Das Blut, das Schwert, die Liebe
Kapitel 9 Erkundungen
Kapitel 9
Ta´elga – Die Erkundung
»Ich gebe ja zu, dass mir Menschen lieber sind als Elfen. Sie leben für meinen Geschmack einfach zu lang. An ihrer Loyalität gegenüber den anderen Völkern der Union habe ich aber nie gezweifelt. Jetzt scheint es so, dass eine Elfe unsere einzige Hoffnung ist.«
(General Tehryn, Oberbefehlshaber der Union)
Nach einem rasanten Ritt durch die Savanne erreichte Ta´elga die Stadt Miad´rhor. Ihr einziges Ziel war es, auf schnellstem Weg General Tehryn aufzusuchen. Sie fand den Oberbefehlshaber in seinem Arbeitszimmer im Rathaus, wo er selbst erst kurz vor der Ritterin eingetroffen war. Er sah die Generalin erstaunt an, als sie plötzlich unangemeldet vor ihm stand.
»Dich hat sicherlich nicht die Sehnsucht nach mir so schnell hierhergebracht, Generalin«, brummte Tehryn mit rauer Stimme.
»Nein, General. Bei dem Verhör der gefangenen Soldaten haben sich brisante Neuigkeiten ergeben. Es ist hauptsächlich meinem Sohn zu verdanken, dass wir diese Informationen überhaupt besitzen.«
Trotz all seiner menschlichen Unzulänglichkeiten und der tief sitzenden Abneigung, die Tehryn gehegt haben mag – in diesem Moment wurde er ganz zum Soldaten und Oberbefehlshaber der Unionstruppen.
»Worum geht es genau?«, fragte er in sachlichem, professionellem Tonfall.
Ta´elga schilderte detailgetreu, was Mig´lan in Erfahrung gebracht hatte. Als sie endete, schwieg der General und ging nachdenklich in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Schließlich blieb er am Fenster stehen und blickte hinaus. Als er sich wieder zu der Elfenfrau umdrehte, stand ihm die Sorge ins Gesicht geschrieben.
»Das sind verdammt schlechte Neuigkeiten. Ich habe geahnt, dass dort im Gebirge etwas im Busch ist. Die Späher, die wir dorthin ausschickten, kehrten nie zurück.« Der General setzte sich hinter seinen Schreibtisch und blickte Ta´elga fast hilfesuchend an. »Ich glaube, du bist unsere einzige Chance, mehr über diese Festung zu erfahren. Bitte, nimm Platz«, fügte er ungewohnt höflich hinzu und deutete auf einen Sessel vor seinem Tisch.
Tehryn beugte sich vor, stützte die Arme auf die dunkle Holzplatte und fixierte Ta´elga mit seinen stahlgrauen Augen. Sie hatte das Gefühl, sein Blick würde sie durchbohren.
»Ta´elga, trotz meiner oft unwirschen und unhöflichen Art weiß ich ganz genau: Ohne euch Elfen wäre dieser Krieg längst verloren. Wir Menschen wären Sklaven des Magistrats – oder Schlimmeres. Ich versichere dir, dass ich den größten Respekt vor deinem Volk und seinen Fähigkeiten habe. Meine Launen sind niemals respektlos gemeint«, sagte Tehryn sanft, fast schon schüchtern.
Der Oberbefehlshaber sah die Botschafterin weiterhin eindringlich an. Sie erwiderte den Blick und verbeugte sich leicht. »Fahre fort.«
»Gut. Es ist an der Zeit zu handeln. Ich möchte dich bitten – nicht befehlen –, dass du dich in das Blaugratgebirge begibst. Finde heraus, was es mit dieser neuen Festung auf sich hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass nur du diese Erkundung erfolgreich durchführen kannst. Nur du besitzt die nötigen Fähigkeiten dafür.«
»Ohne überheblich klingen zu wollen, General: Du hast recht«, erwiderte Ta´elga ruhig. »Ich besitze nicht nur die Fähigkeiten, sondern auch die nötige Erfahrung. Du musst mich also nicht lange bitten, ich bin bereit.«
Was sie Tehryn jedoch verschwieg, war das brennende Verlangen in ihrem Inneren, dem Feind endlich wieder gegenüberzutreten. Jede einzelne Zelle ihres Körpers sehnte sich nach dem Kampf. Sie versuchte mühsam, diese dunkle Seite in sich im Zaum zu halten, doch es fiel ihr von Tag zu Tag schwerer, dem Drang zu widerstehen.
»Du bekommst natürlich jede Unterstützung, die du brauchst«, versicherte der General. »Soldaten, Proviant, Ausrüstung – was immer du verlangst.«
»An Ausrüstung werde ich nicht viel benötigen. Ich muss leicht und beweglich bleiben. Ein oder zwei Soldaten als Begleitung genügen. Ich habe da noch eine Idee, über die ich allerdings erst später sprechen möchte. Ich werde noch heute Nacht aufbrechen.«
»Gut. Ich werde sofort einen Versorgungstrupp losschicken. Er wird sein Lager am Fuße des Gebirges, direkt am Eingang zum Pass, aufschlagen. Major Darkhorse wird dich dort erwarten und deine Erkundung koordinieren.«
»Bei meiner Ankunft in Miad´rhor habe ich einen Leutnant namens Dar´al getroffen«, warf Ta´elga ein. »Ich möchte, dass er mich begleitet.«
»Ich werde ihn umgehend zu dir schicken.«
»Ich muss noch einige Vorbereitungen treffen. Bevor ich aufbreche, verabschiede ich mich ordnungsgemäß von dir.«
Ta´elga erhob sich und verließ das Rathaus. General Tehryn blickte der geschlossenen Tür noch lange nach. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn bei dem Gedanken, sie auf diese Mission zu schicken. Er musste sich eingestehen, dass ihm die Elfe im Laufe der Zeit irgendwie ans Herz gewachsen war.
Die junge Waldelfe machte sich auf den Weg zu Vy´degas Haus. Burh´an und Mig´lan würden sicher bald dort eintreffen, und sie wollte zuerst mit ihrer Patin über ihren Plan sprechen. Wenig später stand sie ihrer langjährigen Freundin gegenüber.
»Ta´elga, da bist du ja endlich! Wo sind Mig´lan und Burh´an?«, fragte Vy´dega besorgt und blickte suchend zum Eingang.
»Mach dir keine Sorgen. Die beiden haben sich hervorragend geschlagen, ich musste kaum noch eingreifen. Sie sind wohlbehalten und werden bald hier sein.«
»Oh, Ahlunah sei Dank«, stieß Vy´dega erleichtert aus.
»Vy´dega, ich muss mit dir reden«, sagte Ta´elga ernster. »Ich habe einen wichtigen Auftrag erhalten und würde Mig´lan gerne mitnehmen. Ich will dir nichts vormachen: Es ist gefährlich. Aber Mig´lan ist ungeheuer talentiert. Seine Fähigkeiten könnten über den Erfolg der gesamten Mission entscheiden.«
Vy´dega sah sie skeptisch an. Die beiden Frauen setzten sich in eine gemütliche Sitzgruppe auf der Terrasse nahe des Eingangs. Dort schilderte Ta´elga, welche Rolle der Junge bei dem Verhör der feindlichen Soldaten gespielt hatte und welchen Auftrag General Tehryn ihr anvertraut hatte.
»Mig´lan, Burh´an und du müsst gemeinsam entscheiden, ob euer Sohn mich begleiten darf.«
»Ich bin von diesem Vorschlag alles andere als begeistert«, gab Vy´dega offen zu. »Ich weiß, dass Mig´lan besondere Talente besitzt, aber er ist noch so jung. Fast noch ein Kind.«
»Ich weiß, meine Freundin, ich weiß. Ich verlange viel von euch. Aber wir müssen unbedingt herausfinden, was in dieser Festung vorgeht. Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche.«
Vy´dega musterte sie lange. »Ta´elga... du bist mir fremd geworden. Was ist dir bloß widerfahren?«
Wie zuvor schon bei Burh´an und Mig´lan, brach Ta´elga nun auch gegenüber ihrer Patin ihr Schweigen über die Zeit im Magistrat. Doch auch diesmal sparte sie die grausamsten Details ihrer eigenen Taten aus. Vy´degas Augen füllten sich mit Tränen. Sie war gleichermaßen gerührt von der Rückkehr als auch tief erschrocken über Ta´elgas Schicksal.
»Liebste Freundin, mir fehlen die Worte«, sagte Vy´dega mit tränenerstickter Stimme. »Es macht mich so traurig und wütend, was der Magistrat dir angetan hat.«
»Sei nicht mehr traurig deswegen«, tröstete Ta´elga sie und nahm sanft Vy´degas Hand. »Ich bin wieder frei und habe euch wohlbehalten wiedergefunden. Nur das zählt. Jetzt müssen wir nach vorne blicken. Der Magistrat bereitet eine neue Schlacht vor, und ich kann dazu beitragen, sie zu verhindern.«
»Vielleicht kannst du das, vielleicht auch nicht«, erwiderte Vy´dega leise. »Ich weiß um die Gefahren unserer Zeit. Aber ich habe schreckliche Angst, dich erneut zu verlieren – oder meinen eigenen Sohn.«
Seufzend stand Vy´dega auf und holte von einem kleinen, runden Tisch in der Ecke ein Tablett mit einem Krug Fahrnapfelsaft und zwei Gläsern. Sie goss ein und setzte sich wieder. Ta´elga nahm ihr Glas und trank nachdenklich einen Schluck des köstlichen Getränks.
»Wahrscheinlich hast du recht, Vy´dega«, sagte sie schließlich leise. »Die Idee, Mig´lan mitzunehmen, war wohl nicht ausgereift. Verzeih mir.«
In diesem Moment drangen Geräusche von der Straße zu ihnen durch. Burh´an und Mig´lan betraten das Haus. Vy´dega sprang sofort auf und schloss beide fest in die Arme.
»Geht es euch gut? Ich bin so froh, dass ihr zurück seid! Ta´elga hat mir schon berichtet«, begrüßte sie die beiden aufgeregt.
»Ja, alles bestens. Ta´elga kam wie gerufen und hat uns gerettet«, beruhigte Burh´an seine Frau.
Vy´dega blickte die Ritterin stirnrunzelnd an. Sie ahnte, dass ihre Freundin ihr beim Bericht über den Kampf einiges verschwiegen hatte. Doch im Moment zählte nur, dass alle gesund waren.
»Kommt, wir gehen nach oben. Ich habe das Abendessen vorbereitet«, lud Vy´dega die Runde ein.
»Perfekt, ich habe einen Riesenhunger!«, verkündete Mig´lan grinsend.
