Kapitel 8 Familien

Das Blut, das Schwert, die Liebe

Kapitel 8  Familie

Ta´elga  Miad´rhor

„Was sind schon Fahrnapfelsaft und Elfenwein gegen mein herrliches Bier.“

(Nad´il, Lehrer aus Fronsvalis´arbor.)

 

Ta´elga erwachte am nächsten Morgen sehr früh. Die Sonne war gerade aufgegangen, und noch immer spürte sie die Nachwirkungen des Elfenweins.

»Ein herrliches Getränk.«

An die letzten Stunden konnte sie sich nicht mehr genau erinnern. Schemenhaft sah sie das Gesicht Sa’gals vor sich, eines jungen Elfenmannes. Sie musste lächeln. Wohlig reckte und streckte sie sich auf dem breiten, bequemen Bett.

»Er hat mir scheinbar viel Vergnügen bereitet.«

Ihr war nach einem Bad zumute. Das hatte sie schon lange nicht mehr getan. Seit ihrer Zeit im Magistrat benutzte die junge Frau meist nur noch einen Reinigungszauber, der zur Säuberung von Körper und Kleidung völlig ausreichte.

»Für Badevergnügen haben Krieger eben keine Zeit.«

Heute jedoch wollte sie die Gelegenheit richtig auskosten. Sie stand auf und ging in das großzügig angelegte Bad. Die runde Wanne in der Mitte des Raumes war so groß, dass mehrere Elfen zugleich hineingepasst hätten. Elfen liebten das gemeinsame Bad mit Freunden und Verwandten. Sie ließ Wasser ein, das die Wanne rasch füllte, und erwärmte es mit einem Zauber auf eine angenehme Temperatur. Auf einem Regal entdeckte sie mehrere Essenzen in kleinen Gläsern. Sie nahm drei verschiedene Pulver, deren Mischung einen angenehmen Duft verströmte, und schüttete sie ins Wasser. Dann ließ sie sich in die Wanne sinken.

»Welch eine Wohltat. Das habe ich lange vermisst.«

Sie reinigte sich ausgiebig und entspannte sich, während ihre Gedanken träge dahinflossen. Allmählich wurde sie schläfrig. Mit ihrem Zauber hielt sie das Wasser warm. Nach etwa einer Stunde verspürte Ta´elga Hunger und beendete ihr Bad. Nachdem sie sich angekleidet hatte, verließ sie ihr Schlafgemach und ging hinunter in den Essbereich. Der Tisch war bereits gedeckt, und es duftete nach frischem Tee. Sie nahm Platz und begann zu essen. Kurz darauf betrat ihre Mutter den Raum.

»Guten Morgen, mein Kind. Wie geht es dir heute Morgen?«

»Ich fühle mich gut, es war ein sehr schönes Fest.«

Mon´era grinste breit.

»Ja, da stimme ich dir zu. Spät in der Nacht sah ich dich mit Sa´gal verschwinden.« 

»Er ist sehr nett und weiß, was eine Frau mag«, antwortete sie vergnügt.

»Wie wahr, Ta´elga. Wie wahr«, sagte ihre Mutter geheimnisvoll lächelnd.

»Welche Erfahrung Mon´era wohl mit Sa´gal gemacht hat?«

Elfen verstanden Treue anders als andere Völker. Gelegentliche Beziehungen außerhalb der eigentlichen Partnerschaft waren für sie etwas ganz Natürliches. Vielleicht hatte das damit zu tun, dass der Anteil der Frauen bei den Elfen deutlich höher war als der der Männer.

Mon´era goss ihr frischen Tee ein, den sie in einer Kanne aus der Küche mitgebracht hatte. Dann setzte sie sich ihr gegenüber und sah ihrer Tochter beim Frühstücken zu. Die beiden Frauen ließen das gestrige Fest noch einmal Revue passieren. Nicht nur Ta´elga hatte sich amüsiert, auch ihre Mutter verstand es, das Leben zu genießen. Lebhaft erzählten sie einander von den kleinen Erlebnissen des Festes. Irgendwann betrat ihr Vater den Raum.

»Hallo, ihr Zwei. Was habt ihr beiden denn so zu kichern?«, fragte er fröhlich.

»Guten Morgen, Vater. Es war eine sehr schöne Feier. Ich habe mich lange nicht so amüsiert.«

»Hat es dir denn keinen Spaß gemacht?«, fragte Ta´elgas Mutter ihren Mann. 

»Oh doch. Es war mal wieder eine schöne Abwechslung.«

Auch Tol´ik erzählte einige Anekdoten, die er auf dem Fest erlebt hatte. Die drei lachten viel. In diesem Augenblick fühlte sich Ta´elga ihren Eltern wieder ganz nahe, so wie früher.

»Es ist schade, dass ich bald wieder abreisen muss.«

Noch eine ganze Weile saßen sie zusammen und erzählten von ihren Erlebnissen der vergangenen Jahre. Natürlich wollte Ta´elga wissen, wie es ihren Eltern ergangen war, seit sie fort gewesen war.

Nach dem gemeinsamen Mittagessen kündigte sie ihre Abreise an.

»Möchtest du wirklich nicht noch ein paar Tage bleiben?«, fragte Tol´ik bekümmert.

»Ich würde so gerne bleiben. Ich fürchte jedoch, die Zeit drängt. Der Krieg scheint nahe zu sein. Der Rat der Neun erwartet von mir, dass ich mich schnellstmöglich in Miad´rhor melde.«

Ta´elga und ihre Eltern erhoben sich.

»Wir werden dich noch ein Stück begleiten«, beschloss ihr Vater.

Gemeinsam verließen die drei Elfen den Wohnbaum und gingen den kleinen Weg entlang, der zur Hauptstraße des Blätterdachtals führte. Von dort aus ging es nach Osten; ein schmaler Gebirgspass führte nach Miad´rhor. Unterwegs begegneten ihnen viele Bewohner Fronsvalis´arbors, die sich von Ta´elga verabschieden wollten. Ihre Eltern begleiteten sie bis zum Eingang des Passes.

»Grüße Mig´lan und seine Eltern von uns. Pass gut auf dich auf, meine Tochter. Komme gesund wieder.« 

Ihre Mutter umarmte Ta´elga.

»Du weißt, ich lasse dich nur schweren Herzens gehen. Es wäre mir lieber, du bliebest hier. Ich hoffe, ich sehe dich schnell wieder, mein kleines Mädchen. Ahlunah beschütze dich.« Auch ihr Vater umarmte Ta´elga. 

Deutlich konnte sie seine Tränen sehen.

»Auch für mich ist es schwer, euch wieder zu verlassen. Wir werden uns wiedersehen. Bis dahin lebt wohl.«

 

Ta´elga drehte sich abrupt um und betrat den Pass. Schon nach kurzer Zeit war sie außer Sichtweite ihrer Eltern. Da brach sie in Tränen aus. Langsam ging sie weiter, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

»Ich hoffe mit aller Kraft, dass ich hierhin zurückkehren werde.«

Die ehemalige Sanguenritterin ließ ihren Reitdämon erscheinen. Sie wollte nun so schnell wie möglich Miad´rhor erreichen. In rasendem Tempo ging es vorwärts, die Landschaft flog nur so an ihr vorbei. Ohne Rast stürmte Ta´elga die Straße entlang. Nach vielen Stunden lichtete sich der Wald, und sie erreichte die flache Ebene, in der Miad´rhor lag.

Mittlerweile war es später Nachmittag, und die Sonne stand bereits tief im Westen. Ta´elga hielt an und blickte über eine weite Savannenlandschaft. Hier wuchs nur hohes, trockenes Gras, durchsetzt von einigen wenigen Bäumen. In der Ferne konnte sie Tiere erkennen, die durch das Gras streiften. Schon von hier aus sah sie die hohen, schneebedeckten Gipfel des Blaugratgebirges, das im Norden die Grenze zum Gebiet des Magistrats bildete. Die Luft war heiß, trocken und klar. Obwohl die Stadt noch ziemlich weit entfernt war, waren die Mauern Miad´rhors deutlich zu erkennen.

In der Ebene vor den Stadtmauern sah Ta´elga viele bunte Flecken, auf die sie sich zunächst keinen Reim machen konnte. Sie beschloss, zu Fuß weiterzugehen. Der Reitdämon verschwand. Sie zog ihren Waffenring Minaes wieder an; es war ihr wichtig, dass jeder erkennen konnte, dass sie eine Kriegerin der Union war. Die Straße führte geradewegs auf die Stadt zu. Bald erwiesen sich die bunten Flecken als Zelte. Rund um die Stadt, vor ihren Mauern, standen Hunderte von ihnen in allen möglichen Formen, Farben und Größen. Vor jedem Zelt wehten Banner, die meisten mit dem Wappen von Minae. Aus den Lagerfeuern stieg Rauch auf, und es roch nach verbranntem Holz. Hier war ein riesiges Heerlager errichtet worden. Die Streitkräfte der Union sammelten sich an diesem Ort.

Ta´elga erreichte den Rand des riesigen Zeltlagers. Die Straße nach Miad´rhor führte mitten hindurch. Zwischen den Zelten sah sie viele Soldaten, die den verschiedensten Tätigkeiten nachgingen. Zwei Wachen, beide Menschenkrieger, hielten sie an. Die Soldaten waren mit Schwert und Schild bewaffnet und trugen über ihrer Rüstung einen Wappenrock.

»Halt, Fremde. Wo willst du hin?«, sagte der kleinere Soldat.

»Das ist Sperrgebiet, hier hat nicht jeder Zugang«, sagte der größere der beiden Wachen.

»Mein Name ist Ta´elga, ich bin die Botschafterin des Rates der Neun.«

Sie zeigte den Beiden ihr Amulett und ihren Waffenring.

Die beiden Soldaten sahen sich amüsiert an.

»Du hast da ein schönes Schmuckstück, Elfe«, sagte der größere Soldat.

Sein Tonfall ließ vermuten, dass er Ta´elga für ein wenig verrückt hielt.

»Wie bist du an den Ring gekommen?«, fragte der kleinere der beiden.

»Dieser Ring wurde mir vom König übergeben«, antwortete Ta´elga verärgert.

»Du meinst, unser König hat dir den Ring geschenkt?« Der große Soldat lachte verächtlich.

»Das glaubst du doch wohl selbst nicht«, rief der kleine Soldat aus.

Die Waldelfenfrau spürte, dass ihr Ärger über die beiden Wachsoldaten größer wurde.

»Ich muss mit eurem Kommandanten sprechen, mit General Tehryn«, sagte sie nachdrücklich.

»Das müssen viele. Wir holen zuerst einmal unseren Vorgesetzten«, sagte der kleinere Soldat.

»Wird das lange dauern?«

»Keine Ahnung, er ist beschäftigt. Du kannst hier warten oder später wiederkommen.«

Keiner der beiden Soldaten machte Anstalten, ihren Vorgesetzten zu verständigen.

»Sollte nicht einer von euch losgehen und euren Vorgesetzten holen?«

Der größere Soldat sah die Botschafterin gelangweilt an.

»Nur keine Eile. Einer von uns wird schon bald gehen. Solange wirst du dich gedulden müssen.«

Ta´elga kam auf diese Weise nicht weiter und war ratlos. Die Straße war der einzige Zugang zur Stadt, wenn man aus dem Süden kam. Sie könnte die Stadt umgehen und es am West- oder Nordtor versuchen. Aber was wäre, wenn sie auch dort auf solche Scherzbolde träfe? Ihre Verärgerung wuchs. Das Amulett der Sternengöttin half ihr hier nicht weiter, und ihren Ring ignorierten die beiden. Die menschlichen Soldaten konnten Ahlunahs Botschaft nicht hören. Ta´elga wollte sich gerade abwenden und es doch an den anderen Stadttoren versuchen, als ein Elf aus einem der nahe stehenden Zelte trat. Vor diesem Zelt stand ein Banner mit dem Zeichen des Waldelfenreiches, einem silbernen Wohnbaum. Der Elf sah die Botschafterin und ihr Amulett an, und sie wusste, dass er Ahlunah gehört hatte. Er wandte sich den Wachen zu, die salutierten, sobald sie ihn sahen.

»Was ist hier los?«, fragte der Elf die Soldaten.

»Nur eine Routinekontrolle, Leutnant«, sagte der kleinere Soldat.

»Diese Frau behauptet eine Botschafterin zu sein, Leutnant«, meldete die größere Wache.

Der Leutnant sah die beiden Soldaten streng an. »Seid gewiss, sie ist die Botschafterin des Waldelfenrates.«

Schuldbewusst blickten die zwei Soldaten Ta´elga an. 

»Verzeih, Botschafterin. Es war nur ein Irrtum«, sagte der Größere.

»Ich kann also doch passieren?«

»Ja, Botschafterin, du darfst in die Stadt. Willkommen in Miad´rhor«, sagte der kleinere Soldat.

Ta´elga blickte den Leutnant an.

»Ich danke dir. Dein Erscheinen war sehr hilfreich. Wie ist dein Name?«

»Ich heiße Dar´al, Botschafterin«, sagte der Elf und verbeugte sich.

Sie war überrascht. Der erste Elf, dem sie hier begegnete, war Se´liras Gefährte.

»Welch seltsame Fügung.«

Dar´al war ein sehr attraktiver Mann. Er war zwei Köpfe größer als Ta´elga und hatte einen schlanken, muskulösen Körper. Seine Haut schimmerte hellbeige. Sein schwarzes Haar trug er schulterlang.

Er trug die für Elfenkrieger typische Kleidung: eine kurze Jacke und eine Hose aus braunem Leder, dazu kniehohe Stiefel aus demselben Material. Am Kragen seiner Jacke war eine silberne Brosche in Form eines Bogens angebracht, die ihn als Elfenkrieger auswies. Über seinem rechten Ellbogen trug der Elf eine silberblaue Armbinde, auf der ein silberner Elfenwohnbaum abgebildet war. Ta´elga kannte ihre Bedeutung nicht. Vorerst wollte sie Dar´al nicht sagen, dass sie Se´lira kannte.

»Wo finde ich den Kommandanten?«

»Er hat sein Quartier im Rathaus von Miad´rhor aufgeschlagen.«

»Wenn du nichts dagegen hast, Dar´al, möchte ich jetzt dorthin gehen.«

»Natürlich. Ich werde dich noch bis zum Südtor der Stadt begleiten.«

Sie gingen die Straße in Richtung Miad´rhor. Ta´elga warf noch einmal einen missbilligenden Blick auf die beiden Wachen. Sie richteten ihre Blicke zu Boden.

»Darf ich fragen, woher du kommst?«, fragte Dar´al.

»Ich komme direkt aus dem Blätterdachtal, dort habe ich meine Familie besucht, die ich lange nicht gesehen habe.«

»Warst du auch in Lad´rhor?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Dort lebt meine Gefährtin, die ich schon seit einigen Wochen nicht gesehen habe. Vielleicht kennst du sie ja. Ihr Name ist Se´lira. Sie arbeitet in der großen Bibliothek für den Buchmeister Mog´il.«

Ta´elga zwang sich dazu, einen gleichgültigen Gesichtsausdruck zu machen.

»Ja, ich kenne sie. Aber nur flüchtig. Ich glaube, ich habe sie kurz, bei Mog´il, getroffen.«

»Geht es ihr gut?«

»Meiner Geliebten ist es mehr als gut gegangen, als ich sie das letzte Mal sah

»Ja, sie machte auf mich nicht den Eindruck, dass es ihr irgendwie schlecht ging. Ganz im Gegenteil«, sagte sie vergnügt zu dem Elfenmann.

