treuen Kampfgefährten, zu treffen. Ich werde jetzt Oohlyl aufsuchen und ihm unsere Pläne mitteilen. Ich fürchte, er wird davon nicht begeistert sein.«

»Wir beginnen mit den Vorbereitungen. Reittiere, Proviant, Ausrüstung und so. Wir sehen uns heute Abend beim Fest«, sagte Aasaly.

 

Gemeinsam verließen sie die Unterkunft. Während die drei Frauen mit den Reisevorbereitungen begannen, suchte Aaghyl das kleine Schreibzimmer des Turmmeisters auf. Er vermutete, dass Oohlyl versuchen würde, die Abreise der drei Steinelfenfrauen zu verhindern, denn Arbeitskräfte, Ausrüstung und Proviant waren in Lagtur nicht im Überfluss vorhanden.

Doch der Sanguenritter wurde von dem Turmmeister überrascht. Dieser hatte längst damit gerechnet, dass die drei Frauen den Wunsch haben würden Aaghyl zu begleiten und hatte selbst schon einige Vorbereitungen getroffen. So dauerte es nicht lange, bis alles für den Aufbruch nach Edderas bereit war. 

Alle trafen sich abends im großen Speisesaal wieder. Obwohl die Steinelfen von Lagtur ihren Gefühlen mehr folgten, als es im Magistrat üblich war, unterschied es sich nicht von den Festen, wie sie Aaghyl bisher kannte. Hier wurde keine Musik gespielt, hier wurde nicht getanzt. Das war nur in der Union und in den westlichen Königreichen üblich. Er hatte oft davon gehört und er hielt solche Betätigungen auch heute noch für dekadent. Heute gab es in Lagtur nur ein festliches Abendessen, mit viel Fleisch, Brot und sogar einem Wein, den die Bewohner der Oase aus den gelben Laubbeeren gewannen. 

Aaghyl verbrachte das Fest im Kreis seiner Familie und ihrer Freunde. 

 

Es war schon zu fortgeschrittener Stunde, als Aaghyl Anstalten machte das Fest zu verlassen. Er mahnte Aasaly, Rresyna und Eefral bald schlafen zu gehen, da sie früh am Morgen aufbrechen würden. Kurz vor dem Ausgang der großen Halle traf er noch einmal auf den Turmmeister. Oohlyl hielt ihn am Oberarm fest.

»Verzeih, Aaghyl, aber ich möchte dir noch etwas sagen, was mir sehr wichtig ist.«

»Sprich, Oohlyl.«

Aaghyl war müde und wollte schnellstens in sein Bett. Trotzdem versuchte er, nicht unwirsch zu reagieren. Es war im Magistrat nicht üblich, hochgestellte Persönlichkeiten zu berühren. Dem Sanguenritter gelang es gerade noch die fast instinktiv aufkommende Abneigung gegen diese Berührung zu unterdrücken. Hier wollte er nicht mehr der hohe Führer sein.

»Du weißt, dass ich damit einverstanden bin, dass deine Familie dich begleitet, obwohl es für uns, hier in Lagtur, dadurch schwerer wird.«

»Ja, das weiß ich und ich bin dir dankbar dafür.«

»Ich bitte dich, bringe sie uns wohlbehalten wieder. Es würde uns sehr schmerzen, wenn auch nur eine von ihnen zu Schaden kommen würde oder gar für immer wegbliebe«, sagte Oohlyl besorgt.

Unsicher blickte der Turmmeister den ehemaligen Lord und Oberbefehlshaber an. Aaghyl verstand den alten Steinelfenmann. Er legte seine rechte Hand auf die Schulter Oohlyls, eine Geste, die ihm noch vor nicht allzu langer Zeit niemals eingefallen wäre und sagte feierlich:

»Ich verspreche, dass ich Aasaly, Rresyna und Eefral mit meinem Leben beschützen werde. Was auch immer passieren wird, sie werden hierher zurückkehren.

 

 

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