Lachend stiegen sie in den Essbereich im oberen Stockwerk hinauf. Der große Tisch stand vor einer bodentiefen Fensterfront, die fast die gesamte Wand einnahm und einen weiten Ausblick über die Dächer des Elfendrittels bot. Gemeinsam deckten die vier Elfen den Tisch. Vy´dega hatte neben den traditionellen Elfenspeisen auch menschliche Nahrung zubereitet. Sie bemerkte Ta´elgas überraschten Blick.
»Wir haben während unseres Lebens hier die Vorzüge der menschlichen Küche schätzen gelernt«, erklärte Vy´dega lächelnd. »Es ist zwar nicht leicht für uns Elfen, an diese Lebensmittel heranzukommen, da alles per Schiff von Tellus nach Tirganeiy gebracht werden muss und die Mengen begrenzt sind. Aber meistens können wir einiges davon gegen die Tierfelle tauschen, die Burh´an und Mig´lan von der Jagd mitbringen.«
»Es riecht köstlich«, sagte Ta´elga dankbar. »Im Magistrat habe ich jahrelang nur faden Brei bekommen. Ich hatte fast vergessen, wie abwechslungsreich das Essen in der Union ist. Für mich ist das ein wahrer Genuss.«
Während des Essens ließen sie die Ereignisse des Tages Revue passieren. Ta´elga sprach schließlich auch über ihren neuen Auftrag und die ursprüngliche Idee, die sie hatte. Burh´an blickte nachdenklich von seiner Frau zu Ta´elga.
»Weißt du, ich finde deinen Plan gar nicht so schlecht, Ta´elga«, sagte er langsam.
Mig´lan war sofort Feuer und Flamme bei der Aussicht auf ein echtes Abenteuer. Vy´dega wollte gerade protestieren, doch Burh´an hob beschwichtigend die Hand.
»Bitte lass mich ausreden. Mig´lan soll Ta´elga begleiten und sie mit seinen Fähigkeiten unterstützen. Aber ich finde, wir sollten alle geschlossen mitgehen.«
Nun war es an Ta´elga, überrascht aufzublicken.
»Warte, ich bin noch nicht fertig«, fuhr Burh´an fort. »Mir würde es die Gelegenheit bieten, präzise Karten dieser Region und der entstehenden Festung anzufertigen. Solche Karten wären für die Unionstruppen unbezahlbar. Und du, Vy´dega, könntest Mig´lan und Ta´elga mit deiner Magie absichern. Wenn wir uns zu viert auf diese Mission begeben, haben wir die größte Aussicht auf Erfolg.«
Im Raum wurde es still. Mig´lan blickte mit klopfendem Herzen erwartungsvoll zwischen den Erwachsenen hin und her. Ta´elga war begeistert von dem Vorschlag, während Vy´dega sichtlich mit sich rang. Sie war keine Kriegerin, doch sie begriff die strategische Bedeutung des Auftrags. Sie räusperte sich.
»Ich bin einverstanden«, sagte sie schließlich fest. »Ich habe Angst, das gebe ich offen zu. Aber die Erkundung dieser Festung ist zu wichtig für uns alle. Wann brechen wir auf?«
Mig´lan stieß einen lauten Freudenschrei aus.
»Mig´lan! Das ist kein Spiel«, wies ihn seine Mutter sofort streng zurecht. »Es ist da oben lebensgefährlich. Wir müssen absolut vorsichtig sein.«
Der Junge senkte schuldbewusst den Blick. »Ich verstehe. Ich werde aufpassen, versprochen.«
Ta´elga zog ihn kurz in eine herzliche Umarmung. Für einen Moment zögerte sie – der Impuls, die drei zu ihrem eigenen Schutz doch hierzulande zurückzulassen, war stark. Doch sie wusste, wie wertvoll ihre Hilfe sein würde.
»Seid um Mitternacht bei mir im Rathaus«, wies sie die Familie an. »Bringt nichts weiter mit, ich sorge für eure Ausrüstung.«
Zurück in ihrem Arbeitszimmer traf die Generalin auf By´wala.
»Guten Abend, Botschafterin. Ich habe bereits alles vorbereitet«, meldete ihre Ordonnanzoffizierin prompt. »Die passende Kleidung für deine Familie liegt bereit, die Ausrüstung ist verpackt und bei den Pferden verstaut. Leutnant Dar´al wird ebenfalls in Kürze eintreffen.«
Ta´elga musste unwillkürlich lachen. »By´wala, du bist einfach unbezahlbar. Manchmal glaube ich fast, du kannst Gedanken lesen.«
»Nein, Botschafterin, das kann ich nicht«, erwiderte By´wala schmunzelnd. »Aber was wäre ich für eine Ordonnanz, wenn du mir jeden Handgriff erst diktieren müsstest?«
»Ich bin jedenfalls froh, dich an meiner Seite zu haben.«
Hätte By´wala eine hellere Hautfarbe gehabt, hätte man sie jetzt wohl erröten sehen. So färbte sich ihre dunkelviolette Haut lediglich eine Nuance dunkler.
»Meine eigenen Sachen sind übrigens auch packt«, fügte die Majorin hinzu. »Dein Einverständnis vorausgesetzt, werde ich dich natürlich begleiten.«
»Du wusstest doch ganz genau, dass ich dich ohnehin darum gebeten hätte.«
By´wala verzichtete auf eine Antwort und verbeugte sich lediglich mit einem wissenden Lächeln.
»Gut. Wenn Dar´al eintrifft, schick ihn direkt zu mir.«
Nachdem By´wala den Raum verlassen hatte, ließ sich Ta´elga tief in ihren bequemen Sessel sinken und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ein Schatten des Zweifels legte sich über ihr Gemüt. Was wird uns dort oben erwarten? Wir sind zwar eine schlagkräftige Truppe, aber ist es wirklich richtig, meine Familie dieser Gefahr auszusetzen?
Doch sie wusste, was auf dem Spiel stand. Wenn diese Festung erst einmal fertiggestellt war, würde die Bedrohung für ganz Tirganeiy unvorstellbare Ausmaße annehmen. Die Festung Acceras auf Tellus war ein Mahnmal dafür, wie viel Leid der Magistrat bringen konnte und wie viel Blut vergossen werden musste, um sie zu Fall zu bringen. Ohne Ta´elgas Insiderwissen wäre Acceras vermutlich heute noch in Feindeshand. Eine zweite Festung im Blaugratgebirge durfte es niemals geben. Dafür würde sie persönlich sorgen.
Ein Klopfen riss sie aus den Gedanken. Dar´al stand in der Tür.
»Sei gegrüßt, Botschafterin. Ahlunah bringe dir Licht und Schutz.«
Ta´elga stand auf. »Das Licht umarme dich. Komm herein, Dar’al, nimm Platz.« Sie bedeutete dem Leutnant, sich ihr in der Sitzecke anzuschließen. »Ich möchte die Details mit dir besprechen.«
»General Tehryn hat mich bereits grob instruiert«, sagte der Leutnant. »Dein Auftrag scheint von äußerster Wichtigkeit zu sein.«
»Das ist er, Dar´al. Glaub mir, das Überleben von ganz Tirganeiy hängt davon ab.« Sie informierte ihn umfassend über die Lage im Gebirge.
»Als der Oberbefehlshaber mich zu sich rief, ahnte ich schon, dass etwas Großes bevorsteht«, sagte Dar´al nachdenklich. »Er hat mich direkt unter dein Kommando gestellt. Wenn du erlaubst, würde ich gerne noch zwei Elfenkrieger mitnehmen. Es sind die beiden besten Bogenschützen und Fährtenleser, die ich kenne.«
»So soll es sein. Damit sind wir acht Elfen, die ausziehen, um diesen Krieg im Keim zu ersticken. Wir brechen kurz nach Mitternacht auf. Nutze die Zeit bis dahin, um dich auszuruhen.«
Dar´al erhob sich, verbeugte sich respektvoll und verließ den Raum. Ta´elga machte sich nun auf den Weg zum Menschenbereich des Rathauses, um den General final zu informieren.
Kurze Zeit später stand sie vor Tehryns Arbeitszimmer, unter dessen Tür ein warmer Lichtschein hindurchfiel. Auf ihr Klopfen ertönte das gewohnt raue »Herein!« des Generals. Als er die Elfe erkannte, huschte ein seltenes Lächeln über das Gesicht des alten Haudegens.
»Ah, Generalin Ta´elga! Setz dich und berichte«, sagte er auffallend zuvorkommend.
Sie legte ihm ihren finalen Plan dar. Der General lauschte aufmerksam und nickte schließlich anerkennend.
»Gut, das klingt nach einem soliden Plan. Die exakten Karten aus diesem Gebiet werden uns strategisch enorm weiterhelfen. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Generalin, hiermit erteile ich dir offiziell den Befehl, die Festung im Blaugratgebirge und deren Umgebung aufzuklären und mir anschließend Bericht zu erstatten.«
General Tehryn stand straff auf und salutierte vor Ta´elga. Sie erwiderte den militärischen Gruß ehrerbietig. Der General senkte die Hand und blickte sie eindringlich an.
»Viel Glück, Ta´elga. Komm mir wohlbehalten zurück.« Er hielt kurz inne, bevor er leise hinzufügte: »Ahlunah beschütze dich und deine Gefährten.«
Die Ritterin war gleichermaßen überrascht wie gerührt. Größeren Respekt hätte der alte Menschengeneral ihr gegenüber niemals ausdrücken können. Sie verbeugte sich tief. »Das Licht umarme dich.«
Zurück in ihren Gemächern beschloss Ta´elga, die verbleibende Zeit zur Entspannung zu nutzen. Sie ließ sich ein heißes Bad einlaufen und fügte wohltuende Essenzen hinzu. Als sie in die Wanne stieg, spürte sie, wie sich die Anspannung in ihren Muskeln löste.
Sie musste wohl eingenickt sein, denn als sie aufwachte, war es bereits kurz vor Mitternacht. Dank eines kleinen Zaubers war das Wasser angenehm warm geblieben. Im angrenzenden Zimmer fand sie eine kleine Mahlzeit vor, die By´wala ihr bereitgestellt hatte. Sie setzte sich und stärkte sich mit etwas Brot und frischem Obst. Diese Frau ist wirklich ein Goldstück, dachte sie lächelnd.
Plötzlich hörte sie gedämpfte Stimmen aus dem Arbeitszimmer. Ihre Familie war eingetroffen. Alle drei trugen bereits die hellbraune, abzeichenlose Lederuniform der Elfenkrieger, die ihnen hervorragend passte. Als sie Ta´elga erblickten, lächelten sie stolz.
»Na, wie sehen wir aus?«, fragte Vy´dega und drehte sich einmal um die eigene Achse.
»Ich muss zugeben, die Kriegerkleidung steht euch ausgezeichnet«, lobte Ta´elga sie. »Aber eine Kleinigkeit fehlt noch.«
Unter den neugierigen Blicken ihrer Familie und ihrer Ordonnanz holte Ta´elga drei kunstvoll gearbeitete Schmuckstücke hervor.