»Das freut mich. Weißt du, Ta´elga, wir wollen zusammenbleiben, vielleicht eine Familie gründen.« 

Dar´al blickte verträumt vor sich hin.

»Vielleicht treffen wir uns nachher noch, wenn du Lust und Zeit hast, Ta´elga, und du erzählst mir von Se´lira, auch wenn es noch so wenig ist.« 

Mittlerweile hatten sie das Südtor erreicht. 

»Ja, das würde mich freuen. Wo kann ich dich nachher treffen?«

»Ich werde in dem Gasthaus sein, das direkt gegenüber dem Rathaus liegt und dort auf dich warten. Gehe jetzt einfach auf dieser Straße weiter, sie führt zu dem Platz, auf dem das Rathaus steht. Du wirst es sofort erkennen.«

Dar´al verbeugte sich, dann drehte er sich um und entschwand in Richtung Heerlager. 

 

Ta´elga blickte sich um. Miad´rhor war von einer hohen Mauer aus blauem Stein umgeben. Die Farbe deutete darauf hin, dass die Steine aus dem blauen Felsen des Gebirges im Norden stammten. Sie ging durch das Tor. Rechts und links der Straße standen niedrige, zweigeschossige Holzhäuser in der typischen Bauweise der Elfen. Wie üblich war auch hier das Erdgeschoss als Terrasse angelegt. Die Straße bestand aus Kopfsteinpflaster aus blauem Felsgestein. Schmale Gassen zweigten von ihr ab.

Die Dämmerung war angebrochen und in den Straßen und Gassen wurden kleine Laternen angezündet, die nur ein diffuses Licht abgaben. Nach einigen Minuten erreichte Ta´elga den Platz. 

Rechts von ihr, an der Straßenmündung, stand das von Dar´al beschriebene Gasthaus. Es trug den Namen »Zum Blaugratgebirge«. 

Mitten auf dem Platz stand das merkwürdigste Gebäude, das die Botschafterin jemals gesehen hatte. Miad´rhor war nicht allein von Elfen gegründet worden, obwohl die Stadt auf Tirgarneiy lag. Sie diente Elfen, Menschen und Zwergen gleichermaßen als Heimat, war jedoch kein Schmelztiegel der Kulturen. Miad´rhor war in drei gleich große Bezirke gegliedert, in denen die verschiedenen Völker unter sich blieben. Im Süden der Stadt lag das Elfendrittel, im Westen lebten die Menschen und im nördlichen Teil die Zwerge. Jedes Volk bewohnte in seinem Stadtteil die für es typischen Behausungen. Die Elfen hatten ihre Häuser aus den gewohnten Hölzern gebaut. Die Menschen bevorzugten Steinbauten, und die Zwerge lebten unter der Erde. Im Zwergendrittel gab es – abgesehen von den Zugängen zu den unterirdischen Wohnungen – keine Gebäude an der Oberfläche.

Das Rathaus, vor dem Ta´elga jetzt stand, war Ausdruck der Drittelung der Stadt. Das große Gebäude stand auf einem Fundament aus blauem Felsen. Es hatte einen Eingang, der wie der Zugang zu einer Höhle gehalten war. Darüber war ein bogenförmiger Schriftzug in der Sprache der Zwerge angebracht. Rathaus war dort zu lesen. Neben dem Eingang konnte Ta´elga eine rote Fahne sehen, auf der eine goldene Axt abgebildet war. Das war das Symbol für den Befehlshaber der Zwergensoldaten. 

Auf dem Fundament stand das eigentliche Gebäude. Es bestand aus zwei gleich großen Teilen. Der linke Gebäudeteil war aus Stein errichtet. Man konnte einen mächtigen Turm und eine hohe Mauer sehen. Hinter der Mauer entdeckte Ta´elga ein Dach aus roten Ziegeln. Auf dem Turm wehte eine rote Fahne, auf der ein Schwert in Gold gestickt war – das Zeichen des Befehlshabers der Menschen. Eine breite Steintreppe führte zu diesem Eingang. Über dem Tor stand in Menschenschrift der Hinweis auf das Rathaus der Stadt. Die rechte Seite des Rathauses sah aus, als wäre sie aus einem Wohnbaum der Elfen herausgeschnitten worden. Eine breite Rampe führte in den Bereich der Elfen. Eine Fahne konnte Ta´elga dort nirgends entdecken. Über dem Eingang zum Wohnbaum war in der Schrift der Elfen das Wort Rathaus zu lesen. Ta´elga vermutete, dass General Tehryn im Menschenteil des Rathauses anzutreffen war. Sie ging die Treppe hinauf. Vor dem Tor stand ein Soldat. Sie sprach ihn an.

»Ich grüße dich, Soldat. Wo finde ich General Tehryn?«

»Willkommen. Der General befindet sich im großen Ratssaal. Er erwartet dich. Ich führe dich dorthin.«

Der Soldat drehte sich um und trat in das Gebäude. Ta´elga folgte ihm. Sie durchquerten eine große Halle, von der eine Treppe in die oberen Etagen führte. An den Wänden hingen große Teppiche und Bilder. Auf den Gemälden waren ausschließlich Menschen zu sehen, die ihr völlig unbekannt waren. Der Soldat führte sie an der Treppe vorbei zu einer hohen Holztür. Der Mensch klopfte an. Von innen kam ein lautes »Herein«. Der Soldat öffnete die Tür und ließ Ta´elga in den großen Saal.

 

In der Mitte des Ratssaals stand ein großer Kartentisch, auf dem eine Weltkarte lag. An einer Seite des Tisches stand der General und schaute sich sehr konzentriert die Karte an. 

Ta´elga blieb an der Tür stehen, die der Soldat beim Hinausgehen geschlossen hatte. Der Befehlshaber der Union beachtete die Elfenfrau nicht. Sie wollte ihn nicht stören und sah sich stattdessen im Saal um. Ihr gegenüber war eine weitere Tür zu sehen, über der das Symbol des Elfenreiches prangte. Sie blickte zurück zu dem Eingang, durch den sie gekommen war. Richtig – darüber war das Wappen der Union zu sehen. Sie ging weiter in den Saal hinein. An der rechten Wand befand sich ein Treppenabgang. Über der Treppe prangte das Symbol der Zwerge.

»Jedes Volk hat also seinen eigenen Zugang zu dem Ratssaal

General Tehryn war noch immer über die Karte gebeugt. Nach menschlichen Maßstäben war der Offizier bereits ein alter Mann. Er hatte weißes Haar und besaß mit Abstand das faltigste Gesicht, das sie je gesehen hatte. Er trug die prächtige Uniform, wie sie sich für einen Oberbefehlshaber der Union geziemte; für Menschen waren solche Äußerlichkeiten sehr wichtig. Am rechten Oberarm trug der General eine rote Armbinde, auf der zwei goldene Schwerter zu sehen waren. Er machte keine Anstalten, Ta´elga zu begrüßen. Sie räusperte sich. Noch immer reagierte der Befehlshaber nicht auf die Anwesenheit der Botschafterin.

»Verzeih, General. Ich bin Ta´elga.«

Tehryn runzelte die Stirn und sah die Botschafterin an. Die Ritterin hatte nicht geglaubt, dass es möglich war, in einem so runzeligen Gesicht, wie es der Befehlshaber hatte, noch mehr Runzeln entstehen zu lassen. Der General überzeugte Ta´elga vom Gegenteil. Er schaute die Ritterin mit stahlgrauen Augen an.

»Ich weiß genau, wer du bist, Elfe. Ich wurde von deiner Ankunft informiert. Der König persönlich avisierte dein Kommen. Er schickte auch diese Tasche für dich mit, die dort drüben liegt«, sagte der Offizier abweisend.

Mit einer abfälligen Geste deutete er auf einen kleinen runden Tisch, der in einer Ecke des Saales stand. Das schroffe und unfreundliche Verhalten des Generals ärgerte sie. Achselzuckend ging sie zu dem Tisch und sah sich an, was der König der Union ihr geschickt hatte. Dort lagen eine kleine braune Tasche, eine rote Armbinde und eine rote Fahne, beide mit einem goldenen Baum bestickt, außerdem eine Urkunde und ein an sie adressierter Brief mit dem Siegel des Königs. Ta´elga entfaltete das Schreiben und las.

 

»Geschätzte Botschafterin,

der Rat der Neun bat mich, dich umfassend bei deinen Aufgaben zu unterstützen. Ich erachte es als Ehre, der Bitte eurer Führer zu entsprechen. Mit der beiliegenden Urkunde ernenne ich dich zur Generalin der Union. Trage fortan die Armbinde, die dich als Befehlshaberin der westlichen Königreiche ausweist. Die Fahne soll weithin sichtbar zeigen, dass dort, wo du dich aufhältst, eine Kommandantin der Union verweilt.

Ich versichere dir, dass General Tehryn dich genauso unterstützen wird wie ich selbst, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Ich wünsche dir viel Glück und Erfolg für deine schweren Aufgaben, die dir bevorstehen. Möge bald Frieden sein in unserer Welt.

 

Pharus Lyhser

König der Union«

 

Ta´elga war gerührt. Sie nahm die Tasche mit den Utensilien an sich und ging zurück zum Kartentisch. Der General sah auf, als die Elfe wieder zu ihm trat.

»Wie ich sehe, hast du die Tasche gefunden. Da du jetzt offiziell eine Befehlshaberin bist, setze ich eine Kommandeursbesprechung an. In einer Stunde treffen wir uns wieder hier. Meine Offiziere und der Kommandant der Zwerge werden auch hier sein. Du kannst dich derweil frisch machen.«

Der General zeigte auf die Tür mit dem Elfensymbol.

»Sei pünktlich.«

Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ den Saal durch die Tür, über der das Wappen der Union zu sehen war. Ta´elga starrte noch einige Minuten auf die Tür, durch die Tehryn verschwunden war.

»Er ist ein seltsamer Mensch. Ich fürchte, Freunde werden wir wohl nicht.«

 

Achselzuckend drehte sie sich um und öffnete die Tür, die in den Bereich des Rathauses führte, in dem die Elfen untergebracht waren. Sie wurde von zwei Elfenfrauen erwartet, die sich vor ihr verbeugten.

»Ahlunah bringe dir Licht und Schutz, Botschafterin.«

»Das Licht umarme euch«, antwortete sie und verbeugte sich ebenfalls.

Ta´elga war froh, wieder unter Elfen zu sein.

Eine weitere Elfenfrau betrat die Terrasse und begrüßte die Hohepriesterin Ahlunahs. 

»Sei gegrüßt, Ta´elga. Ich bin By´wala, deine persönliche Ordonnanzoffizierin.«

By´wala war eine ältere Frau mit dunkelvioletter Haut. Sie war etwas kleiner als Ta´elga und von kräftiger Statur. Ihre dunkelgrünen Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten. By´wala trug die braune Lederkleidung einer Elfenkriegerin. Auch sie trug eine silberne Brosche, wie Ta´elga sie bereits bei Dar´al gesehen hatte. Diese jedoch war in Form eines Blattes der Malinpflanze gearbeitet – das Zeichen der Elfenheiler. Die Ordonnanz trug eine blau-silberne Armbinde am rechten Oberarm, auf der drei silberne Bäume zu sehen waren. Die Elfe bemerkte Ta´elgas Blick und deutete auf ihre Armbinde.

»Wenn es dir recht ist, werde ich dir eine kurze Einweisung in die Symbolik der Menschen geben. Zuerst zeige ich dir aber dein Quartier. Wenn du mir bitte folgen möchtest.« 

Sie zeigte auf die aufwärtsführende Rampe, in der Mitte der Terrasse.

Ta´elga folgte ihrer Ordonnanz. Die Räume der Botschafterin befanden sich auf der ersten Etage. Durch eine Tür betraten sie den großen Arbeits- und Wohnbereich. Die großen Fenster boten einen hervorragenden Ausblick auf die Stadt und auf die hinter den Mauern liegende Landschaft. Die Ritterin ging zu einem Fenster und schaute hinaus. Draußen war es bereits dunkel. Sie sah die beleuchteten Häuser und Straßen Miad´rhors. 

»Alles zu deiner Zufriedenheit?«

Ta´elga drehte sich um.

»Oh ja. Ich brauche nur ein paar Karten von der unmittelbaren Gegend um Miad´rhor. Dann wäre es gut, wenn ich eine Karte mit den Menschensymbolen und deren Bedeutung bekommen kann. Ich fürchte, ich kann sie mir nicht merken. Dann benötige ich unbedingt noch andere Kleidung.« Sie schaute an sich herunter. 

»Meine Lobiu ist wohl nicht die passende Bekleidung für diese Gegend.«

»Für Kleidung habe ich schon gesorgt. Ich hielt es für angebracht, dir eine Elfenuniform anfertigen zu lassen. Sie wird gleich gebracht, wenn es dir recht ist.«

Ta´elga lachte.

»Vorausschauendes Handeln zeichnet eine Ordonnanzoffizierin wohl aus.«

By´wala lächelte zustimmend und verbeugte sich leicht. 

Ta´elgas neue Uniform wurde gebracht. Sie bestand aus einer Jacke und einer Hose aus hellbraunem Leder. Dazu gehörte ein Paar Stiefel aus dem gleichen Material. Auf dem Schreibtisch lag eine goldene Brosche, die einen Sternenbrunnen darstellte. Die Botschafterin sah By´wala fragend an.

»Die Brosche ließ ich auch für dich anfertigen. Bei uns Elfenkriegern ist es üblich geworden eine Art Rangabzeichen zu tragen, zusätzlich zu den Armbinden der Menschen. Dazu benutzen wir die im Elfenreich üblichen Symbole. Ein Rangabzeichen für eine Botschafterin des Rates und Hohepriesterin gibt es noch nicht. Ich hoffe, es findet deine Zustimmung.« 

»Ja, natürlich. Die Brosche ist sehr schön.« 

Ta´elga nahm sie in ihre Hand und betrachtete sie.

»Was hat es eigentlich mit den Armbinden und den Symbolen darauf an sich?«

»Das ist eigentlich einfach. Für die Menschen sind Hierarchie und ihre Symbolik sehr wichtig. Da hier ein Mensch den Oberbefehl hat, wurden diese Zeichen für alle Truppen eingeführt. Die Menschen tragen auf ihren Armbinden das Schwert als Symbol, die Zwerge eine Axt und wir Elfen unseren Wohnbaum. Die anderen Völker der Union haben ihre entsprechenden Zeichen. Blau-silberne Armbinden werden von Offizieren getragen, rote von Befehlshabern. Die Anzahl der Symbole auf den Armbinden gibt den Rang des Trägers an. Ich trage drei silberne Baumsymbole. In der Hierarchie der Unionstruppen bin ich eine Majorin. General Tehryn, der Oberbefehlshaber, trägt zwei goldene Schwerter auf seiner Armbinde. Ein Leutnant hat ein silbernes Zeichen. Zwei silberne Symbole werden von Hauptleuten getragen. Viel mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen. Ich lasse dir eine Karte anfertigen, auf der du alle Farben und Symbole der westlichen Königreiche sehen kannst.«

»Na ja, ich werde mich schon daran gewöhnen«, sagte Ta´elga seufzend.

»Deine Flagge habe ich auch schon hissen lassen. Damit ist deine Anwesenheit in Miad´rhor nun offiziell. Du solltest dich jetzt umziehen. Die Besprechung beginnt schon sehr bald«, drängte die Ordonnanzoffizierin.

Die Ritterin ging zu dem Sessel, auf dem die hellbraune Lederkleidung lag. Sie zog ihre Lobiu aus, nachdem sie ihren Reinigungszauber angewendet hatte. By´wala hatte auch bequeme Unterwäsche bereitgelegt. Ta´elga grinste die Majorin breit an.

»Damit sollte ein Mann mich nicht sehen.«

By´wala lachte.

»Das stimmt. Ihm würden plötzlich tausend Dinge einfallen, warum er weg muss.«

Die Offizierin blickte sie bewundernd an. 

»Du hast eine wunderschöne Figur.«

Ta´elga bedankte sich und zog sich weiter an. By´walas offene Bewunderung war ihr ein wenig peinlich. Sie fand sie wirklich nett, doch der Zeitpunkt war jetzt irgendwie nicht der richtige. Die Uniform passte hervorragend; die Majorin hatte ihre Maße richtig eingeschätzt. Die weiche Lederjacke wurde vorn geschnürt, reichte bis zur Hüfte und war in der Taille enger geschnitten. Die Hose war eng anliegend und betonte ihre wohlgeformten Beine. Sie zog die Stiefel an, die mit Verzierungen aus demselben Leder versehen waren. Sie reichten bis über ihre Waden. Anschließend betrachtete sie sich in einem von By´wala bereitgestellten Spiegel. Was sie dort sah, gefiel ihr ausgesprochen gut. Als junges Mädchen hatte Ta´elga immer nur Kleider getragen. Während ihrer Zeit im Magistrat war sie entweder mit ihrer Rüstung oder mit der Uniform der Sanguenritter bekleidet gewesen. Die Elfenuniform, die sie nun trug, war zwar ungewohnt, kleidete sie jedoch sehr vorteilhaft. Sie war von ihrem neuen Aussehen begeistert.

»Du hast sehr gut ausgewählt«, bedankte sie sich bei ihrer Ordonnanz.

»Es wird Zeit für die Besprechung, Botschafterin.« 

Ta´elga zog die rote Armbinde mit dem goldenen Baum über ihren rechten Arm. By´wala half ihr beim Befestigen der Brosche an der linken Kragenspitze der Jacke. Die Hohepriesterin Ahlunahs legte das Amulett der Sternengöttin an. Sie entschloss sich, auch wieder ihren verschnörkelten Falkenreif zu tragen. Die Botschafterin band ihr Haar nach hinten zusammen und setzte den Reif auf. Sie mochte nach wie vor diesen wunderschönen Kopfschmuck. Ta´elga überprüfte den Sitz der Uniform ein letztes Mal im Spiegel, dann machte sie sich auf den Weg zum Ratssaal. Vor der Tür zum Saal blieb die Generalin einen Augenblick stehen und holte tief Atem. Sie war ein wenig nervös. General Tehryn hatte sie etwas verunsichert mit seiner schroffen Art. 

»Es nützt nichts. Ich lasse mich doch nicht von einem alten Menschenmann einschüchtern.«

 

Ta´elga öffnete die Tür mit einem schnellen Ruck und betrat den Ratssaal. Der große Tisch war verschwunden. In dem Raum befanden sich ein Dutzend Elfen, Menschen und Zwerge. Den Oberbefehlshaber konnte sie nicht erblicken. Ein in der Nähe stehender Mensch, ein Hauptmann, wie sie anhand seiner Armbinde bemerkte, erhob bei Ta´elgas Anblick seine Stimme und rief durch den Saal:

»Habt Acht!«

Die anwesenden Wesen drehten sich zu ihr und nahmen eine straffe Körperhaltung an. Ta´elga kannte militärische Gepflogenheiten nur aus ihrer Zeit im Magistrat. Sie wusste nicht, wie sie hier reagieren musste.

»Guten Abend«, begrüßte sie daher die anwesenden Offiziere.

»Mein Name ist Ta´elga. Ich bin die Botschafterin des Rates der Neun. Zudem bin ich von König Lyhser zu einer Befehlshaberin der Union ernannt worden.«

In diesem Moment ertönte die Stimme General Tehryns von der anderen Seite des Ratssaals.

»Wie ich hören kann, hast du dich schon bekannt gemacht«, sagte er unfreundlich.

Noch einmal erscholl ein »Habt Acht!« durch den Raum. Alle Anwesenden wandten sich dem Oberbefehlshaber zu. Er ging auf ein kleines Pult zu, das an einer Wand des Raumes stand.

»Steht bequem.«

Er blickte zu Ta´elga und winkte sie zu sich. Für einen kurzen Augenblick konnte die Generalin in den Augen Tehryns so etwas wie Begehren erkennen.

»Aha, scheinbar gefällt dem General mein Äußeres.«

 

Ta´elga stellte sich neben den Oberbefehlshaber.

»Wenn dann endlich auch der Zwergenkommandant aus seiner Höhle herauskommen würde, könnten wir beginnen«, äußerte der General abfällig.

Der Generalin gefiel die Art des Oberbefehlshabers der westlichen Königreiche immer weniger. Sie betrachtete ihn missbilligend. 

»Warum hat der König ausgerechnet diesen Menschen, der scheinbar keinen Respekt kennt, zum Oberbefehlshaber gemacht?«

Von der Treppe her, die aus dem Untergeschoss in den Saal führte, erklang eine volltönende Stimme.

»Gemach, gemach, alter Haudegen, ich bin schon auf dem Weg.«

Die Offiziere im Saal schauten in Richtung der Treppe. Dort, auf der ersten Stufe, stand der General aus dem Volk der Zwerge. Ta´elga fand, dass er eine beeindruckende Erscheinung war. Fast so breit wie hoch, trug der Zwerg einen Brustpanzer und eine Hose aus kleinen goldenen Platten. Selbst seine Stiefel bestanden aus diesen Platten. Unter dem Harnisch trug der Zwerg ein schwarzes Hemd. Mitten auf der Brust prangte ein faustgroßer grüner Edelstein. Auf seinem Rücken trug er eine goldene Axt, die fast so groß war wie er selbst. Er hatte blaue, hüftlange Haare, die er hinten zusammengebunden hatte. Auch sein Bart war blau, reichte ihm bis zum Bauch und war zu einem Zopf geflochten.

Ta´elga musste grinsen, als sie erkannte, dass der Zwerg das Zopfende mit seinem Rangabzeichen, der Armbinde der Union, zusammengebunden hatte. Auch General Tehryn konnte das sehen. Zorn blitzte in seinen Augen auf.

»General Goldaxt, du solltest deinen Rang so tragen, wie es sich für einen Soldaten der Union gehört«, herrschte Tehryn den Zwerg an.

Gelassen schaute Goldaxt dem Oberbefehlshaber in die Augen.

»Tehryn, ich trage das Rangabzeichen, wie es sich für einen Zwerg gehört. Das Band eines Bartes hat bei unserem Volk eine große Bedeutung. Aber das weißt du längst. Trotzdem wirst du nicht müde es immer wieder zu erwähnen.« Der Zwergengeneral baute sich vor dem Oberbefehlshaber auf.

»Meine Freundschaft und Loyalität gehören dem König der Union, meine Kampfkraft gehört den westlichen Königreichen und dir. Mein Leben und die Tradition der Zwerge gehören dir aber nicht. Also lass es endlich auf sich beruhen, General.«

»Du weißt, dass es einen Sinn hat, die Rangabzeichen sichtbar zu tragen.«

»Ja, ja, damit jeder Soldat weiß, dass du hier das Sagen hast. Sei versichert, das weiß ich auch so«, winkte der Zwerg ab.

Goldaxt sprach zu dem Oberbefehlshaber in einem Tonfall wie ein Vater, der geduldig seinem Sohn die Welt erklärte. Ta´elga wandte sich etwas von General Tehryn ab, damit er ihr breites Grinsen nicht sehen konnte. Sie war begeistert von der offenen Art des Zwerges.

»Meine Freunde kennen mich, meine Feinde kennen meine Axt«, fuhr der Zwerg fort und zeigte dabei auf seine riesige Streitaxt.

General Goldaxt sah Ta´elga an. Er verbeugte sich vor ihr.

»Welch ein erhebender Anblick du bist, schöne Elfe. Verzeihe General Tehryn, seine Manieren lassen manchmal zu wünschen übrig. Ich bin Yoris Goldaxt, erster Höhlenlord derer von Goldaxt und General der Union«, stellte der Zwerg sich vor.

Ta´elga erwiderte die Verbeugung lächelnd.

»Mein Name ist Ta´elga. Ich bin die Botschafterin des Waldelfenrates und Generalin der Union. Es freut mich sehr, deine Bekanntschaft zu machen.«

»Wie geht es dem alten Mog´il?«

Die Elfe war überrascht.

»Du kennst den Buchmeister?«

»Aber ja, das ist eine lange Geschichte. Wir sollten uns mal in einer intimeren Runde treffen, dann erzähle ich sie dir«, sagte Yoris verschmitzt.

Sein Blick streifte General Tehryn.

»Genug jetzt der Höflichkeiten«, unterbrach der Oberbefehlshaber barsch.

General Goldaxt stellte sich rechts von Ta´elga auf.

»Nachdem wir jetzt vollzählig sind, möchte ich Botschafterin Ta´elga von den Waldelfen herzlich begrüßen. Ich möchte sie auch zu ihrem ersten Kommando in der Union beglückwünschen«, sagte Tehryn lächelnd.

Die Generalin verbeugte sich in Richtung des Oberbefehlshabers. Sie war überrascht von der freundlichen Ansprache des Generals.

»Er kann offensichtlich auch anders

»Generalin Ta´elga, ich möchte dir jetzt meine Stabsoffiziere vorstellen«, kündigte der Oberbefehlshaber freundlich an.

Sie sah zu Yoris Goldaxt. Er nickte Ta´elga freundlich zu und lächelte zufrieden, als wolle er ihr sagen: So schlimm, wie es auf den ersten Blick scheint, ist Tehryn gar nicht.

»Mal abwarten, wie Tehryn sich künftig mir gegenüber verhält.«

 

Er bat die Offiziere nacheinander vorzutreten und ihren Rang, Namen und die jeweilige Funktion zu nennen. In dem Ratssaal befanden sich zwei Elfenfrauen, ein Elfenmann, eine Menschenfrau, vier Menschenmänner, drei Zwergenmänner und eine Zwergenfrau. 

In der Regel waren Zwergenfrauen zierlicher als die Männer und hatten keinen Bartwuchs. Die Zwergin im Saal trug eine ähnliche Rüstung wie Yoris, nur dass die Platten aus Silber waren. Auf ihrem Rücken trug auch sie eine riesige Axt. Die Zwergenfrau hatte knallgelbe Haare, die sie nach hinten zusammengebunden hatte. Die Zwergin trug die Armbinde, die sie als Hauptfrau auswies, am rechten Arm, was General Tehryn sicherlich erfreute.

»Ich heiße Ly´dia, wie du sehen kannst trage ich die Armbinde einer Majorin. Alt´an und Ger´sile sind Hauptleute der Union.«

Ly´dia zeigte dabei auf die zwei anderen Elfen. Alle waren Jäger, das zeigten ihre Broschen, die in Form einer Jagdeule gearbeitet waren. 

»Wir sind hauptsächlich für den Schutz der Stadt und die Erkundung zuständig.«

»Ich danke euch«, sagte Ta´elga und verbeugte sich vor den drei Elfen.

Als Nächstes traten die Menschen vor Generalin Ta´elga. Einen von ihnen erkannte sie sofort wieder. Es war der Paladin, der sie in Minae fast umgerannt hatte. Er übernahm die Vorstellung der Menschenoffiziere.

»Ich bin Major Darkhorse, ich bin der Kommandant der Paladinsoldaten.«

»Ja, ich kenne dich. Wir haben uns in Minae kurz gesehen. Du warst sehr in Eile.«

»Stimmt, ich erinnere mich. Irgendwie sahst du damals aber anders aus.«

»Mittlerweile ist viel geschehen, Major. Vielleicht haben wir später mal Gelegenheit uns darüber zu unterhalten.«

Darkhorse nickte zustimmend und zeigte nacheinander auf die anderen vier Menschen.

»Das ist Majorin Zaheen, sie befehligt die Bogenschützen und ist für die Katapulte und Geschütze zuständig. Hauptmann Levefre hier ist der Kommandant der Fußsoldaten, Hauptmann Wolfin kommandiert die Reitersoldaten, und Hauptmann Grimm ist für Logistik und Transport zuständig.«

Ta´elga bedankte sich bei den fünf Offizieren. Die Menschenfrau war sehr zierlich und blondhaarig, die Männer waren dunkelhaarig und von ähnlicher Statur. Die Menschenmänner fand sie nicht besonders attraktiv.

Jetzt waren die vier Zwerge an der Reihe. Alle vier trugen die Armbinden der Hauptleute. Die vier Zwerge trugen eine silberne Plattenrüstung und waren mit Streitäxten bewaffnet. Die drei Zwergenmänner hatten die gleiche Haarfarbe wie Yoris Goldaxt. Sie sahen aus wie Drillinge. Irgendwie sahen alle Zwerge gleich aus, fand sie. Yoris war nur durch seine goldfarbene Rüstung von den anderen Zwergenmännern zu unterscheiden. Die Zwergenfrau trat vor.

»Ich bin Gelori Eisenhand, meine Begleiter sind Laraf Kupfernagel, Jedien Stahlkocher und Tuga Silberader. Wir Zwerge sind nicht so spezialisiert. Wir sind in der Hauptsache Krieger, Architekten und Waffenschmiede. Zurzeit sehen wir zu, dass alle Soldaten mit genügend Waffen ausgerüstet sind.«

Ta´elga verbeugte sich leicht vor den Offizieren.

»Ich danke allen Anwesenden hier im Saal. Ich freue mich auf unser künftiges gemeinsames Wirken. Unser aller Ziel ist die Vernichtung unseres Feindes, des Magistrats!«

Die Offiziere salutierten vor der Generalin Ta´elga. Obwohl es für sie neu war und unter Elfen nicht üblich, salutierte auch sie. 

Nachdem die Vorstellungsrunde beendet war, redete General Tehryn über die alltäglichen Dinge des militärischen Lebens in Miad´rhor. Es ging hauptsächlich um neu angekommene Truppen aus Tellus und die damit zusammenhängenden Logistikprobleme. Ta´elga hörte zwar interessiert zu, konnte aber nichts Konstruktives beisteuern. Nachdem alles besprochen war, beendete General Tehryn die Besprechung und entließ die Offiziere. 

Der Abend war schon weit fortgeschritten. Er bat die Elfenfrau und General Goldaxt für den nächsten Morgen in sein Arbeitszimmer. Er wollte am nächsten Tag mit den beiden Befehlshabern die Truppen in und um Miad´rhor besichtigen. 

 

Ta´elga verabschiedete sich vom Oberbefehlshaber und vom Zwergenkommandanten und suchte ihre Räume im Elfenbereich auf. Bevor sie Dar´al im Gasthaus traf, wollte sie sich noch etwas frisch machen. In ihrem Arbeitszimmer traf sie auf ihre Ordonnanzoffizierin.