»Ich habe diese Broschen für euch angefertigt. Sie zeigen den Sternenbrunnen Ahlunahs und wurden mit einem Hauch ihrer Magie gesegnet. Sie sollen jedem zeigen, dass ihr unter meinem persönlichen Schutz und dem der Sternengöttin steht.«
By´wala blickte die Botschafterin voller Anerkennung und Staunen an und nickte ehrfürchtig.
»Wenn alle bereit sind, gehen wir zu den Pferden. Es ist Zeit«, verkündete Ta´elga.
Bei den Ställen warteten bereits Dar´al und seine beiden Begleiter, die sich bei Ta´elgas Erscheinen tief verbeugten. Der Leutnant stellte sie als No´ral und We´lan vor. Ta´elga bemerkte die ehrfürchtigen, fast scheuen Blicke der beiden Jäger – die Legende der ehemaligen Sanguenritterin war ihnen offensichtlich bekannt.
Die Pferde, allesamt prachtvolle und ausdauernde Tiere, standen gesattelt bereit. Vier zusätzliche Packpferde trugen die schwere Ausrüstung. Ta´elga saß ebenfalls auf ein normales Pferd auf und verzichtete bewusst darauf, ihren Reitdämonen zu beschwören. Sie gab den Befehl zum Aufsitzen, blickte noch einmal in die Runde ihrer Gefährten und sprach mit fester Stimme:
»Der Magistrat schickt sich erneut an, seine Klauen nach unserer Heimat auszustrecken. Im Blaugratgebirge entsteht eine Festung des Bösen. Wenn sie erst vollendet ist, wird sie kaum noch zu bezwingen sein. Die Sanguenritter, ihre Cwok-Sklaven und Horden von Untoten werden unser Land überschwemmen. Wir ziehen aus, um genau das zu verhindern. Möge Ahlunah mit uns sein!«
»Möge Ahlunah mit uns sein!«, schallte es wie aus einem Mund zurück.
Die kleine Truppe setzte sich in Bewegung und passierte das Nordtor der Stadt. Ihr Ziel war der große Pass, der durch die gewaltigen Bergmassive direkt in das Territorium des Magistrats führte.
Die acht Waldelfen folgten der Straße, die sie tiefer in die Vorberge des Blaugratgebirges führte. Die offene Savanne wich allmählich einem dichten, majestätischen Wald, der sich über die Hügelkuppen erstreckte.
Da sie gut vorangekommen waren, beschloss Ta´elga, an einer geschützten Lichtung eine kurze Rast einzulegen. Sie verließen die Straße und ritten ein Stück in den Wald hinein, bis sie auf einen kleinen Bach stießen. Während Dar´al, No´ral und We´lan geschickt trockenes Holz sammelten und ein wärmendes Feuer entfachten, versorgten die anderen fünf Elfen die Pferde.
Bald saßen sie alle im Kreis um die wärmenden Flammen und teilten ihren Proviant: getrocknetes Fleisch, frisches Brot, Obst und Ta´elgas geliebten Fahrnapfelsaft.
»Wie weit ist es noch bis zum Hauptlager?«, fragte Mig´lan neugierig in die Runde.
»Wir haben noch ein gutes Stück Weg durch diesen Wald vor uns«, antwortete Dar´al und deutete in die Dunkelheit zwischen den Bäumen.
»Gegen Morgengrauen sollten wir das Ziel erreichen«, ergänzte By´wala.
Ta´elga blickte ihre Ordonnanz an. »Warst du schon einmal dort oben, By´wala?«
»Ja, dort befindet sich ein strategischer Wachposten der Union, um den Passzugang zu sichern. Hin und wieder wurden meine Heilzauber dort oben gebraucht.«
Ta´elga wurde nachdenklich. »Das bedeutet, die Truppen des Magistrats müssen einen geheimen, alternativen Pfad kennen. Anders hätten der Magier und seine Soldaten meine Familie niemals unbemerkt umgehen und angreifen können.«
»Davon ist auszugehen. Aber wir werden diesen Pfad finden«, bekräftigte Dar´al entschlossen.
»Ruht euch noch etwas aus. In einer Stunde reiten wir weiter«, ordnete die Generalin an.
Während die anderen die Atempause nutzten, griff Burh´an nach seinen Utensilien und setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm am Bachufer. Aus dem Gedächtnis heraus begann er, jedes topografische Detail, das er auf dem bisherigen Weg registriert hatte, feinsinnig auf Pergament zu zeichnen. Als die Stunde um war, betrachtete er sein Werk zufrieden: Die Karte war makellos und hielt jeden wichtigen Punkt der durchquerten Landschaft präzise fest. Er faltete das Pergament vorsichtig zusammen, verstaute es sicher in seinem Beutel und kehrte zur Gruppe zurück.
Das Feuer wurde sorgfältig gelöscht, die Elfen saßen auf und kehrten im Schutz der Dunkelheit auf die Straße zurück.
Je näher sie dem Pass kamen, desto mehr lichtete sich der Wald. Als der Morgen graute, ließen sie die letzten Ausläufer der Baumgrenze hinter sich. Die Straße stieg nun steiler an und wandte sich durch karge Felsformationen, auf denen nur noch zähes Moos und vereinzeltes Gras gediehen. Die mächtigen, schneebedeckten Gipfel des Blaugratgebirges schienen nun greifbar nah.
Als die ersten Sonnenstrahlen die Berggipfel rötlich färbten, erreichte die Gruppe schließlich das Außenlager. Die Zelte, die Major Darkhorse hier aufgeschlagen hatte, befanden sich auf einem windgepeitschten, kahlen Steinplateau. Direkt dahinter zog sich ein steiles Geröllfeld empor, das sich wie eine graue Schlange zwischen den Felswänden verlor und den eigentlichen Eingang zum großen Pass markierte.
In der Mitte des Lagers glimmten die Reste des Nachtfeuers, dünner Rauch stieg in den klaren Himmel. Zwei Wachsoldaten am Straßenrand schlugen Alarm und riefen ins Lager, als sie die Reiter erblickten. Kurz darauf trat Major Darkhorse aus seinem Zelt und kam ihnen entgegen.
Die acht Elfen ritten heran und saßen ab. Sofort kümmerten sich herbeieilende Soldaten um die erschöpften Tiere.
»Ahlunah bringe euch Licht und Schutz«, begrüßte der Paladinkommandant die Ankömmlinge mit militärischem Salut.
»Das Licht umarme dich«, erwiderte Ta´elga, während ihre Begleiter sich traditionell verbeugten.
»Ich habe alles so komfortabel wie möglich für euch herrichten lassen«, sagte Darkhorse und deutete stolz auf ein großes, Rundzelt, das im architektonischen Stil der Waldelfen gefertigt war. Es besaß sogar zwei Etagen: Eine offene, überdachte Wohnebene unten und geschützte Schlafräume im oberen Bereich. Um dieses Hauptzelt herum gruppierten sich die schlichteren, blauen Rundzelte der menschlichen Soldaten, die optisch fast mit dem bläulichen Fels des Plateaus verschmolzen. Nur das etwas größere Zelt des Majors stach in kräftigem Rot hervor.
Am direkten Zugang zum Pass bemerkte Ta´elga ein kleines, robustes Steingebäude. Major Darkhorse folgte ihrem Blick.
»Das ist die Garnisonswache. Sie ist permanent mit zwei Posten besetzt, die den Pass im Auge behalten.«
»Wie lange sind die beiden Soldaten schon auf Posten?«, fragte Ta´elga hellhörig.
»Seit knapp einer Woche. Ihre Ablösung steht kurz bevor.«
Ta´elga kombinierte schnell. Diese Wachen mussten genau zu dem Zeitpunkt Dienst gehabt haben, als der feindliche Zauberer zugeschlagen hatte.
»Ich muss diese beiden Soldaten sprechen, Darkhorse. Kannst du sie zu mir schicken?«
»Natürlich, Generalin. Sofort.«
Ta´elga zog sich in das Elfenzelt zurück, wo ihre Gefährten bereits auf bequemen Sitzkissen Platz genommen hatten.
»Wie sieht unser genauer Plan aus, Ta´elga?«, fragte Vy´dega neugierig.
»Wir sollten bald aufbrechen«, schlug By´wala vor.
»Ja, das werden wir. Gegen Mittag geht es los, sobald wir uns gestärkt haben. Vorher werde ich jedoch die beiden Wachsoldaten befragen. Wenn der Feind hier vorbeigekommen ist, müssen sie etwas bemerkt haben.«
Kurz darauf führte Darkhorse die beiden Wachen persönlich ins Zelt. Es handelte sich um zwei erfahrene Waldelfen namens Sven´al und Heind´or. Sven´al hatte auffallend hellgelbes Haar und eine hellblaue Haut, während Heind´ors Haut dunkelbraun war und er sein schwarzes Haar militärisch kurz trug. Beide standen sichtlich in der Mitte ihres Lebens. Sie verbeugte sich respektvoll vor der Generalin.
»Du hast nach uns verlangt?«, fragte Sven´al.
»Ja. Bitte, setzt euch«, erbot Ta´elga und deutete auf freie Kissen. Sie berichtete den beiden kurz von dem hinterhaltigen Angriff auf ihre Familie im Tal.
»Wir haben davon gehört und sind zutiefst besorgt«, entgegnete Heind´or mit ernster Miene.
»Aber die Truppen des Magistrats sind definitiv nicht an unserem Posten vorbeigekommen«, stellte Sven´al klar.
»Das hätten wir unmöglich übersehen«, bestätigte Heind´or. »Wir beherrschen beide die Naturmagie. Jede Erschütterung, jede Störung des natürlichen Gleichgewichts in diesem Radius wäre uns aufgefallen.«
Ta´elga nickte. Sie wusste, dass sie den Sinnen erfahrener Naturmagier vertrauen konnte. Der Feind hatte also tatsächlich einen anderen Weg genutzt.
»Wir müssen diesen verborgenen Pfad der Angreifer finden«, stellte Dar´al fest, nachdem die Wachen entlassen worden waren.
»Das wird kein Spaziergang, Dar´al«, entgegnete Ta´elga düster.
»Ich kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht!«, rief Mig´lan voller Tatendrang.
Vy´dega lächelte und strich ihrem Sohn zärtlich über das Haar. »Mir geht es ehrlich gesagt ganz ähnlich wie unserem Jungen.«
Burh´an blickte in die Runde. »Ich glaube, so ergeht es uns allen gerade.« Ein entschlossenes Nicken der restlichen Waldelfen besiegelte die Stimmung.
»Nach dem Mittagsmahl brechen wir auf. Ich regel noch die letzten Details«, verkündete Ta´elga und erhob sich.
Draußen besprach sie sich nochmals mit Major Darkhorse, um jede verfügbare Information über die Gegebenheiten des Passes aufzusaugen. Kurz darauf versammelten sich die acht Gefährten an einer langen Tafel unter freiem Himmel für ein reichhaltiges Mittagsmahl aus Obst, Gemüse und Fleisch.