»Kann ich heute noch etwas für dich tun?«

»Nein, By´wala. Wir sehen uns dann morgen. Ich möchte noch in das Gasthaus, Zum Blaugratgebirge, ich treffe mich dort mit einem Elfen.«

»Gut. Wenn ich dir einen Rat geben darf, so lasse deine Uniform an. Das ist sicherer.«

»Wieso sicherer?«

»Manche Menschen schlagen gern über die Stränge, wenn sie betrunken sind. Dann benehmen sie sich bisweilen etwas seltsam – besonders, wenn sie Frauen in Zivilkleidung sehen.«

»Danke. Ich werde deinen Rat beherzigen.«

»Ich habe dir ein Nachtmahl in deinen Schlafraum bringen lassen, falls du nach deiner Rückkehr noch Hunger verspürst. Ich wünsche dir eine gute Nacht. Ahlunah beschütze dich.«

»Ich wünsche dir auch eine gute Nacht, By´wala. Ahlunah sei mit dir.«

 

Die Ordonnanzoffizierin verließ den Raum. Ta´elga ging ins Bad, zog sich aus und füllte eine Schüssel mit Wasser und einer duftenden Essenz. Sie wusch sich gründlich. Sie genoss es, ihren Körper mit einem weichen Schwamm abzureiben. Danach legte sie ihre Uniform wieder an und verließ das Rathaus in Richtung Gasthaus. Es lag genau auf der Grenze des Elfen- und des Menschendrittels. 

Als sie das Gasthaus betrat, schlug ihr ein warmer Mief entgegen. Es roch nach Essen und nach Menschen. Der Schankraum wirkte heruntergekommen.

Ganz hinten, in einer schwach beleuchteten Ecke, saß einsam an einem Tisch Dar´al und lächelte sie an. Ta´elga ging vorbei an der Theke und den Tischen. Sie spürte die Blicke der Menschen, die ihr nachsahen. Irgendeiner murmelte etwas von Elfentreffen. Sie beachtete die anderen Gäste aber nicht weiter. Sie erreichte den Tisch mit Dar´al. Er stand auf und begrüßte sie.

»Schön, dass du gekommen bist. Wie ich sehe, hast du Karriere gemacht. Jetzt bist du sogar meine Vorgesetzte«, sagte er lächelnd und verbeugte sich.

»Das ist wahr, aber erst morgen. Heute ist es noch ein privates Treffen. Warum in aller Welt hast du diesen ungemütlichen Ort gewählt?«

»Hierher kommen nur niedere Ränge der Menschensoldaten und einige Zivilisten. Das ist der beste Ort, um ungestört zu bleiben. Hier wird uns niemand ansprechen.«

»Ich verstehe. Also gut.«

Der Gastwirt kam zu den beiden Elfen. Er war ein dicker, mittelalterlicher Mann, der mürrisch dreinblickte.

»Was darf es sein, Elfen?«, fragte er unfreundlich.

Dar´al bestellte, mit Ta´elgas Einverständnis, zwei Bier.

»Das Gasthaus ist schäbig, der Wirt mürrisch, aber das Bier ist sehr gut«, erklärte der Leutnant.

Der Wirt brachte zwei große Krüge mit dem Gebräu und verschwand wortlos wieder hinter seiner Theke.

»Ich bin neugierig. Wie geht es Se´lira?«

Ta´elga wollte den Elfenmann nicht hinhalten. Sie erzählte ihm ausführlich von ihren Erlebnissen in Lad´rhor. Auch ihre Nacht mit Dar´als Gefährtin verschwieg sie nicht. Se´liras Wunsch, Mutter zu werden, erwähnte Ta´elga jedoch nicht. Als sie geendet hatte, blickte der Elfenmann sie lange schweigend an. Nach einer Weile sagte er zu ihr:

»Welch seltsame Fügung hat uns drei zusammengebracht. Ich freue mich, dass es meiner Gefährtin gut geht und es freut mich, dass sie jetzt mit dir verbunden ist.«

 

Inzwischen war die Nacht bereits hereingebrochen. Die beiden Elfen hatten noch ein paar Krüge Bier geleert, und Ta´elga musste zugeben, dass das Bier tatsächlich sehr gut war. Dar´al legte einige Münzen auf den Tisch, dann verließen sie das Gasthaus.

Auf der nur spärlich beleuchteten Straße wurden Ta´elga und ihr Begleiter von drei betrunkenen Menschenmännern ungehörig angepöbelt, ganz wie By´wala es vorausgesagt hatte. Die beiden Elfen traten in das schwache Licht einer Laterne. Ta´elga hoffte, die Männer würden ihres Weges ziehen, sobald sie die Uniformen sahen. Einer der Männer spuckte vor der Botschafterin aus.

»Elfensoldaten, pah!«, sagte er verächtlich.

Ta´elga war überrascht, über diese Feindseligkeit der Menschen. Dar´al wollte diese Ungehörigkeit gegenüber der Hohepriesterin Ahlunahs nicht durchgehen lassen und ging auf den Mann zu. Sie hielt ihn zurück.

»Nicht, Dar´al.«

Die junge Elfenfrau bat die Männer ihres Weges zu ziehen, aber diese ignorierten ihre Bitte. Sie ließ einen leichten Zauber wirken. Die Menschen fassten sich plötzlich an ihre Köpfe und krümmten sich vor Schmerz. Schnell verließen sie den Ort des Geschehens.

»Sie werden bis morgen früh an starken Kopfschmerzen leiden. Das geht aber vorbei.«

»Sie haben es sich verdient«, bemerkte Dar´al.

»Warum waren diese Menschenmänner so feindselig?«

»Einige Menschen misstrauen uns. Normalerweise lassen uns die Menschen ihr Misstrauen nicht so deutlich spüren. Wenn sie berauschende Getränke zu sich nehmen, dann zeigen einige ihre Abneigung uns gegenüber mehr oder weniger offen.«

»Warum ist das so? Schließlich kämpfen wir Seite an Seite gegen den Feind.«

»Ja, das stimmt, aber viele Menschen glauben, dass uns Elfen unsere Belange wichtiger sind als ihre eigenen.«

»Das erzählte mir auch mein alter Lehrer in meiner Heimat.«

»Trotzdem sind die Menschen gute Kämpfer und loyale Bündnisgenossen.«

 

Endlich in ihrem Schlafgemach angekommen, warf sie sich, so wie sie war, auf das bequeme Bett. Sie verschränkte die Arme hinter dem Kopf.

»Es war ein anstrengender und ereignisreicher Tag gewesen

Sie drehte den Kopf zur Seite, und ihr Blick fiel auf das Nachtmahl, das By´wala bereitgestellt hatte. Ein kleiner Zettel, der an den Krug mit Fruchtsaft gelehnt war, erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie setzte sich auf und las, was darauf geschrieben stand.

 

»Liebe Ta´elga,

hier die Adresse von Vy´dega, Burh´an und deinem Sohn Mig´lan.

Folge der Straße zum Südtor. Gehe in die zweite Gasse nach links. Im zweiten Haus auf der rechten Seite wohnen sie.

Ahlunah begleite dich.

By´wala

 

Ta´elga freute sich über By´walas Nachricht. 

»Wie hat sie von meinem Wunsch erfahren, meinen Sohn sehen zu wollen? By´wala ist Gold wert.«

Nachdem sie noch etwas gegessen und getrunken hatte, zog sie sich aus und legte sich hin. Wenig später verrieten ihre ruhigen, regelmäßigen Atemzüge, dass sie eingeschlafen war.

 

Am nächsten Morgen erwachte Ta´elga sehr früh. Sie fühlte sich ausgeruht und bereit für den neuen Tag. Sie beschloss, ein ausgiebiges Bad zu nehmen und anschließend zu frühstücken. Als sie einige Zeit später den Wohnraum betrat, war der Esstisch bereits gedeckt. Sie setzte sich und genoss das reichhaltige Frühstück. Ta´elga fühlte sich rundum wohl. Kurz darauf betrat By´wala den Wohnraum.

»Guten Morgen, Botschafterin. Wie hast du geschlafen?«

»Ausgezeichnet, By´wala. Danke für die Nachricht. Woher wusstest du von meinen Paten?«

»Na ja, ich habe da so meine Quellen«, sagte sie geheimnisvoll lächelnd.

»Und die möchtest du natürlich nicht verraten.«

»Im Grunde ist es ganz einfach. Neben der Magie des Heilens beherrsche ich auch die Magie des Sehens. Schon anhand kleinster Hinweise bin ich in der Lage, das ganze Bild zu erkennen. Unbewusst hast du den Wunsch, deine Familie zu sehen, durch kleine Gesten verraten.«

»Wie auch immer. Ich danke dir. Ich werde sie noch heute Morgen aufsuchen. Ich bin sehr neugierig und auch nervös.«

»Triffst du heute Morgen nicht den Oberbefehlshaber?«

»Doch, aber vorher habe ich noch Zeit, meine Familie kurz zu sehen.«

 

Ta´elga machte sich auf den Weg. Das Haus war schnell gefunden. Nun stand sie davor. Es war ein kleines, zweigeschossiges Holzhaus. Auf der überdachten Terrasse war niemand zu sehen. Sie zögerte kurz, dann betrat sie das Haus. Die Terrasse war mit zwei kleinen Sitzgruppen und einem offenen Kamin eingerichtet, und eine kurze Rampe führte ins obere Geschoss.

»Hallo? Ist jemand zu Hause?«

Eine Frauenstimme antwortete.

»Moment, ich komme nach unten.«

Vy´dega erschien auf der Rampe. Ta´elga erkannte sie sofort wieder; sie hatte sich kaum verändert. Vy´dega kam die Rampe herab und näherte sich ihr mit fragendem Gesichtsausdruck.

»Ist etwas passiert?«, fragte sie ängstlich.

»Nein, nein. Alles in Ordnung«, beruhigte sie Ta´elga.

»Was möchte eine Soldatin der Union dann von mir?«

Sie kam langsam näher. Vy´dega betrachtete sie gründlich. Plötzlich erschien ungläubiges Erkennen auf ihrem Gesicht. Sie riss ihre Augen weit auf.

»Ta´elga? Bist du es wirklich?«

»Ja, Vy´dega. Ich bin es wirklich.«

»Ich kann es kaum glauben. Nach so langer Zeit«, sagte sie mit tränenerstickter Stimme.

Dann lagen die beiden Frauen einander in den Armen. Vy´dega küsste Ta´elga auf das Gesicht und drückte die Patenmutter Mig´lans immer wieder an sich. Nachdem sich beide etwas beruhigt hatten, wollte Ta´elga wissen, wie es ihrem Sohn ging.

»Wo ist Burh´an? Wo ist unser Sohn?«, fragte sie aufgeregt.

»Die beiden sind im Westen außerhalb der Stadt unterwegs. Sie wollten ein paar kleinere Tiere jagen. Die beiden sind heute Morgen schon ganz früh aufgebrochen und wollen erst heute Nachmittag zurückkehren.«

»Ach wie schade. Ich bin sehr neugierig auf Mig´lan.«

»Er ist ein gut geratenes Kind, auf das wir sehr stolz sind. Er ist intelligent und bereits geschickt im Jagen. Seine Magie ist stark, und das haben wir wohl dir zu verdanken.«

 

Plötzlich schwankte Vy´dega. Sie fasste sich mit der rechten Hand an die Stirn, die linke tastete nach einem Halt. Mit schreckgeweiteten Augen sah Vy´dega ihre Freundin an. Ta´elga musste sie stützen.

»Was ist mit dir?«

Vy´dega stöhnte. »Gefahr. Sie sind in Gefahr.« Ihr Atem ging stoßweise.

»Wer ist in Gefahr?« Sorgenvoll sah Ta´elga ihre Freundin an.

Vy´dega setzte sich auf einen in der Nähe stehenden Sessel. Sie wurde ruhiger. Sie hielt Ta´elga am Arm fest.

»Burh´an und Mig´lan sind in Gefahr. In großer Gefahr.«

»Woher weißt du das?«

»Ich sagte dir doch, dass Mig´lans Magie stark ist. Er übt gerade die Magie der Gedanken. Sie ist bei ihm noch nicht ganz ausgereift, aber wenn er sich konzentriert, kann er mir seine Gedanken senden. Gerade eben hat er mir gesagt, dass sein Vater und er von mehreren Kriegern angegriffen werden. Einer von ihnen ist ein Zauberer. Noch können die beiden die Angreifer abwehren, aber sie werden schwächer. Sie brauchen Hilfe. Du musst ihnen helfen«, flehte sie.

»Natürlich. Schnell, sage mir, wo genau sie sind.« 

»Sie haben die Stadt durch das Westtor verlassen. Sie sind etwa einen viertel Tagesmarsch entfernt.«

»Ich reite sofort los.«

»Allein? Du willst allein reiten?«, fragte Vy´dega ängstlich.

»Glaube mir, ich werde mit den Angreifern fertig. Erschrecke jetzt bitte nicht.«

Nun war der Augenblick da, den Ta´elga insgeheim gefürchtet und zugleich herbeigesehnt hatte, seit sie Acceras verlassen hatte. Sie würde sich wieder in die gefürchtete Sanguenritterin verwandeln. Ihr Pate und ihr gemeinsamer Sohn waren in Lebensgefahr, und sie musste ihnen zu Hilfe eilen. Sie konzentrierte sich. In einem grellen Lichtblitz verwandelte sich Ta´elga, die Botschafterin, in Ta´elga, die Sanguenritterin. Als das Licht erlosch, trug sie ihre Kampfrüstung, und ihr Elementumschwert hing auf ihrem Rücken. In einem weiteren Lichtblitz erschien ihr Reitdämon vor dem Haus.

»Wer bist du?«, fragte Vy´dega erstaunt, mit zittriger Stimme.

»Keine Sorge, Vy´dega. Ich bringe dir unsere Liebsten wohlbehalten zurück.«

Sie bestieg ihren Reitdämon. Ein rötliches, geheimnisvolles Leuchten umgab den Dämon und die Ritterin plötzlich. Sie fühlte die Macht, die von der Rüstung und ihrem Schwert durch ihren Körper strömte.

»Ich hatte vergessen, wie schön dieses Gefühl der Macht ist.«

 

Ta´elga stürmte los. In wahnwitzigem Tempo raste sie durch die Stadt in Richtung Westtor, das sie schon wenig später durchritt. Die Bewohner Miad´rhors nahmen nicht mehr wahr als einen rötlich leuchtenden Windstoß. Nach kurzer Zeit hatte sie die Stadt weit hinter sich gelassen. Die Sanguenritterin hielt an, um sich zu orientieren. Zu ihrer Rechten lag das Blaugratgebirge, im Westen das Versteckte Meer. Sie sah sich um. Die Sonne war längst aufgegangen und stand in ihrem Rücken.

»Gut so. Der Feind kann mich erst spät sehen, da er in die Sonne blicken muss.«

In der näheren Umgebung waren nur einige Tiere zu sehen, die sich im hohen Gras bewegten. Ein leichter Wind wehte vom Meer über die Graslandschaft.

Um ihre Feinde aufzuspüren, nutzte Ta´elga gewöhnlich ihren Weitsichtzauber. Sie begann, sich auf diese Magie zu konzentrieren, als sie eine Veränderung in sich spürte. Plötzlich konnte sie vor ihrem inneren Auge die gesamte Savanne sehen. Sie sah Miad´rhor, sie sah sich selbst auf ihrem Reitdämon in der Savanne sitzen, und sie sah Burh´an, Mig´lan und deren Angreifer. Sie richtete ihre Konzentration auf den Ort des Kampfes. Es war, als stünde sie plötzlich unmittelbar neben den Soldaten des Magistrats. Sie konnte sogar die Worte der Angreifer hören. Sie war dort, und zugleich war sie über der Savanne, in der Stadt und auf dem Dämon – alles zur selben Zeit. Es war anders als ihr gewohnter Zauber. Ta´elga begriff: Das war Ahlunahs Fähigkeit der Gleichzeitigkeit.