Nach dem Essen verabschiedete Darkhorse den Trupp gebührend. Er hatte dafür gesorgt, dass es ihnen an nichts fehlte: Vor ihnen standen acht perfekt gepackte, wetterfeste Rucksäcke bereit.
»Viel Erfolg da oben. Wir halten hier die Stellung und warten auf eure Rückkehr«, sagte der Major ernst.
Ta´elga dankte dem Kommandanten mit einem festen Händedruck. Dann schulterte sie ihren Rucksack und wandte sich dem steilen Geröllfeld zu, das in die eisigen Höhen des Passes führte. Ihre Gefährten taten es ihr gleich. Ihre Pferde ließen sie im sicheren Lager zurück.
Jetzt beginnt mein echtes Abenteuer, dachte Mig´lan mit klopfendem Herzen.
Der Aufstieg in das Blaugratgebirge erwies sich als brutale Schinderei. Der Pfad war übersät mit tückischen, losen Steinen und massiven Felsbrocken, denen sie ständig ausweichen mussten. Schon nach wenigen Stunden brannten die Muskeln der Elfen, und die scharfen Kanten des Gerölls setzten ihren Füßen schwer zu. Nur Ta´elga spürte die Anstrengung dank ihrer magischen Rüstung kaum.
Da sie die Qualen ihrer Begleiter jedoch genau einschätzen konnte, ordnete sie regelmäßig Pausen an. In diesen Momenten war By´wala sofort zur Stelle, um die geschundenen Beine und Füße der Gefährten mit lindernden Heilzaubern zu behandeln.
Je höher sie stiegen, desto drastischer fiel die Temperatur. Ein eisiger, grauer Nebel zog auf, und dichter Schneefall setzte ein. Die Elfen hüllten sich tief in ihre hellbraunen Ledermäntel und zogen die Kapuzen weit ins Gesicht, um sich gegen das aufkommende Unwetter zu schützen.
Nach stundenlangem, kräftezehrendem Marsch in der einsetzenden Dunkelheit erreichten sie endlich das Ende des steilen Hanges. Vor ihnen erstreckte sich eine weite, schneebedeckte Ebene am Fuße eines gigantischen, bläulich schimmernden Gletschers. Der Schneefall hatte sich mittlerweile zu einem handfesten Schneesturm ausgewachsen, der die Sicht auf wenige Meter einschränkte.
Vy´dega kniff die Augen zusammen und erspähte in einer Felswand zu ihrer Rechten den dunklen Zugang zu einer Höhle – genau die Zuflucht, die Darkhorse beschrieben hatte.
»Dort drüben! In die Felswand!«, rief sie gegen den heulenden Wind an und deutete auf den Spalt.
Eilig rettete sich die kleine Gruppe aus dem tobenden Sturm in das Innere des Berges. Vy´dega ließ auf ihrer rechten Handfläche eine sanft pulsierende Lichtkugel entstehen, um die Umgebung zu erhellen. Die Höhle war überraschend geräumig. Gewaltige Stalaktiten und Stalagmiten ragten wie steinerne Zähne von der Decke und aus dem Boden.
In der Mitte des Raumes befand sich ein sorgsam aufgeschichteter Steinhaufen. Vy´dega ließ ihre Lichtkugel genau dorthin schweben. Augenblicklich entzündete sich die uralte Runenmagie der Steine: Sie erstrahlten in einem reinen, weißen Licht und gaben eine wohlige, intensive Wärme ab, die die eisige Kälte der Höhle binnen Sekunden vertrieb. Die Tropfsteingebilde an den Wänden begannen im fahlen Schein prachtvoll zu glitzern.
Mig´lan blickte sich mit offenem Mund um; so etwas Schönes hatte er noch nie gesehen. Auch den erwachsenen Elfen raubte der Anblick kurz den Atem.
»Bei Ahlunah, was für ein majestätischer Ort«, flüsterte By´wala ehrfürchtig.
Diese Höhle war vor langer Zeit von den Vorfahren als strategischer Zufluchtsort präpariert worden und bot alles, was für einen längeren Aufenthalt nötig war. Die acht Gefährten ließen sich erleichtert auf der steinernen Rundbank nieder, die um die Wärmequelle errichtet worden war. Sie holten ihren Proviant hervor, um neue Kräfte zu sammeln, während Dar´al frisches, eiskaltes Wasser aus einer kleinen Quelle im hinteren Teil der Höhle schöpfte.
»Ich werde gleich aufbrechen und eine erste Erkundung da draußen durchführen«, durchbrach Ta´elga die Stille.
»Ich komme mit!«, forderte Mig´lan sofort.
»Nein, Mig´lan. Ich gehe diesmal allein.«
Der Junge blickte sie sichtlich enttäuscht an.
»Warum sollten wir dich nicht absichern, Ta´elga?«, warf By´wala besorgt ein.
»Ja, zusammen sind wir stärker«, stimmte auch Dar´al zu.
Die ehemalige Sanguenritterin sah ernst in die Runde der Waldelfen. »Der Gletscher dort draußen ist tückisch, und wir kennen das Terrain nicht. Ich muss mir zuerst allein ein Bild von der Lage machen, um das Risiko einzuschätzen.«
»Ich halte es zwar für unklug, dich ohne Rückendeckung gehen zu lassen, aber es ist deine Entscheidung, Generalin«, fügte die Ordonnanz seufzend hinzu.
Ta´elga erhob sich und verabschiedete sich knapp. Am Höhlenausgang überprüfte sie den festen Sitz ihrer Rüstung und zog mit einem leisen Schaben ihr mächtiges Elementumschwert. Draußen tobte der eiskalte Blizzard unbarmherzig weiter.
Die Ritterin kämpfte sich Meter für Meter über das blanke Eis des Gletschers voran. Immer wieder rammte sie die Klinge ihres Schwertes tief in den gefrorenen Untergrund, um Halt zu finden und sich nach oben zu ziehen. Der Aufstieg war eine absolute Tortur und raubte ihr mehr Zeit, als sie kalkuliert hatte.
Doch als sie die Kuppe des Gletschers schließlich überwand, legte sich der Sturm abrupt. Die dichten Wolken rissen auf, gaben den Blick auf den eisigen Sternenhimmel frei und der Schneefall hörte auf.
Nun kam die Hohepriesterin deutlich schneller voran. Sie überquerte mehrere kleinere, schroffe Gipfel, bis sie schließlich eine weite, unberührte Schnee-Ebene erreichte. Diese endete abrupt an einer gähnenden, steilen Klippe.
Vorsichtig trat Ta´elga an den äußersten Rand des Abgrunds, suchte im tiefen Schatten Deckung und blickte hinab in die gähnende Tiefe des Tals...
Ta´elga nahm ihren Helm ab. Der eisige, schneidende Wind griff sofort nach ihrem Haar und peitschte es ihr ins Gesicht. Unbeirrt blickte sie sich um. Tief unter ihr wandte sich ein schmaler, tückischer Pfad in die Schlucht hinab, nur um sich auf der gegenüberliegenden Seite mühsam wieder emporzuschlängeln. Er führte über spiegelglatte Ausläufer des Gletschers und vorbei an tiefen, im fahlen Licht blau schimmernden Eisspalten. Die mächtigen, abweisenden Bergmassive dort drüben gehörten bereits zum finsteren Territorium des Magistrats.
Die Waldelfenfrau schloss für einen Moment die Augen und wob ihre Magie der Gleichzeitigkeit. Ihr Geist dehnte sich aus, floss über die Felsen und das Eis, bis ihr keine noch so kleine Einzelheit der rauen Landschaft mehr verborgen blieb. Ermutigt weitete sie den Zauber noch weiter aus, tastete sich an den Hängen der fernen Gipfel empor – doch als ihre magischen Fühler die Grenze überschreiten wollten, prallten sie jäh ab. Was hinter den gegenüberliegenden Bergen lag, blieb in absolute Dunkelheit gehüllt. Die finstere Magie des Magistrats lag wie ein erstickender Schleier über dem Land und blockierte Ahlunahs reines Licht.
Enttäuscht wollte Ta´elga gerade den Rückzug antreten, als ihre geschärften Sinne anschlugen. Auf einer Schneeebene, die ihrer Position direkt gegenüberlag, zeichnete sich eine Silhouette ab. Die Gestalt bewegte sich langsam vorwärts und setzte sich schließlich direkt an den äußersten Rand der Klippe. Selbst über die weite Distanz hinweg spürte die Ritterin die plötzliche Starre ihres Gegenübers. Es war, als sei die Person zutiefst überrascht, ausgerechnet hier auf Leben zu stoßen.
Ta´elga benötigte keinen Zauber mehr, um zu erkennen, wer dort drüben im ewigen Eis saß. Jede Kontur, jede Bewegung war ihr schmerzhaft vertraut.
Es war Aaghyl. Ihr einstiger Lehrer, Mentor und treuester Kampfgefährte aus den dunklen Tagen von Acceras.
Ein heftiger Sturm aus widerstreitenden Gefühlen durchbrach ihre Beherrschung. Freude und glühende Wut durchströmten sie in demselben Herzschlag. Freude darüber, das Gesicht eines Totgeglaubten, eines Bruders im Geiste wiederzusehen. Und eine rasende, kalte Wut auf den Magistrat, der ihr Leben zerstört, sie versklavt und zu den Gräueltaten gezwungen hatte, die nun wie ein Schatten auf ihrer Seele lasteten. Was mochten sie Aaghyl angetan haben? War er noch derselbe?
Mit der eisernen Disziplin, die sie jahrelang gelernt hatte, fasste sich die ehemalige Sanguenritterin wieder. Sie hob den Arm und winkte dem Steinelfenmann zu. Einen langen, quälenden Moment geschah drüben nichts. Dann, fast schon zögerlich, hob auch Aaghyl die Hand und erwiderte den Gruß.
Ta´elga verlor keine Zeit. Sie deutete mit einer klaren Geste hinab in die Tiefe des Tals, auf eine geschützte, flache Stelle zwischen den aufragenden Bergwänden. Dort, im Niemandsland zwischen den Fronten, wollte sie ihn treffen. Der Sanguenritter verharre kurz, nickte dann jedoch knapp und gab ihr ein unmissverständliches Zeichen des Einverständnisses.
Ta´elga setzte den Helm wieder auf, überprüfte den Sitz ihrer Waffen und begann mit dem steilen Abstieg in die Schlucht. Ihre Schritte waren fest, doch ihr Herz hämmerte wie wild gegen ihre Rüstung. Eine quälende Frage ließ ihr keine Ruhe:
Wie wird unser Wiedersehen sein?
Aaghyl – Die Erkundung
»Aaghyl hat die Lehre vernachlässigt. Letztendlich hat das unseren Sieg gekostet. Die Herrscher haben das erkannt. Mit mir als Oberbefehlshaberin aller Armeen der Herrscher und Lord des Magistrats wird es keine Niederlagen mehr geben.«
(Iiseel, Sanguenritterin)
Aaghyl und Sinan Eldar folgten der Festungskommandantin schweigend. Ihre Schritte hallten auf den steinigen Stufen wider, während sie immer tiefer in die kalten Eingeweide des Turms hinabstiegen. Sie passierten die noch verwaisten Übungsarenen der Sanguenritter und eine mächtige Elementumschmiede, in der künftig die Klingen und Rüstungen der Elite geschmiedet werden sollten. Noch lag die Schmiede in tiefer Agonie; die Öfen waren kalt, die Arenen leer. Allenthalben zeugten Baustellen von dem unfertigen Zustand der Festung. Im fahlen Licht sah Aaghyl zahlreiche Zauberer, die mithilfe von Dämonen und willenlosen Untoten unermüdlich an der Fertigstellung des kolossalen Bauwerks arbeiteten.
»Wann wird die Festung fertig sein, Erhabene?«, fragte Sinan Eldar die Elfenfrau.
»Dieser Teil hier wird bald fertig sein«, antwortete sie und wies mit einer ausladenden, fast ehrfürchtigen Geste auf die nackten Steinwände. »Dennoch wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die gesamte Festung genutzt werden kann. Es gibt noch viel zu tun«, erklärte Litara.
Schließlich erreichten sie den Wohnbereich der Sanguenritter. Die Kommandantin hielt inne und deutete auf zwei schmucklose Holztüren.
»Wir sind da. Das sind eure Zellen. Ihr seid zurzeit noch die einzigen Bewohner hier.«
»Danke, Erhabene«, sagte der Elfenmann und neigte tief das Haupt. Sinan Eldar tat es ihm gleich.
»Wenn du bei Iiseel fertig bist, suche mich in meiner Unterkunft auf, Aaghyl. Du weißt, wo sie sich befindet.«
»Das werde ich, Erhabene.«
Mit diesen Worten ließ die Festungskommandantin die beiden Ritter in der Einsamkeit des Ganges zurück.
»Du bist ein gefragter Mann, Aaghyl.«
»Ich fürchte, so viel Aufmerksamkeit ist gar nicht gut. Ruhe dich aus, mein Freund. Ich werde dir berichten, wenn ich zurück bin.«
Der Elfenmann tritt in das spartanische Innere seiner Unterkunft und zog die schwere Tür hinter sich ins Schloss. Ein bitteres Gefühl der Vertrautheit überkam ihn, als er sich frisch machen wollte: Die karge Zelle glich bis aufs Haar seinem alten Quartier in Acceras – mit dem einzigen Unterschied, dass der kalte Fels hier in einem unnatürlichen Blau statt in mattem Grau schimmerte. Die trostlose Einrichtung bot keinerlei Einladung zum Verweilen, und so drängte es den Sanguenritter schon nach wenigen Augenblicken wieder nach draußen. Da Edderas nach demselben finsteren Prinzip wie die graue Festung Acceras konstruiert war, fand er den Weg blind. Kurz darauf stand er vor der schweren Pforte zu Iiseels Gemächern und klopfte an.
»Herein«, erscholl Iiseels unnahbare Stimme aus dem Inneren.
Der Sanguenritter trat ein. Es war das exklusive Privileg eines Befehlshabers, neben der bloßen Schlafzelle auch einen herrschaftlichen Arbeitsraum zu beanspruchen. Iiseel thronte hinter ihrem massiven Schreibtisch, auf dem sich endlose Stapel von beschriebenen Schreibtafeln türmten. An der rückwärtigen Wand war ein gigantischer Bauplan der gesamten Festung direkt in den nackten Stein gemeißelt. Aaghyls geschulter Blick erfasste sofort, dass der weitaus größte Teil Edderas’ noch eine unfertige Ruine war. Hinter der Elfenfrau öffnete sich ein mächtiges Fenster, das den Blick auf die düstere Weite des Südens freigab.
Aaghyl blieb wie angewurzelt an der geschlossenen Tür stehen, den Blick pflichtbewusst zu Boden gerichtet.
»Komm näher, Aaghyl.«
Der Elfenmann trat bis an den Schreibtisch heran. Eine zweite Sitzgelegenheit suchte man in dieser spartanischen Machtzentrale vergebens. Iiseel lehnte sich langsam in ihrem Stuhl zurück und musterte den Ritter mit eisigen Augen.
»Die Herrscher gaben dir einen Auftrag. Ich glaube, du wirst wiederum versagen«, begann sie ohne jede Umschweife.
Der Sanguenritter schluckte den aufkommenden Groll hinunter und ersparte sich eine Erwiderung.
»Nun, so soll es dann sein«, fuhr die neue Oberbefehlshaberin ungerührt fort. Sie erhob sich majestätisch und trat an den in Stein gehauenen Bauplan heran.
»Präge dir das, was ich dir jetzt zeige, gut ein. Hier haben unsere Arbeiter einen kleinen Tunnel geschaffen.« Iiseel deutete auf eine unscheinbare Markierung und fuhr mit dem Finger die feine Linie entlang.
»Er ist noch sehr klein und endet im Moment noch in einem sehr schwer zugänglichen Gebiet. Dort können wir keine Truppen hinschicken. Aber ein Krieger mit deinen Talenten kann ihn nutzen. Der Ausgang dieses Stollens liegt ganz in der Nähe der Grenze zur Union. Von dort kannst du das Reich der Waldelfen leicht erreichen.«
Aaghyl brannte sich den Verlauf des Geheimgangs fest in sein Gedächtnis ein.
»Erfülle nun deinen Auftrag, Sanguenritter. Du kennst die Konsequenzen, falls du versagst.«
Ohne ein weiteres Wort des Abschieds wandte sich Iiseel wieder ihrem Tisch zu und versank augenblicklich in ihren Dokumenten. Aaghyl strich mit einem letzten Blick über den Festungsplan, verbeugte sich stumm und verließ das Quartier der Oberbefehlshaberin.
Draußen im kalten Korridor hielt ihn inne und atmete tief die stickige Luft ein. In diesem Moment der Stille brach sich die Erkenntnis über seine eigene innere Metamorphose Bahn. Einst war er exakt wie Iiseel gewesen: eine seelenlose Hülle, frei von jeglichen Emotionen, einzig dem unerbittlichen Diktat der Lehre unterworfen.
Ich werde nie wieder so sein.
Mit festen Schritten steuerte er nun Litaras Quartier an. Er machte sich keine Illusionen darüber, dass diese Audienz angenehmer verlaufen würde als die kalte Abfertigung zuvor, und wollte es rasch hinter sich bringen. Nach einem kurzen Klopfen und der darauffolgenden Aufforderung betrat er die kleine Arbeitszelle. Die Kommandantin erhob sich sogleich von ihrem Platz.
»Komm, Aaghyl, folge mir.«
Er folgte ihr in das angrenzende Schlafgemach, das überraschend geräumig wirkte. Neben dem schlichten Bett barg der Raum einen kleinen Tisch und zwei einladende, weiche Sitzkissen. Ein monumentales, bodentiefes Fenster eröffnete auch hier dieselbe atemberaubende Aussicht nach Süden wie bei Iiseel. Doch anstelle von kahlem Stein waren die Wände mit kunstvollen Gemälden geschmückt, die lebendige Landschaften zeigten. Der Boden war von einem dicken, moosgrünen Teppich bedeckt, der dem weichen Untergrund einer Waldwiese nachempfunden war. Aaghyl starrte fassungslos auf diesen Prachtcharme.
»Gefällt es dir?«
»Nun, es ist sehr ungewöhnlich.«
»Setz dich.«
Litara wies auf eines der Sitzkissen. Aaghyl ließ sich darauf nieder, während die Elfenfrau eine filigrane Kommode öffnete und einen Krug nebst zwei Steinbechern herbeigeholte. Sie nahm ihm gegenüber Platz und goss die dunkele Flüssigkeit ein, ehe sie ihm einen der Becher reichte.
»Ich habe dein Lieblingsgetränk besorgt. Fahrnapfelsaft.«
»Du weißt davon?«
»Ja, ich habe mich umfassend über dich informiert. Ich weiß gerne, mit wem ich es zu tun habe.«
»Das wüsste ich auch gerne«, entgegnete Aaghyl und nahm einen bedächtigen Schluck des süßen Safts.
»Deine Einrichtung ist im Magistrat sehr unüblich, erst recht für eine hohe Führerin«, fügte er hinzu, während sein Blick erneut über die lebendigen Naturbilder und den weichen Teppich schweifte.
»Ja, das liegt daran, dass ich lange Zeit bei den Waldelfen gelebt habe.«
»Bist du eine Waldelfe?«
»Nein, ich bin eine Steinelfe. Ich wurde in der Ebene der Feuerseen geboren und ich bin dort auch aufgewachsen.«
»Warum siehst du wie eine Waldelfe aus?«
»Daran ist ein Magier aus der Union schuld. Meine Haut war so braun wie die aller Steinelfen, ich hatte sogar hellbraune Haare. Eines Tages wollte ich meinen Vater, der ein Krieger ist, unbedingt begleiten. Es war kurz nach meiner Reifezeremonie. Das Leben in der Oase langweilte mich mittlerweile. Ich spürte, dass ich mehr sein wollte als nur eine Jägerin. Er nahm mich mit und bildete mich zu einer Kriegerin aus. Ich habe alle Kampfkünste gelernt und meine Jagdmagie gestärkt.«
Litara hielt kurz inne, als ob die Erinnerungen sie einholten.
»Eines Tages wurde ein kleiner Trupp, dem ich angehörte, zu einer Versorgungsexpedition in das Waldelfenreich entsandt. Es war mein erster Einsatz, der in das Gebiet des Feindes führte. Mit kleinen Booten fuhren wir an der Küste entlang, bis wir unser Ziel erreichten. Wir landeten an einem schmalen Strand, an dem ein dichter Wald begann. Niemand hatte uns bemerkt.«
Sie starrte ins Leere, während sie weitersprach: »Wir drangen tief in Feindesland ein. Niemals zuvor hatte ich so viele Bäume gesehen, niemals zuvor so viele Pflanzen und Tiere. Ich war überwältigt von dem Duft und den Geräuschen des Waldes.
Wir hatten eine Stelle erreicht, an der die Bäume weniger dicht standen und es kein Unterholz gab. Es gab nur niedriges Gras und viele bunte Blumen. Tiere grasten dort, und unsere Jagd begann. Ich hatte mit meinem Bogen schon viele Waldtiere erlegt, als wir entdeckt wurden.