Sie kannte nun den Aufenthaltsort von Burh´an und Mig´lan genau. Auch die Angreifer hatte sie gesehen. Es waren Menschen und ein Steinelf, und sie trugen die Uniform des Magistrats. Die Sanguenritterin erkannte den angreifenden Magier, der die beiden Elfen mit Feuerkugeln bedrängte. Burh´an und Mig´lan lagen in einer flachen Mulde, die ihnen etwas Schutz bot. Bislang hatte keines der magischen Geschosse sein Ziel erreicht. Kurz bevor die Kugeln die Mulde erreichten, in der die beiden lagen, erloschen sie. Burh´an und Mig´lan mussten einen Abwehrzauber wirken.

Ta´elga nahm ihr Elementumschwert in die rechte Hand. Es war berauschend wieder die zerstörerische Kraft dieses Schwertes zu spüren.

In schnellem Tempo näherte sich die Sanguenritterin den Angreifern. Zuerst musste sie den Magier ausschalten; er war die größte Gefahr für Burh´an und Mig´lan. Die Angriffszauber der Sanguenritter wirkten nur aus der Nähe.

Ta´elga schoss regelrecht auf den Zauberer zu. Sie spürte tief in sich die Gier nach Blut, so wie damals, als sie für das Böse kämpfte. Die Elfenfrau wollte den Zauberer töten, ihn vernichten. Er sollte leiden, nicht zu schnell sterben.

»Wieso bedroht er auch das Leben meiner Familie?«

»Ich darf meinem Verlangen nicht nachgeben, schon gar nicht im Beisein von Mig´lan. Ich muss mich beherrschen, sonst bin ich keine bessere Elfe als zurzeit im Magistrat. Es gibt einen anderen Weg, meine Feinde unschädlich zu machen.«

Ta´elga schleuderte einen Schlafzauber gegen den fremden Magier, doch er blieb wirkungslos. Der Zauberer wandte den Kopf in Richtung der auf ihn zustürmenden Sanguenritterin. Ta´elga konnte die Lust am Töten deutlich in seinen Augen lesen. Zunächst grinste er siegesgewiss, weil er glaubte, sie wolle ihn unterstützen. Doch dann sah er das Zeichen der Sternengöttin der Waldelfen auf ihrer Rüstung, und ihm wurde klar, dass sie ihn angriff. Sein Auftrag war gewesen, den Waldelfenmann und das Waldelfenkind gefangen zu nehmen. Nun wusste er, dass dies unmöglich geworden war. Er musste die beiden töten, bevor die Sanguenritterin ihn erreichte.

Deutlich hörte Ta´elga, dass der Magier ihr das Wort Verräterin entgegenschleuderte.

Gerade ließ er zwischen seinen erhobenen Händen eine neue Energiekugel entstehen, bereit, sie gegen Burh´an und Mig´lan zu schleudern. Ta´elga wusste plötzlich, dass dieses Geschoss das letzte und tödliche sein würde. Die Abwehr der beiden Elfen in der Mulde war erschöpft. Endlich erreichte die Ritterin den Magier. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den Steinelfen zu töten. Sie bedauerte, dass sie ihn so rasch töten musste, um Burh´an und Mig´lan zu retten. Zugleich empfand sie Genugtuung darüber, dass ein Scherge des Magistrats durch ihre Hand den Tod fand.

Viel bekam der Zauberer von dem, was dann geschah, nicht mehr mit. Ta´elga ließ ihre Magie des Sanguen auf ihn niederfahren. Sie brachte sein Blut zum Kochen, zerriss sein Herz und zerquetschte sein Gehirn in Bruchteilen einer Sekunde. Noch bevor der Magier auf dem Boden aufschlug, war er tot.

Als der Beschuss mit den Feuerkugeln abrupt endete, blickten die Soldaten des Magistrats in Richtung ihres toten Zauberers. Sie sahen die Sanguenritterin und hielten Ta´elga für einen kurzen Augenblick für ihre Verbündete. Doch als sie Ahlunahs Zeichen auf der Kampfrüstung der Ritterin erkannten und sahen, wie sie mit erhobenem Schwert auf sie zuritt, begriffen sie ihren Irrtum und ergriffen die Flucht. Entkommen konnten sie ihr jedoch nicht. Rasch hatte sie die Soldaten eingeholt.

 

Ta´elga wollte sie nicht töten; als Gefangene waren sie nützlicher. Sie wollte jedoch, dass die Soldaten Schmerzen litten, ihre Klinge spürten und ihr Blut sahen. Also ließ die Sanguenritterin die Feinde ihr Schwert fühlen. Sie erwischte jeden Einzelnen und fügte ihnen schwere Schnittwunden zu. Schreiend und blutend brachen sie zusammen. Zufrieden blickte sie auf die Krieger hinab, die sich am Boden wälzten und ihre Wunden hielten. Dann betäubte sie die Verwundeten mit einem Zauber.

Ta´elga ritt langsam auf Burh´an und Mig´lan zu, die ihre Deckung mittlerweile verlassen hatten. Sie wusste, dass die beiden Ahlunahs Stimme hörten, als sie den Sternenbrunnen auf Ta´elgas Rüstung sahen.

»Folgt Ta´elga, meiner Tochter. Sie trägt mein Zeichen und spricht in meinem Namen

Beide verbeugten sich tief, als die Ritterin sie erreichte. 

Burh´an sah zu ihr auf. Er versuchte, in Einklang zu bringen, was er sah und was Ahlunahs Stimme ihm gesagt hatte. Er wirkte verwirrt. Eine Sanguenritterin, die Ahlunahs Zeichen trug und Ta´elga sein sollte – seine längst verloren geglaubte Freundin, deren Pate er bei ihrer Reifezeremonie gewesen war –, das verstand Burh´an nicht.

Ta´elga trug wieder ihre Uniform, Rüstung und Reitdämon waren verschwunden. 

 

Ihr Freund und ihr Sohn richteten sich wieder auf.

»Du bist es wirklich. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dich wiederzusehen. Und jetzt kommst du sogar als unsere Retterin. Verzeih, Ta´elga. Ich bin verwirrt«, sagte Burh´an ungläubig.

Er ging auf die Elfenfrau zu und umarmte sie. Ta´elga erwiderte seine Umarmung. Mig´lan sah Ta´elga fragend an.

»Sind sie tot?«

Er zeigte auf den Magier und die am Boden liegenden Soldaten des Magistrats. 

Ta´elga betrachtete Mig´lan genauer. Er war ein sehr hübscher Elfenjunge. Wie sie selbst hatte er weißes Haar. Seine Haut schimmerte leicht grünlich, die Hautfarbe seiner Mutter Vy´dega. Wie bei allen jungen Elfen, die ihre Reifezeremonie noch nicht erlebt hatten, leuchteten Mig´lans Augen türkis.

»Nein, sie sind nur durch einen Zauber gelähmt. Ich werde ihn erst aufheben, wenn sie in sicherem Gewahrsam sind. Den Magier musste ich leider töten. Ich hatte keine Wahl. Er hatte sich vor meinem Lähmzauber geschützt und er war kurz davor eine Feuerkugel durch eure Abwehr zu schießen. Diese Kugel hätte euch getötet.«

Ta´elga sagte nicht, dass sie Freude beim Töten des Zauberers empfunden hatte. Jetzt war sie sehr erschrocken über dieses Gefühl und empfand tiefe Scham.

»Bleibt noch einen Moment hier stehen. Ich muss mich um den toten Magier kümmern. Wenn der Magistrat von seinem Tod erfährt und seinen Körper findet, ist er in der Lage den Toten wieder zu erwecken. Er würde dann als Untoter sein Unwesen weitertreiben und wäre dann nur durch Magie zu vernichten. Ich benutze einen Zauber, um den Körper spurlos verschwinden zu lassen.«

Sie ging zu dem Toten hinüber und hielt ihre ausgestreckten Arme über ihn. Plötzlich begann der tote Zauberer in der Luft zu schweben, ein grünliches Licht umwaberte ihn. Dann verschwanden sowohl das Licht als auch der leblose Körper. Die Botschafterin kehrte zu den wartenden Elfen zurück.

»So, erledigt. Jetzt kann der Magistrat nichts mehr ausrichten. Ich frage mich, was sie hier wollten. Für einen Spähtrupp sind sie ungewöhnlich weit weg von ihrer Heimat.«

»Was machen wir nun?«, fragte Mig´lan.

»Ich schlage vor, wir setzen uns ins Gras und warten bis Verstärkung aus Miad´rhor eintrifft. Ich bin sicher, dass Vy´dega die Garnison alarmiert hat. Die Soldaten werden sicher bald eintreffen, aber vorher möchte ich dich umarmen, Mig´lan.«

Sie trat zu ihrem Patensohn und umarmte ihn innig. Mig´lan erwiderte die Umarmung. Ta´elga durchströmten Glücksgefühle. Endlich konnte sie ihren Sohn in die Arme schließen. Nie wieder würde er jemals in Gefahr geraten, schwor sie sich. 

Sie setzten sich in der Nähe der Straße ins Gras, welches hier nicht ganz so hoch war. Ta´elga hatte von hier aus einen guten Blick auf die bewusstlosen Soldaten. 

»Dein Vater möchte sicher wissen, wie es mir in den letzten Jahren ergangen ist und ich möchte, dass wir uns besser kennenlernen.«

»Einiges kann ich von Vy´dega, Mig´lan und mir auch erzählen.«

»Da bin ich sicher. Ich bin schon sehr gespannt«, entgegnete sie lächelnd.

 

»Ich kann dir gar nicht genug für deine Hilfe danken, Ta´elga. Wir hatten die feindlichen Soldaten nicht bemerkt, bis die erste Feuerkugel auf uns zuflog. Wir waren gerade hier angekommen und suchten nach Tierfährten«, begann Burh´an zu berichten.

»Mig´lan und ich wollten die Jagd mit Pfeil und Bogen üben, ganz ohne Magie.«

»Wir werden schon erfahren, was die feindlichen Soldaten hier wollten, Burh’an. Ich finde es erschreckend, dass sie ungeschoren so weit in unser Gebiet eindringen konnten.«

Sie betrachtete die beiden männlichen Elfen.

»So. Ihr beide wart also auf der Jagd. Macht ihr das öfter?«

»Nein, eher selten. Ich wollte Mig´lan nur diese Art des Jagens zeigen. Der Umgang mit den traditionellen Waffen bei der Jagd sollte auch Elfen geläufig sein, die keine Krieger sind. Zudem sind Felle bei Zwergen und Menschen sehr begehrt. Der Verkauf ist immer ein nettes Zubrot.«

»Warum haben Vy´dega und du das Blätterdachtal verlassen?«

»Einige Jahre nach deinem Verschwinden wurde mir in Miad´rhor eine Stelle als Kartenmacher angeboten. Mig´lan war mittlerweile zehn Jahre alt. Wir beschlossen also, uns hier anzusiedeln. Du weißt, dass Elfenkarten sehr beliebt sind und ich bin mittlerweile ein wahrer Meister in der Herstellung.«

Elfenlandkarten waren etwas Einzigartiges. Sie wurden mit Magie geschaffen und zeigten die Landschaft dreidimensional und detailgetreu. Das allein war bereits etwas Besonderes. Ihre eigentliche Einzigartigkeit bestand jedoch darin, dass man auf ihnen das aktuelle Geschehen an den dargestellten Orten zeitgleich beobachten konnte. Es gab nur sehr wenige Elfen, die diese Magie der Kartenherstellung beherrschten. Leider funktionierte sie nicht für die Gebiete des Magistrats; dessen Magie verhinderte diese Art der Darstellung. Burh´an hatte schon früher wunderschöne, lebensechte Bilder gemalt.

»Dann hast du wohl noch keine Karte von dieser Gegend hier gezeichnet?«, fragte Ta´elga und zeigte dabei auf die umgebende Landschaft.

»Nein, ich werde das aber bei meiner Rückkehr nach Miad´rhor in Angriff nehmen«, versicherte Burh´an.

»Jetzt erzähle aber von dir. Wie ist es dir ergangen? Wir haben die Hoffnung nie aufgegeben, dich jemals wiederzusehen. Vy´dega und ich haben Mig´lan immer von dir erzählt und gesagt, dass wir dich eines Tages wiedersehen würden.«

Mig´lan nickte zustimmend. Ta´elga begann, von ihrem Lebens- und Leidensweg zu erzählen – von ihrer Ausbildung in Acceras zur Sanguenritterin bis zu ihrer Ankunft in Miad´rhor. Einzelheiten aus ihrer Zeit als Kriegerin des Magistrats ließ sie jedoch aus.

»Warum wählte Ahlunah dich?«, fragte Burh´an.

»Meine Ausbildung im Magistrat und meine Fähigkeiten als Sanguenritterin verschaffen uns im Kampf gegen das Böse einen unschätzbaren, taktischen Vorteil. Das war der Grund. Ich wusste nicht, dass König Lyhser mich auch noch zu einer Generalin der Union ernennt.«

Sie erzählte den beiden Elfen nichts von ihrem späteren Aufstieg zur Sternengöttin.

 

Als Ta´elga endete, konnte sie aus Richtung der Stadt eine Staubwolke sehen. 

»Unsere Rettung naht«, sagte sie und zeigte auf die Wolke.

»An der Spitze reitet General Tehryn«, sagte Mig´lan

»Du beherrschst den Weitsichtzauber?«

»Ja, das und noch so Einiges«, antwortete er voller Stolz.

»Mig´lan hat eine gute Lehrerin. Und Vy´dega und ich beherrschen ja auch die eine oder andere Magie. Tatsache ist, dass bei Mig´lan die Zauber sehr stark werden. Das hat er dir zu verdanken.«

»Ich kann schon drei verschiedene Zauber und ich glaube, dass ich noch mindestens einen weiteren Zauber erlernen kann.«

»Zwei deiner Zauber kenne ich schon. Vy´dega erzählte mir von deinem Gedankenzauber und deinen Weitsichtzauber habe ich ja gerade erlebt. Was kannst du noch?«

»Ich beherrsche schon recht gut den Befehlszauber, allerdings bis jetzt nur bei kleineren Tieren. Ich spüre aber, dass diese Magie noch stärker werden kann. Eines Tages kann ich vielleicht höher entwickelten Wesen befehlen, was sie machen sollen.«

»Und dein vierter Zauber?«

»Da bin ich noch nicht sicher. Ich bin in der Lage mit der vierten Magie leichte Gegenstände zu bewegen. Als wir angegriffen wurden, habe ich diesen Zauber angewendet, um die Feuerkugeln abzulenken. Teilweise ist es mir gelungen.«

»Ja und ich habe die Geschosse erlöschen lassen. Allein hätte ich es aber nicht geschafft, dem Angriff standzuhalten. Unser Sohn war eine große Hilfe«, sagte Burh´an und legte seinen Arm um Mig´lans Schultern.