Die Waldelfen griffen uns sofort an. Unsere Schutzzauber verhinderten das Schlimmste. Die Waldelfen waren in der Überzahl. Ich hatte Deckung hinter einem umgestürzten Baum gesucht. Ich schoss viele Pfeile auf unsere Feinde, und die meisten trafen ihr Ziel. Wir kämpften entschlossen. Meinen Pfeilen und meiner Magie hatten die Waldelfen wenig entgegenzusetzen.
Viele von ihnen starben an diesem Tag. Leider auch einer meiner Begleiter. Irgendwann war der Kampf vorbei, die Waldelfen waren entweder tot oder geflohen. Ich verließ meine Deckung. Doch ein Zauberer hatte sich mit Hilfe seiner Magie vor mir verborgen. Sein Zauber traf mich unvorbereitet, kurz bevor ich meine Kameraden erreicht hatte. Ich wurde bewusstlos. Sie töteten den Waldelfenmagier und konnten dann unbehelligt zu unseren Booten zurückkehren. Es gelang ihnen sogar, einen großen Teil der erlegten Tiere mitzunehmen. Alles in allem war die Versorgungsexpedition erfolgreich gewesen, aber seitdem sehe ich so aus.«
»Ich verstehe, Erhabene.«
»Warte ab, Aaghyl, ich bin noch nicht zu Ende. Dann wirst du verstehen.«
Der Sanguenritter nickte stumm und lauschte gebannt dem Schicksal der Kommandantin.
»Das Leben war fortan nicht einfach für mich. Denn immer wieder hielten mich andere Wesen für eine Waldelfe und ließen es mich auch spüren.« Litara blickte sehnsüchtig aus dem Fenster, ein leiser Seufzer entglitt ihren Lippen. Dann fing sie seinen Blick wieder ein.
»Eines Tages wurde ich nach Muantur befohlen. Du kannst dir vorstellen, dass ich sehr aufgeregt war. Immer wieder las ich in der Lehre, aber es half nichts. So kniete ich, die kleine Steinelfe, irgendwann zitternd vor dem Protektor von Muantur. Ich hatte mir nie vorstellen können, dass ich eines Tages den Palastturm sehen würde, geschweige denn, dass ich einmal im Machtzentrum des Magistrats verweilen würde.
Die Herrscher wollten, dass ich mich im Waldelfenreich niederlasse. Dort sollte ich das Vertrauen der Waldelfen gewinnen und als Spionin den Herrschern dienen. Ich fühlte mich sehr geehrt und gerne wollte ich dem Wunsch unserer Herrscher nachkommen.
Die Vorbereitungen waren schnell abgeschlossen und so reiste ich eines Tages in ein Tal, um dort, in dem einzigen Wohnbaum, heimisch zu werden.
Ich erzählte, dass ich einem Angriff des Magistrats entkommen konnte und nun eine neue Heimat brauchte. Schnell vertrauten die Bewohner mir, ich wurde eine von ihnen.«
Litara unterbrach den Redeschwall und netzte ihre Lippen mit einem Schluck Saft.
»Wie ging es weiter, Erhabene?«
Ein zartes, beinahe wehmütiges Lächeln stahl sich auf Litaras Züge.
»Ja, weiter ging es. Ich war eine gute Spionin. Meinen Informationen ist es zu verdanken gewesen, dass die Truppen des Magistrats eine Hafenstadt, die in der Nähe des Tals lag, zerstören konnten. Das war aber noch nicht alles. Die Herrscher gaben mir noch einen Auftrag. Er ist der Grund, warum ich unbedingt mit dir reden wollte, Aaghyl.«
Aaghyls Verstand suchte fieberhaft nach einer Verbindung zwischen sich und dem geheimen Befehl der Herrscher. Litara las die stumme Verwirrung in seinen Augen ab.
»Ich lebte nun schon viele Jahre in diesem Tal. Ich fühlte mich dort zu Hause. Ich war von den Bewohnern als eine der ihren akzeptiert worden, und sie wurden meine Freunde. Hin und wieder kam ich meinem Auftrag nach und lieferte Informationen an die Herrscher.
Mit einem Waldelfenpaar verstand ich mich besonders gut. Monera und Tolik, so hießen die beiden, wurden mir sehr gute Freunde. Eines Tages äußerten sie den Wunsch, mit mir ein Kind zeugen zu wollen.
Ich willigte sofort ein, denn ich sehnte mich schon lange danach. Schon längst war mir das Tal zur Heimat geworden. Ich liebte den Wald und die Vielfalt des Lebens dort. Ich war mehr Waldelfe als Steinelfe, aber nun würde ich auch den zweiten Auftrag, den mir die Herrscher gaben, erfüllen können: ein Kind zu zeugen. Diesen Auftrag und die Lehre hatte ich schon fast vergessen. Meine Sehnsucht nach einem Kind kam aus meinem tiefsten Inneren und hatte nichts mit den Herrschern zu tun.«
»Die Herrscher gaben dir den Auftrag ein Kind mit Waldelfen zu zeugen?«, unterbrach Aaghyl fassungslos das Geständnis.
»Ja, das taten sie.«
»Zu welchem Zweck?«
»Eines Tages sollte ich mit dem Kind in den Magistrat zurückkehren und es den Herrschern übergeben. Ich habe den Zweck nicht hinterfragt. Die Herrscher zu hinterfragen, verbietet die Lehre.«
»Ja, ich weiß. Was geschah dann?«
»Es funktionierte, wir zeugten eine Tochter. Sie wuchs zu einer schönen und talentierten Waldelfe heran. Sie wurde mein ganzer Stolz. Ich vergaß, dass ich eine Steinelfe bin und widmete mich ganz dem Leben einer Waldelfe.
Aber auch dort in Fronsvalisarbor, so hieß die Lichtung, in der der Heimatwohnbaum stand, vergaßen die Herrscher mich nie. Eines Tages bekam ich den Befehl nach Muantur zurückzukehren, mit dem Kind.
Es war kurz nach der Reifezeremonie meiner Tochter, als die Truppen des Magistrats an der Küste landeten und die Lichtung angriffen. Ich konnte mich dem Befehl der Herrscher nicht widersetzen. Ich verließ das Waldelfenreich und nahm meine Tochter mit.
Meine Freunde in Fronsvalisarbor, besonders Monera und Tolik, zu hintergehen, schmerzte mich, aber ich musste nach Muantur zurückkehren.«
»Ich ahne so langsam etwas«, flüsterte Aaghyl, während Puzzleteile in seinem Kopf zusammenfielen.
»Das glaube ich dir. Deine Ahnung soll jetzt zur Gewissheit werden.«
Litara hielt inne, fixierte ihn und sprach die Worte mit feierlichem Ernst aus: »Ich bin Taelgas Patenmutter.«
Die Offenbarung traf den Ritter wie ein physischer Schlag. Taelga besaß das Blut beider Völker in ihren Adern! Das hätte er in all den Jahren niemals vermutet; für ihn war sie stets das fleischgewordene Abbild einer Steinelfe gewesen. Doch jetzt, da der Schleier gelüftet war, erkannte er das Vertraute: Litara besaß exakt dieselbe feine Gestik, die auch Taelga eigen gewesen war.
»Was bezweckst du mit dieser Eröffnung?«, fragte er mit mühsam errungener, eisiger Maske.
»Ich hatte nie wieder Kontakt zu meiner Tochter, seitdem sie in Acceras war. Ich wollte den Mann treffen, dem ich damals meine Tochter anvertraute und der dreißig Jahre mit ihr zusammen war.«
»Ich habe dich aber vor heute niemals getroffen. Taelga wurde mir seinerzeit von dem Festungskommandanten der Festung Acceras unterstellt.«
»Das ist richtig. Ich bat die Herrscher, dich als Taelgas Lehrer zu wählen.«
»Mich? Du kanntest mich?« Nun brach die Überraschung vollends durch seine Beherrschung.
»Nicht persönlich. Aber ich habe mich gründlich umgehört. Die Herrscher stimmten zu, weil sie auch der Ansicht waren, dass meine Tochter bei dir in den besten Händen sei.«
»Aber ich habe versagt. Taelga ist tot, in der Schlacht gefallen. Dem Verrat zum Opfer gefallen«, wisperte er, und eine Welle bleierner Reue drohte ihn zu erstickten.
Litara bohrte ihren Blick tief in seine Augen, fast so, als wolle sie seine nackte Seele sezieren. Sie griff nach ihrem Becher und lehnte sich langsam zurück.
So hat Taelga auch oft dagesessen und mich angesehen, dachte der Elfenmann mit schmerzhafter Wehmut.
Die Kommandantin wog schweigend ab, ob sie diesem gebrochenen Krieger vertrauen konnte. Doch sie sah die unsterbliche Zuneigung, die Aaghyl für ihre Tochter empfunden hatte, und fällte ihre Entscheidung.
»Du irrst, Aaghyl«, sagte sie mit bedeutungsvoller Langsamkeit.
»Wie meinst du das?«
»Taelga ist nicht tot.«
Die Worte hallten wie Donner im Raum wider. Aaghyl war wie gelähmt, unfähig zu atmen, während ein reißender Strom aus Schock und jäher Ekstase durch seine Adern schoss.
Taelga lebt?
»Woher weißt du das?«, stieß er mit bebender Stimme und kaum gezügelter Erregung hervor.
»Wie du weißt, haben alle Elfeneltern eine Bindung zu ihren Kindern. Ich spüre genau, dass meine Tochter noch lebt.«
Aaghyl hielt es nicht mehr auf seinem Sitzkissen; er schnellte empor, getrieben von einer wilden, alles verzehrenden Hoffnung. Die Chance, ihr all das zu sagen, was ungesagt geblieben war; all das Versäumte nachzuholen, entflammte sein Herz.
»Wo ist sie? Ist Taelga gefangen?«, verlangte er hitzig zu wissen. Jede ritterliche Zurückhaltung war von ihm abgefallen, seine Gefühle lagen nackt offen. Auch Litara erhob sich nun.
»Ich weiß es nicht.« Die Festungskommandantin wandte sich dem Fenster zu und wies hinaus in die eisige Ferne des Südens. »Ich spüre aber, dass sie dort hinten ist, in der Nähe des Blausteingebirges. Ich habe vor kurzem einen Magier und ein paar Soldaten über die Grenze schickt. Sie sollten zwei Waldelfen gefangen nehmen, die mit Taelga verbunden sind. Ich habe gehofft, von ihnen zu erfahren, wo meine Tochter sich aufhält und was mit ihr geschehen ist. Der kleine Trupp kehrte nie zurück.« Litara trat dicht an ihn heran, ihre Augen flehten ihn an. »Du musst sie finden, Aaghyl. Suche sie und bringe sie zurück.«
Aaghyl starrte hinaus in das wolkenverhangene Gebirge, als könne er ihre Silhouette im ewigen Eis erblicken. Dann sah er Litara an und schwor mit unerschütterlichem Ernst:
»Das werde ich, Litara. Das verspreche ich.«
»Es muss unser Geheimnis bleiben. Ich fürchte, Iiseel wird dafür kein Verständnis aufbringen und unsere Herrscher vielleicht auch nicht«, mahnte die Elfenfrau mit drängendem Flüstern.