 

Der Reitertrupp, bestehend aus Elfen, Menschen und Zwergen, mit General Tehryn an der Spitze, erreichte die drei Elfen. Befehle erschollen, und die Soldaten schwärmten aus, um die nähere Umgebung zu sichern. Dem Trupp folgte ein Planwagen, der von zwei Pferden gezogen wurde. Ein Mensch lenkte das Fuhrwerk. Der Oberbefehlshaber betrachtete die drei Elfen eingehend, dann wandte er sich an die Generalin.

»In den Armeen der Union ist es üblich sich an Befehle zu halten. Ohne Disziplin zerfällt jede Armee«, blaffte Tehryn.

»Das ist mir bekannt, General«, erwiderte Ta´elga sanft.

»Statt hier ein Picknick abzuhalten, solltest du heute Morgen zur Besprechung kommen.«

Ta´elga zeigte auf die bewusstlos im Gras liegenden Soldaten des Magistrats. Sie konnte sich dabei einen ironischen Unterton nicht verkneifen.

»Nun ja, wie soll ich es sagen? Ich wurde etwas aufgehalten.«

 »Was ist hier passiert?«

Ta´elga schilderte ihm alles, von ihrem Aufbruch in Miad´rhor bis zum Ende des Kampfes. Tehryn hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als sie geendet hatte, befahl der General, die gefangenen Soldaten auf den Planwagen zu bringen. Die Magistratskämpfer wurden gefesselt, und Ta´elga weckte sie auf.

»Du wirst auf dem Wagen mitfahren. Du kannst dich während der Rückfahrt wenigstens etwas nützlich machen und versuchen etwas aus den Gefangenen heraus zu bekommen«, befahl der General Ta´elga ziemlich schroff.

Die Botschafterin verbeugte sich vor dem Oberbefehlshaber.

»Wie du befiehlst, mein Gebieter«, antwortete Ta´elga mit einem freundlichen Lächeln.

 

General Tehryn sah die Elfe noch eine Weile stirnrunzelnd an. Dann wandte er sich wortlos ab und ritt in Richtung Stadt zurück. Burh´an und Mig´lan nahmen vorne neben dem Fahrer Platz. Ta´elga begab sich auf die Ladefläche des Planwagens, wo die Gefangenen bereits saßen. Rumpelnd setzte sich der Wagen in Bewegung. Die Soldaten des Magistrats blickten die Elfenfrau kurz an, dann richteten sie den Blick wieder ins Leere. Einer von ihnen, ein dunkelhaariger Mensch, musterte die Generalin länger.

»Sollten wir uns jetzt geehrt fühlen, dass eine hohe Kommandantin der Union sich zu uns gesellt, Erhabene?«, fragte der Gefangene Ta´elga ironisch, sein Blick deutete auf die Armbinde der Elfe.

Der Titel Erhabene war im Magistrat die übliche Anrede für hochgestellte Persönlichkeiten. Ta´elga hatte sie schon lange nicht mehr gehört.

Der Soldat blickte sie verächtlich an.

»Ich kenne dich. Ich habe einmal unter dir gedient und an deiner Seite gekämpft. Das waren noch andere Zeiten. Ich würde lieber sterben, als zum Feind überzulaufen.«

Der Soldat wandte sich von ihr ab. Sein Blick richtete sich auf die Plane des Wagens.

Allen Kriegern des Magistrats war mithilfe von Magie ein Selbsttötungsbefehl ins Unterbewusstsein gepflanzt worden, der im Falle einer Gefangennahme wirksam wurde. Ta´elga hatte das gewusst und diese Magie noch im Zustand der Bewusstlosigkeit der Soldaten aufgehoben. Inzwischen wunderten sich die Männer, warum sie noch lebten.

»Ihr seid weit weg von eurer Heimat. Was wolltet ihr hier?«

»Von uns wirst du nichts erfahren, Verräterin.«

»Da irrst du Soldat, da irrst du. Ich beherrsche immer noch die Magie einer Sanguenritterin. Du weißt, was das bedeutet.«

Die Generalin dachte nicht im Entferntesten daran, die Gefangenen auf irgendeine Art und Weise zu foltern. Folter war eine übliche Verhörmethode im Magistrat. Mit diesem dunklen Kapitel in ihrer Vergangenheit hatte sie endgültig abgeschlossen. Ta´elga wollte die Soldaten lieber davon überzeugen, dass sie bisher auf der falschen Seite gekämpft hatten.

»Ein wenig drohen kann ja nicht schaden

Die Gefangenen blickten sie mit schreckgeweiteten Augen an. Ta´elga bereute schon fast ihre Drohung, als sie Mig´lans Stimme in ihrem Kopf vernahm.

»Ich habe euch belauscht. Ich konnte die Gedanken der Menschen ohne Mühe lesen. Ich weiß jetzt alles

Sie war überrascht und erfreut zugleich. Ihr Patensohn hatte ihr viel Mühe und Zeit erspart. Sie war sehr gespannt darauf, was Mig´lan ihr erzählen würde. 

Sie gab dem Fahrer den Befehl, den Wagen anzuhalten. Burh´an, Mig´lan und Ta´elga stiegen ab und gingen ein paar Schritte vor dem Gespann zu Fuß weiter. Der Planwagen folgte ihnen langsam.

»Ich hoffe, du bist mir nicht böse, Ta´elga. Hin und wieder trainiere ich meine Magie. Ich fand, die Gelegenheit hierzu war bei diesen Kriegern sehr günstig.«

»Mache dir darüber keine Sorgen. Du solltest nur vorsichtig sein. Bei Wesen, die Magie beherrschen, kann das Gedankenlesen sehr gefährlich werden.«

»Ja, ich weiß. Bei diesen Menschen bin ich mir aber sicher gewesen, dass mir keinerlei Gefahr drohte.«

Ta´elga nickte.

»Was hast du erfahren?«

»Ich kann nicht alles erklären, was die Soldaten dachten, aber so viel ich verstanden habe, hatten sie den Auftrag, Burh´an und mich zu finden und gefangen zu nehmen. Sie sind von einer neuen Festung gekommen, die im Blaugratgebirge gebaut wird.«

Die Generalin war bestürzt über das Gehörte. Sie blieb stehen und fasste mit beiden Händen Mig´lan an seine Schultern und schüttelte ihn ein wenig.

»Mig´lan, bist du sicher?«

»Ja. Da war noch mehr in ihren Gedanken. Soweit ich das verstanden habe, wollte der Magistrat dich aus der Reserve locken.«

»Das würde bedeuten, dass der Magistrat uns und unsere Verbindung zu dir kennt«, sagte Burh´an.

»Das stimmt. Ich frage mich, woher der Magistrat diese Informationen hat. Irgendwo muss es in unseren Reihen einen Spion geben. Mig´lan, haben die Gefangenen vielleicht an den Spion gedacht?«

»Nein. Ich glaube nicht, dass sie noch mehr wissen. Ich bin aber nicht sicher, da meine Magie noch nicht ganz ausgereift ist.«

Ta´elga war sicher, dass Mig´lan alles Wesentliche herausgefunden hatte. In jeder Armee war es üblich, den Soldaten nur jene Informationen mitzuteilen, die für die Ausführung ihres Auftrags unbedingt nötig waren. Wer viel wusste, konnte im Falle einer Gefangennahme auch viel verraten. Der angreifende Magier hatte mit Sicherheit über mehr Wissen verfügt.

Sie fragte sich, ob es keine andere Möglichkeit gegeben hatte den Zauberer unschädlich zu machen.

»Nein, er hätte meine Familie getötet. Das konnte ich nicht zulassen. Es war richtig, ihn zu töten.«

»Weiß die Union von dem Bau einer Festung im Blaugratgebirge, Burh´an?«

»Ich bin zwar ein Kartenmaler, aber ich habe noch nie davon gehört.«

»Mig´lan hat etwas Wichtiges herausgefunden. Die Existenz einer Festung des Magistrats unmittelbar an unserer Grenze ist sehr gefährlich für die Union. Ich weiß, wovon ich da spreche.«

Sie dachte an Acceras. Von dieser Festung aus hatte der Magistrat seine Feldzüge gegen die westlichen Königreiche geführt. Fast uneinnehmbar hatte sie im Gebirge gethront. Schreckliche Gräueltaten hatten in Acceras ihren Ursprung genommen. Viel Blut war geflossen, um diese Festung zu besiegen.

Mig´lan hatte berichtet, dass sich die neue Festung noch im Bau befand. Vielleicht bestand jetzt noch die Möglichkeit, diesen Hort des Bösen mit vergleichsweise geringem Aufwand zu vernichten oder zu erobern.

»General Tehryn muss schnellstens informiert werden. Wir müssen so schnell wie möglich nach Miad´rhor zurück«, sagte sie zu Burh´an und Mig´lan.

»Reite du voraus, Ta´elga. Allein bist du schneller«, schlug Burh´an vor.

»Ich möchte euch nicht mit den gefangenen Soldaten allein lassen.«

»Ach, mach dir darum keine Sorgen. Mit gefesselten Menschen werden wir fertig«, sagte Mig´lan und blickte stolz seinen Vater an.

»Ja, ich glaube nicht, dass von den Menschen noch eine Gefahr ausgeht«, stimmte Burh´an zu.

»Ich werde die Gegend nach Gefahren erkunden, bevor ich euch verlasse.«

Ta´elga konzentrierte sich auf ihre neue Fähigkeit der Gleichzeitigkeit. Wie schon beim ersten Mal, war es auch dieses Mal wieder ein berauschendes, schwer zu beschreibendes Erlebnis. Sie erkundete die nähere Umgebung, den Weg nach Miad´rhor und die Strecke bis zum Blaugratgebirge auf einmal. Eine Gefahr für die Elfen konnte die Botschafterin nicht entdecken. 

Ihr Wille richtete sich auf das Gebirge. Ta´elga versuchte etwas von der neuen Festung zu erblicken, aber eine Barriere aus Magie verhinderte es. Sie beendete den Zauber.

»Ihr könnt gefahrlos nach Miad´rhor zurückfahren.«

»Dann los. Worauf wartest du noch? Wir werden gegen Abend in der Stadt eintreffen«, sagte Burh´an auffordernd.

Ta´elga ging zurück zu dem Planwagen und überprüfte die Fesseln der Gefangenen. Danach wandte sie einen leichten Schlafzauber an und schickte die Soldaten des Magistrats ins Land der Träume.

»Die Menschen sind nun keine Gefahr mehr. Sie werden bis zu eurer Ankunft in Miad´rhor schlafen.« 

Sie beschwor ihren Reitdämon und stieg auf. Sie winkte Burh´an und Mig´lan kurz zu, dann entschwand die Botschafterin in Richtung Miad´rhor. Vater und Sohn schauten ihr noch eine Weile nach. Als Ta´elga am Horizont verschwunden war, bestiegen sie wieder den Planwagen und fuhren zurück in die Stadt. 

 

Aaghyl  Edderas

»Ich kann es deutlich spüren, mein gewohntes Leben ist Vergangenheit. Zum ersten Mal bin ich weit weg von meiner Heimat Lagtur. Große Dinge kommen auf mich zu.«

(Eefral, Aaghyls Tochter)

 

Aaghyl erwachte am nächsten Morgen sehr früh. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Er fühlte sich ausgeruht. Er zog seine schwarzviolette Uniform an, nachdem er sich mit einem Zauber gereinigt hatte. Dann ging er hinunter in den Speisesaal. Zu seiner Überraschung saßen Aasaly, Rresyna und Eefral bereits beim Frühstück. Die drei Frauen hatten schon ihre Reisekleidung angelegt, die aus bequemen, sandbeigen Stoffhosen und Jacken bestand.  Er holte sich eine Schüssel des grauen Nahrungsbreis und ging hinüber zu ihrem Tisch. Die drei Frauen hatten den Elfenmann bereits bemerkt.

»Die Herrscher leiten dich, Erhabener«, begrüßte ihn Rresyna.

Sie lächelte dabei.

»Die Herrscher leiten euch«, erwiderte Aaghyl und verbeugte sich leicht vor den Frauen.

»Hoffentlich sind sie schon wach, damit sie das auch können«, sagte Rresyna.

»Du kannst es immer noch nicht lassen, ein wenig zu sticheln, Rresyna.«

»Ach, Aaghyl, lass mir den kleinen Spaß.«

Der Sanguenritter setzte sich und begann den geschmacklosen Brei zu löffeln.

»Im Ernst, Rresyna, dort wo wir hingehen, ist das kein Spaß. Ihr, hier in Lagtur, mögt eure eigene Interpretation der Lehre haben. Im restlichen Magistrat wird sie aber sehr ernst genommen und jede Verfehlung gegen sie, sei sie auch noch so klein, wird umgehend geahndet. Daran müsst ihr jeden Moment denken«, sagte Aaghyl beschwörend.

»Sei unbesorgt, Aaghyl. Das wissen wir genau. Wir glauben an die Lehre und die Herrscher«, sagte Aasaly.

»Nur ein wenig anders«, bekräftigte Eefral selbstbewusst.

»Ich bitte euch nur, vorsichtig zu sein. In Edderas werden wir hauptsächlich auf Krieger und hohe Führer treffen, und die nehmen es mit der Lehre ganz genau. Ich habe es bis zur Schlacht um die graue Festung auch getan.«

Die drei Steinelfenfrauen nickten zustimmend. Aasaly blickte den Sanguenritter an.

»Es ist alles vorbereitet. Nach dem Frühstück können wir aufbrechen.«

»Wir sollten keine Zeit mehr verlieren, wenn wir heute Abend pünktlich am Treffpunkt sein möchten«, erwiderte Aaghyl.

Dann fügte er nachdenklich hinzu:

»Sinan Eldar wird überrascht sein, dass ihr mich begleitet.«

»Wie ist er so?«, fragte Rresyna.

»Er ist ein guter und loyaler Freund und ein mutiger Krieger. Er ist direkt, ehrlich und besitzt einen gewissen Sinn für Humor. Nicht immer hat er seine Gefühle unter Kontrolle. Aber er ist auch loyal gegenüber den Herrschern und der Lehre. Bisher war das zwischen ihm und mir kein Problem. Mit eurer Interpretation würde er aber seine Schwierigkeiten haben. Bedenkt das bitte.«

»Weißt du, wie er reagieren würde, wenn er hinter unser Geheimnis käme?«, fragte Aasaly.

Aaghyl überlegte einen Augenblick und betrachtete seinen Löffel, von dem der dickflüssige Nahrungsbrei langsam zurück in die Schüssel tropfte.

»Er würde hin und her gerissen sein, zwischen seiner Freundschaft zu mir und der Loyalität zu den Herrschern. Ich habe keine Ahnung, wie er sich entscheiden würde.«

»Kennst du Sinan Eldar doch nicht so gut?«

»Doch, Eefral, ich kenne ihn zu gut. Es gibt nur drei Prioritäten in seinem Leben: sein Schwert, seine Freundschaft zu mir und die Lehre. Ich weiß, dass er für mich sein Leben geben würde. Nicht einen Augenblick würde er zögern. Das Gleiche würde ich für ihn tun. Aber wenn er sich entscheiden muss, zwischen mir und den Herrschern, weiß ich nicht, für wen Sinan Eldar sich entscheiden wird.«

Er stocherte lustlos in dem Brei herum. Dann legte er den Löffel zur Seite. Er hatte genug von dem faden Brei, der ihn an seine Niederlage erinnerte. 

»Niemand müsste dieses Wurzelpüree mehr essen, wenn ich gesiegt hätte«, dachte er angewidert.

Der Elfenmann lehnte sich zurück und blickte die Frauen auffordernd an. Aasaly, Rresyna und Eefral verstanden die stumme Bitte des Steinelfenmannes. Sie beendeten ebenfalls ihr Morgenmahl und machten Anstalten aufzubrechen. 

»Wir können los. Es ist alles vorbereitet«, sagte Aasaly.

»Auf ins neue Abenteuer!«, rief Rresyna fröhlich.

Der Sanguenritter schüttelte resigniert den Kopf, dann verließen die vier Steinelfen den Wohnturm von Lagtur. Unweit des Eingangs stand Oohlyl und hielt den Zügel eines Pferdes in seiner rechten Hand. Das Reittier war mit mehreren kleinen Taschen bepackt und trug keinen Sattel.

»Das ist das beste Pferd, das es in Lagtur gibt. Leider kann ich euch nur dieses eine Tier mitgeben«, sagte der Turmmeister entschuldigend.

»Das wird verdammt eng«, äußerte Rresyna.

»Wir teilen uns auf. Aasaly reitet bei mir mit, und Eefral und du nehmt das Pferd.«

Die Frauen waren mit dem Vorschlag einverstanden. Oohlyl entließ die vier Steinelfen mit vielen Segenswünschen der Herrscher. 

Aaghyl und Aasaly ritten voraus. Eefrals Mutter hatte ihre Arme um den Mann gelegt. Sie genoss die Nähe ihres Freundes. Als sie ein Stück von Lagtur entfernt waren, legte Aasaly ihren Kopf an Aaghyls Rücken. Der Sanguenritter tat so, als bemerkte er es nicht. Rresyna betrachtete die beiden mit einem Stirnrunzeln.

»Die Zwei scheinen sich wieder näherzukommen«, sagte sie zu Eefral.

»Ja. Ich freue mich darüber. Wir vier könnten eines Tages eine Familie sein.«

»Die Herrscher werden das nicht gerne sehen.«

»Warum denkst du das, Rresyna?«

»Aaghyl ist immer noch ein Sanguenritter und ein hoher Führer. Er gehört ganz und gar den Herrschern. Für eine Familie ist in seinem Leben kein Platz, fürchte ich.«

Eefral seufzte.

»Vielleicht machen sie bei uns eine Ausnahme. Als Belohnung für unsere künftigen Heldentaten.«

Rresyna antwortete nicht darauf. Patenmutter und Tochter hingen ihren Gedanken nach. Schweigend bewegten sich die vier Steinelfen in Richtung Süden, dem Blausteingebirge entgegen.

Nach einigen Stunden Ritt durch die karge Wüstenlandschaft, als die Sonne den Zenit bereits überschritten hatte, schlug Aaghyl eine Rast vor. Die vier Steinelfen machten es sich an einer Gruppe Felsen bequem, die in der Nähe der Straße lagen und ein wenig Schatten spendeten. Rresyna und Eefral verteilten Laubbeeren und Wasser.

»Wir sind gut vorangekommen«, stellte der Elfenmann fest.

»Mein Rücken schmerzt«, stöhnte Eefral.

»Wir werden den Treffpunkt in Kürze erreichen«, sagte ihr Vater.

»Gut, denn lange halte ich es nicht mehr aus. Ich bin stundenlanges Reiten nicht gewohnt«, äußerte Rresyna und schaute missbilligend das Pferd an.

Aasaly musste unwillkürlich lachen.

»Große Elfenkrieger müssen das aushalten können«, sagte sie spöttisch.

»So, wie ich mich jetzt fühle, bin ich noch weit davon entfernt«, seufzte Rresyna.

»Ich auch«, stimmte Eefral zu und legte sich rücklings auf den Boden.

Nach einigen Minuten setzte sie sich wieder auf und lehnte sich gegen einen Felsen. Eefral sah ihren Vater an, dem die Strapazen nicht anzusehen waren.

»Ich frage mich schon einige Zeit, ob die Krieger in Edderas meine Magie erkennen können.«

Aaghyl wusste sofort, dass seine Tochter die Magie der Protektoren meinte, die sie besaß. 

»Nein, nur ein Protektor kann das erkennen. Ich hoffe, dass sich keiner in der Festung aufhält. Wir werden Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen.«

»Die da wären?«, fragte Rresyna.

»Ich werde die Festung als Erster betreten. Ihr werdet warten, bis ich festgestellt habe, ob sich ein Protektor in Edderas aufhält.«

»Wenn sich dort einer aufhält, was passiert dann?«, fragte Aasaly.

»Dann müsst ihr umkehren. Falls Eefrals Fähigkeit entdeckt wird, bleibt ihr nichts anderes übrig, als eine Protektorin zu werden. Die Herrscher machen keine Ausnahme. Die Magie der Beherrschung der magischen Materie ist zu selten, als dass sie ignoriert werden könnte.«

Plötzlich schoss Eefral eine Idee durch den Kopf.

»Wenn ich mich zur Protektorin machen lasse, könnte ich den Verräter viel schneller finden. Ich wäre dir eine größere Hilfe als jetzt.«

»Nein!«, riefen Eefrals Eltern gleichzeitig.

»Das ist eine dumme Idee«, wies Aasaly ihre Tochter zurecht und Rresyna stimmte ihrer Freundin zu.

»Die meisten Elfen würden es als größte Ehre betrachten, auf diese Weise den Herrschern dienen zu dürfen. Ich gebe zu, dass ich es gerne sähe, wenn du eine Protektorin werden würdest. Aber die Ausbildung dauert viele Jahre. Ich fürchte, ich habe nicht so viel Zeit, um den Verräter zu finden, Eefral.«

»Es war nur so ein Gedanke«, antwortete sie entschuldigend.

»Ist schon gut. Im Moment bist du mir eine größere Hilfe, so wie du bist.«

 

Nachdem die vier Elfen sich gestärkt und ein wenig erholt hatten, brachen sie wieder auf.

»Darf ich bei Aaghyl mitreiten?«, fragte Eefral ihre beiden Mütter und schaute erst sie, dann Aaghyl an.

»Wenn dein Vater nichts dagegen hat, gerne«, sagte Aasaly.     

Rresyna zuckte nur mit den Schultern, ging zu dem Pferd und saß auf. Aasaly setzte sich hinter ihre Freundin. Eefral nahm den Platz hinter ihrem Vater ein und lehnte sich auf dieselbe Art an ihn wie zuvor ihre Mutter. Aaghyl genoss offensichtlich die Umarmung seiner Tochter. Er ritt wieder voraus.

»Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Eefral so schnell zu ihrem Vater findet«, sagte Aasaly.

»Ich auch nicht. Ich muss zugeben, dass es mir nicht so richtig behagt, Aasaly.«

»Ehrlich gesagt, meine Freundin, mir auch nicht.«

Die beiden Steinelfenfrauen folgten dem Sanguenritter und ihrer Tochter. Beide konnten nicht sagen, warum sie dieses Unbehagen verspürten.

 

Etwa zur gleichen Zeit, zu der die vier Steinelfen ihre kurze Rast gemacht hatten, erreichte Sinan Eldar den Treffpunkt am großen Pass. Weit vor dem Gebirge ging die Wüste in eine Hügellandschaft über, in der spärliches Gras und einige kleine, fruchtlose Sträucher wuchsen. Aaghyls Freund hatte die Hügel hinter sich gelassen. Die Straße endete an dem Hauptweg, der von Muantur ins Gebirge führte. Er führte zum großen Lager, von dem aus die neue Festung betreten wurde. Ab hier begann das Blausteingebirge.

Irgendwo dort oben, eingebettet in den mächtigen, blauen Felsen, lag sein Ziel: die Festung Edderas. 

Der Menschenmann hatte einen Platz abseits der Straße gewählt, weil hier kaum Verkehr zu erwarten war. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus hatte er das nahe gelegene Lager gemieden. Sinan Eldar wollte seinen Freund lieber zuerst hier treffen. Unterwegs hatte er Sträucher eingesammelt, mit denen er jetzt ein kleines Feuer entzündete. Er setzte sich davor, schaute in die Flammen und wartete auf Aaghyl.

Die kleine Familie hatte das Hügelland inzwischen auch erreicht. Es dämmerte bereits. Der Sanguenritter gab ein Zeichen zum Halten. Aaghyl wandte seinen Weitsichtzauber an. Er blickte in Richtung des Passes und sah seinen Freund vor dem Feuer sitzen, mit einem dünnen Stock in den Flammen stochernd. 

»Sinan Eldar ist schon eingetroffen«, sagte er zu den Frauen und zeigte in Richtung des Gebirges.

»Wann werden wir dort sein?«, stöhnte Eefral.

Aaghyl sah prüfend in den Himmel.

»Es dauert nicht mehr lange. Bei Anbruch der Dunkelheit sind wir am Pass.«

»Es wird auch Zeit«, äußerte Rresyna und streckte ihren Rücken.

»Worauf warten wir dann noch?«, fragte Aasaly, stupste ihre Freundin an und zeigte in Richtung der Berge.

Die vier Elfen folgten der kleinen Straße, die sich durch die Hügellandschaft schlängelte.

 

Sinan Eldar hatte zwei kleine Nagetiere erlegt und briet sie über dem Feuer. Ein Stück Fleisch würde Aaghyl sicher nicht ausschlagen. Der Menschenmann hatte in Goldbruch ein paar seltene Gewürze ergattern können, mit denen er das Fleisch vorbereitet hatte. Ein unwiderstehlicher Duft zog jetzt durch das kleine Lager.

Sinan Eldar hörte Geräusche. Er hob den Kopf und lauschte in die Dunkelheit. Von der Straße kamen zwei Reittiere auf sein kleines Lager zu. Sinan Eldar hörte einen Reitdämonen und ein Pferd, das schwer zu tragen hatte. Der Mensch war sich sicher, dass sich sein Freund Aaghyl näherte.

»Wieso hat er ein Pferd bei sich?«

Gespannt blickte er in die Richtung, aus der die Geräusche kamen. Dann sah er Aaghyl, der die letzte Kurve der Straße gerade hinter sich ließ. Sinan Eldar erkannte, dass hinter seinem Freund eine Elfenfrau saß. Jetzt kam auch das Pferd in sein Blickfeld und ihm wurde klar, warum das Pferd so schwer zu tragen hatte, denn auf seinem Rücken saßen zwei weitere Elfenfrauen. Er erhob sich und erwartete die kleine Gruppe gespannt.

»Warum hat Aaghyl diese Frauen mitgebracht?«

Die vier Steinelfen erreichten den Lagerplatz und saßen ab. Aaghyl ging auf Sinan Eldar zu. Dieser verbeugte sich vor dem ehemaligen Lord.

»Sei gegrüßt, Erhabener.« 

»Sei gegrüßt, mein Freund.«

»Du bist nicht allein gekommen«, stellte Sinan Eldar fest und blickte die drei Frauen an.

Diese verbeugten sich vor dem menschlichen Sanguenritter.

»Du kennst meine Familie bereits, Sinan.«

»Natürlich, Erhabener. Ich bin nur etwas überrascht, dass sie dich begleitet.«

Zu den Frauen gewandt sagte der Mensch:

»Willkommen an meinem kleinen Feuer.«

Die fünf Wesen setzten sich rund um die Flammen. Sinan Eldar betrachtete die Steinelfenfrauen. Natürlich waren sie ihm bei den Besuchen in Lagtur schon öfter begegnet, hatte sie aber nie mehr beachtet als die anderen Bewohner der Oase.

Mit einer Ausnahme: Rresyna. Die Elfenfrau war ein kleines Stück größer als er selbst und hatte eine Ausstrahlung, die auf den Menschenmann sehr anziehend wirkte. Es war nicht unüblich, dass es Liaisons zwischen Elfen und Menschen gab. Bei seinen früheren Besuchen in Lagtur hatte Sinan Eldar niemals auch nur den kleinsten Versuch unternommen, sich Rresyna zu nähern. Für einen stellvertretenden Oberbefehlshaber der Armeen des Magistrats war es nicht üblich, sich mit niedrigstehenden Wesen einzulassen. Doch Zeiten ändern sich, fand er.

»Hätte ich gewusst, dass du deine Familie mitbringst, hätte ich noch ein paar Tiere gejagt. Es wird wohl ein karges Mahl«, sagte der Mensch und deutete auf die knusprigen Braten.

»Wir haben noch ein wenig Proviant in unseren Taschen, Erhabener«, sagte Aasaly und zeigte auf das Pferd.

Der Menschenritter sah die drei Frauen an.

»Ihr seid die Familie meines Freundes. Ich möchte euch bitten, mich auch als Freund zu sehen. Die förmliche Anrede ist nicht nötig.«

Die drei Frauen nickten zustimmend. Eefral erhob sich und holte die Provianttaschen. Mit den mitgebrachten Laubbeeren, dem wenigen Brot und dem köstlich schmeckenden Fleisch, wurde es doch noch ein sättigendes Abendmahl. 

»Warum begleitet deine Familie dich?«

»Ich konnte ihnen das nicht ausreden«, antwortete Aaghyl und blickte dabei zu den drei Elfenfrauen.

»Aaghyl hat uns alles erzählt, was seit der Schlacht um Acceras geschehen ist«, sagte Aasaly.

»Wir glauben, dass mein Vater unsere Unterstützung braucht, um seinen Auftrag zu erfüllen«, erläuterte Eefral.

»Gemeinsam werden wir den Verräter finden«, sprach Rresyna grimmig.

Sinan Eldar musterte die Frauen gründlich und sah dann seinen Kampfgefährten an.

»Ich verstehe, was du meinst, Aaghyl«, bemerkte er trocken.

»Im Ernst, mein Freund. Ich glaube, dass wir jedwede Unterstützung brauchen können. Wir sind Geächtete. Das hält den Kreis derjenigen, die uns freiwillig helfen möchten, sehr klein, Sinan.«

»Ich weiß, Erhabener. Dann soll es so sein.«

»Ich sehe dir an, dass da noch etwas ist, Sinan.«

»Ja, ich muss mit dir reden. Allein.«

Die zwei Sanguenritter erhoben sich und gingen etwas abseits des Feuers. Sinan Eldar begann ohne Umschweife.

»Was ich erfahren habe, wird dir nicht gefallen. Es gefällt mir auch nicht. Es scheint so, dass ein Sanguenritter der Verräter ist.«

»Unmöglich«, platzte es aus Aaghyl heraus.

Sinan Eldar berichtete seinem Freund alles, was er in Goldbruch erfahren hatte.

Als sein Freund endete, überlegte der Steinelfenmann einen Augenblick.

»Kann es nicht sein, dass der Verräter die Terronitkampfrüstung eines Ritters nur vortäuschte?«

»Ja, vielleicht. Kann man denn auch einen Reitdämonen vortäuschen?«, gab Sinan zu bedenken.

»Wir müssen den Verräter finden, Sinan. Wir müssen die Rätsel lösen. Nur so erlangen wir Gewissheit.«

»Dann lass uns nicht länger hier verweilen.«

Die zwei Männer kehrten zurück zum Feuer.

»Wir brechen auf«, sagte der Steinelfenmann.

Die Frauen erhoben sich. Sinan Eldar löschte das Feuer. Die Elfenfrauen blickten die beiden Männer gespannt an.

»Rresyna, du kannst mit mir reiten, wenn du möchtest«, bot der Menschenmann an.

Die Kriegerin verbarg ihre Überraschung und verbeugte sich leicht.

»Ich nehme dein Angebot gerne an, Erhabener.«

Aaghyl warf ihr einen warnenden Blick zu.