Aaghyl spürte nur noch ein mattes Amüsement über diese Warnung. Das Fundament seiner Welt war ohnehin ins Wanken geraten.
»Darüber sorge dich nicht. In den letzten Tagen habe ich so viele Geheimnisse erfahren, dass es auf eins mehr oder weniger nicht mehr ankommt«, erwiderte er mit bitterer Ironie.
»Wie meinst du das?«, fragte sie verständnislos.
In knappen, präzisen Sätzen skizzierte er die wahnwitzigen Ereignisse seit seinem Aufbruch aus Ruslahr.
»Das ist wahrlich eine seltsame Entwicklung«, raunte die Kommandantin nachdenklich.
»Ich habe auch eine Bitte, Erhabene.«
»Sprich. Ich werde sie dir sicher erfüllen können.«
»Meine Tochter und ihre beiden Mütter begleiten mich. Es wäre leichter für sie, mich zu unterstützen, wenn sie Offiziersbriefe hätten.«
»Betrachte es als erledigt.«
»Dann bleibt mir nur noch mich zu verabschieden.«
»Bei den Waldelfen gibt es einen Spruch, der hier unbekannt ist. Ich finde es angebracht, ihn jetzt zu gebrauchen.« Litara legte ihre Hände sanft auf seine Schultern und blickte ihm bis auf den Grund der Seele. »Das Licht möge dich leiten.«
Die Worte waren ihm fremd, doch die warme, reine Energie, die von der Kommandantin ausging, war unverkennbar. Er verbeugte sich tief, wandte sich um und glitt hinaus in den kalten Steingang.
Zurück in ihren Gemächern betete Litara inständig für den Erfolg des Sanguenritters. Ihre Gedanken kreisten um Aaghyls Worte und das Geflecht aus Lügen und Intrigen. Doch Litara hütete ein letztes, sakrosanktes Mysterium, das sie mit niemandem teilen durfte – nicht einmal mit dem Ritter, und erst recht nicht mit den Herrschern: Eines Tages würde Taelga eine Göttin der Waldelfen sein. Sie verschloss dieses gefährliche Wissen tief in ihrem Herzen, trat an ihren Tisch und widmete sich wieder den kalten Berichten auf ihren Schreibtischelen.
Aaghyl lehnte draußen erschöpft die Stirn gegen den kühlen Stein der Wand.
Litara hat es schon gesagt. Eine wahrlich seltsame Entwicklung. Was wird Sinan davon halten?
Die düsteren Worte Rresynas kamen ihm in den Sinn: Ein unbarmherziger Konflikt tobte in ihrem Inneren. Nun begriff er die schreckliche Tragweite dieser Aussage. Zweihundertsiebenundfünfzig Jahre lang hatte er der Lehre treu gedient; sie war sein unumstößliches Fundament gewesen. Und nun wurde alles, woran er je geglaubt hatte, binnen eines Wimpernschlags pulverisiert. Er war ein Gefangener zwischen zwei Welten: Tief in ihm wurzelte noch immer der Gehorsam gegenüber der Lehre, während die neu erwachten, wilden Gefühle für Taelga und Eefral wie eine Rebellion in seiner Brust wüteten. Er atmete zittrig ein.
Wie wird das alles enden?
Es war an der Zeit, seinen Waffenbruder aufzusuchen.
Sinan Eldar lag starr auf seiner Pritsche. Als Aaghyl eintrat, richtete er sich rasch auf, den Blick voller banger Erwartung. Der Elfenmann nahm auf dem einzigen Stuhl Platz.
»Wie war es, Aaghyl?«
»Iiseel war mir nie zugetan, das weißt du. Daran hat sich auch jetzt nichts geändert. Zudem glaubt sie nicht, dass wir Erfolg haben werden. Vielleicht möchte sie das auch nicht.«
»Warum sollte Iiseel nicht wollen, dass wir den Verräter finden?«
»Sie weiß, dass die Herrscher mich dann wieder mit allen Ehren einsetzen werden.«
»Das ist aber der Wille der Herrscher. Zweifelt sie an der Weisheit unserer Führer?«
»Ich weiß es nicht, Sinan. Im Moment weiß ich überhaupt nicht viel. Irgendwie verändert sich alles. Im Magistrat geht etwas vor. Spürst du es nicht auch?«
»Doch, Aaghyl. Ich spüre es. Ich spüre auch an dir Veränderungen. Ich mache mir aber keine Sorgen darüber, denn ich glaube an die Weisheit der Herrscher. Ich glaube, dass alles so geschieht, wie sie es vorgesehen haben.«
»Das hoffe ich, Sinan.«
»Warst du schon bei Litara?«
»Ja, ich war bei ihr und sie hatte eine große Neuigkeit für mich.« Aaghyl sammelte seine Kräfte und sprach das Unmögliche aus: »Taelga lebt. Sie ist nicht tot.«
Sinan Eldar erstarrte, als sei er zu Stein geworden. Er starrte seinen Freund fassungslos an.
Hat Aaghyl jetzt seinen Verstand verloren?, dachte der Mensch mit schwerer Sorge im Herzen. Er suchte den Blick des Elfen. »Aaghyl, wie wäre das möglich? Wir wissen, dass unsere Kameradin bei Acceras gefallen ist.«
»Nein, Sinan. Litara ist Taelgas Patenmutter und sie spürt, dass sie noch lebt. Irgendwo hinter dem Blausteingebirge. Sie bat mich, Taelga zu suchen.«
Aaghyl weihte seinen Gefährten in Litaras tragische Geschichte ein. Sinan lauschte mit düsterer Miene.
»Was passiert hier, Aaghyl? Ich sah Taelga immer nur als eine Steinelfenfrau an. Jetzt erfahre ich, dass sie mehr Waldelfe als Steinelfe ist. Ist Taelga doch die Verräterin?«
»Das kann ich mir nicht vorstellen. Das will ich auch nicht. Vielleicht ist sie dem Verräter gefolgt und ist dann in die Fänge der Union geraten.«
Der Schock wich jäh flammendem Tatendrang in dem Menschen.
»Wir müssen in das Waldelfenreich, Aaghyl. We müssen den Verräter finden und wir müssen unsere Kameradin finden. Dann klärt sich alles auf.«
»Ich stimme dir zu. Lass uns ins Lager zurückkehren.«
Im fahlen, grauen Licht des frühen Morgens erreichten die beiden Männer die ausgedehnte Zeltstadt vor den Toren der Festung. Schwere, wolkenverhangene Himmel drückten auf das Land, während ein eisiger Wind leise fallende Schneeflocken durch die Zeltgassen peitschte.
Sie fanden die drei Elfenfrauen im spartanischen Speisesaal des Wohnzeltes. Aasaly, Rresyna und Eefral hatten bereits die smaragdgrünen Lederuniformen der Magistratsarmee angelegt, welche ihre stolzen Figuren vorteilhaft betonten. Sinans Blick blieb bewundernd an Rresyna hängen; die Jägerin bemerkte es und bedachte ihn mit einem vielsagenden, koketten Lächeln.
Die Sanguenritter holten sich ihre Holzschüsseln mit dem fahlen, grauen Nahrungsbrei und ließen sich am Tisch der Frauen nieder. Der Saal war dicht besetzt mit Kriegern und Dienern, doch eine bleierne, fast andächtige Stille lastete auf dem Raum; kaum ein Wort wurde gewechselt.
»Die Herrscher gestalten den Tag«, raunte Aaghyl den traditionellen Gruß, stets bedacht auf die Ohren der Umstehenden.
»Die Herrscher gestalten den Tag«, erwiderten die drei Frauen pflichtbewusst unter gedämpfter Stimme.
»Wie ich sehe, tragt ihr schon die neuen Uniformen«, stellte Aaghyl fest.
»Sie sind sehr bequem«, erwiderte Aasaly leise.
»Und kleiden uns sehr vorteilhaft. Was meinst du, Sinan?«, forderte Rresyna den Menschen heraus.
Ehe Sinan antworten konnte, schob sich die gedrungene Gestalt eines Cwok-Unterführers an ihren Tisch. Er sank demütig neben Aaghyl auf die Knie und harrte schweigend aus, bis der Ritter ihm die Erlaubnis zum Aufstehen erteilte.
»Die erhabene Festungskommandantin sendet dir dieses hier«, wisperte die Kreatur unterwürfig und reichte ihm drei filigrane Steinschatullen. Mit einer hastigen Verbeugung schlüpfte der Unterführer wieder davon.
»Was ist das?«, fragte Eefral mit neugierig blitzenden Augen.
Der Elfenmann reichte jeder der Frauen eine Schachtel.
»Öffnet sie. Das sind eure Offiziersbriefe. Sie verhindern neugierige Fragen.«
Gleichzeitig öffneten sie die Schatullen und brachten feine, silberne Artefakte ans Licht. Es waren keine Dokumente im herkömmlichen Sinne, sondern kreisrunde, meisterhaft geschmiedete Schmuckstücke. In ihrer Mitte prangte ein tiefgrüner, von magischem Feuer durchsetzter Edelstein, gefasst in der wirbelnden Form eines Strudels – dem ewigen Symbol für die Quelle der magischen Materie. Jeder Soldat des Magistrats würde beim bloßen Anblick dieser magischen Abzeichen augenblicklich in stramme Ehrfurcht verfallen.
»Befestigt diese Abzeichen an euren Jackenkragen. Ihr seid jetzt Führerinnen der Festung Edderas.«
»Ich bin aber keine Kriegerin«, gab Eefral beklommen zu bedenken.
»Noch nicht, meine Tochter. Ich kann dir aber alles beibringen, wenn du es möchtest.«
»Dann hast du jetzt auch noch drei neue Schülerinnen«, verkündete Rresyna mit stolzem Blick.
»Wohin soll das alles nur führen?«, fragte Aasaly leise in die Runde.
»Ich hoffe, zu einem guten Ende. Was immer das auch bedeutet«, entgegnete Aaghyl düster.
»Was machen wir jetzt?«, drängte seine Tochter.
Sinan, dessen Augen noch immer wie magnetisch zu Rresyna wanderten, ergriff mit fester Stimme das Wort:
»Ganz egal was künftig geschehen mag, alles hängt davon ab, dass Aaghyl und ich den Verräter finden und ihn seiner gerechten Strafe zuführen. Danach können wir uns um unsere Zukunft kümmern.«
»Es ist nicht mehr nur Aaghyls und deine Aufgabe allein, Sinan. Wir sind mitgekommen, um euch zu helfen und das werden wir auch«, stellte Rresyna klar und wies entschlossen auf ihre Gefährtinnen und sich selbst.
Nachdem sie das karge Mahl beendet hatten, weihte Aaghyl die Frauen in die Unterredungen mit den beiden Anführerinnen ein.
»Was wirst du nun machen, Aaghyl?«, fragte Aasaly besorgt.
»Ich werde Schritt für Schritt vorgehen. Zuerst werde ich durch den beschriebenen Stollen gehen und die Gegend dort erkunden.«
»Und wir werden dich begleiten«, diktierte Rresyna unnachgiebig.
»Ich werde das wohl kaum verhindern können«, fügte sich der Elfenmann mit einem schwachen Lächeln.
»Dann ist es beschlossen. Lasst uns aufbrechen. Der Tag ist jung und wir haben noch viel vor!«, rief Sinan enthusiastisch und erhob sich.
Die Gefährten lenkten ihre Schritte zum gewaltigen Festungstor. Aaghyl deutete auf eine gähnende Nebenhöhle unweit des Portals.
»Dort werden wir alles bekommen, was wir für unseren Ausflug benötigen.«
Man stattete die Frauen mit schweren, wetterfesten Mänteln aus dickem Leder aus, deren tiefgrüne Farbe perfekt mit den Uniformen harmonierte. Ihr warmes Futter versprach Schutz gegen die mörderische Kälte der Gipfel; die beiden Sanguenritter verließen sich auf ihre inneren Wärmezauber. Rresyna wählte einen geschmeidigen Jagdbogen und ein langes Köcherrohr voller unterschiedlicher Pfeile. Zudem händigte Sinan den Frauen die legendären, in Goldbruch geschmiedeten Prachtschwerter aus. Jede Elfe erhielt obendrein einen schweren Langdolch für den Nahkampf, der am Oberschenkel festgezurrt wurde. Mit schweren Rucksäcken voller Proviant und Überlebensausrüstung traten sie schließlich an den Rand der Zivilisation. Rresyna blickte kampflustig in die Runde.
»Nun, Freunde, dann lasst uns mal ein paar Feinde suchen, in die ich meine Pfeile schießen kann.«
Ohne ein Wort der Erwiderung wandte sich Aaghyl um und verschwand im gähnenden Schlund des geheimen Tunnels. Aasaly schüttelte seufzend den Kopf und folgte ihm, während Eefral sich schmunzelnd bei ihrer Patenmutter einhakte. Sinan blickte der stolzen Jägerin Rresyna noch einen Moment hinterher.
Was für eine seltsame Frau, aber sehr interessant, dachte er bei sich, ehe er die Nachhut antrat.
Der schier endlose Tunnel wandg sich unerbittlich steil nach oben. In weiten Abständen spendeten magische Lichtkristalle an der Decke ein spärliches, gelbliches Zwielicht, das lange, tanzende Schatten an die rauen Wände warf. Schweigsam bezwangen sie den Berg.
Nach qualvollen Stunden verengte sich der Gang dramatisch, bis der Ausgang nur noch im Gänsemarsch zu passieren war.
»Wartet«, befahl Aaghyl und schob sich als Erster auf einen schmalen, exponierten Felsvorsprung.
Draußen empfing ihn die ungezügelte Wucht eines Schneesturms. Die Sicht war gleich null; schwere, eisige Flocken peitschten unbarmherzig gegen sein Gesicht, während der Frost nach seinen Gliedern griff. Er aktivierte seinen Weitsichtzauber. Vor ihm gähnte der gletscherblaue Abgrund einer gigantischen Schlucht, deren vertikale Wände von einer dicken, spiegelglatten Eisschicht überzogen waren. Der Talboden lag im ewigen Nichts verborgen. Der tückische Pfad führte an der Felswand entlang nach rechts, wo er in weiter Ferne an der monumentalen Kante eines gigantischen Gletschers endete. Aaghyl wich zurück in den schützenden Tunnel und schüttelte sich den Schnee aus den Kleidern; in seinem Haar schmolzen die gefrorenen Kristalle zu glitzernden Perlen.
»Wir müssen hier warten. Draußen tobt ein heftiger Sturm und die Sicht ist schlecht. Nur ein schmaler und eisbedeckter Weg führt von hier weg.«
Rresyna ließ den Rucksack zu Boden gleiten, ließ sich an der nackten Wand nieder und zog fröstelnd die Knie an.
»Na gut, dann warten wir eben.«
Die Erschöpfung stand den Frauen ins Gesicht geschrieben; dankbar nahmen sie die Rast an. Aaghyl las einen faustgroßen Stein vom Boden auf, platzierte ihn in ihrer Mitte und hauchte ihm mit seinem Feuerzauber ein glühendes, oranges Leben ein. Augenblicklich flutete wohlige Wärme das kalte Steingewölbe. Die Sanguenritter bezogen am Ausgang Posten und starrten stumm in das weiße Toben des Sturms. Nach einer Ewigkeit flauten die Winde endlich ab.
»Wir können los«, bestimmte der Elfenmann. »Ich werde vorgehen. Sinan, du bleibst hinter den Frauen.«
Nacheinander traten sie hinaus auf den schwindelerregenden Eisweg. Der Himmel hatte sich zu einem makellosen, kalten Blau geklärt, obschon die Sonne tief hinter den Zacken verborgen lag. Aaghyl wies auf die ferne, gleißende Eismasse des Gletschers.
»Dort oben ist unser vorläufiges Ziel.«
Mithilfe seiner Wasser- und Elementarmagie ließ Aaghyl den tückischen Neuschnee auf dem Pfad im Nu schmelzen und raute die blanke Eisschicht darunter auf, um seinen Gefährten Halt zu gewähren. Schweigend, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, klammerten sich die Frauen an die nackte Felswand und setzten mechanisch einen Fuß vor den anderen, blind für die funkelnde, aber tödliche Pracht der Eiswüste um sie her.
Es dämmerte bereits, als sie endlich die Schlucht hinter sich ließen und am Fuße des gigantischen Gletschers standen, der wie ein schlafendes Ungeheuer von schneebedeckten Bergen eingerahmt wurde. Der Wind frischte erneut auf und trieb geisterhafte Schneefahnen über die fernen Gipfel. Aaghyl deutete auf eine schroffe Felswand.
»Dort werden wir unser Lager errichten.«
Ohne Zögern kanalisiert er seine Steinmagie und trieb in Windeseile eine schützende Höhle in das massive Gestein, wobei er den Eingang bewusst niedrig hielt, um dem Wind keine Angriffsfläche zu bieten. Drinnen schichtete er Steine auf und brachte sie zum Glühen, bis die feuchte Kälte wich. Erschöpft ließen sie sich auf den eilig geformten Steinhockern rund um die Wärmequelle nieder. Während sie schweigend an hartem Brot und kargen Wurzeln kauten, entfaltete der ehemalige Lord seinen Plan.
»Ich werde gleich zu einer ersten Erkundung aufbrechen. Allein. Ihr werdet hier auf meine Rückkehr warten.«
»So langsam entwickel ich mich zu einer Meisterin des Wartens. Das kann ich jetzt schon recht gut«, murrte Rresyna voller Bitterkeit. Eefrals Blick signalisierte stumme Zustimmung.
»Warum willst du allein aufbrechen?«, fragte Aasaly besorgt.
»Der Gletscher ist gefährlich. Allein bin ich schneller und beweglicher. Meine Entscheidung steht fest.«
»Was ist mit dir, Sinan? Warum sagst du nichts?«, fuhr Rresyna den schweigenden Menschen an.
Sinan sah seinen Freund lange an, ehe er antwortete: »Du weißt wenig über uns Sanguenritter und unseren Gepflogenheiten, Rresyna. Wir sind es gewohnt, dass wir oftmals allein in den Kampf ziehen. Das ist unsere Art.«
»Na gut, dann ist es wohl so«, entgegnete sie resigniert, raffte sich auf und verschwand in ihrer finsteren Schlafnische. »Dann werde ich hier warten und eben von Heldentaten träumen«, drang ihr gedämpftes Murmeln zu ihnen.
»Ich werde bald zurück sein«, versprach Aaghyl und trat hinaus in die finstere, eisige Nacht.
Ein mörderischer Wind fegte von den Höhen herab. Aaghyl hüllte sich in seinen Wärmezauber und begann den mühsamen Aufstieg. Schritt für Schritt bezwang er mithilfe seiner Magie die eisigen Steigungen, viel langsamer, als ihm lieb war. Nach Stunden mörderischer Schinderei erreichte er endlich das windgepeitschte Plateau des Gletschers. Das Treiben hatte aufgehört; der Himmel spannte sich wie ein sternenübersäter, schwarzer Samt über die eisige Welt.
Vor ihm dehnte sich eine schier endlose, weiße Ebene aus, die in den gezackten Grenzbergen der Union mündete. Aaghyl entfesselte seinen Weitsichtzauber und spürte, wie ihm das Herz schwer wurde: Ein einziger, haarsträubend schmaler Pass wand sich hinab in eine Kluft und drüben wieder empor – gespickt mit gähnenden Spalten und Eislabyrinthen. Ein wahrer Albtraum für die ungeübten Frauen.
Vielleicht ist es besser, wenn sie nach Edderas zurückkehren.
Er wollte den Zauber gerade brechen, als eine plötzliche Bewegung zwischen zwei fernen Gipfeln seine Aufmerksamkeit fesselte. Er trat bis an den äußersten Rand des tödlichen Abhangs. Da stand jemand im fahlen Sternenlicht und starrte exakt in seine Richtung!
Aaghyl warf seine gesamte magische Energie in den Sichtzauber, um das Unmögliche scharfzustellen. Seine Knie gaben nach; er sank fassungslos in den tiefen Schnee. Dort drüben, auf der fernen, feindlichen Ebene, stand eine Elfe in der unverkennbaren Rüstung eines Sanguenritters. Sie hatte den Helm abgenommen; ihr langes, weißes Haar peitschte wie ein Banner im eisigen Wind. Es war Taelga! Sein Herz vollführte einen wilden, schmerzhaften Freudensprung.
Sie lebt tatsächlich. Litara hat recht gehabt.
Doch im selben Atemzug legte sich eine eisige Hand um seine Kehle. Wenn Taelga dort drüben in aller Freiheit steht... ist sie keine Gefangene. Ist sie am Ende doch die Verräterin?
Ein mörderischer Mahlstrom aus lähmender Trauer, brennender Wut und wilder Glückseligkeit riss ihn in die Tiefe. Er starrte einfach nur hinüber. Da hob die Waldelfenfrau langsam den Arm und winkte ihm zu. Mit zitternder Hand erwiderte er den Gruß.
Taelga deutete mit einer präzisen Geste auf eine tiefe Eisspalte exakt in der Mitte des weiten Niemandslandes zwischen ihnen.
Aaghyl begriff die lautlose Botschaft: Sie forderte ein Treffen im Geheimen. Er signalisierte ihr sein Einverständnis, straffte die Glieder und begann den gefährlichen Abstieg in die Finsternis.
Wie wird unser Wiedersehen sein?