»Jetzt habe ich das Pferd wohl für mich allein«, äußerte Aasaly amüsiert und saß auf.

Die Reitdämonen der beiden Sanguenritter erschienen aus zwei Lichtblitzen. Rresyna nahm hinter Sinan Eldar Platz und legte ihre Arme um ihn. Sie spürte die kräftigen Muskeln unter seiner Lederuniform.

»Nicht schlecht für einen Menschenmann«, dachte sie angetan.

Eefral hatte wieder ihren Platz hinter ihrem Vater eingenommen.

»Mein Abenteuer beginnt«, schoss es der jungen Elfenfrau durch den Kopf. 

Sie sah den künftigen Geschehnissen teils freudig erregt, teils ängstlich entgegen.

 

Schon bald erreichten die fünf Gefährten das Lager. Hier standen zahlreiche Zelte unterschiedlicher Größen. Überall loderten Feuer. Krieger, Handwerkskundige, Magier und viele andere Wesen gingen den verschiedensten Beschäftigungen nach. Der riesige Platz aus blauen Steinplatten, die man aus den Felsen des Blausteingebirges gewonnen hatte, endete vor einem hohen und breiten, höhlenartigen Eingang. Das war der Zugang zur Festung Edderas. Aaghyl sah, dass vor der Höhle viele Ritternovizen Wache standen.

»Wir werden zuerst einmal eine Bleibe für euch suchen«, sagte Aaghyl zu den Frauen.

Er blickte sich um und entdeckte ein großes, rundes Zelt, das mehrere Etagen besaß. Solche wohnturmähnlichen Konstruktionen wurden im Magistrat gerne als provisorische Unterkünfte genutzt. Er zeigte darauf.

»Wir werden es dort versuchen.«

Vor dem Eingang saß, an einem Steintisch, ein Elfenmann. Aaghyl sah, dass er ein Unterführer war. Der Mann erhob sich, beugte sein Knie und senkte seinen Kopf.

»Die Herrscher gestalten den Tag.«

»Wie ist dein Name, Unterführer?«, sprach Aaghyl ihn in dem im Magistrat üblichen Befehlston an.

»Teerahl, Erhabener.«

»Du wirst für meine Begleiterinnen Unterkunft, Speis und Trank bereitstellen.«

»Wie du wünschst, Erhabener«, bestätigte Teerahl und hielt seinen Kopf immer noch gesenkt.

»Besorge ihnen auch Offizierskleidung, die Kriegerinnen stehen in meinen Diensten«, befahl er.

»Betrachte es als erledigt, Erhabener.«

Der Sanguenritter wandte sich wieder den drei Frauen zu.

»Sinan und ich werden jetzt die Kommandantin aufsuchen. Wartet hier, wir werden bald zurück sein.«

»Wie du befiehlst, Erhabener«, sagte Rresyna, den Tonfall des Unterführers nachahmend.

»Rresyna!«, rief Aasaly zurechtweisend aus und stupste ihre Freundin in die Seite.

Eefral hatte alle Mühe ein Lachen zu unterdrücken. Aaghyl sah Rresyna strafend an, dann ging er kopfschüttelnd zu Sinan Eldar, der etwas abseits gewartet hatte.

»Ich weiß nicht, was ich mehr fürchten soll: die Bestrafung durch die Herrscher oder diese drei Frauen.«

»Vielleicht solltest du die Existenz als Untoter vorziehen«, bemerkte Sinan Eldar ironisch mit einem Blick auf die drei Steinelfenfrauen.

»Ja, vielleicht«, erwiderte der Elfenmann, leicht amüsiert.

Aaghyl legte seine Hand auf Sinans Schulter.

»Komm, mein Freund. Suchen wir die Festungskommandantin auf.«

 

Der Weg zum Festungseingang bestand aus denselben blauen Steinplatten wie der Lagerplatz und stieg leicht an. Als die beiden Sanguenritter den Zugang erreichten, salutierten die Wachsoldaten, indem sie ihre Schwerter zogen und sie mit der nach oben gerichteten Spitze vor der Brust hielten. Sinan Eldar erkannte ihre Schwerter. Es waren die, die er in Goldbruch gefertigt hatte. Ein Wachoffizier in seiner dunkelgrünen Lederuniform kam auf die beiden Freunde zu. Auch er trug ein Schwert, das der Waffenschmied Sid in Göd Emerz Schmiede hergestellt hatte. Der Krieger, der nun vor den beiden Rittern kniete, war derselbe, der die Schwerter vor einigen Tagen in Goldbruch abgeholt hatte.

»Die Herrscher gestalten den Tag. Willkommen in Edderas, Erhabene. Die Kommandantin erwartet euch bereits«, sagte dieser unterwürfig.

Aaghyl erlaubte dem Soldaten sich zu erheben. Sinan Eldar zeigte auf das Schwert des Offiziers.

»Du und deine Ritternovizen tragen gute Waffen.«

»Ja, Erhabener. Sie stammen aus Goldbruch. Die Herrscher führten mich zu einem Waffenschmied, einem Menschen, der sich vorzüglich auf sein Handwerk versteht.«

»Gute Schwerter werden wir auch brauchen«, stellte Sinan Eldar fest.

Aaghyl und sein Freund ließen den Offizier und seine Wachen zurück und betraten die Eingangshöhle der Festung.

»Was hat es mit diesen Schwertern auf sich, Sinan?«

»Während meines Aufenthaltes in Goldbruch habe ich einem Schmied geholfen, diese Schwerter herzustellen. Die Arbeit in der Schmiede war für mich sehr befriedigend und die Waffen sind mir gut gelungen.«

»Höre ich da einen Anflug von Stolz in deinen Worten?«

»Verzeih, Erhabener. Ich rezitiere ständig die Lehre, um den Stolz aus mir zu verbannen. Ich weiß aber genau, diese Schwerter werden den Herrschern gute Dienste leisten und den Feind vernichten.«

Sinan Eldar sah Aaghyl mit seinen tiefschwarzen Augen entschuldigend an, hob die Hände in einer fast hilflos wirkenden Geste und sagte:

»Ich bin nur ein Mensch.«

Aaghyl nickte zustimmend.

»Haben wir nicht alle unsere kleinen Schwächen, Sinan?« 

Er dachte dabei an Taelga und Eefral.

 

Der ehemalige Lord des Magistrats sah sich in der Höhle um. Sie unterschied sich kaum von der in Acceras, nur, dass diese hier etwas größer war und die Wände und die hohe, kuppelförmige Decke aus blauem Felsen bestand. In Acceras war der Fels grau gewesen. Zahlreiche Tunnel führten von hier in das Gebirge, zu den Unterkünften der Krieger, zu den Lagerstätten, zu den Waffenschmieden und vielem mehr. Das Ziel der beiden Sanguenritter lag aber nicht in den Tiefen des Felsgesteins. Die Quartiere der hohen Führer und die Trainingsarenen der Sanguenritter lagen hoch oben, in den Gipfeln der Berge. Dort befand sich der sichtbare Teil der Festung. So war es schon in Acceras gewesen. 

Sinan Eldar und Aaghyl erreichten eine auf dem Boden befindliche, große, kreisrunde Fläche in der Zugangshöhle, die sich genau in der Mitte befand, unmittelbar unter dem höchsten Punkt des Felsendoms. Aus ihr leuchtete ein helles, violettes, magisches Licht, welches die Höhle fast vollständig in ein geisterhaftes Licht tauchte. Dieses magische Rund konnte nur von hohen Führern und Sanguenrittern genutzt werden. Der Kreis war der einzige Zugang zu dem Teil der Festung, der hoch oben auf den Gipfeln lag. Einen anderen Weg gab es nicht. Die zwei Freunde traten in das Licht und waren augenblicklich verschwunden. 

 

Zwischen den Gipfeln dreier hoher Berge stand das gigantische Bauwerk, das die Festung Edderas darstellte. Eine hohe und dicke Mauer, die dem Geländeverlauf folgte, umschloss mehrere Türme, die sich scheinbar eng aneinanderschmiegten. Entgegen der im Magistrat sonst üblichen Bauweise bei den Wohntürmen waren die Festungstürme zylinderförmig. Sie waren unterschiedlich hoch und besaßen verschiedene Durchmesser. Rund um die Spitze des höchsten Turms lief eine breite Terrasse. Es schien, als läge auf diesem Turm ein riesiger Diamant, der selbst im Sternenlicht prachtvoll, in allen Regenbogenfarben, strahlte. Das Dach und die großen Fenster bestanden aus durchsichtigem Stein, der diesen Effekt hervorrief. 

Dort oben, hoch über der Zugangshöhle von Edderas, traten Aaghyl und Sinan Eldar aus dem Gegenstück des Kreises in der Eingangshöhle. Die zwei Sanguenritter sahen sich um. Die Halle war leer. Eine im Boden eingelassene Treppe führte in die Tiefen des Turmes. Aaghyl ging zu einer Öffnung in der Fensterfront und betrat die breite Rampe. Kein Windhauch war hier zu spüren. Ein magisches Feld schützte die Turmspitze. Kein Unbefugter konnte dieses Feld jemals durchdringen. Von hier würden eines Tages die Flugdrachen starten. 

Der ehemalige Lord hatte es immer vermieden, mit diesen untoten Wesen zu fliegen. Diese Drachen lebten an einem großen Lavasee. Es war aber unmöglich sie zu bändigen und zu dressieren. So wurden sie gejagt und getötet, um als untote Flugdrachen zu dienen. Noch gab es hier keines dieser Abscheulichkeiten. 

Sinan Eldar trat neben seinen Freund. Die Aussicht war gewaltig. Weit und breit waren nur schneebedeckte Berge und schroffe, blaue Felsen, unter einem sternenklaren Himmel, zu sehen. Die beiden Männer schauten nach Süden.

»Dort hinten liegt unser Ziel. Eines Tages wird das Reich der Waldelfen auch unsere Heimat sein«, sagte Aaghyl leise.

»Und zwischen uns und den Waldelfen liegen noch viele Berge und noch mehr Schlachten.«

»Ja, du hast Recht, Sinan. Die Zahl der Berge können wir nicht ändern, aber wie viele Schlachten es geben wird, liegt in unseren Händen.«

Die Sanguenritter hörten ein Geräusch hinter sich und drehten sich um. Eine Elfenfrau kam ihnen von der Treppe her entgegen. Sie trug eine dunkelrote Jacke, eine Hose in der gleichen Farbe und schwarze, wadenhohe Stiefel. Über ihren Schultern hing ein knielanger, schwarzer Umhang. Diese Kleidung war aus dem feinsten Leder gemacht und wurde nur von Festungskommandanten getragen. Um die Taille, an einem schwarzen Ledergürtel, trug die Kommandantin ein silbernes Kurzschwert. Aaghyl und Sinan Eldar sanken auf ihre Knie und senkten ihre Köpfe.

»Die Herrscher gestalten den Tag«, sagten beide Männer gleichzeitig, als die Elfenfrau sie erreichte.

 Sie erlaubte ihnen, sich zu erheben.

»Ich bin Litara, die Festungskommandantin von Edderas.«

Aaghyl musterte sie eingehend. Litara war groß und schlank. Sie hatte eine dunkelgrüne Haut und hellgrünes Haar. Aaghyl war verwundert.

»Eine Waldelfe als Festungskommandantin?«

Irgendetwas kam Aaghyl bekannt vor an ihr. Er konnte sich aber keinen Reim darauf machen, denn er hatte die Kommandantin niemals zuvor getroffen. Litara hatte die Blicke des Sanguenritters bemerkt.

»Du wunderst dich, dass eine Waldelfe eine so hohe Position im Magistrat einnimmt.«

»Ja, Erhabene. Verzeih.«

»Eine lange Geschichte. Ich werde sie dir bei Gelegenheit erzählen.«

Aaghyl verbeugte sich nur.

»Die neue Oberbefehlshaberin erwartet euch nun.«

»Wer ist sie, Erhabene?«, fragte Sinan Eldar neugierig.

»Sie hat mir aufgetragen, es euch nicht zu sagen. Kommt.«

 

Die zwei Sanguenritter folgten der Kommandantin die breite Treppe hinunter. Die Stufen endeten auf einer Galerie, die eine Halle umrundete. In regelmäßigen Abständen reckten sich reich verzierte, runde Säulen zur Decke. Jede von ihnen trug einen Vers aus der Lehre der Herrscher. Zwischen den Säulen führten jeweils drei Stufen in die eigentliche Halle, in deren Mitte sich ein rundes Podest befand. Hier lag die Audienzhalle von Edderas.

In jeder Festung des Magistrats konnte man einen gleichartigen Raum finden. Aus den Wänden schimmerte bläuliches Licht, während der Boden in sanftem Rot leuchtete. Das Podest war aus demselben Marmor gefertigt wie der Palastturm von Muantur.

Auf ihm stand eine Steinelfe, eine Sanguenritterin, und blickte ihnen entgegen. Sie hatte ihre Rüstung angelegt. Die magischen Goldgravuren reflektierten das blaue und rote Licht der Halle.

»Iiseel. Das ist Iiseel«, flüsterte Sinan Eldar.

»Ja, Sinan. Die Zeiten werden noch schwerer, als ich befürchtet habe. Sie war nie meine Freundin«, flüsterte Aaghyl ebenso.

Als sie die Mitte der Audienzhalle erreicht hatten, bestieg Litara das Podest und stellte sich neben die Oberbefehlshaberin. Aaghyl und Sinan Eldar knieten vor den beiden Elfenfrauen, sprachen die Begrüßungsformel erneut und warteten. Aaghyl konnte spüren, wie Iiseel ihn musterte. Es verging einige Zeit, bis sie den Männern erlaubte, aufzustehen.

»Wieder einmal haben uns die Herrscher gezeigt, wie weise sie sind. Sie haben dich deiner gerechten Strafe zugeführt und mich für meine Loyalität belohnt.«

Die zwei Männer schwiegen. Iiseel fuhr fort:

»Ab sofort seid ihr Ritter des Sanguen von Edderas. Ihr untersteht dem Befehl Litaras, der Kommandantin der Festung Edderas. Unter den Sanguenrittern nehmt ihr nun den niedrigsten Rang ein. Dient gut.«

Aaghyl glaubte, so etwas wie Häme in Iiseels Stimme gehört zu haben, aber das war unmöglich. Die neue Oberbefehlshaberin war eine strenge Verfechterin der Lehre.

»Ja, Erhabene«, riefen die zwei Sanguenritter gleichzeitig und verbeugten sich.

»Litara wird euch eure Unterkünfte zeigen. Künftig werden du und Sinan Eldar auf einige Annehmlichkeiten verzichten müssen. Die Lehre sollte euch wieder wichtiger werden als Luxus. Später erwarte ich dich, Aaghyl, in meinem Quartier. Wir haben noch einiges zu besprechen.«

»Ja, Erhabene«, bestätigten die zwei Männer.

Iiseel drehte sich abrupt um, verließ die Audienzhalle und entschwand den Blicken der drei verbliebenen Wesen. Aaghyl sah die Festungskommandantin an. Litara erwiderte den Blick des Steinelfenmannes. Für einen winzigen Augenblick, kaum wahrnehmbar, blitzte Mitgefühl in Litaras Augen auf.

»Habe ich richtig gesehen? Nein, ich muss mich irren.«, dachte der Elfenmann.

»Folgt mir. Ich zeige euch eure Zellen.«

 

 

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